Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,35-45

Pfarrer Andreas Pasquay (ev.)

13.03.2016 Erlöserkirche, Langenfeld

Die Gebrüder Dynamit (1)

Vor zwei Wochen ist ‚Herbert von Karajan‘ zu uns ins Pfarrhaus gezogen. Das hat uns sehr gefreut und unseren Familienalltag deutlich verändert. Im Übrigen – um jede Verunsicherung auf Seiten der PredigthörerInnen zu vermeiden: Es handelt sich hier nicht um eine Ergänzung meiner Schallplatten- und CD-Sammlung. Herbert von Karajan ist ein kleiner schwarz-roter Dackelwelpe von 9 Wochen und liegt gerade wohlig schmatzend in seinem Körbchen und vor meinem Schreibtisch, während ich diese Predigt schreibe.

Herbert von Karajan ist nicht unser erster Dackel. Seit gut eineinhalb Jahren wohnt, lebt und liebt ‚Anton Bruckner‘ – genannt ‚Brucki‘ in unserem Pfarrhaus und genießt gemeindeweit (wenn nicht gar weltweit) die größte Aufmerksamkeit, was nicht verwunderlich ist, da Anton Bruckner unter anderem ein Meister der Apportierkunst gelber Frisbee-Scheiben auf dem abendlichen Langenfelder Marktplatz ist. Nun sind es also Zwei unter unserem Dach: zwei Dackel, zwei Brüder – die ‚Gebrüder Dynamit‘.

Warum mir die beiden sofort eingefallen sind, als ich den vorgeschlagenen Predigttext aus dem Markusevangelium für den heutigen Sonntag las? „Wir möchten, dass du uns in deiner Herrlichkeit neben dir sitzen lässt, den einen an deiner rechten Seite und den anderen an deiner linken Seite.“ (Mk 10,37) erbitten sich Johannes und Jakobus, die beiden Söhne des Zebedäus von Jesus. Allmorgendlich – beim Frühstück sitzt Herbert von Karajan mit seinen großen dunklen Mandelaugen, die dann einen besonders leidvollen Ausdruck bekommen – leise mautzend – vor Tanja (meiner Frau) und möchte auf den Schoß. Und er lässt nicht locker, bis er ihr Herz erweicht hat (was in der Regel nicht lange dauert). Und dann lässt sich Herbert wohlig schnaufend und mit seinem leichten Käsefußgeruch auf dem weichen weißen Morgenmantel nieder … und schläft glücklich ein.

Und Anton Bruckner? Wenn er, der Ältere von seinem Streifzug im Garten zurück ist, sitzt auch er unweigerlich mit einem unglaublich beeindruckenden ernst-bittenden Dackelblick neben Tanja. »Was willst Du?«, fragt sie. »Was soll ich für Dich tun?« (Mk 10,36) Die Antwort aber ergibt sich wie fast von selbst.

Und noch eine weitere Analogie zwischen Herbert von Karajan, Anton Bruckner und den biblischen Söhnen des Zebedäus fällt mir ein. Jakobus und Johannes, die beiden Jünger Jesu werden in der Bibel und der urchristlichen Tradition auch die ‚Donnersöhne‘ (Mk 3,17) genannt, während für unsere beiden Dackel schon jetzt die Bezeichnung ‚Gebrüder Dynamit‘ nicht übertrieben ist.

 

II Ein ‘Stuhl im Orbit’

In unserem Bibeltext geht es um einen besonderen Platz, den persönlichen Platz am ‚Tisch des Herren‘ – links und rechts, dann „wenn er kommt in Herrlichkeit“(Mk 8,38; Mt 25,31; ‚Geheimnis des Glaubens‘ = Abendmahlsliturgie) Die Episode, von der Markus berichtet, ereignet sich nicht von ungefähr auf dem Weg Jesu nach Jerusalem und direkt nach der dritten Ankündigung, dass er dort bald „den Tod erleiden“ wird. „Doch drei Tage danach wird er auferstehen“ (Mk 10,33f) Und bald nach dem Zebedeidengespräch – nach der Heilung des blinden Barthimäus bei Jericho - wird Jesus mit den Seinen in Jerusalem einziehen (Palmsonntag). Die Bitte der beiden Brüder kommt nicht von ungefähr. Es geht zwar (noch) nicht um ‚Leben und Tod‘, aber dennoch um nicht weniger als um den „Stuhl im Orbit, den Platz von GOTT“ wie Herbert (nun aber) Grönemeyer in seinem Song ‚Ein Stück vom Himmel‘ zu sagen weiß.

