Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Markus 4,1-9

Matthias Jung (ev)

24.12.2011 im Gemeindehaus Rönskenhof in Voerde

Heiligabend 2011

 

Vom Zauber jeden Anfangs und dem vierfachen Ackerfeld

Liebe Gemeinde,
unruhige Zeiten liegen hinter uns, unruhige Zeiten liegen vor uns. An diesem Abend, der wie kein anderer im Jahr ist, sind wir gekommen und sitzen unter dem Sternenzelt vor der Krippe, hängen unseren Gedanken nach, spüren unseren Empfindungen nach. Mitgebracht haben wir all das, was jede und jeden von uns bewegt. All das, was in der großen, weiten Welt so geschieht und pausenlos auf uns einprasselt. All das, was in unserer eigenen Umgebung, in unserer Stadt, in unserer Gemeinde so gewesen ist. All das, was jede und jeder ganz persönlich in der Familie, im Beruf erlebt hat. Manches ist dabei, das uns freut, anderes liegt uns mehr oder weniger schwer auf der Seele. Dazwischen liegen so unendlich viele Dinge, die angefangen wurden, aber noch nicht fertig sind. Und von wieder anderen Dingen wissen, ahnen wir, dass wir sie eigentlich anfangen müssten...

Heute am Weihnachtabend sind wir hierher in die Kirche gekommen. Mit unserer Sehnsucht nach Ruhe, nach Balsam für die Seele, nach Worten, die trösten und Mut machen. Und in Gegenwärtiges mischt sich Vergangenes. Uralte Kindheitserinnerungen werden mit einem Mal wieder wach, ein Gefühl von Geborgenheit breitet sich in mir aus, ich möchte die Augen schließen und alles um mich herum vergessen...

Wie oft habe ich die Weihnachtsgeschichte schon gehört, wie oft die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet, wie oft mit der Familie zusammen gesessen, den Zauber dieser Tage auf mich wirken lassen. Und ich verspüre den Wunsch, für ein paar Stunden auszublenden, was »da draußen« alles los ist...
Und ich höre wieder von Maria und Josef, den Hirten, dem Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und Jahr für Jahr stellt mich diese Geschichte vor die Frage: Nehme ich die Geburt dieses Kindes zum Anlass, die Welt auszusperren für ein paar Stunden und Tage – oder höre ich davon sehnsüchtig mitten im Leben, in der Hoffnung, dass diese Geschichte in meinen Alltag hineinwirkt? Die Antwort ist einfach: Beschränke ich Weihnachten auf diese zwei, drei schönen Festtage, dann ist Jesus umsonst geboren und umsonst gestorben – nehme ich Weihnachten in mein, in unser Leben mit hinein, dann erlebe ich den Zauber des Neuanfangs, der mit jeder Geburt einhergeht.

Wenn ich bei einer Taufe in die Augen der Eltern schaue, dann sehe ich da Glück, Dankbarkeit, Hoffnung – aber auch Zweifel, Fragen, Sorge, ja, auch Angst. Wahrscheinlich gibt es nichts bewegenderes als ein Kind zu gebären, oder an der Geburt als Vater beteiligt zu sein. Ein Kind ist neues Leben, das beginnt. Weihnachten ist daher das Bild des Neuanfangs überhaupt. Gott schenkt uns ein Zeichen der Hoffnung, ihr könnt neu anfangen, immer wieder, deshalb ist die Nähe Gottes in diesem neugeborenen Kind das eindrucksvollste Symbol seiner Liebe, dass wir uns vorstellen können.

Aber lassen wir uns von der romantischen Weihnachtsliederatmosphäre der Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte nicht täuschen, die Geburt Jesu war eine hoch riskante Angelegenheit. Jede Geburt ist lebensgefährlich für Mutter und Kind. Unter den geschilderten Umständen gilt das doppelt und dreifach. Und es ging – nach Matthäus – dramatisch weiter, Todesgefahr, Flucht und Asyl in Ägypten. Nun, so gefährlich werden die allermeisten Kindern bei uns nicht geboren. Aber dem Zauber der Geburt folgen dann auch unter uns schnell schlaflose Nächte, Krankheiten, volle Windeln und anderes mehr. Mancher Neuanfang verpufft, verblasst, verrinnt, reibt sich im Alltag auf...
Daher stellt sich schon die Frage, lohnt es sich wirklich, auf neue Anfänge zu setzen, oder gar sie selber zu wagen, wo und wie auch immer? Lohnt es sich, jedes Jahr wieder Weihnachten zu feiern und etwas von Gott zu erwarten? Lohnt es sich zu hoffen und zu warten, dass etwas neu werden kann in unserem Leben?

