Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 1,12 – 15

Gefängnisseelsorger Dietmar Jordan (rk)

26.02.2012 in der Kirche der Justizvollzugsanstalt Aachen

1. Sonntag der österlichen Bußzeit

Wer hält uns aus?

Copyright: D. Jordan/Klaus Herzog, Aachen

Copyright: D. Jordan/Klaus Herzog, Aachen

Glück und Glas – wie leicht bricht das.“ So sagt es ein Sprichwort. Glas ist ein empfindliches Material, mit dem man vorsichtig umgehen muss. Wie schnell gibt es da Risse, Brüche oder gar Scherben. Glas gleicht in Vielem dem zerbrechlichen Stoff unseres Lebens: Wir alle sind Menschen aus Fleisch und Blut. Jeder mit einer ganz eigenen Geschichte, mit einem ganz eigenen Lebensweg. Manchmal gelungen und schön anzusehen. Nicht selten aber auch erbärmlich, entstellt und kaputt. - „Glück und Glas – wie leicht bricht das.“ Wir alle sind Menschen aus Fleisch und Blut, keine Roboter und keine Maschinen. Und weil das so ist, sind wir alle auch zerbrechlich, verwundbar und verletzlich.


Jeder von uns trägt die Risse und Wunden seines Lebens am eigenen Leib. Jeder von uns kennt seine Bruchlandungen. Zu jedem von uns gehören auch seine Niederlagen, die Enttäuschungen und Bitterkeiten seines Lebensweges. Jeder von uns kennt oder ahnt zumindest auch seine Widersprüche, die Sackgassen und Ausweglosigkeiten seiner Persönlichkeit und seiner Geschichte.


Manchmal ist in uns und um uns ganz viel zerbrochen. Manchmal sind Gräben entstanden, die kaum zu überwinden sind. Manchmal haben sich Abgründe aufgetan, in die wir am liebsten gar nicht hineinschauen. Hier im Knast brauch´ ich das nicht weiter vertiefen.


Die spannende Frage aber ist und bleibt: Was machen wir eigentlich mit den Bruchlandungen, mit den Rissen und Wunden unseres Lebens? Müssen wir sie verdrängen? Müssen wir uns Masken zulegen, die uns schützen und so tun als ob alles gar nicht so wäre? Müssen wir unsere Scheußlichkeiten in mühsamer Anstrengung verleugnen? Müssen wir ihnen davonlaufen – solange bis uns der Atem ausgeht und wir zusammenbrechen?


Manche halten es ja mit dem Betäuben – in Drogen und Alkohol oder anderen legalen und illegalen Drogen. Da kann man sich selbst und die Welt einigermaßen ertragen. Da hat man wenigstens ein Weilchen Ruhe und eine schöne Scheinwelt.

Nicht wenige empfehlen uns heute die Psychologen, den Psychiater oder andere Therapeuten. Da heißt es: Sich stellen, alles aufarbeiten, alles aufdecken, verstehen und erklären … Das macht Sinn. Aber: bei allem Respekt: Ist der durchschaute und therapierte Mensch schon ein angenommener und geheilter?


Noch einmal: Wo bleiben wir mit dem Dreck, mit dem Dunkel und mit der Vergeblichkeit unsres Lebens? Was machen wir mit der Schuld, die wir auf uns geladen haben? Was wird mit den Widersprüchen, aus denen wir manchmal kaum noch heraus kommen? - Wer hält das aus? Wer hält mich aus – so wie ich wirklich bin? Wer hält uns aus? Wer läuft da nicht weg? Wer steht zu uns? Wer geht mit uns? Und wer bleibt bei uns – so wie wir sind?


Männer, ich glaub das sind Fragen, die uns wirklich zu dem führen, warum es hier im Knast Seelsorge, Glaube und Kirche gibt. – Nicht als ob durch den Glauben alle Fragen beantwortet werden! Das wäre echt vermessen. Aber: Sie haben einen Ort. Und sie haben ein Recht, eine Würde und eine Form. - Hier werden sie ernst genommen. Hier dürfen sie gestellt werden – diese Fragen. Und hier gibt es wenigstens eine Ahnung, wie wir mit diesen Fragen und Nöten leben und umgehen können und dürfen.

