Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 16, 9 – 15

Pastor Hans Baron (ev.-luth.)

07.04.2013 in der Kapelle der Stiftung Diakoniewerk Kropp

am Sonntag Quasimodogeniti

Diese Predigt wurde in der Kapelle der Stiftung Diakoniewerk Kropp am Sonntag Qausimodogeniti, dem 7. April 2013 gehalten. Die Kapelle ist ein ansprechender kleiner Kirchraum mit ausdrucksstarken Kunstwerken. Acht Bilder des Künstlers Ulrich Lindow umranden den Altarbereich. Auf das sechste Bild „Jesus spricht: Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ bin ich in der Predigt eingegangen.

Predigttext: Markus 16, 9 – 15:

Als Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Und er sprach zu Ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.

Die Gnade Gottes und die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei uns gab es zum Mittagessen am Sonntag immer einen Nachtisch. Im Sommer waren es frische Erdbeeren oder Sauerkirschen, im Herbst Äpfel, Birnen oder Pflaumen aus dem eigenen Garten. Meine Mutter war damals schon sehr gesundheitsbewusst. Sie wollte, dass wir Kinder Frisches bekommen und uns gesund ernähren. Außerdem waren die Früchte aus dem eigenen Garten auch noch preisgünstig. Auch im Winter und Frühjahr wurde nicht auf den Nachtisch verzichtet. Da gab es oft Pfirsiche aus der Dose. Ich mochte den süßen Geschmack der Früchte. Und selbst den süßen Saft habe ich gern getrunken. Manchmal gab es noch einen Schlag Sahne dazu. Lange Zeit habe ich mir Pfirsiche als glatte gelbe Früchte vorgestellt so wie die in der Dose. Erst später lernte ich, dass Pfirsiche eine pelzige Haut haben und auch grün oder rot sein können. Es war gar nicht so leicht, die glitschigen Hälften zu essen. Und mehr als einmal ist mir so ein Pfirsich vom Teller geflutscht. Ich musste auch aufpassen, manchmal waren noch Reste vom harten Kern in der Mitte. Das knackte dann unangenehm zwischen den Zähnen. Die Pfirsiche waren wohl schon damals für den weltweiten Markt vorgesehen. So war auf der Dose auch die englische Bezeichnung zu lesen: Yellow cling Peaches. Ich glaube eine meiner ersten englischen Wörter, die ich kannte, waren diese: Yellow cling peaches. Ich liebte diese drei Worte, denn sie versprachen Süßes und angenehmen Geschmack.

Wenn es nichts Frisches gibt, dann können wir auf Konserven zurückgreifen und uns behelfen, so wie meine Mutter es für uns tat. Vielleicht ist der Vergleich ein bisschen gewagt. Aber ich sehe Parallelen auch im heutigen Predigttext.

Wie sehr wünschten sich Menschen diese außergewöhnliche Erfahrung, dass Jesus ihnen nach seinem Tod begegnet. Die Bibel erzählt nur von einigen wenigen Erlebnissen dieser Art. Und ich finde es überraschend und erfreulich zugleich, dass es bei Markus eine Frau ist, der Jesus als erste begegnet. Ja, wie sehr wünschen sich Menschen diese Begegnung: „Ja, dann könnte ich glauben!“ rufen die, denen diese Begegnung bisher nicht vergönnt war. Trotzdem erzählt die Bibel nur von wenigen direkten Begegnungen mit Jesus. Maria erzählt den Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus. Ich stelle mir vor, wie ihr noch die starke Überraschung und der Schrecken ins Gesicht gezeichnet sind. Ich stelle mir vor, dass sie ganz ohne Atem ist und sich ihre Stimme beim Erzählen überschlägt. Das sind alles Begleiterscheinungen für diese außergewöhnliche Erfahrung.

Sie könnte so ausgesehen haben, wie eine dieser drei Personen auf dem Bild hinter mir. Erleuchtet, beglückt und strahlend. So zeugt dieses Bild von einem anderen Zusammenhang, einer anderen Kausalität, als der Künstler dieses Bild benannt hat. Die Begegnung mit Jesus lässt Menschen strahlen.

Aber die Jünger, denen Maria von ihrer Begegnung mit Jesus erzählt, glauben ihr nicht. Sie wollen nur glauben, was sie selbst sehen. Später erscheint Jesus zwei Jüngern, die aus Angst auf der Flucht nach Emmaus waren. Diese kehren nach der Begegnung mit Jesus noch am gleichen Abend zurück nach Jerusalem und erzählen es ihren Mitbrüdern. Aber auch diesen beiden glauben die Jünger nicht. Maria und diese beiden Jünger sind doch verlässliche Zeugen. Wie kommt es, dass die Jünger diesen Drei Menschen nicht vertrauen?

