Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 1,35-39

Pfarrer Reiner Fröhlich (ev)

16.02.2014 in Marienheide im Tagungszentrum Holzwipper

Gottesdienst auf einem Presbyteriumswochenende

Liebe Presbyter/innen!

Jesus hatte einen wahnsinnsguten Tag erlebt. Er kam nach Kapernaum und berief seine ersten Jünger. Darauf predigte er in der Synagoge und trieb bei einem verwirrten Mann einen bösen Geist aus. Am Abend, nach dem Ende des Sabbats, kam die ganze Stadt zusammen. Die Menschen bringen ihre Kranken, hören der Botschaft vom Reich Gottes zu. Alle sind von Jesus begeistert, vor allem die Jünger. Jesus muss ein Hochgefühl gehabt haben: Soviel Zustimmung, soviel Evangeliumspredigt, soviel Heilung und Hilfe für die Menschen.

Dann wird es Nacht. Alle gehen nach Hause und schlafen fest.

Lesung: Mk. 1,35-39

Jesus lebt aus einer intensiven Beziehung zu Gott. Für Jesus ist das Wichtigste, dass er mit seinem himmlischen Vater im Einklang ist. Aus seiner Nähe zu Gott heraus bringt er den Himmel auf die Erde:

Jesus predigt von Gottes Liebe, so dass die Menschenherzen erwärmt werden und sich ihm zuwenden. Jesus betet in Vollmacht für Kranke und Verletzte, und Gott macht sie aus seiner Schöpferkraft heraus heil und gesund.

Jesus bringt das Reich Gottes zu denen, die ihm begegnen, weil er aus einer intensiven Nähe zu Gott heraus sein Leben lebt.

Da kommen Petrus und die anderen Jünger zu ihm: „Jedermann sucht dich, Jesus! Wie kannst du dich nur verstecken und beten?

Komm, du musst handeln. Hier sind tausend Aufgaben. Du wirst gebraucht. Wir haben Anfragen aus Bethsaida. Wir können eine Kampagne starten: ´Kommt nach Kapernaum, hier gibt es was zu erleben.` Jesus, mein Vetter kann gut organisieren. Du könntest ihn als Berater anstellen. Komm, Jesus! Auf geht ´s! Jetzt heißt es: Anpacken! Wir machen alle mit!“

Jesus antwortet: „Nein!“ Die Jünger schauen ihn entgeistert an.

Jesus antwortet: „Lasst uns woanders hingehen, dass ich auch dort predige, denn dazu bin ich gekommen.“

„Was heißt hier: Nein? Wie meinst du das, Jesus? Weggehen? Es geht doch hier jetzt los! Das wird eine Riesensache.“

Liebe Presbyterinnen und Presbyter, Jesus sagt: „Nein!“ Jesus stellt sich quer, obwohl doch alles eindeutig ist und alle nach ihm rufen.

Wie kann er so etwas machen? Er muss doch helfen. Er muss doch dableiben und alle, die kommen, ansprechen und ihnen dienen.

Nein, muss er anscheinend nicht! Jesus hat andere Prioritäten. Jesus lebt aus der innigen Gemeinschaft mit Gott. Jesus lebt aus dem Gebet. Jesus lebt aus der Stille vor Gott.

Wenn er das aufgeben würde, dann wäre alles verloren.

Gott sagt zu Jesus als erstes: „Du bist mein lieber Sohn, an dem Wohlgefallen habe.“ Gott sagt zu Jesus immer wieder beim Beten: „Du bist mein geliebter Sohn, auf den sollen die Menschen hören.“

Jesus bekommt seine Bestätigung und seine Anerkennung aus dem Herzen Gottes. Gott steht voll und ganz zu ihm. Gott steht voll und ganz hinter ihm. Und Gott gibt Jesus dann Aufträge, die er tun soll:

„Geh nach Kapernaum und berufe deine Jünger! Geh von Kapernaum weg in andere Städte, um dort zu predigen!“

Jesus lebt aus Gott. Jesus lebt in Gott. Gott ist um ihn und in ihm.

