Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 3,1-6

stud. theol. Achim Jegensdorf (ak)

27.01.2010 in der Johanneskapelle des Alt-katholischen Bischöflichen Seminarkonvikts in Bonn

Gedenktag der Befreiung des Lagers Auschwitz vor 65 Jahren

Gedenktag der Befreiung des Lagers Auschwitz vor 65 Jahren

Menschlichkeit zwischen Sehnsucht und Gesetz

 

Mk 3

Abermals betrat er die Synagoge. Und es war dort jemand – ausgedorrt an der Hand. 2Da bespitzelten sie ihn, ob er am Sabbat ihn heile, um ihn verklagen zu können. 3Da sagt er dem Mann mit der vertrockneten Hand: Steh auf! In die Mitte! 4Und er sagt ihnen: ist erlaubt am Sabbat Gutestun oder Böswirken, Lebenretten oder Töten? Sie aber schwiegen. 5Da blickt er sie rundherum an, voll Zorn, von Trauer erfüllt ob ihrer Herzensstarre, und sagt dem Mann: Strecke die Hand aus! Und er streckte sie aus, und wiederhergestellt ward seine Hand. 6Und hinausgingen die Pharisäer und suchten gleich mit den Herodianern einen Beschluss zu fassen gegen ihn, wie sie ihn vernichten könnten.

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

jedes Jahr aufs Neue ist der 27. Januar für mich ein seltsamer Tag. Denn an einem 27. Januar begann etwas, das die Welt wohl leider nicht noch einmal sehen wird: An diesem Tag, heute vor genau 254 Jahren, wurde in Salzburg niemand anderes als Wolfgang Amadeus Mozart geboren; Mozart, dessen Musik mein eigenes Leben so sehr beeinflusst hat, dass ich sie zum Beruf gemacht habe. Und an einem anderen 27. Januar – nämlich 1945 – endete etwas, das die Welt hoffentlich, hoffentlich nicht noch ein zweites Mal sehen wird: Heute vor genau 65 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz von den immer weiter heranrückenden russischen Truppen befreit. Deshalb gedenken wir jedes Jahr aufs neue an diesem Tag der vielen Millionen Opfer des Nationalsozialismus, und in unserem alt-katholischen Liturgischen Kalender ist dieser Gedenktag ja auch ausdrücklich benannt und angeführt.

 

Mozart und Auschwitz: eine seltsame Mischung. Aber gemeinsam führen sie uns, sehr direkt, zu dem Mann mit der verdorrten Hand vom Anfang des 3. Kapitels im Markusevangelium, mittenhinein. Freiheit und Entfaltung auf der einen und Ghettoisierung, Gefangenschaft und Vernichtung auf der anderen Seite: Es ist ein schmerzhafter Gegensatz, der sich da auftut, zwischen der Wonne und dem Glück des Herzens, die es bedeutet, zu einem schöpferischen, selbstbestimmten Leben finden zu können und, religiös gesprochen, dasjenige zu gestalten, was Gott einst in uns angelegt hat, einerseits – und der himmelwärts schreienden Verzweiflung über die Ohnmacht, eben gerade kein eigenes, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können, das eigene Leben eben nicht in die eigenen Hände nehmen zu können, sondern sie von anderen gebunden zu bekommen, andererseits.

 

Das Bild von der vertrockneten Hand ist wohl zu plastisch, als dass etwas anderes aus dieser kleinen Perikope sich beim Hören stärker ins Gedächtnis brennen könnte. Aber können wir uns eine „verdorrte“, eine „vertrocknete“ Hand denn überhaupt vorstellen? Eine verkrüppelte Hand, ja. Verkrüppelt aufgrund einer vorgeburtlichen Missbildung, verkrüppelt infolge eines schlimmen Unfalls… das alles ist denkbar. Aber eine „verdorrte“? Wenn etwas „verdorrt“ ist, dann hatte es zuvor einmal in Blüte gestanden, dann hatte es sich entfaltet und einmal seinem Wesen gemäß funktioniert. Und jetzt liegt es brach da, verödet, nicht mehr gehegt und gepflegt: ein Baum, ein Strauch, ein Acker, eine Blume – und mir will scheinen, dass wir damit schon jetzt die Krankheit dieses Mannes recht gut verstehen können. Wir werden wohl zustimmen: Nicht nur Pflanzen, sondern auch wir Menschen können auf eine bestimmte Weise veröden, vertrocknen, „verdorren“; auch wir Menschen können den Mut verlieren, das Vertrauen in das eigene Ich verlieren, das so bitternötig ist, um mit diesem Leben klarzukommen – um es aber schließlich nicht nur bewältigen, sondern es sogar als dasjenige Geschenk aus Liebe empfinden zu können, als das es ja von seinem Ursprung her von Gott uns zugedacht ist.

