Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 16,1-8

Oberkirchenrat i. R. Gotthart Preiser (ev.-luth.)

05.04.2015 in Haßfurt

Ostern 2015 - nach der Flugzeugkatastrophe

Liebe Gemeinde,

ich will nicht ausweichen. Nicht ausweichen in Osterfrühling- oder Ostereier-Romantik: Ostern ist eine Zumutung. Eine Zumutung für den normalen Menschenverstand. Ostern steht gegen alle alltägliche Erfahrung, wie sie uns jeden Tag vor Augen kommt, in den Todesanzeigen unserer Zeitung und immer wieder in schrecklichen Nachrichten voll Leid und Tod. Es lässt sich ja nicht wegschieben unser Entsetzen über die zerschmetterten Toten im Abgrund der Alpenfelsen und unser Entsetzen über den Abgrund in der Seele des Copiloten und über den Abgrund an Leid über Unzählige.

Jeden Sonntag bekennen wir im Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Und dann steht man auf dem Friedhof an einem Grab oder an einem Urnenfeld oder sieht schreckliche Bilder von vielen Toten und durch die Seitentür unseres Verstandes kommt die Frage geschlichen: Ist das auch wirklich wahr, Auferstehung? Bleibt da wirklich mehr als schmerzlich-schöne Erinnerung?

„Das Leben ist nicht fair,“ hat Herbert Grönemeyer gesungen, als er seine Frau verloren hat. Das Leben ist nicht fair, weil der Tod dazwischen fährt. Nur noch Erinnerung. „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet. Ich trage dich bei mir – bis bei mir selber der Vorhang fällt.“ Erinnerung, Schmerz und Trauer.

So wird es wohl auch bei den drei Frauen gewesen sein, die dort in Jerusalem am frühen Morgen nach dem Ende der Sabbatpause unterwegs sind. Unterwegs zu dem Garten, der zum Friedhof geworden war. Unterwegs um einen Toten zu salben. Sie wollen ihm noch eine letzte Liebe erweisen und etwas von der Liebe, die sie empfangen haben, zurückgeben. „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“, werden auch sie gedacht haben, wenn sie an Jesus dachten.  Deshalb haben sie sich vorgenommen, den toten Körper Jesu, der von der Kreuzigung durch die römischen Soldaten furchtbar entstellt, blutverschmiert und verschmutzt war und nun schon den dritten Tag im Grab lag, mit wohlriechenden Ölen zu reinigen und zu salben.  Keine schöne Tätigkeit, aber aus Liebe tut man auch einmal wenig Schönes.

 

„Das kann doch nicht alles gewesen sein", mögen die Frauen unterwegs zum Grab voll Trauer gedacht haben. Sie hatten endlich einmal einen Menschen erlebt, der mit seinem ganzen Leben  dem Willen Gottes entsprach. Der nicht nur immer geredet und angekündigt und die anderen ermahnt und angepredigt, sondern der selber gelebt hat, was er predigte. Und der dabei immer wieder anderen geholfen und nicht an sich gedacht hat, Menschen, die blind oder taub oder gelähmt waren. Der den Oberzöllner Zachäus aus der Sackgasse seiner Unehrlichkeit heraus holte. Und der die Frau, die ihren Ehemann hintergangen hatte, nicht verdammte und ihr einen neuen Lebensweg ermöglichte. Das kann doch nicht alles im Todesloch verschwunden sein: Sein Wort, dass derjenige glücklich zu preisen sei, der in dieser Welt Frieden stiftet und der es schafft, sich nach langen Auseinandersetzungen endlich wieder einmal zu versöhnen. Und seine Botschaft, dass Streben nach Macht und Reichtum nichts nützt, wenn dabei die Seele Schaden nimmt. Und dass auch Fremde, ja sogar Feinde ein Recht auf Leben und Zuwendung haben. Und dass man mitten in der Angst im Gottvertrauen doch getrost leben darf. 

 

Alles so ganz anders als bei den  Priestern und Schriftgelehrten in ihrer erstarrten Gesetzlichkeit. Religionswächter, die in ihrer Verblendung meinten, jeden töten zu müssen, der nicht ihren Gott so verehrt, wie sie ihre Uralt-Vorschriften auslegten, ohne Liebe, ohne Barmherzigkeit. Heute 2000 Jahre später wieder neu so furchtbar vorgeführt. Tod im Namen Gottes. Gegen solches Religionsverständnis war das ganze Leben Jesu ein einziger Protest und eine große Hoffnung. Und nun schien diese Hoffnung auf eine gute Welt des Friedens und der Liebe vorbei.