Dann kann Jesus das tun, was Gott ihm sagt. Und er kann dem widerstehen, was nicht dran ist, nach Gottes Willen. So kann Jesus hier mitten in der Be-geisterung von Kapernaum: „Nein!“ sagen. „Nein, wir gehen weg von hier, weil Gott es so will!“

Das Leben von Jesus bekommt seine Festigkeit daraus, dass er ganz fest in Gott lebt, dass er immer wieder in die Stille geht, um zu beten und um von Gott Kraft und Wegweisung zu empfangen.

Wie steht es mit uns? Aus welchen Motiven heraus leben wir unser Leben? Wer umgibt unser Leben? Wer oder was gibt uns Wegweisung?

Wir Menschen stehen in der Versuchung, gar nicht erst nach Gott zu fragen. Wir stehen in der Gefahr, direkt loszugehen und uns zu überarbeiten.

  • „Jedermann sucht mich? Dann komme ich mit euch, Petrus und Andreas.“

  • „Hier sind tausend Aufgaben? Dann stürze ich mich hinein in die Arbeit.“

  • „Petrus, hole deinen Vetter, wir werden die Kampagne schon hinkriegen.“

Wir Menschen sind anders als Jesus. Deshalb brauchen wir ihn.

Paulus und Silas und Timotheus waren unterwegs auf der sog. 2. Missionsreise (Apg. 16,1-12). Sie reisten durch das Hochland der Türkei. Paulus, ein Arbeitstier, wollte in alle möglichen Richtungen: nach Norden, nach Westen, nach Ephesus. Aber überall gab es ein Hindernis. Wo sie auch hinwollten, die Türen waren zu. Paulus scharrte mit den Hufen. Es ging nicht vorwärts. Schließlich saßen sie in Troas fest und mussten warten. Elendig langes Warten. Nutzlose Zeit für Paulus. Es ging nicht vor und zurück. Sie ruhten sich zwangsweise aus. Dann, nach einiger Zeit, kam der Auftrag, mit dem Schiff nach Philippi zu gehen. Eine völlig neue Richtung. Gott hatte anderes vor als Paulus und sein Team. Ohne dass Gott den Paulus stillgelegt hätte, wäre das Evangelium nicht nach Europa gekommen.

Dann raste Paulus durch Griechenland. Und zurück nach Kleinasien. Und nach Jerusalem. Schließlich wurde Paulus ins Gefängnis geworfen wegen Unruhestiftung im römischen Weltreich.

Wer warf Paulus ins Gefängnis und brachte ihn zur Ruhe? Die bösen Römer? Der Gott Israels, der es anders nicht schaffte, das Arbeitstier Paulus zur Ruhe zu bringen? Wer will das entscheiden?

Dort im Gefängnis konnte Paulus dann Briefe schreiben. Briefe, von denen die Christenheit bis heute zehrt.

Wie steht es mit uns? Aus welchen Motiven heraus leben wir unser Leben?

Wir stehen in der Gefahr, es den Menschen um uns herum recht machen zu wollen. Wir wollen anerkannt sein. Anerkennung bekommen wir, wenn wir etwas leisten. So ist unsere Gesellschaft ausgerichtet. Anerkennung bekommen wir, wenn wir der erste sind, oder zumindest Bronze als Medaille in unserer Firma holen können. Anerkennung ist uns sicher, wenn wir im Turnverein oder einem anderen Verein noch einen zusätzlichen Posten übernehmen.

„Jedermann sucht dich, Jesus. Du musst kommen und das tun, was wir wollen.“

Unser Leben gerät aus dem Ruder, wenn wir so vieles machen. Unsere Familie, unsere Ehe, unsere Gesundheit geraten in Unordnung, wenn wir diesem äußeren Druck immer nachgeben.

