Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 3,31-35

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

21.08.2005 in Bad Radkersburg, Österreich

Liebe Gemeinde,

Während des Theologiestudiums gab mir ein Theologieprofessor das Thema zu meiner Seminarabeit:„Familia Dei bei Jesus anhand Markus: 3, 31-35". Ich habe mir viele Gedanken über dieses gestellte Thema: „Was Familie Gottes bei Jesus sei?“ gemacht. Was Familie ist, darüber hatte ich eine klare Vorstellung. Doch: „Was Familie Gottes bei Jesus sei?“ konnte ich mir nicht so recht vorstellen und geschweige denn etwas darüber schreiben. Ich habe das Thema zurückgegeben und ein anderes für meine Seminararbeit gewählt. Das Thema "Familie Gottes bei Jesus" hat mich seitdem nie mehr losgelassen. Ich stellte aufgrund dieses Erlebnisses fest: es gibt Bibeltexte, die einen sofort ansprechen und wiederum andere, die einem zunächst verschlossen bleiben und sich erst nach Jahren öffnen. Es ist schon eigenartig mit den Geheimnissen des Reich Gottes und des Glaubens. Ich finde dies gut so, dass das Reich Gottes und der Glaube ein Geheimnisse bleiben, die sich erst im Laufe des Lebens eröffnen und einen bereichern. Dass heißt auch mit anderen Worten: Um das Reich Gottes und um den Glauben für das persönliche Leben muss ein jeder Mensch ringen.

Es erscheint so, dass ein Bibeltext manchmal öfters gelesen und meditiert werden muss bis er sich einem erschließt, um dann einem die Botschaft Gottes zu eröffnen. Es lohnt sich, vom Bibeltext sich ansprechen und führen zu lassen, um neue Gedanken für das persönliche Leben zu gewinnen.

Durch den heutigen Bibeltext werden wir in die Familiengeschichte Jesu hineingenommen. Wir erleben wie es in ihr zuging. Zunächst erfahren wir etwas über Jesus persönliche Familie: seine Mutter wie auch seine Brüder sorgten sich um ihn als Prediger. Sie wussten, dass die Priester, so wie es das Neue Testament berichtet, Jesus beobachteten, um ihn dann den Prozess: wegen Unruhestiftung machen zu können. Jesus war also in Gefahr. Deshalb handelten seine Familienangehörige genauso wie auch heute Familienangehörige handeln: seine Mutter und seine Brüder versuchen ihn wieder in den Schutz der Familie nach Hause zu holen. Doch Jesus lehnte dies ab, nicht aus Ungehorsam gegenüber seiner Familie oder um die Konfrontation mit den Priestern zu suchen, sondern um seine Aufgabe, die Botschaft Gottes treu zu verkündigen, zu erfüllen. Immer wieder geriet Jesus in Interessenskonflikte mit dem, was die Menschen von ihm wollten und dem, was sein Auftrag und seine Botschaft waren. Jesus hatte diese Spannungen ausgehalten und sich nicht von seinem Weg und Auftrag abbringen lassen.

Jesus wusste Bescheid um die Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau; ebenso um die Großfamilie, zu der die Großeltern wie auch Tanten, Onkels und Verwandten gehörten. Jesus war in ihr aufgewachsen. Er sah die Familie als Schutzraum an, die Geborgenheit gewährt. Jesus hat die Familie also betont und nicht aufgelöst oder abgelehnt, wie manche behaupten. Doch Jesus hatte von seiner Botschaft her eine andere Vorstellung von Familie. Er verstand seine Worte als konkrete Lebensanweisung und Eröffnung eines neuen Lebens. Er wollte mit ihnen den Begriff der Familie weiten und ihn in einen größeren Zusammenhang mit Gott stellen. Denn bei Jesus sind Glaube, Wort und Tat eins und wollen das Alltagsleben bestimmen.

Jesus war kein Schwärmer. Er war auch kein Gottbegeisterter der damaligen Zeit, der sich in die Einsamkeit und Wüste zurückgezogen hat. Für ihn galt es als eine Selbstverständlichkeit: Gott gehört in das Alltagsleben. Dies lebte er mit seiner Jüngerschar.

Jesus hatte zwar keine Familie gegründet. Doch er verstand etwas von einer Familie. Die Evangelien berichten, wie Jesus Menschen in seine Nachfolge gerufen und auch für sie gesorgt hat: „Als er ein Stück weiter gegangen war, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, auch sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus.“ (Markus 1,16-20)

Den Vater verlassen und dem Meister nachfolgen - das war ein Leitmotiv der Jünger Berufung Jesus. Er hatte durch seinen Anruf Menschen in eine neue Gemeinschaft geführt und sie zu seinen Jüngern gemacht und mit dem Auftrag belehnt, Gottes Botschaft weiterzugeben. Auch wenn sich später die Mönchsbewegung an Jesus Worte orientierte, so hat er doch keine Klostergemeinschaft gegründet, sondern eine Gemeinschaft in und für diese Welt geschaffen. In ihr sollte das Neue des Reich Gottes aufblitzen.