 

Dass aber eben genau dieses den Menschen kaum möglich war, sondern dass sie zutiefst litten daran, dass man ihnen nur allzu oft den Mut gestohlen hatte, auf das Geschenk des Lebens zuzugehen und es zu umgreifen; dass sie bis zur Verzweiflung daran litten, aus sich selbst heraus selbst keinen Ausweg mehr finden zu können aus Schuld und Resignation; dass sie ihrem eigentlichen Wesen und den Gaben und Fähigkeiten, die ihnen einst mitgegeben waren auf ihren Lebensweg, entfremdet worden waren durch die anderen, die ihnen immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen hatten: Das war die Situation der Menschen, in der Jesus sie landauf, landab antraf. Und es erfüllte ihn mit Trauer.

 

Wie gering, liebe Schwestern und Brüder, ist doch der Schritt von zweitausend Jahren: Hätte sich etwas verändert in zwei Millennien? So zu fragen, sind wir doch unwillkürlich  versucht. Wir müssen nicht weit gehen, um einem Menschen mit verdorrten Händen auch hier und jetzt zu begegnen. Denn wie oft müssten Menschen auch jetzt und heute eigentlich einander ehrlicherweise sagen: „Ich bekomm an deiner Seite keine Luft; an deiner Seite kann ich gar nicht leben; aufblühen schon gar nicht; ich kann bei dir so gar nicht ich, ich selber sein; bei dir vertrockne und verdorre ich“? Wie viel, wie oft, wie sehr hat man nicht uns selbst, eine jede, eine jeden von uns, die wir heute Abend hier versammelt sind, um das Ausstrecken und die Entfaltung der eigenen Hände gebracht, im großen wie im kleinen? Ein explizites „Auschwitz“ ist dazu nicht einmal nötig; wahrlich, es geht auch mit weniger: Wie düster mögen schon allein die Schatten sein, die Vater, Mutter, Bruder, Schwester auf unser Leben geworfen haben und vielleicht noch immer werfen? Die Mutter womöglich mit ihrer ewigen Rechthaberei, der Vater vielleicht alkoholkrank, die große Schwester mit ihrem quälenden Gefühl, immer die Beste sein zu müssen; der kleine Bruder, der so selten lacht…? Und es geht ja jenseits der Familie durchaus weiter so: Die Konflikte mit Kommilitonen oder Mitschülerinnen, die stillen Neid- und Konkurrenzkämpfe im Kollegium: Mit Leichtigkeit vermag all dies zu solchen Fesseln zu werden, die sich mit derart schneidender Schärfe um die Hände unseres Lebens legen, dass unsere Glieder mit Blut nicht mehr versorgt werden können – und verdorren. Es gilt: Der Mann mit der vertrockneten Hand – sind wir.

 

Wenn es das also heißt, eine verdorrte Hand zu haben, wenn es also heißt, dass eigentlich das Ge- und Misslingen eines ganzes Menschenlebens auf dem Spiel steht, das es langsam wieder ins Leben zurückzuführen gälte, dann lässt sich von daher wohl nur desto besser verstehen, wie absurd unangemessen der Konflikt ist, der zwischen Jesus und den Pharisäern augenblicklich ausbricht, kaum dass Menschlichkeit und Verstehen sich verwirklichen wollen auch am Sabbat.