Wir fühlen uns ja gebauchpinselt: „Die trauen mir das zu!“ Ich fühle mich geehrt.

Wir haben ein gutes Gefühl, wenn wir Ja sagen und etwas übernehmen, was

wirklich wichtig ist. Und in der Gemeinde ist es ähnlich.

In der Gemeinde ist es ja sogar für Gott, denken wir. Da kann ich ja gar nicht NEIN sagen. Da muss ich ja anpacken.

„Jedermann sucht dich, Jesus. Es ist Gottes Wille. Du musst kommen und das tun, was wir wollen. Alphakurs, Essenkochen beim 3 G, Gemeindebrief, usw.“

Liebe Geschwister, was Gott will, dass entscheidet er und nicht die Leute, die dich fragen, ob du das und das auch noch zusätzlich in der Gemeinde über-nehmen willst, weil Gott das ihrer Meinung nach will.

Nein sagen ist erlaubt. Nein sagen ist schwer. Besonders, wenn es in der Gemeinde viel zu tun gibt und tausend Chancen bestehen, das Leben von Menschen positiv zu verändern.

Der Druck kann dann ganz schön hoch sein, noch eine Zusatzaufgabe anzunehmen.

Liebe Geschwister, wir brauchen intensive Zeit mit Gott. Unser Leben besteht nicht vor allem daraus, was wir alles tun und machen. Unser Leben soll als erstes daraus bestehen, dass wir mit Gott im Gespräch sind und spüren, dass er uns liebt. Unseren Wert bekommen wir als erstes von ihm, unserem Schöpfer und Erlöser. Er sagt: „Du bist kostbar und wertvoll, - auch wenn du nichts tust. Du bist kostbar und wertvoll erst einmal, weil du mein Kind bist.“

Liebe Geschwister, wir brauchen intensive Zeit mit Gott. Unser Leben soll da-raus bestehen, dass wir den Himmel auf die Erde bringen. Gottes Reich ist da und will wachsen. Unsere Aufgabe ist es, uns Gott und seinem Reich zur Verfügung zu stellen, damit sein Reich durch uns wachsen kann.

Und dies geschieht durch Arbeiten und durch Ausruhen, durch Anstrengung und durch Schlafen, durch Werktag und durch den Sabbattag.

Jesus lebte aus einer intensiven Beziehung zu Gott. Für Jesus war das Wichtigste, dass er mit seinem himmlischen Vater im Einklang ist. Aus seiner Nähe zu Gott heraus brachte er den Himmel auf die Erde.

Wir können nur so leben, wie er gelebt hat. Sonst geht es in unserem Leben drunter und drüber. Wir können nicht schlauer sein wollen als er.

Deshalb ist es das A und O unseres Lebens als Christen, dass wir uns Zeit einrichten für das Beten und das Bibellesen.

Alles andere mag wichtig sein, aber diese beiden Dinge sind wichtiger. Wenn wir dies nicht betreiben, dann gerät das Schiff unseres Lebens ins Schlingern. Dann machen wir zu viel. Dann überfordern wir uns und andere. Dann verlieren wir das Ziel aus dem Auge. Dann werden wir irgendwann krank. Burnout ist eine Krankheit.

Jesus brachte das Reich Gottes zu denen, die ihm begegnen, weil er aus einer intensiven Nähe zu Gott heraus sein Leben lebte.

Wie wunderbar ist das, sich eine Zeit am Tag zu reservieren, in der nichts und niemand dich stören darf, weil du dir Zeit nimmst für Gott.

Wir waren letzte Woche mit fünf Mitarbeitenden in Leipzig auf dem Willow-Creek-Kongress. Prof. Michael Herbst sprach von seinem Schaukelstuhl zu Hause, auf dem er jeden Tag 15 Minuten sitzt und schaukelt und betet und eine Bibel in der Hand hat.

