Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 14,3-9

Pfarrer Achim Behrens

20.03.2005 in der Ev.-Luth. St. Martins-Gemeinde Höchst a.d. Nidder

Liebe Gemeinde!

Der vergangene Donnerstag, der 17. März, war offenbar ein denkwürdiger Tag. Zunächst einmal war – wie an jedem 17. März – St. Patrick’s Day. Zu Ehren des irischen Nationalheiligen wird das Guinness wieder in Strömen geflossen sein. Dann gab es an diesem Donnerstag die Regierungserklärung des Kanzlers zur wirtschaftlichen Lage der Nation und was dagegen zu tun sei. Am Nachmittag wurde Heide Simonis nicht wieder zur Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein gewählt, und die Art und Weise, wie das vor sich ging, sieht zweifellos nach einer Riesengemeinheit aus – ganz egal, wie man sonst zur deutschen Sozialdemokratie stehen mag. Und schließlich trafen sich die Parteiführer von Regierung und Opposition zum so genannten und lang erwarteten „Job-Gipfel.“ Die Vorfreude auf dieses Gipfeltreffen verleitete bereits am Morgen desselben Tages einen Moderator des Hessischen Rundfunks zu dem bedeutungsschweren Satz: „Heute wird Deutschland gerettet!“ Und immer, wenn die Welt oder doch bedeutende Teile davon „gerettet“ werden sollen, wird ein Christenmensch und Theologe besonders hellhörig. Denn wo „gerettet“ wird, gibt es oft auch einen „Retter“ und das Wort Retter hat leicht einen religiösen Beigeschmack. Dabei gibt es aus der Sicht des christlichen Glaubens nur einen Retter: Jesus Christus. Außerdem wissen wir heute, vier Tage später, dass es auch am letzten Donnerstag mit der Rettung Deutschlands nichts geworden ist, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Weder Schröder, noch Merkel, noch Stoiber konnten sich anschließend als messianische Lichtgestalt präsentieren.

Worum geht es eigentlich, dass die ganze Republik für einen Nachmittag aufs Kanzleramt schaut und Rettung erhofft? Die Frage lohnt auch über die Tagespolitik hinaus. Und diese Frage lässt sich vielleicht sogar mit unserem Predigttext ins Gespräch bringen. Viele von uns machen sich Sorgen angesichts von hoher Arbeitslosigkeit und der schlechten Wirtschaftslage im Land. Einer unserer Spitzenpolitiker nannte dies in der letzten Woche die schlimmste Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Da muss ich allerdings sagen, für viele Menschen in unserem Land (mich eingeschlossen) fühlt sich diese „schlimmste Krise“ eigentlich noch ganz komfortabel an, und mit der Situation derer, die vor 60 Jahren vor den Trümmern standen, möchte ich mich nun wirklich nicht vergleichen. Aber sei’s drum. Die Sorge vieler Menschen ist echt, nicht aufgesetzt, und bei einer zunehmenden Zahl von Menschen ja auch sehr berechtigt. Da stellt sich für den einzelnen und für den Staat als Ganzen die Frage, wofür wir die Mittel ausgeben, die uns bleiben. Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, wo man das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden muss, wo zwischen dem Notwendigen und dem Angenehmen ein scharfer Schnitt gemacht werden muss. Das Notwendige hat Vorrang. Da bleibt dann vieles, was man sich sonst noch wünschen mag, auf der Strecke. Damit die Unternehmen steuerlich entlastet werden können, müssen anderswo Einschnitte in Kauf genommen werden, etwa bei Sozialleistungen oder den Ausgaben für die Kultur. Vielleicht gibt es das im privaten auch, dass für Kinokarten kein Geld mehr übrig ist. Man braucht etwas zu Essen und zum Anziehen, aber nicht unbedingt Bücher oder Bilder oder Blumen oder Parfum oder ... oder ... oder ... – Oder?