In der Welt der Hunde jedoch ist der Platz auf Mutters Schoß nicht weniger wertvoll, als der ‚Stuhl im Orbit‘ oder gar der ‚Platz links oder rechts neben der Herrlichkeit des Herren‘. Denn … dort ist alles gut.

Wir kennen es alle: Es gibt Plätze, da geht es uns gut – und – es gibt auch (viele) Plätze, da fühlen wir uns unwohl. Jede/r hat da einen sehr eigenen Sensus. Im Gottesdienst etwa, da haben wir unsere Lieblingsplätze … die einen eher hinten, die anderen eher in der zweiten Reihe und wenige (wenn sie es denn nicht von Amts wegen müssen) in der ersten Reihe. Das gilt aber auch für die Lieblingsplätze im Wohnzimmer (‚wer darf sonst noch in Vaters Lehnsessel sitzen?‘), am Konferenztisch (‚ich sitze immer so, dass ich aus dem Fenster sehen kann‘) oder im Ehebett (‚ich schlafe gerne in der Nähe zur Heizung‘ und/oder ‚ich möchte so liegen, dass ich den kürzesten Weg zur Toilette habe‘). Das hat nicht unbedingt etwas zu tun mit der Rangordnung, sondern vielmehr mit dem ‚richtigen‘ Platz, dem Platz, an dem es stimmt, dem Platz an dem ich mich wohlfühle (mit all meiner Energie und meinem Da-Sein). Um einen solchen Platz bitten die Brüder Zebedäi.

 

III Erinnerungen an den Katzentisch

Und wie ist es, wenn mir dieser Platz verwehrt ist – wenn ich ihn nicht kriegen kann - oder jemand anderer hat ihn schon besetzt: Ich denke da an die Geschichte von der Heilung des Kranken am See Bethesda, in der immer ein andere dem Kranken zuvorkommt und in das heilende Wasser steigt  Joh 5,1ff. Jeder von uns kennt solche Erfahrungen aus eigener Anschauung. Und manche kommen ihr Leben lang nicht von der (z.T. zwanghaften) Vorstellung los, sie wäre dazu verdammt, immer und ewig am ‚Katzentisch des Lebens‘ zu sitzen.

Wie komme ich also an den richtigen – den wahren – Platz im Leben? Wie mache ich das, eben nicht im Kalten schlafen, auf hartem Schemel sitzen oder hinter der Säule im Gottesdienstraum der Erlöserkirche ausharren zu müssen – oder in der Welt der Dackel, nicht auf Mutters Schoß landen zu dürfen. Setze ich mich durch? Boxe ich weg? Charmiere und verlocke ich? Weine ich laut und hoffe auf Mitleid? Setze ich mich über alle Schranken und Regeln hinweg und nehme einfach Platz? Und – wenn ich den Platz schon gefunden habe – wie behaupte ich ihn?

 

IV Wenn nicht so – wie dann?

Die beiden Brüder, Johannes und Jacobus fragen: „Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.“ Und Jesus scheint zunächst ganz offen auf die Frage eingehen zu wollen. „Was wollt ihr? Was soll ich für euch tun?“ Aber dann, als sie mit ihrem großen (Herzens)Anliegen herausrücken, wehrt er ab: »Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet« und dann „Darüber zu verfügen, wer an meiner rechten und an meiner linken Seite sitzen wird, das steht nicht mir zu. Wer dort sitzen wird, das ist ´von Gott` bestimmt.«

Ich stelle mir vor, wie die beiden mit großen Augen und betroffen diese Antwort ihres Meisters hören. „Warum?!“ werden zumindest ihre Augen fragen. „Ihr werdet meinen Weg nicht gehen können - auch wenn Ihr das Gegenteil behauptet - und so den bitteren Becher des Unheils (vgl. Jes 51,17; Ez 23,31ff; Hab 2,16) trinken und in den Wasserfluten des Todes (Ps 42,8; Jes 43,2) untergehen. Das könnt ihr nicht, denn diesen Weg werde ich alleine gehen müssen!“

Erst später – und das können wir Christen erst im Glauben und mit dem Wissen um Kreuz und Auferstehung Christi sagen - können wir daran Anteil haben, wenn wir im Abendmahl aus dem ‚Becher des Heils‘ trinken und in der Taufe die Reinheit des Lebens empfangen. Erst später – als Gemeinde Jesu Christi – erfüllt sich uns das Anliegen der Brüder Zebedäi als Geschenk Gottes in den Sakramenten Abendmahl und Taufe.

