Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,17-22

Pastor Gunnar Bremer (BEFG)

17.06.2012 in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Heilbronn

während der UEFA Euro 2012

"Fan sein" - Eine Predigt über den Reichen Jüngling

·         Textlesung: Markus 10,17-22

·         Gebet

·         Video: "Tage wie diese" von den Toten Hosen - www.youtube.com/watch?v=j09hpp3AxIE

(Liedtext: Ich wart seit Wochen auf diesen Tag und tanz vor Freude, über den Asphalt. Als wär's ein Rythmus, als gäb's ein Lied, das mich immer weiter, durch die Straßen zieht. Komm dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht. Zu der selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes mal.

Durch das Gedränge, der Menschenmenge bahnen wir uns den altbekannten Weg. Entlang der Gassen zu den Rheinterrassen über die Brücken  bis hin zu der Musik. Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudreh'n. Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten und abzugeh'n.

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit. An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit, wünsch ich mir Unendlichkeit.

Das hier ist ewig, ewig für heute. Wir steh'n nicht still, für eine ganze Nacht. Komm ich trag dich, durch die Leute. Hab keine Angst, ich gebe auf dich Acht. Wir lassen uns treiben, tauchen unter, schwimmen mit dem Strom. Dreh'n unsere Kreise, kommen nicht mehr runter, sind schwerelos.

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit. An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit, In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht, erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht. Kein Ende in Sicht.)

·         kleine KFZ-Deutschlandfahne an die Kanzel klemmen

 

 

Predigt:

 

"Tage wie diese" - die inoffizielle Hymne zur Fußball-EM 2012. Heute Abend kann Dänemark die Koffer packen!

 

Ich bin ein Schönwetter-Fan - befürchte ich. Ehrlich, ich kann nicht hinsehen, wenn die Jungs verlieren! Und ich weiß nicht, ob ich mich dafür schämen muss. Das geht ja ziemlich schnell, dass man sich bekennen soll. Dortmund oder Schalke? Bayern oder Stuttgart? Bereits in der Grundschule heißt es: Farbe bekennen. Einer unserer Neffen hat schon mit mit einem halben Jahr in Bayern-Stramplern einschlafen müssen. Wenn das nicht schadet für's Leben. Und dann es gibt ja noch mehr Objekte der Begeisterung: Schumi oder Vettel. Ferrari oder Mercedes. Justin Bieber oder die Toten Hosen.

 

Fahnen schwenken, meine Farben tragen, bemalte Gesichter. Sich anstecken lassen, mitfiebern, mitzittern. Wir, der 12. Mann. Unseren Sieg feiern, unsere Niederlage beweinen. Hauptsache dabei sein, wie die irischen Fans am Donnerstag, die gar nicht mehr aufhören zu singen, obwohl ihre Mannschaft in diesem Moment ausgeschieden ist. Da verschlägt es sogar dem Kommentator die Sprache. Fan sein - wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Mit Trophäen ausgestattet: Dem Original-Trikot und dem Bravo-Starschnitt, der kopierten Frisur und dem speziell designten Parfum, der kompletten Sammlung von CD's, Filmen, Fakten und Daten. Wer schoss '74 das entscheidende Tor im Finale gegen Holland? Wer wechselte sich bei Mönchengladbach im Pokalfinale selbst ein?

Und es geht ja auch noch ausgefallener. Ein Bekannter von mir ist im Mitglied im Trabantclub Mühlhausen. Er fährt alte DDR-Autos - aus Überzeugung!!! "Da kann man noch alles selbst machen." Ein Mensch, der vor ein paar Jahren nicht wusste, wo die Gewichte für die Wasserwaage hängen. Trabbis, Wartburgs und Barkas - und was weiß ich, wie die heißen. Jede Motorschraube mit Vornamen kennen, fachsimpeln und dummschwätzen. Was Gemeinsames halt - Du bist Deutschland - immer noch. Und das in einer Zeit, in der die Auswanderungsquote besorgniserregend hoch ist.