Aber ich frage mich selbst: Wenn ich wählen könnte zwischen der direkten Begegnung mit Jesus Christus oder der Erzählung über ihn, meine Entscheidung wäre ganz klar. Ich wünsche mir von Herzen so eine Begegnung wie Maria und die beiden Jünger sie erleben durften.

Vielleicht lag es gar nicht daran, wie die beiden Jünger und zuvor Maria es erzählt haben. Vermutlich waren sie durch den Tod Jesu so erschüttert, dass nicht, aber auch gar nichts sie in ihrer Trauer erreichen konnte. Vielleicht sind sie einfach noch zu verbohrt, um offene Augen zu haben, um wahrzunehmen, was um sie herum geschieht.

Und wenn wir in Vergangenheit und Gegenwart nach Begegnungen mit Jesus suchen, dann werden wir vielfach fündig. Ich denke an Paulus, den die Begegnung mit Jesus richtig von den Füssen gehauen hat. Ich denke an Augustin, für den ein Wort in der Bibel wie eine Begegnung mit Jesus war. Oder später Martin, dem Jesus in einem Traum begegnet ist. Aber wir brauchen gar nicht so weit in die Vergangenheit zu gehen. Viele von Ihnen haben vielleicht die Vorstellung unseres Landesbischofs Gerhard Ulrich gehört. Er hatte nach der Schule Schauspiel gelernt. Bei einer Theateraufführung las eine Schauspielerin den 139. Psalm. Das war nicht in der Kirche, das war im Theater. Als gute Schauspielerin hat sie den Psalm sicher sehr eindrucksvoll gelesen. Irgendwie haben diese Worte den jungen Schauspielschüler angesprochen und berührt. Er hat nach diesem Erlebnis Kontakt mit seiner Pastorin aufgenommen. Er hat im Konfirmandenunterricht mitgearbeitet. Später hat er die Schauspielerei an den Nagel gehängt und das Theologiestudium aufgenommen. Ist so eine Erfahrung vielleicht auch eine Begegnung mit dem Auferstandenen?

Kehren wir zurück zu unserer Erzählung: Und dann erscheint Jesus schließlich auch den Jüngern. Er zeigt sich ihnen. Er spricht mit ihnen. Zunächst gibt er ihnen eine Mahnung: Er bemängelt ihren Unglauben und ihr Misstrauen. Jesus bietet den Jüngern damit beides an: Ich zeige mich euch! Und ihr könnt in der Bibel und durch andere Menschen erfahren, dass ich auferstanden bin.

Vielleicht braucht es gar nicht so eine Begegnung. Vielleicht ist die Erfahrung, dass trotz schwieriger Bedingungen etwas Neues beginnt, auch schon so eine Erfahrung von Auferstehung. Wenn Menschen spüren, es geht weiter in meinem Leben. Ich bekomme wieder Mut, ich gewinne wieder Kraft. Oder wenn uns einfach Liebe, Zuneigung und Wärme begegnen. So wie ich es in den vergangenen Tagen erlebt habe. Wir sitzen alle auf dem Boden im Kindergarten. Die Kinder hören der Geschichte über die Auferstehung Jesu zu. Die kleine Nele ist ganz aufmerksam. Sie ist ein pfiffiges und selbstbewusstes Mädchen. Während der Geschichte steht sie von ihrem Kissen auf und geht zur Erzieherin. Sie sucht Nähe und setzt sich auf ihren Schoss und die Erzieherin lässt es zu. Nele findet Annahme und Geborgenheit bei der Erzieherin. So stelle ich mir auch das Erlebnis eines kleinen Jungen vor, für den das Leben nach schweren Erfahrungen gut weiterging. Er war ein damals sogenanntes ungeliebtes Kind. Er kam mit drei Schwestern nach Kropp. Die kleinste der Schwestern wurde von einem geistig Behinderten vom Bahnhof in Owschlag nach Kropp getragen. Und es war eine weite Strecke. Der Junge wusste nicht, was ihn erwartete. Dann schreibt der Junge später von der lieben Schwester Frieda, die er kennen gelernt hat und die sehr gut zu den Kindern war. Und er hat in Kropp viel gelernt. Eine Geschichte aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auch das ist für mich eine Ostergeschichte.

Und vielleicht habe ich selbst eine Auferstehungsgeschichte erfahren. Ich war nach einem schweren Erlebnis niedergeschlagen. Ich saß erschöpft und entmutigt in einem tiefen Sessel. Und ich stellte mir in dieser Situation vor, Jesus käme von hinten an mich heran, legte seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Du machst es schon ganz gut!“ Für mich wurde das eine Auferstehungsgeschichte. Vielleicht kennen sie selbst so eine Geschichte.

Ja, wir haben heute beides. Wir haben unsere Bibel, die uns von Jesus erzählt, die viel über Jesus bewahrt, besser als jede Konservendose es tun könnte. Und wir hören immer mal wieder von Menschen, die Auferstehung in ihrem Leben erfahren haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.