Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,46-52

Pfarrer i.R. Reinhard Bogdahn

in der Evangelische Jugendheimstätte Puckenhof

Diese Geschichte von dem blinden Bartimäus hat mich immer fasziniert. Ich habe sie in Predigten, Unterrichtsstunden, Bibelarbeiten, Familiengottesdiensten für Jung und Alt ausgelegt und bin sehr glücklich, dass ich ihr heute für Sie hier speziell einen neuen Akzent geben und sie predigen darf als ein Urbild des diakonischen Handelns, an der man ablesen kann, was Diakonie auch heute noch bedeutet in einer zwar völlig veränderten Welt, in der es aber wie damals um die Hilfe für Menschen geht, die unsere Hilfe brauchen; und genau das ist Diakonie und die braucht unsere Welt mehr denn je. Das soll uns durch die biblische Geschichte und meine Erzählung von der Evang. Jugendheimstätte Puckenhof deutlich werden. Ich nenne dazu 6 Aspekte der Diakonie, wie sie in der Geschichte vorkommen und wie sie im Puckenhof Anwendung finden.

1. Diakonie ist für die Schwachen da.

Die Geschichte beginnt mit dem blinden Bettler am Weg. Er ist ein Mensch, der durch seine Blindheit behindert ist, dazu mittellos, obdachlos, wahrscheinlich zerlumpt und dreckig. Bevor er schreit: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!, schreit seine jämmerliche Existenz schon gen Himmel. Die Bibel gibt der Not einen Namen: Bartimäus. In meiner Erzählung heißt sie Andrea, ein Name und eine Person, die im Puckenhof nicht vorkommen, aber für Kinderschicksale steht, die sich am Straßenrand unserer Gesellschaft aufhalten und jemand brauchen, der für sie um Hilfe schreit, weil Kinder in unserer Gesellschaft schlecht gehört, überhört, mundtot gemacht werden. Was hat Andrea in ihrem jungen Leben schon erlebt und erlitten! Die Mutter hat zwei Kinder. Der Vater ist nicht mehr in Sicht. Es gibt wechselnde Freunde. Von frühester Kindheit an wird Andrea missbraucht. Erst als sie ins Schulalter kommt und die Einschulung nicht klappen will, vertraut Andrea eines Tages einer Erzieherin ihre Angst an, dass sie mit ihrer Mutter und deren Freund in Urlaub fahren soll und Angst hat vor dem Mann und seinen Berührungen. Oft und oft sind solche Fälle verdeckt. In diesem Fall greift das Jugendamt ein und es kommt zu einer schnellen Notaufnahme im Puckenhof für ein Kind, das als Haupterziehungsmittel den Fernseher hatte, damit die Mutter ihren Freiraum bekam. Andrea ist emotional gestört, beziehungsunfähig, was sich wiederum als große Rückständigkeit im Lernbereich auswirkt und in Unsicherheit gegenüber Erwachsenen und Kindern, die sich in immer wiederkehrenden Aggressionen entlädt. Solche kindlichen Existenzen schreien gen Himmel. Die Diakonie gibt der Not einen Namen: Andrea

2. Diakonie hält die soziale Frage offen

Andrea ist nicht nur ein Einzelfall, sondern ein Produkt einer Gesellschaft, in der das Augenmerk sehr stark auf Leistung und Profit und Funktionieren liegt und in der deshalb der Konkurrenzdruck auf die Kinder und Jugendlichen, die Schwächen zeigen, immer mehr zunimmt, so dass immer mehr auf der Strecke bleiben und an den Rand gedrängt werden, auch wenn oft persönliches Verschulden von Eltern und Erwachsenen vorliegt. Diakonie ist die Anfrage an die Gesellschaft, ob sie sich verhalten will wie die Menschen in der Geschichte, von denen es heißt: Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Es gibt auch in unserer an sich sehr sozial eingestellte Gesellschaft Tendenzen, das soziale Engagement für die Schwachen zurückzufahren, um Einsparungen zu erzielen. Aber wir können doch unser Eintreten für die Hilfsbedürftigen nicht von einer Kosten-Nutzen-Rechnung abhängig machen. Ich war als 1. Vorsitzender mit in der Auseinandersetzung mit einem Jugendamt wegen zwei von dem Jugendamt abgebrochenen Maßnahmen, deren Abbruch wir aus pädagogischen Gründen um der Kinder willen nicht gutheißen können. Soll Andrea nach zwei, höchstens drei Jahren in eine ungewisse Zukunft entlassen werden?
Diakonie gibt den Schwachen in unserer Gesellschaft eine Stimme, die sich nicht totschweigen lässt, sondern für alle vernehmlich ruft: Erbarme dich meiner!

