Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 12,28-34

Pastor Mathis Burfien

in der Ev.-luth. Matthias Gemeinde, Hannover-Buchholz

Liebe Gemeinde,

es gibt eigentlich nur eine Sache, die mir noch mehr Spaß macht, als Sachen zu suchen: Sachen zu finden! Mit offenen Augen durch die Welt gehen, eine Blume zu finden, die aus den Fugen einer alten Mauer sprießt, das gefällt mir.
Ein ganz besonderer Fund fiel mir vor einiger Zeit in die Hände. Ich entdeckte ihn zwischen einem Stapel von Brettern in einem Sperrmüllhaufen am Straßenrand: ein altes Fotoalbum.
Ein paar der alten schwarz-weiß Bilder in dem schön gebundenen Album lagen schon lose zwischen schwarzem Karton und Seidenpapier. Auf den Seiten fanden sich einige handschriftliche Bemerkungen, manchmal stand auch nur eine Jahreszahl dabei.

Erinnerungen beim Blättern in einem Fotoalbum… - meistens denken wir dabei an die schönen Seiten unseres Lebens: wir auf den Armen unserer Eltern, unsere Konfirmation, die Hochzeit, der Urlaub am Meer, Menschen, die wir geliebt haben und Menschen, die wir lieben. Manchmal macht man sich lustig über die Kleidung, die man trug oder erinnert sich an die vielen Haare, die man damals noch hatte oder denkt vielleicht auch etwas wehmütig an die gute, alte Zeit zurück, damals als man noch jung war und davon träumte, die Welt zu erobern. Aber es beflügelt auch ein bisschen, es wieder so werden zu lassen. Schließlich schimmern die Bilder doch etwas vom Zauber der ersten Liebe wider, die vielleicht ein bisschen verflogen, aber ganz bestimmt noch nicht ganz weg ist…
Ein Bild in dem gefundenen Album ist mir noch in besonderer Erinnerung: Die Porträtaufnahme eines jungen Mannes in einer Militäruniform. Hoffnungsvoll blickt er in die Kamera. Neben dem Foto konnte ich einige Worte in schwungvoller Schrift entziffern: „Ich wollte dir doch immer so viele Liebesworte sagen, warum tat ich es nur nicht?“, stand dort geschrieben.

„Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und las er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.’
Das andere ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

Welches ist das höchste Gebot von allen, liebe Gemeinde? So vielen Geboten jagen wir nach in unserem Leben – der jüdische Schriftgelehrte kennt 613 Satzungen aus der Tora, bzw. den fünf Büchern Mose, wie wir sie nennen. Wie viele kennen wir? Was bestimmt unser Leben? Du sollst artig sein!? Du sollst fleißig sein!? Du sollst stark sein!? Du sollst vollkommen sein!?
Was hat wohl das Leben der Frau bestimmt, deren „Bildergeschichte des Lebens“ ich in einem Sperrmüllhaufen finden musste? Vielleicht die verpasste Liebe zu dem jungen Mann auf dem Foto?
Wie traurig ist es zu sehen, wenn die Erinnerungen eines Menschen irgendwann einmal weggeworfen werden; ausgeschüttet auf dem Schuttabladeplatz der Zeit. Wer wird an mich denken, wenn alle mich vergessen haben?
Es gibt diese Momente in unserem Leben, in denen wir uns vergewissern müssen, was es bedeutet, die paar Jahrzehnte unserer Existenz auf dieser Erde zu verbringen… Und dann müssen wir wissen, was wir tun sollen? Welche Inhalte unser Leben haben soll. Soll Gott eine Rolle spielen oder nicht? „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erlange?“, lautet eine Frage an anderer Stelle in der Bibel.
Wenn ich die Möglichkeit hätte, Jesus eine Frage zu stellen, ich würde genau das wissen wollen.
Und Jesus weiß eine Antwort darauf – natürlich…
Erstens sagt er: „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein – diesen Gott sollst du lieben.“
Für den jüdischen Schriftgelehrten ist diese Frage eindeutig. Was Jesus hier zitiert nennt sich „Schema Israel“ („Höre Israel“) und ist quasi das Zentrum jüdischen Glaubens. Täglich werden diese Verse gebetet. Diesen Gott, den Israel in seiner Geschichte kennen gelernt hat, soll es lieben. Nicht irgendeinen Gott, sondern den Gott, der Israel befreit hat aus der Sklaverei in Ägypten. Der seine Geschichten geschrieben hat mit Abraham, Mose, Mirjam oder Jakob, David und Esther oder Jona und die vielen anderen Helden und Versager. Ja, eben auch die Versager. In diesen Geschichten liegen viele Liebeserklärungen Gottes verborgen. Für Israel ist dieses „Schema Israel“ Ausdruck der Liebe zu, aber auch von ihrem Gott, von dem Gott, der als Vater von Jesus Christus auch unser Gott wurde.

