Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 1,40-45

Pfarrer Markus Beile (ev)

13.02.2011 in Allensbach

Predigtreihe neutestamentliche Wundergeschichten

Liebe Gemeinde!

Diese Geschichte, die ich gerade vorgelesen habe, gehört zu der nicht kleinen Gruppe von Wundergeschichten, die von Jesus erzählt werden.
Wundergeschichten – wir Menschen aus heutiger Zeit tun uns vielfach schwer mit diesen Geschichten. Wie soll man sie verstehen? Soll man sie wörtlich nehmen? Soll man sie psychologisch verstehen? Oder noch einmal ganz anders?
Wie man sie verstehen soll, kann man eigentlich gar nicht sagen. Es gibt ja keinen, der uns vorschreibt, wie man sie verstehen soll. Es gibt auch kein universales Patentrezept. Jeder und jede von uns muss seinen, ihren eigenen, individuellen Weg finden, die Wunder Jesu zu deuten. 
Weil das so ist, kann ich Ihnen nur sagen, wie ich zu den Wundern Jesu stehe. Es ist ein langer Weg bis dahin, wo ich heute stehe. Ein Weg mit vielen Biegungen und Windungen. Ich lade Sie, diesen Weg, auf den ich zurückschaue, mit mir abzuschreiten. 

Meine ersten Erinnerungen an die Wundergeschichten reichen weit zurück bis in meine Kindheit. Da mein Vater Pfarrer war, habe ich schon als kleines Kind die Wundergeschichten Jesu wahrgenommen. Wir hatten als Kinder eine Kinderbibel. Ich kannte bald alle Geschichten, auch die Wundergeschichten. Und da gibt es ja nicht nur die Heilung des Aussätzigen. In den Evangelien wimmelt es ja geradezu von Wundergeschichten. Heilungen von Gelähmten, Blinden, Besessenen, Naturwunder und viele andere mehr. Etwa ein Viertel des Markusevangeliums besteht aus Wundergeschichten. Als Kind hat mir das keinerlei Probleme bereitet. Mir haben sie gefallen, die Wundergeschichten. Groß und leuchtend standen diese Geschichten vor mir. Sie faszinierten mich, brachten mich ins Staunen.

So war es in meiner Kindheit. Als Jugendlicher sind diese Geschichten, nicht nur die Wundergeschichten, überhaupt alle Bibelgeschichten, ein wenig fernegerückt. In der Jugend interessieren einen bekanntlich andere Dinge.

Nach dem Abitur habe ich angefangen, Theologie zu studieren. Ich woll¬te wissen, was hinter all dem steckt, was ich als Kind erlebt und wahrgenommen habe.
Im Studium lernt man viele neue Gesichter kennen. Eine Gruppe von Mitstudenten lernte ich dabei kennen, die mir neu war. Man nannte sie Fundamentalisten. Das waren Leute, die es sich zum Prinzip gemacht haben, die Bibel wörtlich zu nehmen. In einem Seminar, ich kann mich noch gut erinnern, diskutierten wir über die Wunder Jesu. Und zwar gerade über die Heilung des Aussätzigen. „Du meinst, das ist genau so passiert?“ fragte ich einen von ihnen. „Ja“, sagte er einfach. Ich ließ nicht locker: „Wie passiert?“, fragte ich, „hätte man diese Heilung filmen und fotografieren können?“ „Ja“, sagte er, „natürlich!“ „Und das bringt dich nicht in Schwierigkeiten mit den Naturwissenschaften?“ „Ich“, sagte er, „ich halte nichts von den Naturwissenschaften.“ 

