Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 15,16-32

Pastor Stefan Burkhard

06.04.2007 in Wettingen

Karfreitag

Karfreitag

„War Jesus ein Narr?“

Liebe Mitchristen,

was für ein Narr muss Jesus gewesen sein,
dass er sich so zum Narren machte!

Von allen Seiten wird er verspottet!
War Jesus wirklich ein Narr,
dass er diesen schändlichen Kreuzestod auf sich nahm?


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Paulus schreibt im 1. Korintherbrief,
dass das Wort vom Kreuz,
denen, die verloren gehen, eine Torheit ist,
dass es jedoch denen, die gerettet werden, zur Kraft Gottes wird.
Er führt im Folgenden aus, dass die Torheit des Kreuzes
die Weisheit der Welt zunichte gemacht hat
und dass die Torheit des Kreuzes weiser ist
als die Weisheit der Welt. (1. Kor 1, 18 ff)

Einige Kapitel später sagt Paulus im Hinblick auf sein Apostelamt:
„Wir sind Narren um Christi willen.“ (1. Kor 4, 10)


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Der „Narr“ und die „Torheit“ scheinen darum schon sehr früh
Begriffe gewesen zu sein,
mit deren Hilfe man das Sterben Jesu zu verarbeiten versuchte.

Deshalb möchte ich Ihnen heute einige Bilder und Texte zeigen,
die jeweils das Närrische und Absurde,
das Irrationale und Nichtige an Jesus und an seinem Tod
beleuchten.

Wenn ich das tue, dann nicht, weil ich die Auffassung vertrete,
dass Jesus selber ein Narr war
– nein, das war er ganz gewiss nicht(!) - ,
sondern deshalb,
weil das Absurde und das Irrationale
eben ganz wesentliche Komponenten sind,
die den Tod Jesu prägten;
- zumindest gibt es in meiner Wahrnehmung bis heute keinen einzigen plausiblen Grund,
der hinreichend und gedanklich befriedigend
erklärt,
weswegen der,
der den anderen in erster Linie ein Licht auf dem Weg sein wollte,
nun selber in dieser Finsternis starb.


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„Jeden Tag habe ich Angst, dass Jesus umsonst gestorben ist“
sagt Dorothee Sölle.

Und diese Angst teile ich,
denn ich frage mich manchmal schon,
wozu und weshalb sich Jesus so zum Narren machte;
und weswegen man ihn derart verspottete.


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Indes – ;
weil Jesu Tod sich letztlich mit keiner noch so wohl durchdachten Predigt in eine rational vernünftige Denkbewegung umprägen und umdeuten lässt,
werde ich Ihnen heute einzig einige Fragmente aus der Kunst und Literatur vorlegen,
die sich Jesus unter dem Gesichtspunkt des Narren nähern.

Vielleicht lassen wir uns von diesen Fragmenten bewegen;
denn womöglich hat uns die Torheit des Kreuzes,
die in diesen Fragmenten steckt, mehr zu sagen,
als die Weisheit der Welt.

Das erste Bild auf Seite 1,
das Sie auf dem bereits verteilten Beiblatt sehen,
ist zugleich die älteste uns bekannte Darstellung der Kreuzigung Jesu.

Es fällt auf,
dass der Gekreuzigte mit einem Eselskopf gezeichnet wurde,
und dazu kann man die Worte lesen:
„Alexamenos betet seinen Gott an.

Dieses Bild stammt aus dem 3. Jahrhundert,
also aus jener Zeit,
in der das Christentum noch eine Untergrundbewegung war
und sich im Untergrund von Rom – nämlich in den Katakomben –
treffen musste.

Dort hat man dieses Gekritzel an einer Wand gefunden,
und obwohl es sich hierbei vermutlich um ein Spottbild über Jesus handelt,
beeindruckt mich diese Darstellung,
weil Jesus – nach den Massstäben der Welt beurteilt –
als Esel erscheint.

Ja, vielleicht war Jesus tatsächlich ein Esel!
Vielleicht war es die grösste Torheit zu sagen:
„Seht her, das Reich Gottes ist mitten unter euch!“
Vielleicht war es auch Frevel,
als Jesus den fernen und unnahbaren Gott
den Menschen als Mensch und Mitmensch nahe bringen wollte
und unter den Menschen die irrwitzige Hoffnung säte,
dass einmal diese Welt ein anderes, menschlicheres Antlitz bekommen sollte, in der alle satt würden.