 

Die Pharisäer. Es sind die Prominenten aus sozusagen „Synagoge und Gesellschaft“. Sie sind die Peruschim, die Ausgesonderten, Besonderen. Sie sind es, die man fragen muss; sie sind die, die wissen, wie das Leben geht, und die, die immer wissen, was rein und wohlgefällig – und was unrein und strafwürdig ist vor Gott. Es ist ihnen das Gespür dafür abhanden gekommen, dass und wie viele Menschen sie zwischen die Mühlräder ihrer nicht mehr richtig verstandenen Gottgefälligkeit schleifen. Es sind die Law-and-order-Typen der Religion – und in diese ihre heilige Ordnung tritt nun einer, der der Welt bewegen will an einem Tag, an dem sie ad maiorem Dei gloriam gefälligst stillzustehen hat!

So stehen die Dinge, das ist der Konflikt – und wir kennen ihn. Wie viele solcher Maßgeblichen, solcher Entscheidenden, nach denen wir uns zu richten haben, gibt es in unserem Leben? Welches sind die fremdbestimmenden äußeren Instanzen in unserem Leben, die nicht nach dem Einzelnen fragen? Es können ohne weiteres die Vorgesetzten, die Experten, die Weisungsbefugten sein, auf welcher Ebene und in welcher Hinsicht auch immer. So steht es a) am Anfang bereits des dritten Kapitels und b) schon des ältesten der vier Evangelien. Beides scheint zunächst mit beängstigender Deutlichkeit klarzumachen, dass Mitmenschlichkeit, Wärme und Verstehen zum Scheitern verurteilt sind, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

 

Wenn der Gedanke stimmt, dass die Bibel niemals lediglich von Dingen handelt, die vor zwei- oder noch mehr tausend Jahren sich ereignet haben, sondern dass immer auch wir selbst gemeint sind, dann muss jetzt etwas kommen, das wir wohl niemals gerne hören: dass nämlich – auch wir sehr wohl mitunter solche Pharisäer sind (und ich kann mich selbst davon in keiner Weise ausnehmen). Auch wir selbst sind sehr wohl mitunter Menschen, die ihre sehr genauen Vorstellungen davon haben, wie jemand anderes zu sein hat, wie er zu denken, zu reden, zu handeln, zu gehen und sich zu kleiden hat, was er darf und was er nicht darf – wenn er zu uns gehören will und akzeptiert sein möchte. Es gilt auch hier: Die Leidenden mit verdorrten Händen wie bisweilen auch die Leid Verursachenden – sind wir.

 

Wir tragen beides in uns: die eigenen Verdorrungen und Verletzungen wie auch die Unduldsamkeit einem anderen gegenüber, die diesen anderen verdorren lassen kann. Wie zu leben wäre? Markus berichtet davon, dass da Einer war, der uns dazu ermutigen will, unsere Menschlichkeit über unser oft unwillkürliches Berufen auf ausgrenzende Normen zu stellen, und sie mutig, Konflikt für Konflikt, durchzuhalten. Markus lässt seinen Jesus da gewissermaßen sagen: Schaut und versteht! Allemal, allemal besser ist es, stets, an jedem Ort und in jedem Moment eures Lebens, wenn es denn hart auf hart kommt, ein Gesetz zu übertreten und zu brechen – als zu zerbrechen das fühlende Herz, die bedrohte Hoffnung und die so unendlich verletzliche Sehnsucht eines Menschen auf seine Heilung an seinen äußeren Gliedmaßen sowohl wie in der verborgenen Tiefe seiner Seele, was immer die Angst in euch in der Form eurer Paragraphen dagegensagen möge!