Ich will gerne gestehen, dass diese Sichtweise mir große Probleme bereitete und auch heute bereitet. Ich will Ihnen auch sagen, warum. Erstens baut dieser Standpunkt einen Gegensatz zwischen Glaube und Naturwissenschaft auf, der schwer auszuhalten ist. Viele Errungenschaften der Moderne gehen ja auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse zurück. Der Fundamentalismus zwingt mich, ein Weltbild abzulehnen, mit dem ich im Alltag lebe. Und nicht nur ich, jeder von uns. Wer so radikal die Naturwissenschaft ablehnt, darf – überspitzt gesagt – konsequenterweise bei Zahnschmerzen nicht mehr zum Zahnarzt, sondern muss im Gebet Gott um Heilung bitten.
Es gibt aber einen viel gewichtigeren zweiten Grund, weshalb ich diese fundamentalistische Sichtweise ablehne. Ein Grund, der Sie vielleicht überraschen wird: Bei dieser Sichtweise geht das Wunder verloren. Man kann es im Film sehen, wie das Ohr wieder anwächst (beim Film „Letzte Versuchung“ ist das so), man kann das Wunder fotografieren und herumzeigen. Das Wunder hat die Naturgesetze durchbrochen. Was wäre damit gewonnen? Wir müssten die Naturgesetze ändern, um dem Wunder gerecht zu werden, dann könnten wir uns an die Wunder durchaus gewöhnen. Nur: Was bleibt vom Wunder übrig?
Das ist meines Erachtens der Fehler der Fundamentalisten: Sie nehmen die Naturwissenschaften – und jetzt werden Sie sich vielleicht wundern – sie nehmen die Naturwissenschaften zu absolut. Sie versuchen, das Wunder mit naturwissenschaftlichen Kategorien in den Griff zu bekommen, als gäbe es keine andere Möglichkeit, etwas zu verstehen. Und nehmen damit dem Wunder sein Wunder. Mir war schnell klar, dass das nicht mein Weg sein würde.

Im Studium lernte ich vieles, auch über die Wundergeschichten. Ich lernte, dass zur damaligen Zeit nicht nur von Jesus Wunder erzählt wurden, sondern auch von anderen Menschen, zum Beispiel – seltsamerweise – auch vom Kaiser Vespasian. Die Wundergeschichten sind in der Antike eine gängige Sprachform, sie sind also gerade nicht der Ausweis der Exklusivität Jesu. Ich lernte, dass einige der Wunder Jesu genauso in anderen Kulturkreisen erzählt wurden, teilweise sogar fast wörtlich identisch, aber nicht mit Jesus als Wunderheiler, sondern mit anderen Personen oder Göttern. Ich lernte, dass die Wunder Jesu sich auf Aussagen des Alten Testamentes beziehen, zum Beispiel bezieht sich die Speisung der 5000 auf Motive der Psalmen, dass die Wüste sich verwandeln wird in einen Garten. Viele Elemente der Geschichte der Speisung der 5000 spielen bewusst auf solchen Psalmenaussagen an.
So wurden mir manche Wundergeschichten verständlicher, aber – und das war ein Problem, das mir noch nicht richtig bewusst war - , aber dadurch, dass sie verständlicher wurden, verloren sie das Wunderhafte und wurden entbehrlich. Ich konnte wortreich erklären, wie es zu den Wundergeschichten kam. Aber letztlich waren mir die Wundergeschichten unwichtig, ich brauchte sie nicht für meinen Glauben. Alles am Christentum war vernünftig erklärbar, da störten die Wunder nur. Am Ende des Studiums stand ich an dem Punkt, an dem zum Beispiel der berühmte Theologe Adolf von Harnack gestanden war, der Anfang des letzten Jahrhunderts ein berühmtes Buch über „das Wesen des Christentums“ geschrieben hat. Das Christentum hatte sich im Studium unter der Hand verdünnt zu einem Mix von Vernunftsideen und einer Prise Moral. Nicht der allerschlechteste Standpunkt, aber auf der anderen Seite auch nicht sonderlich befriedigend.

