Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 14,12-26

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

in der Ev. Kirchengemeinde Mittelmeiderich

Tischabendmahl am Gründonnerstag

Tischabendmahl am Gründonnerstag

»Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Jede andere Nacht essen wir beliebig gesäuertes und ungesäuertes Brot, diese Nacht nur ungesäuertes; jede andere Nacht genießen wir jedes Kraut nach Belieben, diese Nacht bitteres (…).«
Immer der Jüngste der Tischgemeinschaft stellt diese Frage - jedes Jahr, wenn in jüdischen Familien der Tag der ungesäuerten Brote begangen wird. Nichts besonderes also für Jesus und seine Jünger, denn damit sind sie groß geworden. Als Kinder waren sie es, die diese Frage stellen durften, jetzt gehören sie zu denen, die sie zu beantworten haben, jedes Jahr auf’s neue: »Einst waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten, aber der Ewige, unser Gott, führte uns von da heraus mit starker Hand und ausgestrecktem Arme. Hätte der Heilige - gelobt sei er - unsere Väter nicht aus Ägypten geführt, wahrlich, wir, unsere Kinder und Kindeskinder hätten auf ewig in Ägypten dienstbar bleiben müssen (…).« - So werden Jesus und seine Jünger auch an diesem Abend gesprochen haben…

 

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? - Schnell wird es den Jüngern deutlich: Dieses Mal ist etwas anders - es ist die Nacht des Verrats. Die Nacht, in der ihre Gemeinschaft zerbrechen wird: Der eine, Judas, wird ihn verraten und den Verschwörern ausliefern. Der andere, Petrus, wird ihn verleugnen und im Stich lassen. Die anderen, alle, wie sie da sitzen, werden ihn verloren geben und fliehen. - Und am Ende, am Kreuz, da wird er ganz alleine sein…Es ist die Nacht in der alle Welt sich gegen ihn wendet, in der Religion, Recht, Politik, Moral und öffentliche Meinung missbraucht werden, um ihm das Urteil zu sprechen. Es ist die Nacht, in der Gott selber ihn scheinbar aufgegeben und verlassen hat.Es ist die Nacht, in der alle ihre Träume und Hoffnungen zerschlagen werden, in der alles sinnlos erscheint, was die mit ihm erlebt haben. Es ist die Nacht, in der für sie die Welt zusammenbrechen wird…

 

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? - Nur langsam wird es den Jüngern klar: Was sie heute Nacht erleben, werden sie nie vergessen. - Inmitten von Enttäuschung, Angst und Verrat hält das Mahl sie zusammen: »Dies ist das Brot des Elends, das unsere Väter gegessen haben. Wer hungrig ist, der komme und esse mit uns. Wer in Not ist, komme und feiere mit uns das Passa.« Das ungesäuerte Brot, die bitteren Kräuter, die gemeinsame Schüssel. - Nie zuvor haben sie die Bedeutung dieses Mahles so deutlich gespürt. Und mehr noch: In dem Mahl der Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten, wird auf einmal Jesu eigenes Leiden sichtbar. Die Speisen, die an das Leid der Unterdrückten erinnern sollen, werden ihnen in dieser Nacht zum Zeichen für seinen gefolterten Leib und sein vergossenes Blut…

 

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? - Erst drei Tage später können es die Jünger begreifen: Was in dieser Nacht geschehen ist, ist der Grund ihrer Hoffnung. - Das Kreuz das sie trennte, ist zum Zeichen neuer Gemeinschaft geworden. Das Brechen des Brotes hat sie auf der Flucht umkehren lassen und wieder zueinander geführt. Der Kelch des Bundes in Jesu Blut hat sie untereinander verbunden und gestärkt, auf eine Weise, die sie bisher nicht kannten. - Jesus selber war ihnen näher als er es jemals gewesen war, und das, obwohl sie ihn nun nicht mehr sahen. Aber sie konnten es spüren, wenn sie gemeinsam das Brot brachen und aus dem Kelch tranken: Jesus ist bei ihnen und wird es immer sein, - bis an das Ende der Welt.

 

Das unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten. - Das lasst uns heute feiern.

 

Amen.