In unserer Geschichte scheint sich die Frage nach den wirtschaftlichen Prioritäten ganz ähnlich zu stellen. Das heißt, eigentlich geht es darum, ob es Handlungen gibt, die neben einem wirtschaftlichen auch noch einen anderen Wert haben. Damit verlasse ich die aktuelle Wirtschaftspolitik endgültig und sage nur noch, dass ich selbst natürlich gar nichts gegen vernünftiges Haushalten habe. Vielleicht stimmt in wirtschaftlich weniger leichten Zeiten auch der alte Spruch von Bert Brecht, dass zuerst das Fressen kommt und dann die Moral. Aber Kommunismus und Kapitalismus in ihrer reinen Form haben eine fatale Gemeinsamkeit: Sie messen den Wert des Lebens ausschließlich in materiellen oder ökonomischen Kategorien. Der Wert eines Menschen und seiner Taten definiert sich anhand dessen, was er hat oder was es einbringt. Das muss jedenfalls ergänzt werden.

In Betanien, in der Nähe von Jerusalem, gibt Simon ein Gastmahl. Auch der berühmte Rabbi Jesus ist eingeladen. Der war gerade auf einem Esel in die Stadt eingeritten und von der Bevölkerung königlich empfangen worden. Man liegt zu Tisch. Es gibt gutes Essen und geistreiche Gespräche. Da kommt eine Frau dazu. Schon das ist ungewöhnlich, denn solche Gastmähler liefen normalerweise unter Männern ab. Von ihr erfahren wir nicht einmal den Namen, auch kommt sie nicht zu Wort. Sie handelt auf ihre Weise. Sie hat ein Alabastergefäß dabei (ich weiß nicht genau, was das ist, aber ich finde, es klingt schon so schön nach 1001 Nacht: Alabaster). Dieses Gefäß zerbricht sie und salbt Jesus das Haupt mit kostbarem Öl. Man schätzt, dass der Gegenwert jenes Parfums der Jahreslohn eines Tagelöhners war. Jemanden während eines Mahles zu salben, kam natürlich eigentlich nicht in Frage. Wenn schon, dann tat man solche Wohltaten als Gastgeber an seinen Gästen vor der Mahlzeit. Es lässt sich also annehmen, dass die festliche Gesellschaft einigermaßen erstaunt, vielleicht auch genervt oder verärgert war über das Vorgehen der Frau. Ihr Handeln ist unberechenbar, es lässt sich nicht ausrechnen. Dennoch rechnen die Umstehenden (vielleicht sind es die Jünger) nach: 300 Denare wird das duftende Öl gekostet haben. Was hätte man damit alles machen können? Soviel Geld für Parfum – was für eine Verschwendung! Das hätte man doch den Armen geben können.

Mit dieser Argumentation – das hätte man doch den Armen geben können – kann man nicht nur der störenden Frau ans Leder, sondern da müsste Jesus doch eigentlich zustimmen. Schließlich ist der ja auch immer für die Armen. Aber zur Verblüffung aller schlägt sich Jesus auf die Seite der Frau. Er hält zu ihr und zu ihrem scheinbar ganz unnützen Verhalten.

Schämt sie sich eigentlich gar nicht, da so zu stören? Und kann sie sich das überhaupt leisten? Diese Fragen treiben die Frau offenbar überhaupt nicht um. Sie ist getrieben von der Liebe zu diesem Jesus und dem will sie jetzt etwas Gutes tun. Die Liebe treibt zu solchen Taten. Der Augenblick muss genutzt werden. Carpe Diem, nutze den Tag – auch ganz abgesehen von allen wirtschaftlichen Erwägungen. Es gibt Momente zwischen uns Menschen, die sind einmalig, die kommen nicht wieder. Wenn wir sie verpassen, ärgern wir uns noch lange, aber wenn wir sie ergreifen, stellt das eventuell die Weichen für unser Leben in eine andere Richtung. Wir alle kennen solche Momente aus unserem Leben. Die Frau fragt nicht, ob sie die Männerrunde stört. Sie muss jetzt zu Jesus, sie will ihm etwas Gutes tun; denn sie ahnt wohl, dass seine Zeit abläuft. Und sie fragt nicht danach, ob sich das rechnet oder ob sie sich das leisten kann. Liebe macht verschwenderisch.

