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Predigt über Markus 2,23-28

Dr. Kristin Jahn (ev.)

25.10.2009 in der Stadtkirche Meiningen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei Markus im 2. Kapitel:
Predigttext Mk 2,23-28 verlesen
Herr, wir bitten dich, gib uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Es begab sich, dass Jesus mitten im Unterricht hinaus ging, unzählige Schüler im Schlepptau und während sie gingen, begannen sie die Gesetze der Schwerkraft und Biologie direkt unter einem Apfelbaum zu erkunden.

Und das Direktorium, die Schulleitung, die Fachkonferenzen - sie sprachen: Sie tun, was nicht erlaubt ist! Warum sind sie nicht im Unterricht?

Und er sprach zu ihnen: habt ihr noch nie von dem großen Erfinder gehört, der mit Äpfeln und Fallobst spielte und dabei herausfand, was Schwerkraft ist?

Und es begab sich, dass Jesus durch die Stadt ging, und ihm folgten die Geschiedenen, die allein Erziehenden, die große Sünderin auf der Suche nach dem Glück.
Und die Leute sprachen zu ihm: Sieh doch, die leben gar nicht zusammen als Vater-Mutter-Kind, dabei heißt es doch: was Gott zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht trennen.

Und er sprach zu ihnen: Habt ihr noch nie von dem König David gehört, der die Ehe brach, auf Irrwege geriet und endlich vor Gott Gnade fand?

Und es begab sich, dass Jesus in die Bank ging und seine Leute im Gefolge begannen, den Kunden das Geld zurückzugeben, was diese verloren hatten durch Immobilienschwindel und Aktienpakete.

Und der Bankdirektor sprach zu ihm: Sieh doch, sie tun, was nicht erlaubt ist! Und er sprach: hast du noch nie von Levi, dem Zöllner, gehört, der den Menschen zurückgab, was er zu viel genommen hatte?


Liebe Gemeinde,
Jesus geht um. Er geht um in der Welt und er bricht in sie ein, wie ein Dieb in der Nacht, leise, unbemerkt. Er löst die Fesseln, ungefragt. Er wendet alles Gewesene, alle Traditionen. Er wendet alle Steine um und prüft alles.

Und er legt hinter jeden Stein, hinter jedes Gebot, hinter jede Fassade, hinter jede Mauer von Banken, Schulen, Wohnungen einen Zettel mit der Aufschrift:

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

Er schreibt es mir ins Herz:
Lass die Wurzel deines Handelns Liebe sein, nicht Pflicht oder blinden Gehorsam. Denn du bist frei, zu tun, was dem Leben dient!

Jesus spricht mich frei von allem, was mich gefangen h„lt.
Es geht ihm nicht um das Auflösen der Gebote, aber auch nicht um das sture Befolgen.
Es geht ihm um das Leben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, für Gott und meinen Nächsten. Da reicht Pflicht und Gehorsam nicht aus. Da muss Liebe im Spiel sein.

Jesus geht um und er ruft mir zu: folge mir nach, lass dir mein Wort und mein Leben ein Vorbild sein auf deinem Weg inmitten der Gebote!

Er schreibt es mit Graffiti auf jedes Gebäude, in jedes Herz: es gibt nur das eine große Ziel inmitten all der Ordnungen und Gesetze: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Diene nicht toten Buchstaben, diene dem Leben.

Gewiss, das ist verzwickt, das sieht an jedem Ort anders aus.
Wo Liebe im Spiel ist, zerbricht alles, was erstarrt ist in Routine.
Wo Liebe im Spiel ist, kommt alles in Bewegung.
Wo Liebe im Spiel ist, wird das starre System der Vorschriften zu einem lebendigen Wort, da betrete ich neue Wege.

Für dieses heilvolle Miteinander gibt es kein Patentrezept. Ich muss mich schon fragen, ob die Art und Weise - wie ich das tue, was geboten ist, dem Wohl aller dient.

Das übersteigt hin und wieder meinen Verstand, wie Jesus mich hier in die Freiheit ruft, menschlich zu handeln.
Es geht über meine Sinne, dass hier nicht Dienst nach Vorschrift das Ziel ist, nicht Knechtschaft, sondern Leidenschaft für Gott und meinen Nächsten.
Plötzlich blüht da das Leben auf, wird Zukunft neu möglich.

Es übersteigt meinen Verstand, weil nicht blinder Gehorsam, sondern Liebe der einzige Weg ist, durch das weite Feld des Lebens zu gehen und satt zu werden mit allen meinen Weggefährten.

Jesus bricht die Kruste des Gewesenen auf.

Wie ein Wissenschaftler, der das scheinbar Normale hinterfragt auf sein Woher und Wohin - so steht er mitten in der Welt,
in der Fußgängerzone, auf dem Arbeitsamt, in der Schulklasse, beim Bäcker, im Discounter, in der Bank und er ruft mir den Sinn aller Gebote wieder in Erinnerung: Wo keine Liebe im Spiel ist und das Leben nicht mehr gedeiht, geht neue Wege und folge mir nach!

So steht er mitten in meiner Familie, in der Ehe, in der Schule genauso wie im Berliner Regierungsviertel und fragt, ob das, woran ich gerade mitwirke, auch dem Wohl aller dient oder ob ich nicht einen anderen Weg wählen sollte, das Gebotene ins Leben umzusetzen.

Er steht dort wie er einst mitten im Feld gestanden hat, die hungrigen Jünger im Schlepptau, und sagt: wähle frei, das Wohl aller oder den blinden Gehorsam. Den Dienst am toten Buchstaben oder das lebendige Wort.

Hier wie dort steht er da, mitten auf diesem weiten Feld und stellt es mir frei, alles auf die Liebe hin zu überprüfen und das zu tun, was gut für alle ist.

Er steht in der Fußgängerpassage, in der Konzernzentrale, im Discounter zwischen Bioregal und Massenprodukt.
Er steht in den tristen Unterrichtsstunden, in den Familien, im Amt; bei Schülern, Eheleuten, Suchenden und Angekommenen.

Sie alle, Sie werden ihn treffen - mitten in ihrem Leben. Und er wird uns alle mit unserer Freiheit konfrontieren.

Wenn in der kommenden Woche also wieder Schüler landauf landab in die Schule gehen, antworten, wenn sie gefragt werden, mitschreiben, wenn es etwas mitzuschreiben gibt.
Dann wird Jesus vorn stehen und an die Tafel schreiben: Ist diese Schule für die Schüler da oder sind die Schüler nur für die Schule da?
Und ich werde mir eine Meinung dazu bilden - mit Schülern, Lehrern, Eltern und vielleicht einen neuen, unkonventionellen Weg betreten, damit das Lernen wieder zum Segen wird.

Wenn in der kommenden Woche wieder zahllose Familien versuchen, einander Vater-Mutter-Kind zu sein, und es ohne Streit nicht abgeht.
Dann wird Jesus mittendrin stehen, in diesen Konflikten und Krisen und wird mit Lippenstift an den Badezimmerspiegel schreiben:
Ist der Mensch nur für die Ehe da oder ist die Ehe nicht vielmehr für den Menschen gemacht - ein Schutzraum, den Gott stiftet für eure Liebe?
Und ich werde mich fragen, ob ich in dieser oder jener Beziehung noch so lebe, dass alle darin glücklich sind - auch ich! Ob ich nur die Fassade wahre oder das Stillleben aufbreche und neu beginne von dem zu reden und zu träumen, was uns zusammengeführt hat.

Wenn in der kommenden Woche zahllose Menschen wieder aufs Amt gehen, ihre Verhältnisse offen legen und Anträge auf Unterstützung stellen.
Dann wird Jesus mit einem großen roten Stift über alle Anträge schreiben: Ist dieses System für die Menschen da oder fesselt das System nur noch die Menschen?
Und ich werde mich entscheiden, ob es genügt, dass ich meinen Pflichten nachkomme oder in welcher Welt ich leben will mit all den Suchenden und Hungrigen an meiner Seite.

Wenn sich in der kommenden Woche wieder unzählige Menschen im Seniorenkreis treffen.
Dann wird Jesus auch dort mittendrin stehen im Stuhlkreis und fragen: Ist diese Veranstaltung für die Senioren da oder kommen die Senioren nur hierher, damit dieser Kreis existiert?
Und ich werde mich fragen, ob es hier um mein Leben geht, um meinen Glauben, um meine unzähligen Erfahrungen und Hoffnungen; und wie ich all das einbringen könnte und mit all den anderen nach Antworten suche, die ich mir selbst nicht geben kann.

Wenn in der kommenden Woche wieder Politik gemacht wird, Programme und Gesetze verabschiedet werden in Berlin, in Brüssel, in Erfurt.
Dann wird Jesus allen das Mikro hinhalten, mitten in der Pressekonferenz und fragen: Ist diese Politik noch für die Menschen da oder sind die Menschen nur dazu da, um regiert zu werden?
Und ich werde mich frei entscheiden, ob ich wie einst den Fernseher nur abschalte oder auf die Straße gehe, Kerzen anzünde und mit all den anderen rufe: Das Maß aller Politik, das ist der Mensch, das sind wir!

Jesus geht um. Er löst, was mich gefangen hält. Er steht mittendrin in all den kniffligen Fragen und Prozessen, im Glück der geordneten Welt und im Chaos. Mitten im Dickicht auf diesem weiten Feld meines Lebens.

Er steht da; er sieht, was gut ist und was so nicht bleiben kann. Er steht mittendrin in meinem Leben und er ruft mir quer über dieses weite Feld zu, prüfe alles, ob da die Liebe noch im Spiel ist und das Leben gedeiht und falls nicht, dann geh neue Wege und folge mir nach! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in unserem Herrn Jesus Christus. Amen.