Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 13,31-37

Pfarrerin Gerlinde Feine

25.11.2007 in der Mauritiuskirche Ofterdingen

Liebe Gemeinde –
vor ein paar Wochen fand in Tübingen in der Stadtwache der Freiwilligen Feuerwehr eine Fortbildung für die MitarbeiterInnen der Notfallseelsorge statt. Wir sollten Einblick bekommen in die Arbeitsweise der Feuerwehr und erfahren, was von uns im Falle eines Falles erwartet würde. Es war eine recht gemütliche Runde an jenem windigen Freitagnachmittag im Schulungsraum, oberhalb der großen Halle mit den Fahrzeugen und den Spinden der Feuerwehrleute, die man von außen sieht, wenn man die Kelternstraße entlangkommt. Kaffee und Süße Stückle standen auf dem Tisch; der Kreisbrandmeister referierte und antwortete geduldig auf unsere laienhaften Fragen.
Plötzlich Alarm! – Der Kommandant der Städtischen Feuerwehr und sein Stellvertreter verschwanden, wir Gäste aber durften von den Fenstern eines Nebenraums sehen, was sich nun, innerhalb weniger Minuten, unten auf der Straße und in der Halle abspielte – wie da in kürzester Zeit aus allen Richtungen die alarmierten Feuerwehrleute eintrafen, entweder gegen den von der Ampel gebremsten Strom mit dem Auto oder auf dem Fahrrad. Vom Altklinikum her kam einer auf dem Kickboard; ein Zimmermannsgeselle in traditioneller Zunftkleidung rannte von der Unterstadt her auf die Feuerwache zu. Und während die Letzten eintrafen, verließen schon die ersten Fahrzeuge das Gebäude, erst der Einsatzleiter, dann der erste Wagen, dann die Drehleiter, dann das dritte Fahrzeug… genau so, wie es uns vorher theoretisch erklärt worden war, und doch sehr beeindruckend, denn nun verstanden wir ja, welch unglaublicher Einsatz damit verbunden ist, daß die Feuerwehr überhaupt ausrücken kann… - drei vollbesetzte Fahrzeuge (jeder mit 9 Mann Besatzung) innerhalb so kurzer Zeit: 3 Minuten habe ich als Richtwert in Erinnerung; die Ofterdinger Feuerwehrler werden wissen, wie die Zahlen stimmig sind. Da haben also 27 Leute in dem Moment, als der Alarm sie erreichte, alles stehen und liegengelassen, ohne große Erklärungen, ohne langes Umorganisieren, und sind losgelaufen, ins Auto gesprungen, zum Einsatz. Gerade noch mit einer diffizilen Arbeit beschäftigt oder ganz gemütlich in der Universität über den Büchern, vielleicht gerade in der Kaffeepause oder in Gedanken schon im Feierabend – und plötzlich hellwach, alarmiert eben, einsatzbereit. Wir Notfallseelsorger können es oft viel gemütlicher angehen lassen, wenn ein Alarm kommt, denn wenn wir gerufen werden, dann ist das Schlimmste oft schon vorbei, dann ist es auf der Wache wieder einigermaßen ruhig, und der Verkehr fließt wieder normal, so wie wir es an jenem Nachmittag auch erlebt haben. Umso eindrücklicher die Szene, die wir aus dem Fenster beobachtet haben: Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
Liebe Gemeinde –
das haben viele von uns in diesem vergangenen Kirchenjahr erlebt, daß plötzlich eine ganz andere Zeit gewesen ist als zuvor. Bei nicht wenigen – daran erinnere ich mich – waren es auch dramatische Szenen, die sich abspielten, mit Notarzt und Rettungswagen, andere wurden überrascht von einem Anruf aus der Klinik oder dem Pflegeheim, plötzlich und unerwartet, wieder andere haben tatsächlich selbst Tage und Nächte am Bett eines geliebten Menschen gewacht, bis es endlich soweit war, bis der Kampf vorbei und das Leben zu Ende