3. Diakonie folgt dem Ruf Jesu zur Hilfe

Und Jesu blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! In diesem: Ruft ihn her! ist die ganze Hilfe enthalten: das Wissen Jesu um diese zum Himmel schreiende Existenz des Bartimäus, seine große Liebe zu den Schwachen, die mitten in der Menschenmenge den heraushebt, der es am nötigsten braucht, und sein großes Vertrauen in die Verwirklichung der Hilfe, die ihm sein Vater gegeben hat. Andrea wird herausgerufen aus ihrer bedrohlichen und angstmachenden Umwelt, die das Kind auf die Dauer zugrunde richtet. Ohne große bürokratische Hindernisse wird sie in eine der Wohngruppen für die Kinder im Schulalter aufgenommen. Ganz unsicher kommt sie an, zögernd und ängstlich mit ihren paar Siebensachen und vielleicht doch mit der Hoffnung, dass ihr Leben nun anders werden kann. Als erstes wird ein Hilfeplangespräch mit den Verantwortlichen durchgeführt und auf Grund der Ersteinschätzung von Andrea werden die notwendigen schulischen und therapeutischen Maßnahmen beschlossen. Für Andrea stehen bereit: die besonders geschulten und den Kindern mit großer Zuneigung gegenübertretenden Betreuer und Betreuerinnen der Wohngruppe, die Andrea auf- und annehmen; die am individuellen Unterricht orientierten Lehrkräfte, die mit großer Geduld und Kompetenz auf die großen Schwierigkeiten eingehen, die ein Kind wie Andrea zunächst bereitet; die Fachkräfte, Psychologen und Heilpädagogen für die Einzelfördermaßnahmen; und ein an unseren christlichen Glaube orientiertes Klima des Zusammenlebens, zu dem wir im Puckenhof alle unseren Beitrag geben, um dem Ruf Jesu, mit dem er die Schwachen herausruft, gerecht zu werden.

4. Diakonie ist eine Gemeinschaftsaufgabe

Jesus nimmt Menschen in Anspruch, die seinen Auftrag durchführen: Und sie riefen den Blinden und sprachen: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich !Andrea wird in ihrer Gruppe herzlich aufgenommen. Die Leiterin zeigt ihr zuerst ihr Zimmer. Viele Kinder haben im Wohnbereich Einzelzimmer. Die Zimmer sind schön eingerichtet, dürfen individuell gestaltet werden. Andrea wird an die Wände ihre Lieblingsposter hängen. Ein Wohnzimmer für die Gruppe ist vorhanden mit Spielen und dem Fernseher, der kontrolliert gebraucht wird. In dem schön gestalteten Esszimmer habe ich das Mittagessen mitgemacht und habe erlebt, wie Andrea inzwischen in ihre Gruppe integriert ist. Dieses Gruppengefühl ist ja so wichtig für die Entwicklung, für das Lernen, mit einem anderen Menschen in gute Beziehungen zu treten. Die Betreuer achten sehr darauf, dass hier Lernprozesse entstehen. Andrea, die inzwischen das Reden und Sich-Ausdrücken gelernt hat und gerne viel redet, muss manchmal gestoppt werden, um den anderen genau zuzuhören. Es ist eine richtige Familie für Andrea geworden. Ich erlebe es mit, wie sie nach einem Gespräch der Betreuerin um den Hals fällt, um ihre Liebe auszudrücken. Diese schöne Gemeinschaft von Schwachen, die immer stärker werden, und Helfenden ist ein Segen des diakon. Handelns im Sinne Jesu, der sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich !

5. Diakonie ist zielgerichtete Hilfe

Dass diese Hilfe an einem so zerrütteten Kinderschicksal wie dem der Andrea nicht so schnell geht wie das Wunder, das Jesus an dem Bartimäus mit den Worten vollzieht: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen !, wissen wir alle. Aber diese wunderbare Hilfe Jesu ist ja nur die Kurzfassung dessen, was als Hilfe an Menschen geleistet werden kann und geleistet werden soll. Der Auftrag Jesu ist nicht die Schnelligkeit, sondern die Effizienz der Hilfe, getragen von der Liebe zu anvertrauten Hilfsbedürftigen. Ich erlebe die Hilfe für Andrea in der Schulklasse mit, die ich besuchen darf. Die Deutschstunde beginnt damit, dass die Schüler sich einen Wollfaden aussuchen dürfen. Die Lehrerin erzählt die Geschichte von einem Faden, der sich langweilt und deswegen Figuren bildet, eine Acht, eine Schnecke, eine Schlange usw. Die Schüler bilden die Figuren mit ihrem Faden nach und lesen dann die Geschichte selber, indem sie die durcheinandergeratenen Teile ordnen. Ich kann es gar nicht richtig schildern, wie phantasievoll und spannend der Unterricht ist, wie geduldig, aber mit großer Bestimmtheit die Lehrerin auf die Einzelnen eingeht. Ich erlebe Andrea beim Hausaufgabenmachen mit. Ihre Betreuerin ist in der Nähe, greift ein, wenn nötig, aber liebevoll, ermutigend und immer mit Hilfe zur Selbsthilfe. Ich spreche mit der Heilpädagogin über Andrea, wie das Kind zuerst nicht einmal ihre Körpergefühle ausdrücken konnte geschweige denn schwierige Beziehungsgefühle, wie sie dann angefangen hat, auch Konflikte an sich ranzulassen und nicht gleich durchzudrehen. Ich bin immer mehr beeindruckt von der Arbeit, die durch Betreuer und Fachkräfte am Puckenhof geschieht und ein ungeheurer Wert für unsere Gesellschaft ist, weil hier wie in der Geschichte vom Bartimäus den Menschen durch die Art, wie man mit ihnen umgeht, die Menschenwürde zurückgegeben wird. Was kann man Kindern Besseres geben als die Stärkung ihres Ichbewusstseins, so wie es Jesus mit dem Bartimäus macht, wenn er sagt: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen ! Das ist der Glaube, dass ein Mensch vor Gott eine unverlierbare Würde hat und die Hilfe für ihn diese Würde anerkennt. Diakonie ist zielgerichtete Hilfe zur Menschenwürde.

6. Diakonie vollzieht das Wunder Jesu nach

Da geschieht an dem Bartimäus das doppelte Wunder, dass er sehend wird und dass er der Liebe Gottes folgt und bei ihr bleibt durch die Nähe zu Jesus. Das Wunder der Hilfe für die Kinder und Jugendlichen im Puckenhof hat viele Gesichter, z.B. das einer Statistik, die erhoben wurde und besagt, dass von den Jugendlichen, die in der Puckenhofer Schule zur Erziehungshilfe bis zum Schluss bleiben, 80% eine abgeschlossene Berufsausbildung schaffen oder eine weiterführende Schule besuchen. Wenn man sich vor Augen führt in welchem Zustand diese Jugendlichen als Kinder im Puckenhof angefangen haben, ist das ein reines Wunder, das an Vielen schon geschehen ist und immer noch geschieht. Andrea ist nun schon einige Zeit im Puckenhof. Sie hat gelernt, auch mit ihrer Mutter offen umzugehen, ohne gleich in Panik zu verfallen. Sie hat schulisch enorm zugelegt. Die Lehrkräfte meinen, dass sie sogar den Hauptschulquali einmal schaffen wird und dann eine Lehre beginnen kann. Sie erzählt mir beim Essen von ihrer Freizeit, die sie mit großer Begeisterung mitgemacht hat. Ein Mitarbeiter des Puckenhofs bietet auf erlebnispädagogischem Gebiet u.a. Höhlenklettern in der Fränkischen Schweiz an. Andrea hat sich als Kletterkameradin bei dieser Tour bestens bewährt, sagt er. Wenn man ihre Entwicklung über die Zeit hin betrachtet, ist ein Wunder an ihr im Gange. Gott wird es vollenden durch die Liebe, die Andrea erfahren hat und weiter erfahren wird von Menschen, die sich so liebevoll, engagiert und kompetent um sie kümmern. Diakonie als Wunder der Liebe Gottes an den Menschen soll nie aufhören unter uns, die wir Christen sein wollen. Unsere Welt braucht eine solche von der Liebe getragene Diakonie. Es gibt so viele Menschen, die wieder auf ihre eigenen Füße gestellt werden müssen wie Bartimäus, der plötzlich sehen kann und Jesus nachfolgt. Für diese Art der Diakonie wollte ich heute Ihr Verständnis wecken. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Amen.