Dabei sollen die Christen doch Gutes tun – weiß doch jeder! Für viele ist Nächstenliebe geradezu ein Inbegriff für Christsein. Wohl wahr. Auch die Jünger kommen ja mit der Hilfe für die Armen als Argument. Jesus sagt aber, sie könnten ja den Armen allezeit helfen, wenn sie wollten. „Wenn ihr wollt...“ das klingt so, als wäre der Hinweis auf die Armen an dieser Stelle scheinheilig. Natürlich brauchen Menschen unsere guten Taten. Natürlich sollen wir unsere Ressourcen vernünftig zur Hilfe für unser Mitmenschen einsetzen und uns nicht bloß mit Meditation und Anbetung beschäftigen. Und doch besteht unser Leben nicht nur aus dem, was sich rechnet, sondern auch darin, dass wir uns selbst verschwenderisch an andere verschenken, dass wir den Augenblick nutzen, auch wenn nicht immer etwas dabei heraus springt.

Die Handlung dieser Frau wird bis heute überall da erzählt, wo das Evangelium weitergegeben wird. Ja, die Handlung der Frau ist selbst Verkündigung des Evangeliums. Sie salbt Jesus für sein Begräbnis und weist damit auf seinen nahen Tod hin. Auch Christus ist nicht „nützlich“ im wirtschaftlichen Sinne, ja, ein Theologe hat mal den kuriosen Ausdruck geprägt, Gott sei „unnützlich.“ Weder Liebe, noch Glaube lässt sich mit den Maßstäben der Wirtschaftlichkeit voll ausmessen. Dennoch gehört beides zum Leben dazu und macht unsere Menschsein aus: Die Liebe als bedingungsloses Geschenk an den andern und der Glaube als Ausdruck dafür, dass wir auf eine Beziehung zu Gott angelegt sind.

Indem die Frau Jesus salbt, macht sie ihn im wahrsten Sinne zum Gesalbten. Das heißt auf Griechisch Christus und auf Hebräisch Messias. Jesus wird durch die Handlung der Frau erkennbar als der Retter. Als der, der von Gott kommt und sich selbst ganz den Menschen hingibt. Er ist zwar nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe. Aber wo der Dienst Christi solche Liebe erzeugt, wie bei der Frau, da lässt er sich diesen Dienst gefallen. Und schließlich sind der Gottesdienst und die Nächstenliebe keine Gegensätze, sondern sie sind aufeinander angewiesen: Unser Gottesdienst mit all seinen vordergründig unnützen Liedern und Gebeten muss in unserem alltäglichen Leben konkret werden. Und umgekehrt müssen unseren vielen oder wenigen guten Taten durch irgendwas motiviert sein. Die Begegnung mit Christus, die erstmal zweckfrei ist, macht uns froh und dankbar und führt dazu, dass wir die eine oder andere gute Tat auch mal ohne die Frage tun, ob sich das rechnet.

Übrigens: Deutschland wird nächsten Freitag gerettet – und der Rest der Welt gleich mit. Denn da denken wir wieder an die Kreuzigung Jesu, der sich für uns verschenkt hat, ohne zu kalkulieren, ob sich das rechnet. Wir leben in einer Welt, die beinahe ganz von den Gesetzen der Wirtschaft bestimmt ist, und meistens leben wir auch ganz gut damit. Aber unser Glaube erinnert uns daran, dass das Leben noch andere Seiten hat, wie z.B. Liebe und Hoffnung. Das rechnet sich nicht immer, aber es macht das Leben reich!

Amen.