gewesen ist. Wacht nun, denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, sagt Jesus, und nein, er soll uns nicht schlafend finden, nicht unaufmerksam – wir wollen auch nicht allein sein in unserer letzten Stunde. Ich jedenfalls wünsche mir das, daß dann jemand bei mir ist, der mir die Hand hält und mir hilft, zu gehen, und daß ich dann auch die Hand dessen spüren kann, der mich durchs Leben geführt hat und mir durch das Dunkel des Todes helfen will. Wachet, sagt Jesus, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
Wachet – so, wie die Feuerwehrleute wachen, die doch nicht ständig unter Hochspannung sein können, die im Alltag ihrer Beschäftigung nachgehen, oft ganz gelassen und selbstverständlich, ohne daß man ihnen etwas anmerken würde, die mit ihren Kindern spielen und bei Festen fröhlich dabei sind. Und doch nie vergessen, daß es jeden Moment anders sein könnte, daß von einer Sekunde zur nächsten ihr ganzer Einsatz, ihr Verstand und ihr in unzähligen Übungsstunden antrainiertes Können gefragt ist. Feuerwehrleute, so hat man uns gesagt, stellen ihren Wagen immer so ab, daß sie nach vorne wegfahren können. Die Schlüssel finden sie auch im Dunkeln, und wehe, wenn nicht – Kleinigkeiten, aber entscheidend in dem Moment, in dem es darauf ankommt, in dem Moment, in dem der Herr kommt.
Es war nur ein kleiner Brand, zu dem die Feuerwehrleute an jenem Nachmittag gerufen worden sind. Schon nach kurzer Zeit waren die meisten von ihnen zurück, richteten ihre Gerätschaften, zogen sich um und kehrten an die vielen Punkte in der Stadt zurück, von denen sie aus aufgebrochen waren. Es gab aber auch schon in Tübingen einige Großbrände, am schlimmsten wohl der vor knapp zwei Jahren, als zwei Feuerwehrleute in einem brennenden Gebäude zu Tode kamen. Damals gelang es kaum, einfach so in den Alltag zurückzukehren. Manchen ist es bis heute nicht gelungen. Alarm – das heißt eben wirklich „Tödliche Gefahr“, und alle Kompetenz, alles technische Gerät, alles Wissen kann nicht verhindern, daß einmal auch der Tod siegt, so wie auch in unseren großartigen Kliniken immer noch Menschen sterben, weil Operationen misslingen, Therapien nicht anschlagen oder weil es einfach an der Zeit gewesen ist für diesen Menschen, zu gehen: Seht euch vor, wachet!
Und wir antworten: Ja, wir haben gewacht, wir haben gehofft, gebetet, gebangt, waren zur Stelle und haben geholfen und doch… - Denn das denken wir ja, daß wir durch unsere Wachsamkeit etwas Schlimmes verhindern könnten, daß wir dem Tod selbst ein Schnippchen schlagen könnten, daß nur die sterben müssen, auf die niemand aufpasst, wo niemand wachsam ist, so wie bei der kleinen Lea-Sophie, über die wohl weder Eltern, noch Nachbarn, noch Ämter und Behörden gewacht haben und der die Mahnwachen vor dem Wohnblock in Schwerin nun auch nicht mehr helfen. Aber es ist nicht so. Unsere Wachsamkeit, so liebevoll und sorgsam wir sie handhaben, kann den Tod nicht aussperren und den Moment, in den wir vor unseren Schöpfer treten, der uns doch wach und aufmerksam finden soll. Seht euch vor, wachet! Wir hören es nicht gern, aber gerade das ist mit gemeint, wenn Jesus dieses Gleichnis erzählt, denn Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.
Eine ungeheure Gewissheit spricht sich in diesen Worten aus. Eine geradezu majestätische Gewissheit. Durch nichts zu erschüttern. Wer so spricht, der hat das Herz aller Dinge gesehen.