Aber, liebe Gemeinde, was heißt das denn für uns „Gott lieben“? Wie können wir unserer Liebe Ausdruck verleihen? Unser Gott, ohne Gesicht, in das man lächeln könnte, ohne Haut, die man streicheln könnte – da kann Liebe schnell zur Sprachlosigkeit werden…
Die Bibel hat in einem ihrer Bücher, im Hohelied, eine Sprache gefunden: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein.“, heißt es dort zum Beispiel.
Warum nicht? Warum nicht von Gott reden, wie von einem Menschen, den ich liebe!?
Es gibt ein Kinderbuch, das einigen von ihnen bekannt sein dürfte: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“, heißt es. Der große Hase in dem Bilderbuch soll raten, wie lieb der kleine Hase ihn hat. „So sehr“, sagt der kleine Hase und breitete seine Ärmchen aus, so weit er konnte. Der große Hase hatte viel längere Arme: „Aber ich hab dich so sehr lieb“, sagte der große Hase. Und der kleine Hase fing an, nach immer neuen Ausdrücken für seine große Liebe zum großen Hasen zu suchen: Er riss die Arme hoch, machte Handstand und lief im Zickzack.. Bis er schließlich sagt: „Ich habe dich bis zum Mond lieb.“ Und der große Hase antwortet: „Bis zum Mond und wieder zurück haben wir uns lieb.“
Ich habe dich bis zum Mond lieb – und Gott antwortet: Bis zum Mond und wieder zurück haben wir uns lieb.
Das ist Liebe! Liebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzer Kraft. Das ist Liebe von Kopf bis Fuß. Sie kann so weit sein wie ausgestreckte Arme, sie kann so eng sein wie gefaltete Hände oder ein leises „Bitte, Gott.“ Sie kann aber auch mal eine Frage sein, wütend oder verzweifelt – auch das gehört zu einer Liebesbeziehung dazu. Denn Liebe nimmt zuallererst den anderen ernst, stellt auch mal Erwartungen an den anderen.

Das gilt für unsere Beziehung zu Gott, das gilt aber auch für uns inmitten unserer Verantwortung auf der Erde. Gott will, dass wir auch unsere Mitmenschen ernst nehmen, sie nicht aus dem Blick verlieren. „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst“, so lautet der zweite Teil der Antwort Jesu. –
Es fehlt etwas in unseren Fotoalben, in denen wir die Höhepunkte unseres Lebens festhalten, etwas fehlt. Es fehlen die „Bilder dazwischen“; und so sehen wir auf den Fotos meistens nur die „halbe Wahrheit“ unseres Lebens:
Was wäre, wenn ich in dem alten Fotoalbum ein Gruppenbild gefunden hätte – mit einer Notiz „Abitur 1936“: Gesichter wie die unseren, alle haben sich schick gemacht, fröhlich und gelöst sehen sie aus – auch die beiden mit ihrem „gelben Judenstern“ auf ihren Jacken. Welche Bilder mögen noch zu dieser beider Leben dazugehört haben? War jemand für sie da, als sich ihr Lachen in Weinen verwandelte? Gab es mehr als Worte – eine Hand?
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst…
Oder wenn wir heute Abend die Nachrichten einschalten, dann werden uns genau diese Bilder ins Haus geliefert, die in unseren Familienalben fehlen. Die Bilder dazwischen – sie begleiten uns, mal im Gesicht des Anderen mal in unserem eigenen…

Von Jesus kennen wir auch solch ein Bild, das niemand gerne in sein privates Fotoalbum kleben möchte. Es zeigt uns den Gekreuzigten: Offensichtlich von Gott und der Welt verlassen, stirbt er seinen Tod, festgenagelt an Holzbalken. Warum stellen wir solch ein hässliches Bild in unseren Kirchen auf? Warum nicht lieber ein Gemälde von der feucht-fröhlichen Hochzeitsfeier in Kana? Warum?
Weil das Geheimnis dieses Kreuzes Gottes Liebe zu uns Menschen ist. Mitten in die Höhepunkte unseres Lebens und mitten in die Sorgen unseres Alltags, zu den Glücklichen und zu den Unglücklichen, spricht Gott selbst hinein:
„Alles was euch von mir, Gott trennt, das nimmt mein Sohn auf euch. Dafür stirbt er, damit nichts mehr zwischen euch und mir steht. Meine Liebe schenke ich euch, indem ich meinen Sohn für euch dahingebe. Nehmt das an, lasst euch durch sein Leid und Kreuz nicht von ihm abbringen. Werdet nicht irre an ihm – und an mir. Ich kenne die Bilder eures Lebens, die schönen und die hässlichen, auch die Liebe, die scheitert. Ich kenne die Höhepunkte und die Bilder dazwischen, der Verzweiflung und des Todes. Darum habe ich ihn gesandt, damit der Tod nicht mehr sein wird. Nehmt meine Liebe an und ich verspreche euch das Reich Gottes.

Am Ende werde ich der sein, der euch mit offenen Armen empfängt und der euch an die Hand nimmt – ganz so wie Verliebte es tun…“

Amen.