 

Unterwegs ist den Frauen ihre ganze Ohnmacht deutlich geworden. Gegen den Tod kann man selber nichts machen. Die Frauen wissen es. Allein schon dadurch symbolisiert, dass ja der große Stein vor der Grabeshöhle im Wege lag. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Sie selber jedenfalls nicht. Der große Stein - wie ein Symbol für unsere ganze menschliche Ohnmacht gegenüber dem Tod.

Der mächtige Tod, der am Ende alles Leben vernichtet. Viele sind davon überzeugt und manche haben sogar Sehnsucht danach, für sie hat der Tod auch etwas Verlockendes: Endgültig vorbei alle Angst, alles Leiden, alle Ungerechtigkeit, aller Ärger. Der Tod und dann ist Ruh. Wäre vielleicht sogar ganz gut, weil dann auch das gelöscht wäre, was in diesem Leben ganz und gar nicht okay war. Wenn es also auch keine Auferstehung der Sünden gäbe, bei der alles Unrecht des Lebens noch einmal zur Sprache käme. Wenn einem also eine letzte tiefe Scham erspart bliebe über all das, was in der Vergangenheit des Lebens herumsteht wie ein alter großer Schrank, den man im Zimmer hin und her schieben kann, aber nicht zur Tür hinaus bringt. Der Tod und Schwamm drüber.

 

Nein und nochmal nein. So sollen wir nicht denken. Nicht, wenn wir einen lieben Menschen loslassen müssen. Und im Blick auf uns selber auch nicht. Bei aller nötigen Bescheidenheit: Wir haben doch ein ganz wertvolles Leben von Gott zugeteilt bekommen. Das gäbe doch keinen Sinn: einfach aus. Auf der Kirchensteuerzahlerliste mit einem Fingerdruck gelöscht. Einfach weg. Das kann doch nicht alles gewesen sein.

 

Ostern sagt uns: Nein, das ist nicht alles gewesen. Dort bei den Frauen war dann alles ganz anders. Der Stein war weg, das Loch offen, das Grab leer. Als die Frauen  das Ostergeschehen wahrnehmen, begreifen sie allerdings nicht. Wie sollten sie auch! Sie sind starr vor Entsetzen. Es ist irgendwie tröstlich, dass diejenigen, die dem Ostereignis damals in Jerusalem am allernächsten waren, den Widerspruch gegen ihr ganzes Denken und alle Erfahrung genauso hart erlebt haben wie wir modernen Menschen heute. Die Frauen waren ja überhaupt nicht auf ein solches Ostererlebnis eingestellt. Was sie miterlebt hatten an Folter- und Todesqualen, das hatte ihr Herz mit Grauen beschlagnahmt. Da kann kein Mensch von ihnen verlangen, dass sie auf Anhieb die Osterbotschaft glauben. Das verlangt wohl auch der barmherzige Gott von ihnen nicht. Und von uns auch nicht.

 

Und deshalb stürmen die Frauen nicht voll Jubel davon, ziehen nicht singend und Fahnen schwenkend durch die Gassen von Jerusalem. Fassungslos stürzen sie davon wie von einem gespenstischen Ort. Und dann unterschlagen sie das erlebte Osterereignis. Obwohl ihr Auftrag war, es zu verkünden. Der Glaube der ersten Christen an Ostern ist eher blamabel. Sie blamieren sich dadurch, dass sie sich nicht blamieren wollten, weil ihnen ohnehin niemand geglaubt hätte. Frauen damals schon überhaupt nicht.

Auch wir glauben lieber, was zu unseren Erfahrungen passt und wir begreifen können. Aber was ist, wenn es in einer Sache keine Erfahrungen gibt? Es gibt keine Erfahrung, dass der Tod aufhört, der Tod zu sein. Auch wenn in uns eine laute Stimme ist, die schreit: „Da muss doch noch etwas sein. Ach wenn doch da noch etwas wäre.“

Ja, da ist noch etwas. Da braucht es aber etwas anderes als die Hoffnung, dass im Menschen selbst so viel Energie steckt, dass er von sich aus nach seinem Tode mit seiner Seele irgendwie weiterlebt. Oder dass er irgendwie wiedergeboren wird, notfalls wie in Indien geglaubt in einem neuen Geschöpf, vielleicht als Schmetterling oder Känguru. Das sind menschliche Phantasien, weil es uns schwer fällt, unsere Sterblichkeit zu akzeptieren. Es muss schon eine Botschaft aus einer anderen Wirklichkeit kommen, eine Stimme, die uns etwas zuspricht, was wir von uns aus nicht wissen und eigentlich von uns aus auch nicht glauben können: „Nein, hier ist er nicht. Nicht bei den Toten. Er, der Lebendige, er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden." Wenn wir etwas tun können, dann ist es, mit dem Wunder zu rechnen, dass der Stein doch wegrollt, der Stein, der in unserem Verstand herum liegt und unseren Glauben verhindern will. 