Viele Menschen haben ganz andere Gewissheiten. „Das einzig Sichere im Leben, das ist der Tod." So sagen es viele. „Den Tod hat bisher noch jeder Mensch erleiden müssen. Ob arm, ob reich, ob unbekannt oder berühmt: Am Ende enden sie alle gleich. Sie sterben." Und es sieht so aus, als ob wenigstens am Ende des Lebens so etwas wie Gerechtigkeit herrscht. All die Unterschiede des Lebens, die wir oft als ungerecht empfinden, die sind dann vorbei. Ende gleich, alles gleich? Das ganze Leben weggewischt und ausgelöscht? Alles nur ein nichtiger Nebel gewesen, der sich nun auflöst? Ist es so? Ist das alles, was am Ende zu sagen ist? „Himmel und Erde werden vergehen."
Liebe Gemeinde, für mich sind das heute Worte, wie Pfähle im Boden eingerammt, die uns auf dem schmalen Grat des Lebens Halt geben. Worte, die auf vielen Grabsteinen wie zum Trotz eingemeißelt sind, zum Trotz gegen den Tod, der unser Leben immer wieder bedroht. Da ist keiner, der es mit dem Tod aufnehmen kann. Keiner - außer Gott. Himmel und Erde, also alles Materielle, wird vergehen, sagt Jesus, auch alle Ideen und Träume, die wir Menschen haben. Der Himmel, den wir einander bereitet haben, vergeht, der Himmel, der wir für andere gewesen sind, ist nicht mehr da, die Erde unter den Füßen haben wir verloren – alle Sicherheit ist unter uns weggezogen worden. Aber Gottes Worte werden bleiben.
Das erste Wort Gottes, das wir in der Bibel finden, ist: "es werde". Es werde - Licht. Es werde - Himmel und Erde. Es werde - Tiere und Menschen. Durch sein Wort schafft Gott das Leben, erschafft er diese Welt. Durch sein Wort erschafft Gott die Menschen, die er als sein Gegenüber, als seine Kinder erwählt hat. Und so sind es auch die Worte, die den Tod überdauern. Viele von uns sprechen mit ihren Verstorbenen, auf dem Friedhof oder im Auto, wenn es keiner hört. Der Mensch ist gestorben, die Worte bleiben. Und die Worte auf dem Grabstein bleiben. Glaubenssätze wie dieser: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Worte wie das, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.
Alles wird anders. Alles wird neu, unerhört, nie gesehen, nicht vorhersehbar. Das Wort, das uns bleibt, spricht nicht vom Dunkel des Todes oder von der Finsternis der Hölle, sondern vom hellen Licht der neuen Stadt, von dem Ort, an dem der Tod nichts zu suchen hat, aber wo unsere Toten gut aufgenommen sind. Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus – sie müssen vergehen, denn sie müssen Platz machen für Gottes neue Welt, die sein Wort ins Leben ruft. Sie kommt unverhofft, plötzlich, ohne Vorwarnung, aber sie kommt gewiss, und es ist wichtig, daß wir wach und bereit sind, wenn es soweit ist.