 

Und ich bin auch irgendwie ein Fan. Obwohl mich Fußball eigentlich gar nicht interessiert. Aber ich weiß noch, wie bitter weh das getan hat - 2006 im Halbfinale die Niederlage gegen die Italiener. Mein Nachbar damals - geborener Tifosi, Alfa-Fahrer und Pasta-Fan, hat mich noch kurz nach dem Anstoß auf ein Bier eingeladen. Damit wir uns gemeinsam den Untergang der Deutschen ansehen. Ich hab ein paar Tage gebraucht, um mit ihm wieder klar zu kommen. Ich hatte mich so auf das Endspiel des Sommermärchens gefreut. Und sogar heute bin ich noch irgendwie stolz, zu diesem 80-Millionen-Mann-Verein zu gehören, weil die Klinsmann- und Jogi-Jungs einfach gut gespielt haben. Dann treibt mir sogar die Nationalhymne Tränen in die Augen: "Blüh im Glanze dieses Glückes ..." Blühe, und ich bin irgendwie ein Teil davon. "Wir lassen uns treiben, tauchen unter, schwimmen mit dem Strom. Dreh'n unsere Kreise, kommen nicht mehr runter, sind schwerelos." Obwohl es doch nur ein Fußball ist.

 

"Fan sein", das hat was. Zu den Vielen gehören, dabei sein. Sich an etwas hängen, ein Anhänger sein. Ein gemeinsames Ziel, eine Begeisterung, mitgehen und abgehen. Nicht, dass ich das bei mir so offen zulassen würde. Ich schaue mir die Spiele lieber zu Hause an - wenn überhaupt. Da kann ich in den schlechten Phasen umschalten. Das ist sicherer! Elfmeterschießen? Ich kann kaum hinsehen. Ich will nicht zu sehr enttäuscht sein, wenn etwas schief geht. Lieber Pessimist als Optimist. Lieber ein halbleeres Glas als ein halbvolles. Und dennoch - irgendwie bin ich dann doch ein Fan. Ich komme nicht davon los - nur mit standhafter Ignoranz. Und die macht auch nicht glücklich.

 

Wir kommen nicht davon los. Vielleicht vom Fußball. Und vielleicht gibt es auch noch gute Therapeuten für den Trabbi-Fanclub. Aber Teil von etwas Großem sein zu wollen, uns dran zu hängen und mit ziehen zu lassen, davon kommen wir nicht los. Die Sehnsucht ist so stark - das ist etwas ganz Menschliches. Das gehört zu uns - bei den Stars sein zu wollen, bei den Machern, bei den Lebenskünstlern, bei den Guten. Dass sie uns vorweg gehen und uns mitnehmen und wir mit in ihrem Strom schwimmen dürfen. Und ist es nicht das, was uns auch zu Jesus zieht? Seine Größe, Stärke, seine Liebe und Gnade. Leben wir Christen nicht genau davon, dass Jesus so ist?

 

Als sich Jesus auf den Weg machte, stürmte einer auf ihn zu, wollte ein Autogramm und kniete nieder vor ihm. Und er fragt ihn: "Du bester aller Spielführer, du göttlicher Flankengeber, du Sieger über alle pharisäischen Abseitsfallen. Was soll ich tun, damit ich dir noch näher sein kann, damit ich mit dir schwimmen kann, damit ich die Unendlichkeit heute erlebe, damit ich auf ewig der König deiner Anhänger werde?" Aber Jesus sprach zu ihm: "Was fällst du vor mir nieder? Was jubelst du mir zu? Nur einer ist gut - der Meister der Spiels. Der Erfinder aller Taktik. Der Trainer aller Spielzüge. Ich bin nur ein Spieler, wie alle anderen."

 

"Du kennst doch die Spielregeln. Keine todbringenden Hooligan-Schlachten. Stehe treu zu deiner Mannschaft, auch wenn ihr verliert. Achte die Fähigkeiten der anderen - keine Angst, aber Respekt. Bleib bei der Wahrheit. Sei fair - ein Foul ist ein Foul. Gestehe allen zu, was ihnen zusteht. Respektiere die anderen - ihre Jugend und ihre Erfahrung." Da sagte der Fan zu ihm: "Das mache ich, seit ich denken kann. Ich bin einer der größten Verehrer des großen Trainers. Ich habe alle seine Autogrammkarten und schwenke unablässig seine Fahnen. Ich bin ein echter Anhänger. Ich schreie mir bei jedem Spiel die Kehle für ihn aus dem Hals." Da sah Jesus ihn an und gewann ihn lieb. Und er sagte zu ihm: "Dann verzichte auf alle deine Fan-Artikel. Nimm alles was du hast - und lass es hinter dir. Zieh dir mein Trikot an und meine Schuhe und komm mit mir nach unten auf den Platz. Spiele, was ich spiele. Werde ein Spielführer wie ich es bin!"