Wie aber – wenn nicht so? Wie aber den Platz neben der ‚Herrlichkeit des Herren‘ erlangen, ohne den Weg der Sakramente zu gehen? Geht das überhaupt? Das Herzensanliegen der beiden Brüder kann jeder von uns gut teilen: Einen Platz ‚an der Sonne‘, eine Platz in unmittelbarer Nähe des Heils (der Herrlichkeit GOTTes) zu haben, etwas abzubekommen von diesem Glück, dieser Güte und Liebe … und nicht an den ‚Katzentischen des Lebens‘ zu verhungern. Welche Möglichkeiten gibt es da für uns.

 

V Wahre Größe

Jesus selber deutet in der anschließenden Diskussion am ‚Tisch der Freunde‘ eine Antwort an: Es geht um die inneren Haltung und der daraus folgenden Handlungsweise. Und nicht von ungefähr gibt er diesen Hinweis auf Grund der Tatsache, dass sich die anderen Jünger (Freunde Jesu) augenscheinlich zielgerichtet über die Frage der beiden Brüder echauffierten: „Wie kann man nur so fragen?!“ Letztendlich ging  es ihnen wohl auch nur darum, sich in der Gunst des Meisters an erster Stelle zu sonnen.

Jesus sagt ihnen: „Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen, wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein.“ (Mk 10,43f) Immer wieder hat Jesus den Seinen diese Lebensweisheit, diesen Erfahrungsschatz aus seiner Sicht des Lebens als Gottessohn und Menschenbruder mit auf den Weg gegeben. So auch hier: „Die Ersten werden die Letzten und die letzten werden die Ersten sein!“ (Mt 20,16) Dies scheint so etwas wie eine Standartformel des Zugangs zum ‚Reich GOTTes‘ zu sein, welches – so betont es Jesus immer wieder – schon   j e t z t   d a   ist: „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch!“ (Luk 17,21)

„Wartet nicht erst auf das Ende der Zeiten (wie in der Frage der Zebedäiden)!“ so würde er uns heute sagen. Dann ist Euch ein guter Platz in der Nähe meiner Herrlichkeit – meiner Kraft, Energie … meinem Spirit ‚Hier und Jetzt‘ – gewiss, wenn ihr folgende Haltung einnehmt: „Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen, wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein.“ (Mk 10,43f). Nichts anderes präsentiert gegenwärtig Papst Franziskus seiner Kirche als Heilmittel zur Gesundung seiner Kirche: Die Barmherzigkeit.

Das heißt nun nicht: Unterordnung um der Ordnung willen. Das heißt auch nicht ein (wie auch immer zynischer) Lobpreis der ‚Kleinen und Gemeinen‘ als besonders wertvoll und gottgefällig. Und das heißt schon gar nicht eine (Un)Kultur christlich motivierter Abhängigkeitsstrukturen. Der ‚Tisch des Herren‘ ist keine längliche Tafel, an der die besten Plätze oben am Kopfende sind. Der ‚Tisch des Herrn‘ – und damit ist hier die Wirklichkeit allen Lebens im Lichte der Herrlichkeit, der Gnade und Gerechtigkeit GOTTes gemeint - ist immer ein ‚runder Tisch‘, an dem eben nicht das Prinzip der Unterordnung, sondern die Lebensweise und Haltung des barmherzigen und dienenden, des wertschätzenden und achtsamen Nebeneinander gilt. Und dann – dann steht die Herrlichkeit des Herrn immer hinter einem. So (und nicht anders) erfüllt sich die Bitte der Zebedäiden schon heute.

 

VI Die Gebrüder Dynamit (2)

Und genauso halten es auch die Gebrüder Dynamit – Anton Bruckner und Herbert von Karajan: Auch wenn der eine ein Jahr älter ist und der andere (fast) noch ein Baby: Sie teilen sich in wunderbarer Weise sowohl Fressnapf als auch den Gummiball, das Schlafkörbchen und den Platz auf dem weichen Morgenmantel von Tanja – nicht immer sehr demütig, aber umso brüderlicher. Und darum gilt hier sogar der Sinnspruch: Von den Hunden lernen, heißt Jesus verstehen. Amen