Jesus hat Menschen aus allen Sozialschichten angesprochen und wenig Wert auf Abstammungsverbindungen gelegt. Er hat Menschen zusammengeführt, die nur von dem Glauben an Gott und seinem Reich bestimmt waren und sozial verantwortlich in der Alltagsgesellschaft leben wollten. Jesus war rigoros in diesem seinen Anspruch: „Zu einem anderen sagte Jesus: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben! Jesus sagte zu ihm: Lasst die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes.“ Dieser Bericht signalisierte einen Bruch mit der jüdischen Tradition. Denn es war Sohnespflicht beim Tod des Vaters und der Mutter das Kaddisch-Gebet, das Totengebet, zu sprechen. Jesus hatte bewusst mit dieser Tradition gebrochen. Er hatte das Alte beiseite geschoben, um Neues anfangen zu können. Für ihn war Gott ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten. Ihm galt es vor allem zu dienen. Damit richtete Jesus die Menschen neu auf Gott als Lebensgrund und damit gleichzeitig auf das Leben aus.

Ja, Jesus ging noch weiter. Dem jüdischen Heilsvertrauen aufgrund der Abstammung, setzte er gemäß der Evangelien die Rechtfertigung aus Werken entgegen. Jesus nimmt das auf, was Johannes der Täufer den Sadduzäern und Pharisäern gepredigt hat: „Ihr Schlangen, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr zeigen, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Aus diesen Steinen kann Gott Kinder Abrahams machen.“ Also nicht die Abstammung auch nicht die Ahnentradition zählte für Jesus, sondern das rechte Tun aus dem Glauben an Gott.

Das Neuen Testament kennt nicht die Geschlechterreihe, also Ahnenreihe, wie das Alte Testament. Lediglich im Matthäus- und Lukasevangelium wird Jesus Ahnenregister als Beweis der Heilsgeschichte erwähnt. Selbst Paulus legte keinen Wert auf die Genealogie so: Titus 3, 9. In der christlichen Gemeinde gilt nur die Taufe als Aufnahme und die Weihe zu den Ämtern nicht die Abstammung. Mit der Taufe beginnt für Jesus die neue Gemeinschaft. Damit wird der Mensch als ein geistiges und geistliches Wesen angesprochen, das aus dem Geist Gottes leben und handeln soll. Die geistlichgesinnten Menschen werden zur Gemeinschaft und damit zur Familie zusammengeführt.

In diesem Sinne hatte Jesus mit seinen Jüngern gelebt und das Vertrauen auf Gott in den Mittelpunkt gestellt. Aus dem Gottvertrauen heraus wurde gearbeitet und die Alltagssorgen wie Hunger und Krankheit gemeistert. In diesem Sinne erinnert seine Jüngerschar an eine Familie. Ja, Jesus weitete den Familienbegriff und richtete ihn durch seine Botschaft auf das Reich Gottes aus. Schutz und Raum für das Alltagsleben gewährt der Glaube an Gott. Damit wird deutlich, dass Jesus die Familie nur aus ihrer Gottesbeziehung bestimmte, die auch das Zusammenleben untereinander prägen sollte. Sie erschien ihm als Ort der Geborgenheit, des Vertrauens und der gegenseitigen Hilfeleistung. Deshalb kann er auch zur Sendung seiner Jünger in die Welt sagen: "Gott hat mir unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern! Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe. Und das sollt ihr wissen; ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt." Damit weitete Jesus den Begriff der Familie zur Menschheitsfamilie. Dieses neue Familienverständnis verdeutlicht, dass das Christentum keine Abstammungsreligion ist, sondern eine sehr ausgeprägte Gemeindereligion, deren Mittelpunkt im Glauben an Gott ruht. Daher ihr Gruß und Wunsch untereinander: "Habt Frieden untereinander", Mark. 9, 50.

Darum steht für die christliche Gemeinde die Taufe als die Geburt aus dem Geiste in dem Vordergrund. Die geistige Wiedergeburt hat für Jesus die entscheidende Bedeutung (Johannes. 3,5). Der glaubende Mensch möge aus dem neuen Geist Gottes leben und handeln und in die Zukunft gehen. Jesus beschreibt Familie nicht durch Gefühle, so: Wir sind alle Eins. Dies wird in der Gruppentherapie gepflegt. Vielmehr sah er seine Familie ganz konkret als Willensgemeinschaft an, die den Willen Gottes verlebendigt: Gottesfreundlichkeit allen Menschen zu bringen und damit die Menschlichkeit auf Erden zu verwirklichen.

