Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,26-29

Dekan Dr. Rainer Oechslen


"Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da."

Meine Schwestern und Brüder!

„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft...“

Wo finden wir unseren Platz in diesem Gleichnis unseres Herrn? Wo kommt ihr vor in dieser Geschichte von Sämann, Saat und Ernte? Wo komme ich vor?
Drei Möglichkeiten sehe ich, drei Plätze in der Geschichte. Ich möchte mit euch zu diesen Plätzen gehen.

Der erste Platz: Wir sind Säleute.
Manchmal sind wir wohl Sämänner, Säfrauen Gottes. Wenn das geschieht, dann wissen wir selbst am wenigsten davon.

Seit ein paar Monaten war ich Vikar. Ich sollte einen alten, alleinstehenden Mann zum Geburtstag besuchen - am Ostersonntag, denn da wollte mein Chef nach dem Gottesdienst zu seiner Familie. Ich ging also hin, sprach ein wenig linkisch meine Glückwünsche aus und wartete, was der Mann wohl sagen würde. Er fühlte sich einsam und unglücklich. Er sprach vom Sterben und daß danach alles aus sei. Was sollte ich sagen? Wie sollte ich den Glauben ins Spiel bringen? Ich konnte nur antworten: „Heute ist doch Ostersonntag!“, darauf er: „Na und? - Für mich ein Tag wie jeder andere.“ Ich schwieg. „Ach“ sagte er, „Sie meinen die Geschichte mit der Auferstehung? Die ist doch ein Märchen. Daran glaube ich längst nicht mehr.“ Ziemlich geknickt ging ich davon. Von Hoffnung und Freude hatte ich dem Mann nichts sagen können.

Ein paar Wochen später fuhr ich zu einem Kurs ins Predigerseminar. Irgendwann kam mein Chef zu Besuch. In der Mittagspause erzählte er: „Neulich starb ein Mann aus der Brandlberger Straße. Die Söhne kamen und meldeten die Beerdigung an. Sie sagten, du hättest ihren Vater zum Geburtstag besucht. Jedesmal, wenn sie danach zum Vater gekommen wären, noch am Tag vor seinem Tod, habe der Vater wieder angefangen: „Da war neulich ein Vikar bei mir, so ein kleiner, dicker. Der sprach von der Auferstehung.“

Vielleicht ist an jenem Ostersonntag ein Samenkorn in das Herz des alten Mannes gefallen - gerade als ich meinte: Ich habe versagt. Vielleicht hat der Same Frucht getragen für die Ewigkeit. Ich weiß es nicht. Ich muß das auch nicht wissen.

Wie sagt Jesus? „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie.“

Wir feiern heute den 80. Geburtstag von Herrn Willi Schleemilch: Solange- Herr Schleemilch konnte, hat er Gottesdienste gehalten in unserer Gemeinde und rundherum in unserem Dekanatsbezirk. Wie viele Samenkörner sind da aufs Land gefallen? Wie viele haben die Herzen der Leute getroffen und Frucht getragen? Wir wissen es nicht. Der Same geht auf und wächst - wir wissen nicht wie - es geschieht einfach.

Wir wissen nicht, wie im Reich Gottes aus dem Samen die Frucht wird. Gott sei Dank, daß wir es nicht wissen. So können wir auch einmal daheim sitzen und Bier trinken.

Martin Luther sagt irgendwo: „Ich bin dem Ablaß und allen Papisten - den Freunden des Papstes - entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, so viel getan, daß das Papsttum schwach geworden ist...“

Der zweite Platz: Wir sind Erde.
Viel häufiger als ein Sämann bin ich eine Hand voll Erde, in die ein Same fällt.
Als Kind fiel mir auf: Die Leute bleiben in der Kirche erst einmal an ihrem Platz stehen und senken den Kopf, bevor sie sich setzen. Ich wußte: die Leute beten, Ich wußte nur nicht, was.