Nach dem Studium wurde ich Vikar, schließlich Pfarrer. Da es eine vorgegebene Ordnung gibt, über welche Abschnitte der Bibel der Pfarrer sonntags zu predigen hat, kam es, dass ich immer wieder sonntags über Wundergeschichten zu predigen hatte. Recht war mir das nicht, denn die Wundergeschichten waren mir ja im Grunde unwichtig.
Nun, es gab und gibt einige Strategien von aufgeklärten Theologen, mit diesem Problem umzugehen. Man kann über Wundergeschichten predigen und sich dabei um das Ärgernis des Wunders herummogeln. Das ist eine relativ häufig anzutreffende Strategie. Die Theologen sagen dann, das Wunder steht gar nicht im Zentrum, es kommt auf etwas ganz anderes an. Das ist natürlich ein bisschen unwahr.
Dann kann man die Wunder psychologisch erklären. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Geschichte von der Heilung des Aussätzigen ist dann eine symbolische Redeweise dafür, dass dieser Mensch innerlich unrein war und durch die Begegnung mit Jesus rein wurde, einen Schlussstrich unter sein verlottertes Leben zog und noch einmal neu anfing. Eine sicherlich nette Auslegung, aber – wenn wir ehrlich sind, müssen wir Theologen zugeben – diese Auslegung trifft nicht das Zentrum. Es ist eine Auslegung gegen die Absicht der Geschichte.
Sich um das Wunder herummogeln, es psychologisch auslegen: Es gibt noch manch andere Strategien für einen aufgeklärten Theologen, mit den ungeliebten Wunder umzugehen. Mit einigen dieser Strategien habe ich eine Zeitlang versucht, mich über Wasser zu halten. Richtig befriedigt hat mich keine. Denn, was mir im Studium dämmerte, wurde mir immer deutlicher: Die Strategien auf der Kanzel versuchen nur mühsam das Unbehagen mit den Wundern zu vernebeln. Ehrlicher wäre es, dann die Wunder ganz aufzugeben, sie als überholte Redeweise hinzustellen, die für uns heute eigentlich nichts mehr austrägt. Das, was die Wundergeschichten in ihrer Sprache sagen wollen, kann man – nach diesem Standpunkt - heute mithilfe der Psychologie oder auch der Medizin viel besser sagen. Das ist die Ansicht mancher liberaler Theologen. Eine Ansicht, die man nicht offen äußert – die Kirchenleitung ist immer und überall –, aber doch insgeheim einnimmt.

Dieser Standpunkt der liberalen Theologen ist nicht mein Standpunkt. Ich habe allerdings eine Weile gebraucht, um mich von diesem Standpunkt abzuwenden und meinen eigenen Weg zu finden. Was stört mich daran? Religion, ich habe es schon angedeutet, ist dann nicht viel mehr als eine gehörige Portion Vernunft und eine ordentliche Prise Moral. Dafür brauchen wir keine Religion. Dafür reicht uns der Humanismus völlig aus. Der Gott der liberalen Theologen ist eine Vernunftsidee, die wir im Alltag nicht allzu häufig benötigen. Aber, so sehr ich auch gerne ein vernünftiger Mensch bin, ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass die Vernunft nicht der Zugangsweg zur Religion ist.

Religion entsteht dadurch, dass Menschen – ich sage es jetzt einmal ganz allgemein – von etwas Außerordentlichem berührt werden. Wir haben vorhin gehört, was dem Propheten Jesaja widerfahren ist. Was er erzählt, ist nur ein schwacher Abglanz dessen, was er erlebt hat. Das, was er erlebt hat, davon kann man eigentlich gar nicht sprechen. Unsere Worte reichen nicht hin, um das Geheimnis Gottes zum Ausdruck zu bringen. Es sind Bilder, die nur eine Ahnung vermitteln. Mitten im Alltag erleben Menschen etwas Außerordentliches, und sie erleben eine geheimnisvolle Grenze, die sie davon trennt.
Und jetzt sind wir ganz nahe bei den biblischen Wundergeschichten. Auch in ihnen können wir spüren, dass Menschen etwas Außerordentliches erleben. Immer gehört zum Wunder das Staunen der Menschen, mehr noch, das Entsetzen. Das Wunder meint nicht die Durchbrechung der Naturgesetze – die kannte man damals noch gar nicht –, das Wunder ist, mitten im Alltag von dem Geheimnis Gottes berührt zu werden. Wenn wir das erleben, dass das Geheimnis Gottes uns berührt, und sei es nur für einen Augenblick, dann sind wir nicht mehr die, die wir waren, wir sind andere geworden. Blinde werden sehend, Hungernde werden satt, Unreine werden rein. So ist das und noch viel mehr. Und noch einmal ganz anders.
Die Wundergeschichten stehen am Rande unseres manchmal grauen Alltags, als Grenzgeschichten, als Hinweis, als Wegweisung, als Störung unserer Alltagssicht. Wenn wir sie wegstreichen, wie die liberalen Theologen es wollen, fehlt uns etwas ganz Elementares. Dann besitzen wir selbst in der Religion nur noch Alltag, und davon haben wir genug.

Und so, liebe Gemeinde, bin ich unversehens wieder dort angekommen, wo ich ein kleines Kind schon war. Die Wundergeschichten stehen wieder groß und leuchtend vor mir, bringen mich zum Staunen. Und geben mir eine Ahnung davon, dass die Welt Gottes viel größer ist, als ich in den kühnsten Träumen erahne.
           Amen.