 

Ein Fan - von Jesus. Woher kommt der Begriff eigentlich? Vom englischen "Fan" - ein Lüfter? Einer der den Wind fächelt, das Klima angenehmer macht? Der den Star in das rechte Licht rückt? Einer, der das Idol vorwärts peitscht, damit es für ihn Großes tut? Und der mit seinen Gesängen doch nur heiße Luft erzeugt? 50.000 in einem Stadion sind schon ziemlich viele Menschen für nur einen einzigen 12. Mann auf dem Platz. Nein. "Fan" kommt von Fanatic - ein Fanatiker. Menschen, die es ernst meinen. Die sich ganz rein hängen für das große Vorbild. Die mitten drin sein wollen, und nicht nur dabei. "Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" Die wesentliche Frage! "Was soll ich für dich tun, damit du mich mit nimmst, wenn deine Fangemeinde ins große Finale einzieht? Jesus, du bist mein Held in dieser Welt. Was du tust, überzeugt mich. Da lohnt es sich, mich noch intensiver dran zu hängen." Der junge Mann ist ein Vorbild von einem begeisterten Anhänger. Was kann man als Star auf dem Spielfeld mehr verlangen? "Ich will dir noch mehr geben, Jesus, um ganz dazu zu gehören." Er hat den nötigen Respekt, kniet nieder, erweist Jesus die Ehre. "Guter Meister! Mein Weltmeister."

 

Nur, dass Jesus überhaupt nicht darauf eingeht. Er will den Kniefall gar nicht, weist von sich weg auf Gott. Es geht ihm gar nicht um sich selbst. Er will keine Fahnenschwenker. Er braucht keine Menschenmenge, die ihn zum Sieg treibt, die ihn auf den Thron hebt, dessen Idol und König er sein kann. Jesus lenkt hier den Blick vielmehr von sich weg. "Wenn einer gut ist, dann Gott." richtet Jesus richtet die Aufmerksamkeit auf einen ganz anderen Punkt. "Du kennst doch die Gebote." Aber Jesus nennt nur die Gebote der sogenannten zweiten Tafel. In denen spielt Gott überhaupt keine Rolle. Er zitiert aus dem Dekalog nur die Verse, die sich um den Menschen drehen, nicht um Gott selbst. Jesus beschreibt die Würde und Ehre jedes einzelnen Menschen. Die Achtung vor dem Leben. Treue, die dem Gegenüber Wert gibt. Respekt vor dem Eigentum, der Lebensgeschichte und den Fähigkeiten des Anderen. Die Liebe zur Wahrheit und Aufrichtigkeit. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Darum geht es ihm, um uns Menschen. Dass wir nicht unter die Räder geraten. Dass unser Leben gelingt und aufblüht. Jesus steht hier nicht für sich selbst.

 

Liebe Gemeinde, sind wir eigentlich Jesus-Fans? Sind unsere Hymnen etwas wesentlich anderes als die Schlachtengesänge der Fußball-Anhänger? Natürlich sind wir musikalisch etwas anspruchsvoller und nicht auf so etwas Unwichtiges gerichtet. Aber von der Intention her, ähneln sich die Gesänge vielleicht doch? Während Jesus das Wesentliche auf dem Spielfeld erringt, feuern wir ihn in unseren Gebeten an, feiern ihn und damit auch uns zum Sieg? Getragen vom Wir-Gefühl lassen wir uns mitziehen im Strom der Anhänger Jesu. Wir lachen befreit auf und Weinen gemeinsam über die Niederlagen. Ein Spiel der Emotion. Der Gottesdienst als so etwas wie ein Fanclubtreffen, wo man sich gegenseitig bestärkt in der Richtigkeit seiner Taten, im Festhalten an dem einen Idol, dem einen Gott. Wir gehören wirklich zu Jesus, wir sind seine wahren Fans!

 

Und könnte es sein, dass Jesus selbst, das gar nicht braucht? Sicherlich ist er unserer Anbetung würdig - keine Frage. Und sicherlich darf uns das gut tun, ihn zu feiern. Aber ist er Mensch geworden, damit wir ihn bejubeln und feiern? Der Evangelist Markus scheint da anderer Meinung zu sein. Er berichtet, dass Jesus seine Wunder oft im Verborgenen tut. Jesus will nicht, dass davon erzählt wird. Als die Jüngern zu ihm sagen: "Du bist der Messias", befiehlt er ihnen darüber zu schweigen. Selbst den ausgetriebenen Dämonen verbietet er, sein Geheimnis Preis zu geben. Jesus will etwas anderes, worauf wir uns konzentrieren, als allein an die strahlende Figur des Retters, als an seine Person.