Eine Lehrerin lehrte es mich: „Wenn du in die Kirche kommst, dann bete in der Stille den Vers
Mache mich zum guten Lande
wenn dein Samkorn auf mich fällt.
Gib mir Licht in dem Verstande
und, was mir wird vorgestellt
präge du im Herzen ein,
laß es mir zur Frucht gedeihn." (EG 166,4)

„Mache mich zum guten Lande, wenn dein Samkorn auf mich fällt...“
Neulich befragte mich ein Journalist, wie ich zum Glauben und zum Theologiestudium gekommen wäre. Da standen sie alle wieder vor mir, die Menschen, die Samenkörner des Glaubens in mich eingesenkt haben: die Eltern, die Großmutter, dir in unserem Haus wohnte, der Schneidermeister, der mit bald 80 Jahren noch Kindergottesdienst hielt und Jungschar. Da war meine erste Lehrerin, die beiden Religionslehrer am Gymnasium, da waren unsere Pfarrer und die Freunde, mit denen ich in der Bibel las.

Die Reihe ist lang. Wenn ich mich besinne, dann tauchen immer neue Gesichter auf:
Menschen, die mir ein gutes Wort gesagt haben. Und Worte fallen mir ein, die meinen Hunger gestillt haben.

Was ist der Mensch? Eine Hand voll Staub und ein Hauch von Gottes Geist. Und auf diese Hand voll Staub, dieses winzige Stück Land fallen so viele Samen, gute, kostbare Samenkörner. Es ist zum Staunen. Zum Staunen und zum Danken.

Der Same bringt Frucht. „Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“

An dieser Steile steht im griechischen Text des Gleichnisses ein Wort, das in der ganzen Bibel nur einmal vorkommt. automatae „automatisch“ – „von selbst“ bringt die Erde Frucht.

Nein - die Erde ist kein Automat. Automaten sind ja von Menschen gemacht. Sie tun genau das, was ihre Konstrukteure vorgeschrieben haben. Andernfalls sind sie kaputt.

Die Erde bringt ihre Frucht . automatae von selbst, so wie Kinder ganz von selbst sprechen lernen, wenn ihre Eltern nur genug mit ihnen sprechen.

Alltäglich ist das: die Erde bringt Frucht - Kinder lernen sprechen - ein Mensch trägt ein Körnchen Glauben in seinem Herzen, ein Körnchen, das langsam wächst. Du tust nichts dazu. Es geschieht einfach.
Alltäglich ist das und zugleich ein großes Wunder.

Der dritte Platz: Wir sind Samenkörner.
Am Ende sind wir selbst Samen – Körner, die Gott aussät auf den Acker der Welt.
Wir werden ausgesät. Das ist kein angenehmes Gefühl. Gesät werden - ich habe es noch gesehen als Kind, wie ein Bauer die Körner auswarf auf den Acker - das schaut so ähnlich aus wie weggeworfen werden.

Ausgesät werden - das geht nicht ab ohne Schmerz. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Jesus spricht von sich selber. Er spricht auch von uns.

Ich weiß, es war für Herrn Schleemilch ein harter Weg, als sein Augenlicht nachließ und er keine Gottesdienste mehr halten konnte. Das war schon ein wenig wie in die Erde fallen und sterben. Es folgten noch andere Widrigkeiten, Krankheiten und Unfälle.

Gerade so reift die Frucht. Jesus lehrt uns, was eigentlich selbstverständlich ist und was wir doch nicht wissen - vielleicht wollen wir es manchmal nicht wissen: Samen fallen in die Erde und sterben, damit sie Frucht bringen, reiche, üppige Frucht.

Gerade unsere Krisen, unsere Niederlagen, unsere Mißerfolge bringen Frucht. So hat Gott es bestimmt.

Und unsere letzte Krise, wenn wir sterben müssen? In meiner Heimat hat man bei Beerdigungen ein Lied gesungen, das man im neuen Gesangbuch nicht findet. Es stand schon im alten nicht mehr - und ist doch wahr und gut:
"Wieder aufzublühn werd' ich gesät,
der Herr der Ernte geht
und sammelt Garben uns ein, die mit ihm starben.
Halleluja.“

Gott wird seine Ernte halten. Uns wird er einsammeln, wir sind die Frucht. Wer jetzt mit leeren Händen dasteht, bei dem wird Gott einmal großen Reichtum finden.

Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Im Gleichnis aber darf sogar Gott einmal schlafen, weil er weiß: die Ernte kommt. „Wenn die Erde aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da.“.

Gott ist ein guter Bauer. Er weiß, was er tut. Wenn die Zeit dafür da ist, wird er Frucht einbringen - auch bei uns.

Amen