Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 14,3-9

Prädikantin Erika Fischer (ev)

17.04.2011 in der evangelischen Lukaskirche Bonn

Liebe Gemeinde,

 

der Predigttext zum heutigen Sonntag steht im 14. Kapitel des Markus-Evangelium,
Verse 3 bis 9:

 

            Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

 

            Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander:
Was soll diese Vergeudung des Salböls?

            Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.

            Und sie fuhren sie an.

 

            Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

 

            Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.

            Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächt­nis, was sie jetzt getan hat.

 

Wieder einmal war also Jesus bei jemandem, den andere verstoßen haben: Im Hause eines Aussätzigen. Simon, die Jünger und er waren zu Tisch – wie es damals häufig so üblich war, die Männer unter sich. Soweit noch nichts Ungewöhnliches.

 

Doch plötzlich taucht eine Frau auf und platzt in diese Männergesellschaft! Wer genau sie war, woher sie kam und welchen Stand sie hatte – ob sie arm war oder reich, ob sie aus der Gegend kam oder nicht, das ist nicht genau belegt.

 

Sie wusste aber genau, was sie wollte: Zielstrebig ging sie auf Jesus zu, nahm das Glas mit „reinem, unverfälschten Nardenöl“, brach es und salbte Jesus.

 

Nardenöl: es war ein sehr kostbares Öl, das aus der Heil- und Nutzpflanze Narde gewonnen wird. Diese Pflanze gehört zu den Baldriangewächsen und stammt ursprünglich aus dem Himalaya. Sie wird auch heute noch verwendet.

 

Kostbar war es! Die Jünger schätzten den Wert auf etwa 300 Silbergroschen. Ein Tagelöhner zur damaligen Zeit verdiente etwa einen einzigen Silbergroschen am Tag – wenn er denn überhaupt Arbeit bekam.

 

Den Verdienst eines Tagelöhners von einem Jahr oder mehr „ver­schwendete“ diese Frau an Jesus – so meinten die Jünger.

Was hätte man nicht alles damit Gutes tun können …

 

 

 

Doch wider Erwarten gibt Jesus nicht ihnen Recht, sondern

verteidigt die Frau: Lasst sie in Frieden! Ihr könnt euch noch lange genug um die Armen kümmern, wenn ich nicht mehr da bin!

Sie hat das schon richtig gemacht!

 

Jesus spürte, wusste bereits, dass es nicht mehr lange dauern würde bis zu seinem Tod. Er hat dieser Frau gegönnt, ihm ihre letzte Ehre zu erweisen. Er hat sich von ihr das Haupt salben lassen, so wie man einen Propheten, einen König salbt.

 

Vielleicht empörten sich die Jünger auch so über diese Vergeu­dung, weil auch sie ahnten, was passiert, es aber nicht wahrhaben wollten – wir wissen es nicht.

 

Schließlich sagt Jesus ja in aller Deutlichkeit „Sie hat getan was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“

Möglicherweise war es für die Jünger einfacher, sich über das Verhalten der Frau zu empören als sich mit ihren Gefühlen zu den bevorstehenden dramatischen Ereignissen auseinanderzusetzen …

Daher werfen sie der Frau Vergeudung vor.

 

Vergeudung, Verschwendung … war es das wirklich?

Die Geschichte sagt schließlich nichts darüber aus, ob die Frau sich das Öl mühsam jahre- oder jahrzehntelang zusammengespart hat, ob sie aus reichem Haus kam und das Öl – wie wir es heute nennen würden „aus der Portokasse bezahlt hat“, ob sie es vielleicht selbst geschenkt bekommen hat, für welchen Zweck sie es besorgt hat … All das ist offen.

 

Deutlich wird nur, dass es ihr wichtig war, gerade zu diesem Zeit­punkt – kurz vor seinem Tode – Jesus zu salben. Woher sie wusste, dass ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt war, ob sie es überhaupt wusste … Es spielt eigentlich keine Rolle.

 

Wichtig ist allein, dass sie mit diesem wertvollen Schatz Jesus ein paar Minuten lang Zuwendung, Respekt und Anerkennung geschenkt hat.

 

Geschenkt – ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Jesus fand in Ordnung, was sie getan hat! Nicht oft wird in der Bibel beschrieben, dass er, der sonst immer geholfen und gegeben hat, einmal etwas bekommt.

Und dann muss er sich von seinen eigenen Freunden anhören,

das sei doch Verschwendung! 

 

Doch müssen wir uns nicht fragen, wie wir heute auf solche

„Verschwendung“ reagieren? Wo stehen wir denn? Wer ist uns denn näher?