 

Der junge Fan aus der Bibel ist wirklich bemüht. Seit seiner Kindheit hält er sich an die Gebote. Sie sind für ihn die Spielregeln, die ein Anhänger zu befolgen hat. Die Brücke zur Mitgliedschaft im Club Gottes. Jesus sieht ihn an, blickt ihm ins Herz, liest ihn wie ein offenes Buch. Ein Fan für Gott und für sich selbst ist er, aber nicht für den anderen. Er erfühlt seinen Pulsschlag, sein Bedürfnis, zu etwas Großem gehören zu wollen. Er nimmt sein Sehnsucht wahr, zu genügen, zu entsprechen, der 12. Mann zu sein, um den ersten auf dem Feld zu unterstützen, damit dieser etwas für ihn tut, sie gemeinsam zum Sieg führt, damit er mit ihm - stellvertretend für ihn - über sich hinaus wächst.

 

Und Jesus gewinnt ihn lieb, ist ganz auf seiner Seite, ganz bei ihm. Das Fan-Sein ist überhaupt nicht schlimm. Es ist sehr menschlich. So sind wir. Es ist ok, ein Schlachtenbummler Gottes zu sein. Aber wenn du dein Herz für Gottes Sache schlagen lassen willst, dann "gehe hin und verkaufe alles, was du hast. Gib das Geld den Armen, und du hast einen Schatz im Himmel. Komm und folge mir nach."

 

Das verkehrt grundlegend die Stadion-Architektur. Jesus löst die Fankurve auf, er reißt die Ränge ein. Er baut die Zäune ab, fegt die Sicherheitsgräben hinweg. Es gibt nur noch den Platz, keine Tribünen mehr. Es gibt nur noch die auf dem Rasen, keine Zuschauer mehr. Jesu holt den, der ihn anfeuern will, auf sein eigenes Spielfeld. "Komm und folge mir nach. Tue, was ich tue. Lerne bei mir und lebe anschließend, was ich lebe. Setz' dein Leben für Menschen ein, wie ich es tue. Investiere dich voll und ganz. Schmeiß' die Fahnen weg. Du willst in die erste Reihe, weil man da am besten sieht? Ich sage dir - komm zu mir auf den Rasen. Werde du Gestalter, werde du ein Spielmacher. Dann erlebst du die Unendlichkeit. Dann erlebst du das Beste, und kein Ende in Sicht.

 

Baue du das Reich Gottes. Sorge du für Gerechtigkeit, dass Menschen wieder Menschen werden. Gib alles was du hast, für die Armen und Kaputten, für die Verletzen und die Schwachen. Erlebe bei den Armseligen, wie man arm selig sein kann. Lass sie dein Schatz sein, an den du dich hängst. Sorge du für gelingendes Leben, statt es nur sehnsüchtig herbei zu singen. Werde du ein Liebhaber der Menschen. So wie Gott einer ist. So wie ich - Jesus - einer bin. Du kannst das, wenn du dich selbst los lässt. Weil ich voran gehe, und du mit mir. Glaube mir. Und selbst der Tod wird uns nicht davon abhalten können. Das ist wertvolles, ewiges Leben. Etwas besseres kann ich dir nicht wünschen. Ein Schatz, eine Liebe, wie im Himmel. Dazu ist der Mensch geschaffen und berufen."

 

Und wir? Können wir unsere Fan-Gesänge - und seien sie noch so fromm, noch so fanatisch - können wir sie für das Leben auf dem Spielfeld hinten anstellen? Statt Begeisterung und Kritik für das Spiel der anderen, lieber selbst in den Ring steigen? Die Wärme der singenden Masse nicht als die Hauptsache sehen, sondern einen Schritt weiter gehen? Nämlich auf dem Feld das Spiel riskieren. Vom Fan zum Spieler werden. Vielleicht sogar die Niederlage riskieren - wie Jesus. Die Architektur unseres Gemeindestadions umkrempeln. Nicht allein nach Jesus - dem Helden - trachten, sondern nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit.

 

Jesus lädt uns ein, das Leben mit ihm gut zu machen. Nicht nur davon zu singen, dass er das kann. Sondern Hand anlegen, zupacken, die Stimmer erheben. Er lädt uns ein, zu gestalten. Mannschaft sein, statt nur 12. Mann in der Westkurve. Den Rausch des Lebenspiels zu erleben. Alles zu geben und damit alles zu gewinnen. Er lädt uns ein, mittendrin zu sein, statt nur auf der Tribüne. Jede und jeden.

 

Ein Schatz, eine Liebe, wie im Himmel. In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht, erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht.

Amen