Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10, 35-45

Pastor Dr. Friedrich Brandi (ev)

22.03.2015 in der Kirche zu Hamburg- Nienstedten

am Sonntag Judika 2015

Predigttext:

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

 

Liebe Gemeinde,

vielleicht handelt es ja nur um eine Zufallsbeobachtung, aber ich habe den Eindruck: es wächst eine neue Generation von Pastoren heran. Das Vikariat, also die zweite Ausbildungshälfte der Pastoren, beginnt mit einem knappen halben Jahr Pädagogik. Die Vikarinnen und Vikare lernen – überwiegend in der Grundschule – ihre an der Universität erworbenen theologischen Kenntnisse herunterzubrechen, zu elementarisieren und für Grundschüler verstehbar zu machen. Das ist eine spannende und große Herausforderung und vor allem auch hilfreich für die spätere Gemeindearbeit, weil die Vikare und Vikarinnen gezwungen sind, sich ausführlich mit der Lebenswelt derjenigen auseinanderzusetzen, mit denen sie reden und denen sie bestimmte Inhalte vermitteln möchten.  

 

So beginnt seit Jahrzehnten, die Vikarsausbildung in unserer Kirche, und meines Wissens gab es an diesem Privileg – also dass wir als Kirche in der Schule tätig sein können – nie einen Zweifel. Das Schulvikariat wurde als Chance verstanden und wahrgenommen, in einem nichtkirchlichen Milieu Grundkenntnisse biblischer Tradition zu vermitteln und von der Liebe Gottes als Gegenlogik zur modernen Leistungsgesellschaft zu erzählen; und damit eben auch zu bedenken, welche Bedeutung die Bibel und die kirchliche Tradition in unserer Zeit noch hat.

 

Aber jetzt in meiner neuen Vikarsgruppe kommen junge Theologen, vornehmlich aus dem Osten unserer Republik, und sagen – etwas vereinfacht gesagt:

Christlicher Religionsunterricht hat an den Schulen nichts zu suchen. Christenlehre – so hieße das ja zur Zeit der DDR – ist Aufgabe der Kirche, nicht der Schule. Wir – also die Kirche – sind anders als der Staat. Wir sind ein Gegenüber, wir sind ein „Anderort“ und wollen uns auch vom Staat und seinen Institutionen nicht vereinnahmen lassen.

 

Aus der Geschichte der DDR kann ich diese Haltung gut verstehen. Aber dennoch frage ich mich, ob so ein eindeutiges Gegenüber von Staat und Kirche oder besser noch: von weltlichem Leben (also Politik, Kultur und sozialem Miteinander) auf der einen Seite und biblischer Botschaft auf der anderen dem Wirken Jesu entspricht. Ich vermute, meine Vikare würden den eben gehörten zweiten Teil des Predigttextes als Bestätigung ihres Denkens lesen. Sie würden wiedergeben, was Jesus hier zu seinen Jüngern sagt:

 

„Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein soll unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 9,42-45)

 

Da die böse und ungerechte Welt mit all ihren machtbesessenen Politikern – und hier die gute Gemeinschaft von Christen, bei denen alles ganz anders zugeht, nämlich viel gerechter. Und dann macht man sich’s behaglich in der Kirche, richtet sich in ihr ein und freut sich daran, dass man nicht nur anderes als die Welt ist, sondern auch noch besser.

 

Doch wenn wir die Sätze davor lesen ergibt sich ein anderes Bild. Da buhlen die beiden Söhne des Zebedäus um unbedingte Aufmerksamkeit ihres Meisters und um eine „Vorzugsbehandlung“: „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken!“  Das erinnert mich an meine Schwester und mich, als wir – in Abgrenzung gegenüber den anderen vier Geschwistern – um die besondere Gunst und Liebe unserer Mutter gebuhlt haben. „Uns hast Du doch am meisten lieb, oder?“

 

Ich weiß gar nicht mehr, wie meine Mutter damals reagiert hat, Jesus jedenfalls verhält sich sehr klug und weise. Er weist seine Jünger nicht zurecht, so nach dem Motto: „Was fällt Euch ein? Warum sollte ich Euch mehr lieben als die anderen Zehn?“ Sondern er fragt sie: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“  

 

Wir Heutigen hören solche Worte ja vom Ende der Geschichte, also wir wissen, worauf Jesus hier anspielen könnte: Es wird das letzte Abendmahl kommen, der Verrat und dann die Verhaftung. Der blanke Hass der Menschen wird Jesus entgegenschlagen, dann kommt die Kreuzigung und die Verspottung. Und schließlich der Tod. „Traut ihr euch das zu?“  fragt Jesus. Und die Jünger, vielleicht ein wenig trunken von Bewunderung und Liebe zu ihrem Meister, wollen daran keinen Zweifel lassen. „Wir schaffen das schon!“