Sehen wir uns eher in der Position der Jünger, die sagen

„Wie kann man nur! Damit hätte man doch etwas viel Nütz­licheres anstellen können!“ – Oder sehen wir es eher so wie Jesus, der sagte „Lasst sie, das ist schon in Ordnung so!“

 

Das ist wahrscheinlich von Fall zu Fall unterschiedlich – je nach dem, in welcher Lebenssituation oder Verfassung wir uns gerade selbst befinden.

 

Als ich diese Predigt vorbereitet habe, ist mir eine Sendung einge­fallen, die ich vor wenigen Monaten im Fernsehen gesehen habe. Auch dort ging es um Reichtum, Verschwendung, aber auch um Armut.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir aus dieser Sendung zwei Seiten (auch wenn noch andere Gäste dort waren, die aber für das folgende Beispiel keine Rolle spielen):

 

Zunächst wurde ein „stinkreiches“ Ehepaar vorgestellt, so reich, wie es sich vermutlich die meisten von uns gar nicht richtig vor­stellen können: mit Villen (ja, gleich mehrere müssen es sein!) an den Orten, an denen wir noch nicht einmal Urlaub machen können, mit einem ganzen Fuhrpark an Luxuskarossen, Hub­schrauber, Privatjet und so weiter.

 

Als Beispiel für diesen Reichtum – oder sollten wir es hier doch eher Verschwendung nennen? – mag zeigen, dass eine Kindergeburtstagsparty „mal eben 20.000 Euro“ kostete (die Kinder sind wenn ich mich richtig erinnere so zwischen 8 und 12 Jahren …).

 

Auf die Frage der Moderatorin, ob das Ehepaar sich denn auch sozial engagiere und in welcher Form, gab es nur Schweigen oder ausweichende Antworten, aus denen man eigent­lich nur schließen konnte, dass da nicht viel an sozialem Engagement geschieht.

 

Das war die eine Seite. Jemand, dem so viel Geld zur Verfügung steht, dass er damit so viel Gutes tun könnte (und dennoch weiter­hin ein gutes Leben im Luxus führen könnte!) – es aber nicht tut!

 

Auch das Auftreten dieses Paares an sich war schon bezeichnend: Warum sollen wir unser Geld nicht für uns ausgeben, schließlich haben wir es uns ja auch erarbeitet! Was können wir dafür, dass es uns gut geht und anderen nicht? (Ich zitiere jetzt sinngemäß, aber die ganze Haltung ließ keinen anderen Schluss zu.)

 

Und dann: Das genaue Gegenteil! Ein Mann, einfach, aber ordentlich gekleidet, offen, freundlich, kam zu dieser Runde hinzu. Seine Geschichte in der ganz kurzen Fassung – ich erläutere sie gleich etwas näher:

 

Postangestellter, Lotto-Millionär, Hartz IV. Wie kann das sein?

Muss man es nicht ziemlich blöd anstellen, wenn man rund 1,7 Millionen DM einfach so „verjubelt“? Wirklich???

 

Auch dieser Mann war bis Ende der 90er Jahre reich. Er hatte das Glück (ob es das wirklich war, mag dahingestellt bleiben), Mitte der 90er Jahre den damaligen Lotto-Jackpot zu knacken.

 

Nicht, dass er gleich am nächsten Tag zu seinem Chef gegangen ist, ihm die Meinung gesagt und den Bettel hingeworfen hat.

Nein: wochen- oder monatelang ist er noch tagtäglich zur Arbeit gegangen – als ob nichts wäre.

 

Was also ist passiert, dass er heute von Hartz IV lebt und irgend­eine Arbeit sucht? Er lebte damals mit seiner Freundin zusammen. Pläne für die Hochzeit waren vielleicht noch nicht ausgereift, aber schon gemacht (vor dem Gewinn!).

 

 

 

Als dann das Geld auf dem Konto war, hat er davon ½ Million DM seiner Freundin geschenkt. Einfach so! Um sie an diesem Reichtum teilhaben zu lassen. Auch seine Familie, seine Freunde haben etwas bekommen. Der Rest – außer die wohl dann üblichen Partys, ein großes Auto, eine teure Uhr usw. – wurde angelegt in Immobilien und ein oder mehrere Unternehmen, die allesamt schief liefen. Schlecht beraten worden sei er, was ich persönlich gut nachvollziehen kann:

 

Ich wüsste nicht, wie „sicher“ ich so viel Geld anlegen könnte und wo genau! (Gut, vielleicht wäre ich etwas vorsichtiger damit, das meiste gleich zu verschenken …)

 

Irgendwann war dann nichts mehr da von dem Geld. Die damalige Freundin ist mittlerweile – mit einem anderen Mann – verheiratet, hat ein Haus (den Grundstock dazu hatte sie ja), Freunde sind von damals nicht mehr viele übrig geblieben …

 

Heute lebt er in einem kleinen Zimmer, sucht dringend Arbeit, um sich seinen Lebensunter­halt selbst verdienen zu können und nicht mehr „dem Staat“ auf der Tasche liegen zu müssen und – ist dennoch glücklicher als vorher.