Vielleicht war genau diese Hoffnung auf das Reich Gottes also jene Eselei,
weswegen und wofür man Jesus am Ende ans Kreuz genagelt hat.

Mir gefällt darum eigentlich dieses Bild,
zumal der Esel fast schon gütig und auch etwas belustigt vom Kreuz herunterblickt, als wollte er fragen:

„Wer ist denn hier nun wirklich der Esel?

Sind es etwa jene, die auf eine bessere und gerechtere Welt hoffen?
Oder sind es jene, die das nicht tun und resignieren?

Was wäre denn diese Welt ohne die Hoffnung auf eine bessere Welt?“


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Das nächste Bild auf Seite 2
stammt von Roland Peter Litzenburger aus dem Jahre 1978
und trägt den Titel:
„Christus der Narr – in den Konzentrationslagern des 20 Jahrhunderts.“

Wie Sie sehen, durchziehen Stacheldrähte,
wie man sie von Dokumentationen aus Konzentrationslagern kennt,
das Bild,
und lassen ein hageres, blutunterlaufenes, zerschlagenes Gesicht erkennen,
auf dem eine Krone sitzt.

Das Bild besteht also aus gegenläufigen Symbolen
aus zwei verschiedenen Welten:
Es zeigt einerseits die Symbole der Knechtschaft
und andererseits die der Herrschaft.
Man erkennt am Blut
die Zeichen für die brutalen Misshandlungen im Lager,
der Narr blickt einen aber auch schon mit grosser Narrenfreiheit an:
Ihm kann nämlich nichts Schlimmeres mehr passieren als das,
was ihm widerfahren ist.

Dennoch blickt das Gesicht traurig und fragend:
Bleibt der Mensch auch hinter dem Stacheldraht noch immer ein Mensch?
Und bleiben jene, die auf der anderen Seite des Stacheldrahtes sind,
ebenfalls Menschen?
Wer sind die, die den Christus in der Gestalt des inhaftierten Juden,
des polnischen Geistlichen, des Zigeuners oder des Kommunisten
drangsalieren und foltern?

Ist bloss der Narr hinter dem Stacheldraht zu bemitleiden?
Oder ist nicht auch jener zu bemitleiden,
der ihm in die Augen blickt?
Sind etwa wir, die wir dem Narren jetzt in die Augen blicken, bemitleidenswerte Kreaturen?

Wer ist Narr und wer ist König?
Und ist nicht am Ende der Narr noch immer ein König?
Wohingegen die Herrenmenschen auf der anderen Seite des Stacheldrahtes
bloss Knechte sind?

Auch dieses Bild fängt etwas vom irrationalen Geschehen des Karfreitags ein.

Jesus wird gefoltert – in Quantanamo und anderswo.

Denn die Welt steht in Flammen;
und genau das möchte uns auch die folgende Geschichte auf Seite 3
von Harvey Cox - einem amerikanischen Religionswissenschaftler aus den 60-er Jahren -
deutlich machen:

Die Geschichte erzählt nämlich Folgendes:

Ein Reisezirkus brach in Flammen aus,
nachdem er sich am Rande eines dänischen Dorfes niedergelassen hatte. Der Direktor wandte sich an die Darsteller,
die schon für ihre Nummern hergerichtet waren,
und schickte den Clown ins Dorf, um Hilfe beim Feuerlöschen zu holen,
das nicht nur den Zirkus zerstören würde,
sondern über die ausgetrockneten Felder rasen
und die Stadt selber vernichten könnte.
Der angemalte Clown rannte Hals über Kopf auf den Marktplatz
und rief allen zu, zum Zirkus zu kommen
und zu helfen, das Feuer zu löschen.
Die Dorfbewohner lachten und applaudierten diesem neuen Trick,
durch den sie in die Show gelockt werden sollten.
Der Clown weinte und flehte,
er versicherte, dass er jetzt keine Vorstellung gab,
sondern dass die Stadt wirklich in tödlicher Gefahr war.
Je mehr er flehte, desto mehr johlten die Dörfler,
bis das Feuer über die Felder sprang
und sich in der Stadt selbst ausbreitete.
Noch ehe die Dörfler zur Besinnung kamen,
waren ihre Häuser zerstört.

Harvey Cox vergleicht Jesus mit dem Clown,
der die Menschen vor der Feuersbrunst warnen will.