Der erwachsene Jesus sah sich mit dieser Frage ebenfalls konfrontiert. Schau dich doch mal um, Jesus. Was bleibt denn von deiner Predigt über, wenn du weiter gezogen bist? Ist das nicht alles nur Schall und Rauch, leere, weil folgenlose Worte? Spricht die raue Wahrheit des Lebens nicht eine ganz andere Sprache, die Mächtigen bleiben am Drücker und die Sachzwänge des Alltäglichen schnüren uns weiter ein...? Jesus antwortet darauf wie so oft mit einem Gleichnis, einem Bildwort. Im Markusevangelium lesen wir eine Geschichte, die normalerweise nicht am Weihnachtsabend als Predigttext gelesen wird, die aber genau auf diese Frage antwortet: Was ist ein Neuanfang wirklich wert?

»Wieder begann er, am See zu lehren. Um ihn versammelte sich eine sehr große Volksmenge, so dass er in ein Schiff stieg, sich setzte und vom See aus sprach. Das ganze Volk blieb am Seeufer auf dem Land. Vieles lehrte er sie in Gleichnissen. Er lehrte sie: ›Hört zu! Bauersleute gingen hinaus, um zu säen. Beim Säen fiel nun einiges auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten es auf. Anderes fiel auf dünnen felsigen Boden, wo es nicht viel Erde fand. Sofort ging es auf, weil es keine tiefe Erdschicht vorfand. Als die Sonne aufging, verbrannte es. Und weil es keine tiefen Wurzeln gefasst hatte, vertrocknete es gänzlich. Anderes fiel zwischen die dornigen Pflanzen. Die Dornenbüsche wuchsen und erdrückten es, und es trug keine Frucht. Wieder andere Samenkörner fielen in gute Erde. Indem sie aufgingen und heranwuchsen, trugen sie Frucht – einige trugen dreißigfach, andere sechzigfach, manche hundertfach.‹ Und er fügte hinzu: ›Die Ohren haben zu hören, sollten genau hinhören!‹« (Bibel in gerechter Sprache)

Jesus spricht realistisch von den Folgen aller neuen Anfänge. Keinesfalls alles, was hochmotiviert, mit den besten Absichten, oder auch im Namen Gottes begonnen und in die Welt gesetzt wird, hat irgendeine Garantie. Das ist bitter, sehr bitter. Aber ehrlich. Jesus macht uns – und sich – nichts vor. Manch gute Idee, manch tolles Projekt, so viele Konfliktlösungen, politische Programme und ja, auch Gemeindekonzepte versickern, vertrocknen, werden erstickt. Warum auch immer. Aus Angst, Gier, Müdigkeit oder Dummheit. Aber auch weil sich vielleicht zeigt, ach, so toll war bei näherer Betrachtung diese Idee dann doch nicht... Gründe gibt’s wahrlich genug zu resignieren, aufzugeben, alle Hoffnung fahren zu lassen. In all unseren Lebensbereichen. Aber, sagt Jesus, alle, die Ohren haben zu hören, sollten genau hinhören: Ja, nicht jeder Anfang führt zum Ziel und zum Erfolg, und ganz viel geht kaputt, bleibt stecken, wird bekämpft und bekriegt. Ich sehe das auch. Aber macht weiter, lasst nicht nach, vertraut Gott, der in dem Kind in der Krippe anschaulich geworden ist, diesem Bild des Neuanfangs, vertraut und gebt die Hoffnung nicht auf – denn es gibt auch das andere, Erfolg und Wirkung dreißig-, sechzig, ja hundertfach.
Oft schwer zu glauben. Gerade Menschen, die mit Menschen arbeiten, berichten von dem Frust, dem Gefühl, all ihre Anstrengungen seien doch vergeblich – Lehrer, Pfarrer, Sozialarbeiter, Ehrenamtler, Politiker... Eltern stellen sich die gleiche bange Frage, wenn sie ihre Sprösslinge aufwachsen sehen, lohnt sich der ganze Einsatz, das Unterstützen, das Immer-wieder-ermutigen...? Und ihre Kinder stellen sich umgekehrt die zweifelnde, sorgende Frage, lohnt sich mein ganzer Einsatz, meine Anstrengung? Wird es Zukunft für mich geben, und Zukunft ist immer Hoffnung...?

