Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10, 45

Pfarrer Thomas Berke (ev)

29.03.2015 in der Ev. Kirche Mülheim an der Mosel

zur Konfirmation an Palmsonntag

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Liebe Gemeinde,

 

es gab ja mal Zeiten, da waren die Indianer bei den Jungen zumindest ziemlich populär. Ungebunden sein, mit dem Pferd durch die Gegend reiten, frische Luft und Abenteuer, die Weite der Prärie genießen, die für die grenzenlose Weite der ganzen Welt steht. Indianer sein – das hatte etwas mit Freiheit zu tun.

Dies kam mir in den Sinn, als kürzlich jemand behauptete: „Heute wollen die jungen Leute nur noch Häuptlinge sein, aber keiner will mehr Indianer sein.“

Ich bin darüber gestolpert, weil ich mich gefragt habe: Gibt es denn die Vorstellung von dem freien Indianer in der Weite der Prärie heute nicht mehr?

Denn in dem Spruch „Keiner will mehr Indianer sein, alle wollen Häuptlinge sein“, erscheint der Indianer als Knecht, als Befehlsempfänger, völlig uncool.

Die Indianer – Symbol für Weite, Freiheit und Abenteuer?  Oder stehen Indianer für Enge und Knechtschaft?

So ähnlich verhält es sich auch bei den Jüngern von Jesus. Auf der einen Seite: Freiheit und Weite von Menschen, die ihre bisherigen Lebensverhältnisse verlassen. Die ausbrechen aus dem normalen Trott, um abenteuerlustig mit Jesus zu ziehen.

Auf der anderen Seite die Karriere-Frage: Gibt es eine Perspektive für uns als Jünger, lieber Jesus? Können wir irgendwann einmal am Drücker sitzen? Haben wir irgendwann einmal etwas zu sagen? Sind wir irgendwann einmal nicht mehr bloß Indianer, sondern Häuptlinge?

Da haben wir es also: Ob nun Jünger oder Indianer: Interessant oder cool ist das nur für einen Zeitabschnitt, nicht für immer. Am Drücker sitzen, etwas zu sagen haben, das muss irgendwann  drin sein. Als Perspektive. Da ist man dann gerne bereit, die Weite der Prärie mit einem demgegenüber in jedem Fall engen Büro  und den Pferdesattel mit einem Chefsessel zu tauschen.

Es ist – so finde ich – durchaus sympathisch, dass die Jünger von Jesus genauso denken wie viele von uns. Abenteuer und Weite sind ganz schön, aber am Ende muss eine Chefposition dabei heraus springen.

Jesus nimmt diese Fragen und Hoffnungen seiner Jünger ernst. Seine Antwort ist ganz persönlich. Er sagt seinen Jüngern: „Schaut auf mich! Bin ich gekommen, um über euch zu herrschen? Bin ich gekommen, um mich bedienen zu lassen?“

„Nein“, so seine Antwort, „ich bin gekommen, um euch zu dienen. Nicht ihr sollt für mich da sein, ich will für euch da sein, nicht ihr sollt euer Leben für mich hingeben, sondern ich will es für euch hingeben.“

Den Mitmenschen dienen nach dem Vorbild von Jesus, darauf kommt es an! Jesus ist kein Häuptling im Chefsessel, der von seinen Indianern Gehorsam und Hingabe einfordert. Hier besteht übrigens ein tiefgreifender Unterschied zum Islam, den wir als Christen mutiger bezeugen sollten. Jesus ist ein Häuptling, der sich für seine Indianer selbst hingibt. Der alles für seine Indianer tut, sich für sie hingibt und aufopfert.

Also ganz anders, als wir es im Alltag dieser Welt oft erleben, wo Kapitäne als erste das sinkende Schiff verlassen, um ihre Haut zu retten. Nein, Jesus ist da ganz anders, weil Gott ganz anders ist.

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, könntet Euch einem, der nur für sich da wäre und für seinen eigenen Vorteil, nicht anvertrauen. Ihr solltet es auch nicht. Ihr könnt Euch Jesus Christus nur anvertrauen, wenn Ihr erkannt habt: Dieser Jesus Christus ist für mich da, er hat sich für mich und für alle Menschen hingegeben. Er hat nicht versucht, seine Haut zu retten, sondern ist am Kreuz für mich gestorben.

Dies gilt für Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber es gilt auch für alle anderen hier in der Kirche. Wer wäre so blöd, sein Leben jemandem anzuvertrauen, der nichts für einen tun würde oder tun könnte?

Wenn die Passagiere der Costa Concordia gewusst hätten, was das für ein Kapitän ist - nämlich einer, der nur an sich selbst denkt, an den eigenen Spaß und an die eigene Haut - sie wären mit Sicherheit nicht eingestiegen. Völlig zu recht. Aber Jesus Christus ist der Herr, der für euch da ist. Zu ihm könnt ihr ins Boot steigen. Dieses Boot ist die Gemeinschaft des Glaubens, die Gemeinde der Christen, die Kirche.

Konfirmation bedeutet: Ich bin froh, dass ich durch die Taufe zu Jesus Christus gehöre und in seinem Boot, in seiner Gemeinde bin. Ich will ganz bewusst in diesem Boot bei ihm bleiben, weil er für mich da ist, weil er sich für mich hingibt, weil er der einzige ist, der mir beisteht, wenn ich sterben muss. Er und kein Anderer!

In diesem Zusammenhang möchte ich auf Folgendes aufmerksam machen:

Wenn jemand es cool findet, Häuptling zu sein, der über andere herrschen kann, der würde natürlich nicht bei einem solchen Häuptling Indianer sein wollen. Denn da ist klar: Bei einem solchen Häuptling würde es mir schlecht ergehen. Aber wenn der Häuptling ganz für seine Indianer da ist, sieht die Sache schon anders aus. Da wäre jeder von uns gerne Indianer. Genau dies will Jesus seinen Jüngern, aber auch Euch und uns klar machen.

An dieser Stelle wird uns auch noch einmal das besondere christliche Verständnis von Hingabe deutlich: Während in anderen Religionen die Hingabe des Menschen an Gott gefordert wird (mit den entsprechenden Missbrauchs-möglichkeiten wie Gesetzlichkeit, Verdienstgedanke und Fanatismus), gehört es zum Alleinstellungsmerkmal des Evangeliums, dass uns die Hingabe Gottes an die Menschen in Jesus Christus verkündigt wird. „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Dieses Wort von Jesus muss als Kernaussage des Evangeliums angesehen werden. Hingabe ist so gesehen der Ursinn der Liebe.

Als Christen leben wir von der Hingabe Gottes in Jesus Christus, und wir werden frei zur Hingabe an unsere Mitmenschen, in denen wir das Antlitz Christi entdecken: „Was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, dass habt ihr mir getan“, sagt Jesus Christus (Matthäus 25, 40).

Die wirklich großen Persönlichkeiten in Kirche und Staat haben dementsprechend nicht für sich, sondern für die Menschen gearbeitet, also gedient.

Konfirmation bedeutet also: Ein persönliches Ja sprechen zur Hingabe Jesu an jeden von uns. Aus dieser Hingabe leben und selbst für die Mitmenschen da sein, in denen wir das Antlitz von Jesus Christus entdecken. So soll es bei Euch sein, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber so soll es auch bei uns allen sein. Amen.

 

Wir beten:

 

Herr Jesus Christus, wir danken dir für deine Hingabe an uns. Gib, dass wir auf deine Hingabe vertrauen im Leben wie im Sterben und aus deiner Hingabe leben, indem wir bereit sind, für unsere Mitmenschen da zu sein. Amen.