Liebe Gemeinde, ich ahne wohl, daß viele sich schwer tun mit solchen Worten der Hoffnung auf Gottes Verheißungen, wenn ihnen gerade Himmel und Erde genommen wurden, wenn aus Befürchtungen traurige Gewissheit wurde, wenn man loslassen muß und allein zurückbleibt. Nicht einmal dann, wenn einer alt und lebenssatt stirbt, sind die, die es angeht, gegen ihre Trauer gefeit, denn jeder Tod mahnt uns an das eigene Sterben. Deshalb können wir oft nicht hören, was doch so wichtig für uns ist: Gottes Worte werden nicht vergehen -  er hat in Jesus Christus den Tod besiegt und schenkt und Leben vor seinem Angesicht. Vielleicht sollten wir uns deshalb auch in Fragen des Glaubens so verhalten, wie die Leute von der Feuerwehr und den Rettungsdiensten. Wir sollten uns einüben in diese Hoffnung, sollten einen Schatz sammeln an lebensspendenden und vergewissernden Worten, die wie Pflöcke sind, an denen man sich festhalten kann, wenn in stürmischen Zeiten alles wegzureißen droht. Wir sollten dieses Wissen im Hintergrund tragen, so wie einer in der Freizeit seinen Piepser dabei hat, der ihn daran erinnert, wachsam zu bleiben bei aller Entspannung. Wir können uns selbst kleine Merkhilfen schaffen: Das Kettchen mit dem Kreuz um den Hals sagt: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Das Schlagen der Turmuhr (wenn sie denn ab der kommenden Woche wieder schlägt) sagt nicht nur die aktuelle Zeit an, sondern erinnert auf vielfache, uns gar nicht immer bekannte Weise an die Zeit Gottes: Ich aber, Gott, hoffe auf dich. Meine Zeit steht in deinen Händen. Wenn sich Christen anderer Konfessionen bekreuzigen (übrigens etwas, was Martin Luther sein Leben lang praktiziert hat und worin wir ihm gut folgen können), denken sie an die Worte des Paulus: Wir sind durch die Taufe mit Christus begraben in den Tod, so werden wir mit ihm auch auferstehen und in einem neuen Leben wandeln.
Seid wachsam. Seid aufmerksam, heißt das. Aufmerksam für das Leben, für alles, was um euch herum geschieht. Das Geschenk des Lebens, nehmt es wahr. Versteht es als ein Zeichen der Liebe Gottes. Gerade in der Trauer ist es wichtig, zur Gegenwart zurück zu finden. Den Tag zu leben als Geschenk Gottes und als Aufgabe. Dem Leben auf der Welt zum Sieg zu verhelfen und nicht dem Tod nachzugeben, nicht zu resignieren. Darum sagt Jesus: "Ich komme wieder. Rechnet mit mir." Jesus ist das zweite Wort Gottes. Seine Worte, die nicht vergehen werden, bringen etwas zur Sprache, was nicht er sich ausgedacht hat. Er hat Ernst gemacht mit dem, was sich ihm gezeigt hat beim Blick auf das Leben. Er hat sich nicht verunsichern lassen durch die öffentliche Meinung. Er hat sich nicht orientiert an dem, was die Leute sagen. Er hat sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Nein: Vorbehaltlos hat er sich der Wahrheit hingegeben, die sich ihm erschlossen hat. Diese Wahrheit hat sich nicht nur auf dies oder das oder jenes bezogen. Die Wahrheit, die Jesus aufgegangen ist, war eine Wahrheit über das Ganze der Welt, eine Wahrheit über „Himmel und Erde." Und diese Wahrheit schärft er uns ein, dass wir uns in allen Wendungen des Lebens auf die Gnade und Wahrheit des Schöpfers verlassen können. Wie das erste Wort Gottes diese Welt erschaffen hat, so wird durch das zweite Wort Gottes alles neu. Durch Jesus sehen wir das Leben neu. Und auch den Tod verstehen wir neu durch ihn. Darauf gründet sich unsere Hoffnung.
Wir müssen sie einüben, müssen uns in ihr zurechtfinden lernen, müssen dafür sorgen, daß sie „sitzt“, so wie die Handgriffe derer beherrscht sein wollen, die Tag und Nacht wachen, damit andere sich ruhig und sicher fühlen können. Aber sie kann uns tragen und trösten und stärken: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Deshalb seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist – die Zeit des Heils, in der Gott die Tränen abwischen wird, die Leid und Trauer uns weinen ließen. Die Zeit der Hoffnung und der Versöhnung, die Zeit des Friedens, der höher ist als alle Vernunft.

Amen.