 

Wie hieß das vorhin am Anfang:


Nicht an Sprüchen gemessen werden. Keine Schau abziehen müssen. Den Schild absetzen dürfen, ohne verwunden zu werden. Keine Entschuldigung nötig haben. Nichts erklären, nichts beweisen müssen. Verstanden, angenommen sein, wie man ist, wortlos.“


Ich glaube, dieser kleine Text von Detlev Block, kommt der Botschaft des Evangeliums sehr nahe. Und er entspricht der wunderbaren Einladung Gottes, für die Jesus Christus mit seinem Leben und Sterben eingestanden ist. Das steht am Anfang des christlichen Glaubens. Und das steht am Anfang jeder christlichen Moral: Die Zusage „Du darfst der sein, der der du bist.“ Gott liebt dich und er kennt dich – in all deiner Schönheit, aber auch in deiner Hässlichkeit und mit deinen Fratzen. Gott liebt dich und er schaut dich an. Und gerade deshalb: Ruh dich nicht darauf aus! Werde der, der Du sein sollst - sein Ebenbild, sein Menschenkind. Das ist der zweite Anruf des Evangeliums: Kehr um! Gib dir einen Ruck! Nimm ihn neu auf, den Kampf mit den Mächten der Sünde und des Todes. Glaub an Gottes Zusage und lebe nach seinem Wort und Gebot!


Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal einen etwas genaueren Blick auf den gläsernen Altar hier in unsrer Mitte geworfen haben. Er ist ein seltenes Stück, denn nur in ganz wenigen Kirchen ist der Altar aus Glas. Aber gerade durch sein Material und durch seine Gestaltung ist er ein wunderbarer Zeuge unseres Glaubens.


Glück und Glas – wie leicht bricht das.“ So sagt es das Sprichwort. Die Kostbarkeit und die Zerbrechlichkeit unsres Lebens, unser Altar weiß um beides. Und er trägt es gewissermaßen am eigenen Leib. Auch er hat bei all seiner Schönheit schon einige Macken. Und auch durch ihn geht ein dicker Riss, der seine gläserne Tischplatte in zwei Teile zerbricht. Aber mitten drin wird dieser Bruch gehalten von einer kreuzförmigen Konstruktion, ein Kreuz in blau schimmernden Farben, ein Kreuz, das die zerbrochene Glasplatte auffängt und hält.


Ich glaube, in dieser symbolischen Sprache ist etwas ganz Zentrales ausgesagt: Hier am Altar, hier an diesem Ort, an dem wir vor Gottes Angesicht zusammenkommen, hier dürfen und hier können wir uns lassen – mit all unseren Fragen, mit all dem, was in uns und um uns zerbrochen und zu Bruch gegangen ist.


Hier feiern wir den, der all das kennt und der all das selbst erfahren und getragen hat – bis ans Kreuz. Fast Unglaubliches sagen und singen wir von ihm. Er hält es zusammen: den Tod und das Leben. Über alle Abgründe hält er dem Leben die Stange, damit die Hoffnung nicht mutlos wird und damit unsere Träume und Visionen Farbe behalten und Kraft.


Das Kreuz als Zeichen, dass wir getragen und gehalten sind – auch mitten in unseren Widersprüchen, in den Rissen und Brüchen unseres Lebens. - Mit einem besonderen Kreuz - Zeichen beginnt die katholische Tradition die 40 Tage der Vorbereitung auf Ostern. Das Aschenkreuz: Asche als Symbol unserer Dunkelheiten, als Zeichen der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit menschlichen Lebens. Und das Kreuz als Zeichen unserer Annahme bei Gott.


Er schaut uns an und er kennt uns – so wie wir wirklich sind, ohne Täuschung und ohne Maske. Bei ihm sind wir gut aufgehoben – auch mit den Fragen, die uns manchmal quälen und auf die wir so oft keine Antwort wissen.

Und er geht mit uns den Weg des Lebens - vom Dunkel zum Licht, durch die Vergänglichkeit zur Ewigkeit. Wohl dem, der eine solche Hoffnung hat. Und wohl dem, der sich bergen darf in einem solch gläubigen Vertrauen.


Der Aschermittwoch ist zwar schon vorbei, aber auch heute am ersten Sonntag der Fastenzeit ist Gelegenheit, sich mit der Asche und mit dem Dreck unseres Lebens unter das Kreuz zu stellen. Auch heute können und dürfen wir glauben und hoffen: Es gibt da einen, der hält uns aus und der nimmt uns an – so wie wir sind. Wer dazu den Mut und die Courage hat, den lade ich ein, gleich nach der Segnung der Asche nach vorn zu kommen und sich das Aschenkreuz auf seine Stirn zeichnen zu lassen.


Bedenke, Mensch, du bist Staub und zum Staub kehrst du zurück!“ – „Kehr um und glaub an das Evangelium!“