Wenn du es noch nicht hast, dann suche dir in der nächsten Woche einen Ort, an dem du Gott begegnen kannst. Suche dir in der Wohnung einen Ort, wo du

ungestört sein kannst von den anderen im Haus. Ein Ort, an dem du dich wohl-

fühlst. Ein Ort, der dein „Schaukelstuhl“ wird.

Und als nächstes: Überlege allein oder mit dem Partner zusammen, wann die beste Zeit am Tag ist, an dem du dir Zeit nehmen kannst fürs Beten mit einer Bibel in der Hand.

Manche sind so diszipliniert, dass sie morgens 15 Minuten früher als sowieso schon aufstehen - und auftanken bei Gott. Andere schaffen sich einen Ort am Arbeitsplatz in der Mittagspause, jeden Tag. Wieder andere kommen nach Hause und kommen beim Beten „runter“ vom Arbeitstag, bevor sie dann Aktivi-täten im Haus oder anderswo beginnen. Es ist egal, wann und wo wir beten und auftanken, wichtig ist nur, dass wir uns Zeit nehmen.

Und am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

Gott will unserem Leben Klarheit geben. Gott will unser Leben ordnen, dass wir spüren, was wir anpacken sollen und was ohne uns laufen soll.

Jesus sagt knallhart: „Nein!“ Und er sagt an anderer Stelle sofort: „Ja!“ Als ein verzweifelter Vater zu ihm kommt, geht er sofort mit, um dem Kind zu helfen (Mk. 9,14ff).

Wer NEIN sagt, kann auch JA sagen.

Ende letzten Jahres und Anfang dieses Jahres habe ich Mitarbeitende gesucht für den neuen Alphakurs. Susanne XY schrieb mir Folgendes: Sie möchte gerne und sieht auch, dass das wichtig ist. Aber aus dem und dem Grund kann sie - nach Gebet darüber - leider nicht mitmachen.

Ich habe ihr geantwortet: „Super, Susanne! Ich finde das toll, dass du NEIN sagst. Du bist echt eine verantwortungsvolle Mitarbeiterin, denn du achtest auf deine Kräfte - und du achtest auf Gottes Wegweisung.“

Gemeindearbeit setzt uns oft besonders unter Druck, doch noch etwas Zusätz-liches zu machen, (ohne Gott zu fragen). Hier gilt, was Paulus in 1. Kor. 12 schreibt: Nicht einer macht alles, sondern jeder hat eine Gabe. Der eine ist Ohr, der andere Mund, der Dritte ist Hand oder Fuß. Gott hat viele Möglichkeiten und Menschen, um durch sie in seiner Gemeinde und in der Welt zu handeln.

Gottes Reich kommt, auch ohne mich. Gottes Reich kommt mit mir und mit meinem Tun, es kommt aber auch ohne mich, durch die Gaben und das Tun von anderen. Und es kommt durch Gottes Wirken, ohne dass überhaupt jemand menschlicherseits etwas tut.

Die Welt retten, das hat Gott getan!

Die Gemeinde retten, dass tut Gott immer wieder, mit uns und ohne uns.

Lasst uns auf ihn hören! Lasst uns 15 Minuten täglich für ihn reservieren, damit unser Leben in einen guten Rhythmus kommt.

Arbeiten und Ruhen, Anstrengung und Schlafen, Werktag und Sabbat.

Es gibt ja den Spruch: „Wen der Teufel nicht stoppen kann, den treibt er an.“ „Jedermann sucht dich!“ Das ist kein Wort von Gott.

Gott will, dass unser Leben gelingt. Gott will uns nicht bis zur Erschöpfung antreiben. Nimm dir Zeit für Gott! Mach es wie Jesus. Lass dich erfüllen mit Gottes Frieden und Klarheit.

Dann geh los und sag JA zu dem, was Gott dir aufträgt, und sag NEIN zu dem, wo Gott sagt: „Das ist nicht deine Aufgabe.“

Und am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

Amen.