Gewiss auch wir kennen, dass die Familie eine Willensgemeinschaft ist, die zusammenzuhalten, zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben hat. Der Wert der Willensgemeinschaft ist für das Wohlergehen der Familiengeschichte wichtig und dies wird auch in den Familienromanen beschrieben. Es werden Erwartungen an die Familiennachkommen gestellt: sie sollen das Familienerbe, den guten Geist, weitergeben und erhalten.

Jesus hatte eine konkrete Erwartung an seine Familie, die aus den Gläubigen entstand, den Willen Gottes aus Liebe zu tun, weil Gott der Lebensgrund ist. Jesus hatte dies konkret seinen Jüngern durch Taten und Lehre vorgelebt. Er hat damit Glaubenden eine Orientierung gegeben.

Menschen leben vom Vorgegebenen und von Vorbildern. Sie werden in die Familie hineingeboren und von der Gesellschaft getragen. Als Glaubende wissen sie um die Liebe Gottes, die sie trägt und befähigt. Jesus, der um die Liebe Gottes wusste, konnte er seiner Mutter und seinen Brüdern sein Lebensprogramm und seine Familie erklären: "Die Familie ist die Willensgemeinschaft Gottes und meine Brüder, Schwester und Mutter sind diejenigen, die den Willen Gottes tun". Der Glaube an Gott und das Leben aus dem Glauben haben einen festen Mittelpunkt in Gott, der sie befähigt Gottes Willen zu tun, konkret den Glauben im Alltagsleben zu leben. Der Geist Gottes ist es, der die Glaubensgemeinschaft und die neue Beziehung unter einander stiftet.

Wir erleben dies bei der Taufe eines Kindes, wenn ihm Gottes Geist zugesprochen wird und wenn es in die christliche Gemeinde aufgenommen wird. Die Familie wird durch die Taufhandlung zur Gottes Familie und auch zur neuen Gemeindefamilie. Wichtig erscheinen die Taufpaten bei der Taufe. Durch sie wird bereits für das Kind eine Sozialbeziehung über die Familie hinaus geschaffen. Die Paten haben neben der sozialen Verpflichtung vor allem auch die Aufgabe, die christliche Lehre weiterzugeben. Jesus baute und baut das Reich Gottes durch die, die den Willen des Vaters tun. Damit unterscheidet er sich von den Erbauern der Weltreiche, die mit Gewalt und Macht herrschten und regieren. Jesus regiert durch den Zuspruch der Menschlichkeit Gottes, der kein gefühlsmäßiger ist, sondern ein ganz konkreter und von Gottes Liebe bestimmter ist: der Isolierte in die Gemeinschaft holt und Kranke gesund macht und sie somit wieder in die Gemeinschaft stellt. Das gilt auch für die Gemütskranken, die außerhalb der Gesellschaft leben. Jesus heilt sie und macht sie gemeinschaftsfähig. Ja, all sein Tun zielt darauf ab, die Menschen zu einer großen Familie zusammenzuschließen, in der sich keiner ausgeschlossen fühlen muss, der guten Willens ist. Es muss schon eine Wechselbeziehung von Geben und Nehmen vorherrschen.

Jesus will durch die Errichtung des Reiches Gottes, dem Menschen seine Menschlichkeit wiedergeben. Durch seine Botschaft von Gott will er die Menschen zu einer großen Menschheitsfamilie zusammenzuführen. Durch sein Bild von Familie weitet es Jesus zur Familie Gottes und benennt auch ihre Lebenszielvorstellung: „Seid vollkommen wie euer Vater in Himmel: Matthäus 5,48. Jesus konnte den Fragenden: "Was soll ich tun?“ antworten: „Willst du mir nachfolgen?“ Das heißt, willst Du als Mensch aus dem Glauben an Gott leben und handeln. Ja, darauf kommt es an. Dies gibt dem Leben Sinn. Dies schafft auch die neuen sozialen Beziehungen der neuen Familie, die ein Netzwerk von Familien sein kann und will: Arbeitsfamilie, Krankenhausfamilie, Gemeindefamilie und weltweite Familie.

Mit Jesus neuem Familienbegriff kann die kalte und anonym werdende Gesellschaft sich zu einer lebendigen und verantwortlichen Gemeinschaft entwickeln. Und noch etwas muss gesagt werden, durch den Glauben an Gott sind wir Christen zu einem großen Netzwerk von Familien auf der Welt geworden. Denn die Christen auf der Welt wissen um einander Bescheid und versuchen sich gegenseitig zu helfen.

Amen.