 

Noch einmal die Frage: Wie zu leben wäre? Vielleicht so, wie Jesus den dritten an diesem Werden von Heilung beteiligten Part schildert; am besten so, ausnahmsweise einmal vielleicht, wie „die Menge“, in die hinein Jesus den Kranken stellt. Menschen mit verdorrten Händen? Wir. Menschen, die andere verdorren lassen? Wir. Aber – und darin mag tatsächlich das Frohe und Ermutigende dieser heutigen „Frohen“ Botschaft bestehen – der Ort der Verletzung, die anderen nämlich – genau diese anderen hatten ihn verstoßen, ausgegrenzt – der Ort Verletzung wird auch der Ort der Heilung sein. Denn Heilwerden geschieht dort, wo die Wunde liegt. Deshalb stellt Jesus ihn in ihre Mitte zurück, aus der sie ihn vertrieben hatten. Die Menge? Auch das also sind wir. Es mag zwar stimmen: Wir sind mitunter die, die verletzen, ausstoßen. Aber wir sind gerade eben deshalb auch der mögliche Ort einer Heilung und damit auch ein möglicher Ort, an dem etwas wieder in Ordnung kommen kann für einen anderen Menschen.

 

Überlassen wir uns zum Schluss hin einen Moment lang Worten des 1999 verstorbenen Dichters Hermann Josef Coenen, der in Worte gefasst hat, wie es denn also gehen könnte mit unserem Leben:

 

Kennst du einen Menschen, zu dem du gehen kannst,
wenn du selber nicht mehr weiter weißt,
dem du alles sagen kannst, was dich schon lange drückt,
der nicht sagt: Du bist total verrückt?
Geh hin zu diesem Menschen, geh zu ihm, zu ihr.
Und manchmal sei für andre selbst ein solcher Mensch!


Kennst du einen Menschen, der dich sehr gut kennt:
deine Träume, deine Schmerzen, deine Schuld?
Der dich akzeptiert, so wie du wirklich bist,
der für dich ein starkes Kraftfeld ist?
Geh hin zu diesem Menschen, geh zu ihm, zu ihr.
Und manchmal sei für andre selbst ein solcher Mensch!

Kennst du einen Menschen, der auch hart sein kann,
der dich fordert und dir nichts erspart?
Der dir manchmal weh tut und dich hinterfragt,
der dir offen seine Meinung sagt?
Geh hin zu diesem Menschen, geh zu ihm, zu ihr.
Und manchmal sei für andre selbst ein solcher Mensch!

Kennst du einen Menschen, der vom Ziel was weiß,
von den Sackgassen und Umwegen auch?
Der die Spuren deutet, der den Kompass lesen kann,
der dich fragt: Wohin? Wozu? und: Wann?
Geh hin zu diesem Menschen, geh zu ihm, zu ihr.
Und manchmal sei für andre selbst ein solcher Mensch!

 

Ich denke: Ja, gerade so sollte es sein dürfen in unserem Leben; das hätte etwas von jener Weite, in der wir atmen können. – Versuchen wir also, einander gegenseitig uns leben zu helfen, indem wir einander der nötige Raum werden, in den hinein ein Mädchen, ein Junge, ein Mann, eine Frau die eigenen bisweilen wie verdorrten Hände ausstrecken und noch einmal neu zu gebrauchen lernen kann. Sie alle, gerade so wie eben auch wir selbst, haben ihre jeweils ganz eigenen Formen von „Auschwitz“, von Kasernierung mithin, von Apokalypse, von Furchtbarkeiten aller Art, in ihrem Leben zu erleiden gehabt – und nicht selten zu durchleiden bis auf den heutigen Tag. Und nichts mag gerade deshalb nötiger sein, als ein solcher Raum des ruhigen und geduldigen Zulassens wie auch unseres eigenen Zugelassenseins, um – vielleicht spät, um vielleicht langsam, aber dann eben doch – ins Leben bringen zu können, was immer Gott an „Mozart“, an Gaben und an Freiheitsdrang also, in einen jeden von uns als seine Abbilder hineingelegt hat. Danach unbeirrt zu streben, darum unbeirrt auch zu beten, wird sich lohnen. Dass uns das gelingen möge – einen solchen Raum zu finden, in den hinein wir unsere Hände noch einmal ausstrecken könnten nach den Träumen unseres Herzens, und vielleicht auch, einmal ein solcher Raum zu werden für einen anderen Menschen, ebenso wie der Heiland dem Mann mit der vertrockneten Hand ein solcher Raum der Freiheit und der Akzeptation geworden ist: Gebe und segne es Gott – und halte ER’s in Seinen Händen.

 

Amen.