Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 11,7ff.

Pfarrer Alexander Behrend

18.03.2005 Andacht zur Bezirkssynode Reutlingen

„Leiten mit Zielen“

Liebe synodale Gemeinde,
da ist doch der Bock zum Gärtner gemacht worden –
wenn ich jetzt die Andacht halten soll zum Thema „Arbeiten mit Zielen“.

Da soll es um Veränderung,
um Planung,
ums Vorwärtskommen gehen –
aber was, wenn mir das Du-darfst-Prinzip im Moment viel näher liegt?

Sie kennen diese wunderbare Werbung, in der adrette und hochgewachsene jüngere Damen heller Haarfarbe und von etwa der Hälfte meines Körpergewichts ihrem Spiegelbild fröhlich zuträllern:
„Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“

Ich liebe diesen Werbespot –
und ich nehme ihn für mich –
obwohl ich wahrscheinlich nicht wirklich zur Zielgruppe gehöre – rein optisch gesehen.
„Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“

Liebe synodale Gemeinde,
ich weiß,
Sie wollen auf Gottes Wort und nicht auf mediales Werbegesülze,
Sie wollen auf die Bibel und nicht auf die Befindlichkeiten des Gönninger Pfarrers hören –
recht so!

Aber ich bin mir zugleich sicher,
dass unter Ihnen etliche meiner Schwestern und Brüder im Geiste sind,
denen das ständige Reden von Veränderung,
von Planung,
von Zielen – wo ich immer erst noch hin muss –,
von Vorwärtskommen,
von entwickeln – Personal und überhaupt alles –,
voranbringen,
projektieren gehörig auf den Senkel geht.

Zur Zeit muss man sich das ja nicht nur aus den kirchlichen Chefetagen, sondern von den Bushaltestellen anhören:
„West – Für mehr Mut zur Veränderung“ – muss ich mir von einer Zigaretten-Firma sagen lassen –
ich bin beruhigt, als ich merke, dass es sich nur um das Design der Verpackung handelt –
der Inhalt bleibe zum Glück der West-Raucherin und des West-Rauchers gleich –
es hält sich mithin in Grenzen, die Sache mit der Veränderung –
und der Verdacht drängt sich auf, dass es eh in 90 Prozent der Fälle um eine Design- und Marketing-Frage geht.

Liebe Schwestern und Brüder,
ob Sie womöglich auch nicht nur aus einem ersten Affekt heraus skeptisch sind,
sondern weil Sie sich fragen, ob das mit Veränderungen und Planen und Ziele-Setzen wirklich gleich etwas mit Gott und dem Herrn unserer Kirche zu tun hat und in seinem Sinne und Geiste ist.

Könnte doch sein, dass es weniger Gottes als der Zeitgeist ist, der uns das einflüstert:
du musst was machen,
oder du musst wenigstens so tun, als ob du was machst,
tolle Projektbeschreibungen verfassen
und da und dort am Schräubchen drehen
und dich verändern und – schick neudeutsch – Change-Management betreiben.

Könnte doch sein, dass es weniger geistliche Erkenntnisse sind, die uns leiten,
sondern eher die Hektik einer Zeit, die zwar nicht mehr um ihre Ziele weiß,
dafür aber wenigstens den Weg dorthin nicht kennt.

Könnte doch sein, dass unsere Zeit viele von uns zu
– wie nannte es Riemann in seinem klassischen Angst-Buch –
zu hysterischen Charakteren formt, die vor nichts mehr Angst haben,
als dass alles beim Alten und so bleibt wie es ist.

Könnte sein in einer Zeit, in der du nicht mehr alt sein darfst und ewig jung werden musst.

Könnte doch sein, dass wir Methoden aus Managementleistung und Wirtschaft anwenden, weil wir denken, dass das etwas bringen muss, weil es doch mit so viel Elan vorgetragen wird und die Bücher und die Seminare so saumäßig teuer sind –
wenn ich die Arbeitslosenstatistik, die Konjunktur und mein Aktiendepot anschaue, sehe ich wenig Anlass, neidisch auf die Wirtschaft und ihre Methoden zu schauen.

Könnte doch sein, dass Veränderung zum Modewort verkommen ist.

Könnte doch sein …

Ob er vielleicht doch recht hatte, mein Ex-Dekan, der einmal
– es ging um die Anschaffung eines Faxgerätes
und ich habe mich damals, noch diesseits der Vierzig, kringelich gelacht in meiner Ignoranz –,
ob er vielleicht doch recht hatte, mein Ex-Dekan, der einmal behauptete, die Kirche sei eine Institution, die sich eine gewisse Langsamkeit noch leisten könne –
wahrscheinlich weil sie in einem gewissen Sinne eben eine Ewigkeit noch vor sich hat.

Liebe synodale Gemeinde,
ja, ich weiß, dass Sie auf Gott und sein Wort hören wollen –
also dann jetzt endlich! (Einzug nach Jerusalem nach Mk 11,7ff)
So oder so ähnlich werden Sie es übermorgen im Palmsonntags-Gottesdienst hören.

„Und die Jünger führten einen Esel zu Jesus
und legten ihre Kleider darauf,
und er setzte sich darauf.
Und viele Leute breiteten ihre Kleider auf den Weg,
andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten.
Und die vorangingen und die nachfolgten, schrien:
Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!
Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt!
Hosianna in der Höhe!“

Liebe kirchenbezirksleitende Geschwister,
es fasziniert mich persönlich am meisten an unserem Jesus,
dass er einfach da war,
dass er mit den Menschen lebte,
dass er die meiste Zeit seines Lebens – wir hören kein Wort von ihm oder über ihn aus dieser Zeit – einfach seinem Job nachgeht,
da und dort einen Nagel einschlägt,
hier und da einen Balken setzt;
und er kommt ausgerechnet dann groß raus, als er volkswirtschaftlich betrachtet die Hände in den Schoß legt und zum Gebet faltet und nichts Nützliches tut –
den Menschen eben versucht, Gott nahe zu bringen.

Und sie zu erlösen,
und mit ihnen zu leben –
und das bringt ihm den Tod,
weil schon seine Zeit damals so viel Unzeitgemäßes nicht aushält.

Auf einem einhertrottenden Esel kommt er,
bedeutend weniger PS und viel, viel langsamer als noch der kleinste Wagen aus dem oberkirchenrätlichen Fuhrpark;
und er will auch gar nicht wirklich irgendwohin,
er will bloß dort ankommen, wo sein Vater schon ist,
und als er dort ist, klar Schiff und den Tempel sauber gemacht hat,
da werfen sie ihn mit vereinten Kräften hinaus
und machen die letzten menschlichen Pläne per Kreuzigung zunichte.

Ja, ich weiß schon,
wir, die Kirche, sind nicht Jesus,
wir müsse uns einstellen und den Veränderungen stellen,
so wie es die Kirche schon im Neun Testament gemacht hat,
wenn sie sich eingerichtet hat hinieden,
wenn sie sich Strukturen gegeben und auf den Weg durch die Zeiten gemacht hat,
weil sie merkte, dass es mit der Wiederkunft Jesu offensichtlich noch dauert.

Die Kirche hat sich im Namen Jesu und in der Hoffnung auf seine Geistesgegenwart auf ihren Weg durch die Zeiten gemacht –
mir fällt auf, was von diesem Weg Bestand hat:

*

Steine und Gebäude – manchmal über tausend Jahre alt und mehrere Kriege überstanden: aber fast nur solche Gebäude, in denen Gott gefeiert und eben das höchst Nutzlose getan wurde: Gott beehrt und ihm die Treue gehalten;

*

und dann bleiben Bekenntnisse und Schriften – anders ausgedrückt: das feurige und mit Herzblut betriebene Suchen nach der Wahrheit – mit viel Streit und manchmal gar im wörtlichen Sinne mit Verwundungen verbunden – oftmals wenig tolerant, aber im tiefen Bewusstsein, dass nicht alles gleich und gleich gut und gleich wahr ist.

 

Bisher hatte in der Geschichte der Kirche nur das Bestand:
der Gottesdienst – und seine Heimat in den zweckfreien Kirchengebäuden;
die Wahrheit – symbolisiert in unseren Bekenntnissen und in der Schrift und den Schriften.

Liebe Schwestern und Brüder,
natürlich habe ich als Phlegmatiker die Angst, dass all das, was ich gerade sage, nur meine eigene Verdrängungsstrategie in Sachen Veränderung ist;
das kann durchaus sein –
also Vorsicht bei der Andacht!

Aber es könnte halt doch schon auch sein,
dass wir uns zugrunde planen,
weil wir über unseren Zielen und unserem Planen – das festzulegen und es sogar umzusetzen und zu tun kostet Zeit und Ressourcen –,
dass wir darüber schlicht und einfach das uns Zustehende nicht mehr oder vorsichtiger: zu wenig tun:
Beziehungsarbeit,
mit den Menschen leben,
Gott anbeten.

Das kommt schlicht daher.
Es ist nicht wirklich einfach.
Es ist sogar ziemlich schwierig.
Weil es etwas mit dem Vertrauen zu tun hat, dass es der Herr schon richten wird.
Und das ist uns nicht mehr sehr ausgeprägt.
Die Beziehungsarbeit und alle andere schlichte Arbeit am Reich Gottes und an dem Ort, wo wir leben, ist ein hartes und anstrengendes und manchmal verletzendes Geschäft – und dran bleiben gleich zweimal.

Schon gut –
wir kommen ums Planen, kommen nicht drumherum Ziele zu vereinbaren, zu setzen, zu verfolgen; und wenn man nicht im KBA schafft oder im Dekanatamt werkelt oder im Dienstleistungszentrum Verwaltung sitzt und grübelt, kann man das gut sagen, was ich gerade sage.

Aber es ist ja auch nicht als Angriff und auch kaum als Kritik gemeint –
ich will mich nur eindringlich und eindeutig erinnern, dass ich vom Vertrauen auf den Herrn unserer Kirche predige –
und dass ich es deshalb auch in Gottes Namen innerkirchlich gleich zweimal pflegen sollte.

Und dass ich gelassen und sicherlich öfters als es geschieht nach dem Du-darfst-Prinzip leben darf und soll.

Und dass ich dann diesem einen doppelten Ziel gelassen und konsequenter zuarbeiten will:
Gott zu feiern, die Wahrheit zu suchen.

Der Rest ergibt sich.

Vielen Dank allen, die sich um den Rest kümmern!

Und Ihnen allen Gottes Segen –
die Sie es mit dem Eselsreiter halten, der nicht viel bewegt, aber alles verändert hat!

Amen.