Da die Menschen die Botschaft des Clowns jedoch für einen Werbegag halten, verkennen sie den Ernst der Lage;
und wie sie ihn dann endlich gleichwohl erkennen,
ist es bereits zu spät,
als dass sie noch etwas Substanzielles gegen das Feuer
unternehmen können.

Der brennende Zirkus symbolisiert die brennende Welt,
deren Flammen sich mehr und mehr ausbreiten.

Und so kann man sich auch bei dieser Geschichte fragen:
Wer ist hier eigentlich der Narr - der Irre - im Irrenhaus,
das da „Welt“ genannt wird?
Ist es der Clown?
Oder sind es jene, die den Clown für einen Clown halten?

Die Geschichte von Harvey Cox macht deutlich:

Jene sind die Irren,
die nicht wahrnehmen, dass die Welt brennt;
die nicht wahrnehmen,
dass die soziale Ungleichheit auf dieser Welt Sprengstoff ist
für noch viele Terrortaten;
und jene sind die Irren,
die verdrängen,
dass die Klimaerwärmung jeden Tag voranschreitet,
die Meere bald leer gefischt sind,
und die Ressourcen knapper werden.

Womöglich muss man sich eines Tages die Frage stellen:
Ob man nicht doch etwas hätte unternehmen sollen
zum Zeitpunkt,
als man noch etwas hätte unternehmen können.


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„Jeden Tag habe ich Angst, dass Jesus umsonst gestorben ist.“
sagt Sölle,
„weil er in unseren Kirchen verscharrt ist,
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst.“


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Dass man wie Petrus und die anderen Jünger Angst bekommt
und Jesus verrät und davon läuft,
als Jesus gekreuzigt wird,
das steht schon in der Bibel
und wundert mich eigentlich auch nicht,
weil es meine eigene Angst und Realität beschreibt.

Aber es steht auch in der Bibel,
dass derselbe Petrus einige Monate später
in Jesu Namen Wunder vollbringt
und dem Gelähmten am Eingang zum Tempel
auf die Beine und auf die Sprünge hilft,
und Petrus sich furchtlos vor dem Hohen Rat zu Jesus bekennt.

Nach der Erzählung der Apostelgeschichte hilft Petrus mit,
die Botschaft vom Kreuz
und die darin enthaltene Geschichte des Mannes,
der sich vor aller Welt zum Narren machte,
in die damalige Welt hinaus zu tragen.

Dass er das tut, hat folglich ganz wesentlich mit der Überzeugung zu tun,
dass der Narr kein Narr war,
sondern Recht hatte mit dem,
was er tat.

In diesem Glauben und in dieser Überzeugung aufersteht der Gekreuzigte!

Und ob Jesus darum nun umsonst gestorben ist oder eben nicht,
das hängt nicht zuletzt auch davon ab,
ob wir uns auf diesen Glauben des Petrus, der Apostel
und der ersten Christen einlassen oder nicht.

Können wir uns nicht darauf einlassen,
so ist Jesus tatsächlich umsonst gestorben.

Können wir uns aber darauf einlassen und hoffen und glauben,
dass Jesus Recht hatte,
als er an der Veränderung der Welt arbeitete,
dann ist er nicht umsonst gestorben.

Und so schliesse ich für heute die Predigt
mit den Worten von Dorothee Sölle,
die ihren Glauben an Jesus wie folgt in Worte fasst:

(…)
Ich glaube an Jesus Christus,
der Recht hatte, als er,
»ein einzelner, der nichts machen kann«,
genau wie wir
an der Veränderung aller Zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging.
An ihm messend erkenne ich,
wie unsere Intelligenz verkrüppelt,
unsere Fantasie erstickt,
unsere Anstrengung vertan ist,
weil wir nicht leben, wie er lebte.

Jeden Tag habe ich Angst,
dass er umsonst gestorben ist,
weil er in unseren Kirchen verscharrt ist,
weil wir seine Revolution verraten haben
in Gehorsam und Angst
vor den Behörden.

Ich glaube an Jesus Christus,
der aufersteht in unser Leben,
dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung,
von Angst und Hass,
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin.

Ich glaube an den Geist,
der mit Jesus in die Welt gekommen ist;
an die Gemeinschaft aller Völker
und unsere Verantwortung für das,
was aus unserer Erde wird:
Ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt,
oder die Stadt Gottes.
Ich glaube an (…) die Zukunft dieser Welt Gottes.

Amen.