Damals geschah das Wunder,  dass die Osterwirklichkeit eine solche Kraft hatte, dass sie allen Unglauben überwand und sich durchsetzte. Die Frauen blieben nicht allein. Andere sind dem Auferstandenen persönlich begegnet: die zwei Wanderer unterwegs nach Emmaus, dann die 12 Jünger, einmal sogar 500 auf einmal. Und die Christen haben es gemerkt: Tatsächlich, er ist mitten unter uns. Lebenskräfte gehen von ihm aus. In seinem Namen wurden Kranke gesund. Der Auferstandene gab neuen Lebensmut. Die Angst vor den Mächtigen verschwand. Rassenschranken wurden weggeräumt und machten freundschaftlichen Begegnungen Platz. Die Sucht, immer noch mehr für sich rauszuholen, wurde von der Bereitschaft überwunden, mit anderen zu teilen und sogar Opfer für sie zu bringen. Wo sich Unzufriedenheit und Missmut breitgemacht hatten, fingen sie an, Gott für das Gute zu danken. Und als es brenzlig wurde, verleugneten sie nicht mehr, sondern hatten den Mut, für ihre Sache einzutreten. Sie übernahmen mit ihrem Leben das Programm Gottes: Leben statt Tod. Und mit der Erfahrung der Lebenskräfte wuchs die Gewissheit der Auferstehung Christi.

An dieser Stelle ist uns erlaubt, das Konto unseres Glaubens zu überziehen. Auch wenn unser Verstand nicht fassen kann, wie das sein soll mit Jesu Gegenwart mitten unter uns und mit einem neuen Leben in einer anderen Welt. Aber es gibt so vieles, was unser Verstand nicht fassen kann.  Es stimmt ja nicht, dass nur das real ist, was man sehen und beweisen kann. Wenn in unserem Kopf eine Melodie herumschwirrt und wir innerlich in Gedanken die Töne mitsummen, ist gar nichts zu sehen oder irgendwie festzustellen und doch ist die Melodie da. Bei Komponisten sogar so, dass sie schon eine Musik in ihrem Kopf hören, die es noch gar nicht gibt. Aber es wird  sie geben. Auch  Architekten sehen im Kopf schon Gebäude, die noch gar nicht existieren. So zeigt uns Gott bei der Kunde von der Auferstehung eine kommende Wirklichkeit, auch wenn wir sie noch nicht mit unseren irdischen Augen, sondern nur mit den Augen des Glaubens sehen können.

Gott lässt den Menschen die Geheimnisse seines Tuns erst nach und nach entdecken. Eigentlich hätte der Mensch in der Steinzeit auch schon all unsere modernen Geräte, Fernsehen, Computer nutzen können, weil das Silizium und alle in der modernen Technik verwendeten Bausteine in der Natur schon da waren. Der Mensch hatte sie nur noch nicht entdeckt. Erst im Laufe der Jahrtausende entdeckte der Mensch nach und nach die in Gottes Schöpfung verborgenen Geheimnisse. In früheren Jahrhunderten hätte man all unsere  modernen Errungenschaften für Ausgeburten der Phantasie oder Zauberei gehalten. Der Mensch wird auch in Zukunft immer wieder ganz Neues entdecken, worüber man nur staunen kann. Da dürfen wir erst recht Gott zutrauen, dass er uns auch einmal ganz Neues zu sehen geben wird. Dafür müssen wir uns etwas Neugier aufheben. Bei Ostern dürfen wir uns an mehr halten, als wir selbst begriffen haben.

 Und auch dann, wenn immer wieder menschliches oder technisches Versagen den Tod bewirkt, dürfen wir vertrauen, dass es bei Gottes Lebensmacht kein Versagen gibt und dass auch dann, wenn nach einem Unglück menschliche Überreste erst mühsam zusammengesucht werden müssen, Christus die Seinen längst gefunden, gesammelt und zu sich geholt hat.

Den ersten Zeugen der Auferstehung wurde gesagt: „Geht, dann werdet ihr ihn sehen!" Das gilt auch uns. Geht glaubend euren Weg in dieser Richtung zum ewigen Ziel beim auferstandenen Christus. Ein Stück vom Himmel ist dort für jeden von uns reserviert. Eine wunderbare Osterbotschaft. Amen.