 

Nun können wir uns natürlich darüber Gedanken machen, dass wir Menschen vermutlich alle mehr oder weniger so sind wie diese beiden Jünger: Wir trauen uns mehr zu als wir dann einhalten können. Aber darum geht es mir heute nicht. Sondern eher darum: Jesus verlangt mit seiner Frage eine grundsätzliche Haltung, eine Lebenseinstellung. „Könnt ihr, wenn ihr mitten im Leben steht, es aushalten, wenn unsere Mitmenschen die radikale Liebe Gottes ablehnen? Könnt Ihr wirklich auf Hass mit Zuwendung antworten? Könnt Ihr tatsächlich den Feind oder gar den Andersglaubenden als Geschöpf Gottes annehmen? Schafft Ihr es wirklich, die linke Wange hinzuhalten, wenn euch auf die rechte geschlagen wird?“

 

Liebe Gemeinde, Sie merken schon: Hier geht es mitnichten darum, dass Jesus seinen Jüngern eine behaglich ausgestattete Parallelwelt im Tempel oder in der Synagoge anbieten möchte; hier geht es nicht um Schutzräume für besonders fromme Jesusnachfolger. Hier geht es ums Ganze! Man könnte sagen: hier geht es um nicht weniger als das Leben selbst.

 

Und so ist es ja in allem, was wir von Jesus wissen: Er mischt sich ein, er redet und handelt da, wo seine Worte überhaupt nicht selbstverständlich sind. Jesus eckt an mitten unter den Menschen. Mitten in die Gesellschaft hinein wirkt seine Botschaft – ob bei den schriftkundigen Pharisäern oder bei den Zollbeamten der Römischen Besatzungsmacht, ob bei den Huren oder den Aussätzigen. Jesus mischt sich ein. Und genau das macht ihn auch so angreifbar und verletzlich. Jesus ist davon überzeugt: Gottes Liebe kann die Welt verändern. Gottes Liebe wird die Welt verändern! Aber diese Liebe hat ihren Preis: sein Leben selbst.

 

Vor diesem Hintergrund bekommen die eingangs zitierten Worte vom Ende unseres Predigttextes einen anderen Sinn. Hier geht es nämlich nicht um Schutzräume für besonders gläubige Menschen, sondern um die Herausforderung, eine andere Logik mitten ins aktuelle Leben hineinzutragen. Nicht andere Räume schaffen für ein Leben nach Gottes Willen, sondern einen anderen Geist in die Köpfe, in den Verstand und in die Herzen pflanzen – darum geht es!  

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Natürlich brauchen wir Menschen, die mitten im Weltgeschehen leiten und führen. Wir brauchen leitende Personen, in der Kirche wie in der Politik, die mit klaren Visionen und Vorstellungen Dinge in die Hand nehmen können und wollen. Aber eben Menschen, diese Machtpositionen nicht zum Selbstzweck erheben, sondern in Gebet und mit Bibellese (oder wie auch immer) sich bewusst bleiben, dass sie damit in einem größeren Zusammenhang stehen – und in letzter Konsequenz diesem dienen.

 

Und so geht es in der Vikariatszeit um einen Bildungsprozess, in dem Pastoren und Pastorinnen möglicherweise ein wenig so werden wie die beiden Jünger unsres Textes: besonders dicht bei Jesus, also nahe an der biblischen Tradition, und damit ein Gespür entwickeln, dass Leitung und Dienen sich nicht ausschließen, ja, sogar zusammen gehören.

 

Heinrich Albertz, 1966 und 1967 Regierende Oberbürgermeister von Westberlin, hat es auf den Punkt gebracht: „Ich war am schwächsten, als ich besonders stark sein wollte.“ Er hatte für einen entscheidenden Moment seines politischen Handelns nur die Macht im Blick gehabt, aber das Dienen aus den Augen verloren.     

 

Dienen, so verstehe ich Jesus hier, ist eine Haltung im Alltag, gerade dann, wenn ich etwas will und eine Vorstellung davon habe, wie etwas werden soll in Kirche und Gesellschaft – indem ich weiß, ich stehe in einem größeren Zusammenhang, ja sogar in einem so großen, dass ich ihn gar nicht überblicken kann Diesem diene ich. Mit meinem Leiten. Das ist unter Umständen gefährlich, aber Glauben ist eben unter Umständen auch gefährlich.

 

Amen