Schauen wir auf Jesus und seine ganze Geschichte, dann sehen wir zweierlei: Einen restlos gescheiterten Menschen, verfolgt, verleumdet, angefeindet, in einem kurzen Prozess unschuldig zum Tode verurteilt und lange vor der Blüte seiner Jahre hingerichtet. Keine Hoffnung, keine Zukunft gab es für ihn. Geahnt hat er das selber wohl früh. Und dennoch hat er nicht nachgelassen, jeden Morgen aufzustehen, sich wieder Menschen zu zuwenden im Vertrauen darauf, dass Gott in seiner Liebe ihm jeden Tag die Kraft zum neuen Anfang schenkt, ganz gleich wie die Umstände aussahen. Und in seinen Reden, seinen Begegnungen, in den provozierenden Aktionen hat er immer wieder versucht, Menschen Neuanfänge zu ermöglichen, Hoffnung zu wecken, Gekrümmte aufzurichten, mutlos gewordenen Mut zu machen. Vielleicht hat er sich selber dabei dieses Gleichnis immer wieder selbst vor Augen gestellt, wenn er Menschen gegenüber stand, sich gefragt, was wird aus meinen Worten, meinen Berührungen bei diesem Menschen? Wird es verdorren? Zertreten? Erstickt? Oder wird dieser Mensch in der Lage sein, Gott aufzunehmen und weiterwirken zu lassen, so dass es sich hundertfach auswirkt für andere? Ich weiß nicht, ob Jesus auch sich selbst diese Frage gestellt und sie für sich mit dem Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld beantwortet hat. Aber es liegt eine entlastender Gedanke darin: der Sämann weiß nicht, welcher von den Samen, die er gerade in der Hand hält, hundertfach Frucht bringen wird. So wie eine Mutter, ein Vater bei der Geburt ihres Kindes auch noch nicht wissen können, was werden wird.

Und in diesem Hin und Her zwischen Hoffnung und Zweifel, beginne ich zu ahnen, warum ausgerechnet das Bild vom Gotteskind so mächtig Jahr für Jahr in uns wirkt, dass wir Weihnachten feiern. Weil es von Gottes Liebe zu uns spricht. Weil es Symbol der Hoffnung, Symbol des Neuanfangs ist. Weil es uns ermutigt, morgen wieder aufzustehen und weiter zu leben zu wirken, zu arbeiten, zu lieben. Neuanfänge zu setzen in der Hoffnung, dass der ein oder andere Impuls, das ein oder andere Wort oder Projekt dreißig-, sechzig-, ja sogar hundertfach Frucht trägt. Wo Menschen durch das Bild des neugeborenen Kindes neuen Mut schöpfen, da wird es Weihnachten. Wo Menschen sagen, ja, ich mache weiter, ich will mich morgen wieder gegen die Hoffnungslosigkeit, die Depression, die Mutlosigkeit, die Aussichtslosigkeit stemmen, Tag für Tag. Nicht nur in diesen Dezembertagen.

Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist viel mehr als ein Familienfest - das ist es auch! - und das erleben wir nur, wenn wir nicht so tun, als wären diese Festtage dafür da, den Alltag zu vergessen. Feste feiern ist richtig und gut und schön, da sind wir bei Jesus in bester Gesellschaft, Fresser und Weinsäufer haben sie ihn geschimpft, und da dürfte ein Fünkchen Wahrheit oder auch mehr dran gewesen sein. Doch Jesus hat das Feiern nicht abgegrenzt vom Rest seines Lebens, sondern den Alltag mit hineingenommen, ihn durchsichtig werden lassen – auch jedes Fest ist für ihn ein Bild der Güte und Liebe und Nähe Gottes, ein Bild, das Mut, Hoffnung und Freude macht. Und so wünsche ich Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten.
Amen.


 


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