Wie kann das sein? Ist er nicht neidisch auf die Freundin, die mit „seinem“ Geld jetzt ein gutes Leben hat? Auf Verwandte, (ehemalige) Freunde?

 

Er wurde gefragt, ob er denn nicht jetzt, da er Hilfe benötige, bei seinen Verwandten und Freunden um Hilfe bitten könne – schließlich habe er sie ja auch reich beschenkt, als es ihm gut ging, da könnten sie doch gleichfalls etwas für ihn tun …

Nein, er habe das Geld ja verschenkt, um ihnen eine Freude zu machen, und nicht, um es zurückzufordern. Er würde doch jetzt nicht dort betteln gehen …

Lieber versuche er, sich mit Jobs – welchen auch immer – selbst durchzuschlagen.

 

Und auf die Frage, ob diese Freunde ihm denn nicht von sich aus helfen würden, wo sie sehen würden, dass er Unterstützung benö­tige: Von den Freunden von damals sind nicht mehr viele übrig …

 

Dafür wisse er aber, dass die Freunde, die er jetzt habe, wirklich Freunde sind, auch wenn diese ihm nicht finanziell weiterhelfen können.

 

Was denken Sie jetzt? „Schön blöd!“ oder „Wie kann man nur sein Geld so verschwenden?“ Verschwendung – war es das tat­sächlich?

 

Anderen eine Freude machen, etwas ermöglichen, was sie sich niemals sonst hätten leisten können und ich habe gerade die Mittel dazu, ihnen dies zu ermöglichen! Ist das Vergeudung?

 

Natürlich können wir jetzt einwenden „Was hätte man mit dem Geld nicht alles Gutes tun können …“

 

Für sein Empfinden war es etwas Gutes, dass er damals getan hat – genau wie die Frau in Betanien, die ein Jahresgehalt in wenigen Minuten an Jesus verschenkt hat.

 

Keineswegs möchte ich in Abrede stellen, dass es viele gut­situierte und reiche Menschen gibt, die beides machen:

Sowohl ihren Luxus genießen UND etwas für Menschen, denen es nicht gut geht, etwas tun. Auch davon gibt es viele – wenn auch nicht genug!

 

Und denen sei ihr Reichtum von Herzen gegönnt, so lange diese Menschen nicht außer Acht lassen, dass es eben nicht nur die „High Society“ gibt, sondern auch Hartz IV.

 

Doch was uns, die wir – zumindest vermute ich das mal – größtenteils nicht zu den „Oberen Zehntausend“ gehören, die beiden Beispiele zeigen können, ist noch etwas ganz anderes; etwas, dass wir als – evangelische – Christen manchmal verdrängen:

 

Wir müssen nicht bei allem, was wir einem Menschen, der uns nahesteht oder auch uns selbst an „Luxus“, an Außergewöhn­lichem gönnen, was nicht unbedingt zum Leben erforderlich ist, ein schlechtes Gewissen haben und denken, was man damit alles „Gutes“ hätte tun können!

 

Sie und ich – wir wären nicht hier, hier am Sonntag in einer Kirche, wenn wir nicht genau wüssten, dass eben nicht alles in Ordnung ist, dass es Vieles gibt, was getan werden muss – auch von uns.

 

Das bedeutet aber nicht, dass wir griesgrämig durchs Leben laufen müssen, weil wir nicht genug tun (können)! Solange uns bewusst ist, dass es Menschen gibt, die unsere Hilfe benöti­gen, solange wir tun, was in unserer Macht steht – und sei es manchmal, nur durch einen Gedanken oder ein Wort, so lange haben wir genauso das Recht, unser Leben zu genießen!

 

Das mag für einen Gottesdienst, der die Karwoche einläutet, etwas merkwürdig klingen. Jedoch wissen wir doch, was kommt:

Nicht nur der Tod, sondern auch die Auferstehung!

Nach der Zeit der Verzweiflung kommt wieder die Zeit der Erwartung, der Freude!

 

Und auch an diesem Palmsonntag trauern wir nicht gemeinsam diesen Gottesdienst: wir feiern ihn gemeinsam!

 

Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen