Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Markus 12,1-12

Pastor Dr. Christoph Barnbrock (ev.-luth.)

08.03.2009 in der Zionskirche Verden und der Immanuel-Kirche Rotenburg

Liebe Gemeinde,


I.

Gott packt die Koffer und verreist. - Immer wieder irritiert Jesus seine Zuhörer in sei-nen Gleichnissen mit Vorstellungen wie dieser. Und oft begegnet uns gerade dieses Motiv in Jesu Gleichnissen: Gott packt die Koffer und verreist.

Wo fährt Gott denn hin? Warum bleibt er denn nicht selbst bei seinem Weinberg, um nach dem Rechten zu sehen?, mögen wir fragen. All das bleibt. Und, „na klar“, magst du denken: Es ist ja nur ein Gleichnis.

Und doch: Vielleicht kennen wir noch besser als die Generationen vor uns das Grundgefühl, dass Gott verreist zu sein scheint. Gott redet eben nicht mehr so unmittelbar zu uns, wie er mit Mose oder Abraham geredet hat. Natürlich: Gott sorgt auch für uns, redet auch zu uns durch seine Boten und durch die Botschaften der Bibel. Aber eben doch nur mittelbar – wie über eine gewisse Distanz hinweg.

II.

Also bleiben wir ruhig dabei: Gott packt die Koffer und verreist. Er übergibt die Ver-antwortung in seinem Weinberg – also: für sein Volk, für Kirche und Gemeinde, für jeden Einzelnen an Menschen, die dafür Verantwortung tragen. Alles ist geregelt. Die Zuständigkeiten sind geklärt. Gott packt die Koffer und verreist.

Und kaum hat Gott die Koffer gepackt und ist verreist, passiert hier im Gleichnis noch ein Zweites: Die Sünde packt die Menschen. Dass Gott nicht direkt sichtbar und greifbar ist, verleitet Menschen dazu, sich selbst und ihre Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Und genau das ist ja Sünde: Dass sich Menschen in den Mittelpunkt stellen – auf Kosten anderer, ohne Rücksicht auf das, was Gott ihnen an Verpflichtungen mitgegeben hat.

Die Weinbergpächter im Gleichnis sind dabei keineswegs faul, sind keine Versager. Gut möglich, dass sie den Weinberg gut in Schuss haben. Aber in ihrem Arbeiten schauen sie nur noch auf sich selbst. Sie selbst wollen einen größtmöglichen Gewinn machen. Sie vergessen, dass ihnen alles, was sie haben, nur von Gott, geliehen, anvertraut ist.

Vielleicht entdeckst du dich an dieser Stelle wieder: Dass auch dir in allem Leben, Arbeiten und Tun Gott mehr oder weniger aus dem Blick gerückt ist. Dass dir dein Wohlergehen, das Spaßhaben im Leben wichtiger ist als alles andere. Und was Gott will, das scheint allenfalls Nebensache zu sein. Er ist ja so weit weg. Er scheint verreist zu sein. Und so  packt bis heute die Sünde uns Menschen.

III.

Und wozu Menschen fähig sind, die von der Sünde gepackt sind, zeigt dann der tragische Höhepunkt des Gleichnisses: Immer wieder hat der Weingärtner, also Gott, seine Boten geschickt, um seinen Willen zu verkündigen und um seine berechtigten Forderungen an die Menschen durchzusetzen.

Aber das ist unbequem. Es lässt sich leichter leben, wenn ich einen Weinberg bear-beite und den ganzen Ertrag für mich behalten darf. Wer da kommt und sagt, Gott habe auch noch ein Anrecht darauf, ist ein Spielverderber – wie der, der sagt: Es kommt im Leben nicht nur darauf an, dass du Spaß hast, dass alles leicht ist, dass dein Leben möglichst erfolgreich ist. Nein, Gott hat dir dein Leben anvertraut. Und er erwartet, dass du Ertrag bringst, dass du verantwortlich handelst – für ihn, für seine Kirche und für seine Gemeinde. Aber das stört: Und so werden diese Boten weggejagt, geschlagen und getötet. Schließlich sogar der Sohn des Weinbergbesitzers, Gottes Sohn: Jesus Christus. Die Sünde packt Menschen. Und Menschen packen Gottes Sohn und haben ihn umgebracht.

Wo Sünde Menschen packt, ist der Tod nicht weit – bis heute: Rufmord geschieht, oder: wo einer ein Wort der Verständigung, der Klärung und der Versöhnung sucht, wird eine Sache oftmals totgeschwiegen, oder: wo es besser wäre zu schweigen und einen anderen so zu schützen, wird seine Not, vielleicht auch sein Versagen totgeredet.

Nein, nicht alle Sünder sind Mörder. Und doch steckt in jeder Sünde dieselbe Kraft der Sünde, die die Menschen damals gepackt hat, die Jesus Christus ans Kreuz ge-schlagen haben. Es ist dieselbe Macht der Sünde – damals wie heute – im Großen wie bei uns im Kleinen. Und so können auch wir uns von der Verantwortung für den Tod Jesu nicht frei sprechen. Auch uns packt die Sünde – immer wieder. Dieselbe Macht der Sünde, die Jesus ans Kreuz gebracht hat.
IV.

Und nun? - Der Sohn des Weinbergbesitzers ist tot. Der Erbe ist nicht mehr im Weg. Endlich, so scheint es, haben die Pächter erreicht, was sie wollen: Der Chef ist im Ausland unterwegs, weit weg, und niemand ist mehr da, der sie stören kann in ihrem Bestreben, möglichst viel eigenen Profit zu erzielen. Aufatmen ist angesagt, so scheint's.

In der Zeit der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert haben Menschen immer wieder so aufgeatmet, weil sie meinten, sie hätten sich von Gott befreit und damit nun end-lich ein unbeschwertes Leben. Ein Leben ohne Verpflichtungen. Ein Leben ohne vorgeschriebene Werte und Normen, ein Leben, wie es uns gefällt – ausschließlich an den eigenen Wünschen ausgerichtet.

Doch was wird geschehen? - Man muss nicht einmal Christ sein, um zu erkennen, dass Wesentliches verloren geht, wenn Menschen Gott aus ihrem Leben ausschlie-ßen, wenn Menschen Gott töten.

Selbst der atheistische Philosoph Friedrich Nietzsche, der mit seinem Ruf „Gott ist tot!“ spektakulär für Aufsehen gesorgt hatte, weiß um die Tragik dessen, was er da sagt. Nein, ein Leben ohne Gott macht die Welt eben nicht zum Himmel auf Erden. Sondern der Stärkere siegt über den Schwächeren. Und wenn der Stärkere irgend-wann zum Schwächeren wird, kommt auch er unter die Räder. Eine Welt ohne Gott ist eine tragische Welt, weil ihr die Grundlage von Werten und Normen verloren geht und weil sie auf ein wesentliches Problem keine Antwort hat: nämlich auf das des Todes.

V.

Denn so ist es ja immer schon gewesen, dass die Sünde nicht nur Menschen ge-packt hat, sondern dass als Folge dessen jeder Mensch die Koffer packen muss, früher oder später – nämlich wenn es daran geht zu sterben.

Und so ereignet sich auch unter uns ganz alltäglich das, was die Pächter im Gleich-nis als besondere Strafe erleben: Sie müssen sterben. Und das, was sie haben und was sie an Profit mit so großem Eifer gegenüber Gott sichern wollten, bleibt doch nicht bei ihnen. Es wird anderen gegeben. So wie tagtäglich Menschen sterben und andere in ihre Häuser einziehen, andere ihre Plätze einnehmen.

Auch das eine Folge der Sünde, die Menschen gepackt hat: Menschen müssen ir-gendwann die Koffer packen. Der Traum vom erfüllten, unbeschwerten Leben bleibt für alle Menschen in dieser Welt ein unerfüllter Traum – so sehr uns auch vorgegaukelt werden mag, wir könnten es erreichen, womöglich sogar dadurch, dass wir uns frei machen von allen Bindungen. Auch wir werden einmal die Koffer packen müssen und sterben.

VI.

Gott packt die Koffer und verreist. So hatte Jesu Gleichnis begonnen. Und im Gleichnis hatten die Dinge dann ihren tragischen Lauf genommen.

Gott ist auf Auslandsreise unterwegs. Dieses Bild lässt sich aber auch noch anders füllen – und damit gehe ich jetzt noch einen Schritt über das Gleichnis hinaus: Gottes Sohn hat im Himmel die Koffer gepackt und hat sich auf eine Reise begeben – ins Ausland, nämlich in unsere Welt.

Warum? - Natürlich einmal, um noch einmal Gottes Recht und Gerechtigkeit in dieser Welt zu verkündigen und dafür mit seiner eigenen Person einzustehen. Aber eben doch viel mehr als dies.

Gottes Sohn ist in unsere Welt verreist, damit wir nicht alleine am Bahnhof stehen, wenn der letzte Zug unseres Lebens abfährt. Jesus Christus ist bei uns auf Aus-landsreise gewesen, damit wir am Ende eben nicht in den Zug des Todes, sondern in den Zug des Lebens steigen. Er hat uns im Zug des Todes die Tür geöffnet, damit wir aus diesem Zug aussteigen und in den Zug des Lebens einsteigen können. Und das, obwohl auch uns die Sünde gepackt hat. Und das, obwohl auch wir in der Verantwortung dafür stehen, dass Menschen ihn gepackt und ans Kreuz geschlagen haben. Und doch: Wir dürfen einsteigen in den Zug des Lebens. „Vom Herrn ist das geschehen und ein Wunder vor unseren Augen!“

Wie gut, dass Gottes Sohn seine Koffer gepackt hat und verreist ist – zu uns!

Amen


 


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