Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,26-29

Pastorin Petra Bockentin


„Der geduldige Sämann“

Morgen ist Montag. Gleich nach dem Aufstehen werden wir uns an bestimmte Zeiten zu halten haben. Spätestens um sieben Uhr müssen alle aus dem Bad sein, sonst gibt es in mancher Familie Chaos. Die Kinder müssen den Schulbus erreichen, die Erwachsenen setzten sich ins Auto, um den Weg zur Arbeit möglichst problemlos zu meistern. Und dann geht es los, für Groß und Klein. Leistung wird von uns gefordert, auf der Schulbank, im Büro, in der Firma, in der Landwirtschaft oder wo wir auch immer unsere Kraft und Energie einsetzen werden. Wohl dem, der mit ruhigen Schritten in die Woche gehen kann und nicht vom Sekundenzeiger in Schach gehalten wird. Manchmal kann es uns allen Angst und Bange werden, was alles auf unserem Programm steht. Werden wir es schaffen, alles so zu erledigen, wie wir und andere es von uns erwarten? Sind wir in Sorge, über unser Leistungsvermögen oder sehen wir mit Abstand auf das, was uns erwarten wird? Werden wir geduldig bleiben oder gereizt auf den Freitagabend hoffen? Vielleicht haben Sie ja eine gesunde Mischung von Stressbewältigung für sich gefunden! Das wäre schön für jeden, auf den dieses im Eingang beschriebene Muster zutrifft.

Gelassenheit contra Hektik
Eventuell sind Ihnen, angeregt durch meine Schilderung, schon wieder tausend Dinge durch den Kopf gegangen, die unbedingt noch zu erledigen sind. Ganz Gewissenhafte unter uns haben ja immer einen Zettel und einen Stift in der Manteltasche. Das ist für den Fall, dass ihnen etwas Wichtiges einfällt, wenn sie unterwegs sind. Aber heute empfehle ich uns allen sich mal die Bibelstelle Mk.4, 26-29 zu merken, die unsere Grundlage für die Gedanken in der Predigt ist. Denn da hören wir etwas Unglaubliches(Lesen des Predigtwortes)!
Was ist das für ein Mann, dem wir hier begegnen? Jedenfalls ist er komplett anders drauf, als wir mit unserer Montagmorgenhektik. Mit provozierender Ruhe genießt er nach der Saat das Leben. Er schläft und steht wieder auf, Tag für Tag. Viel mehr wissen wir nicht von ihm. Es ist nichts davon gesagt, dass er ständig zum Acker läuft und nachschaut, wohlmöglich die Erde wegschiebt, um das Ausmaß des Wachsens zu kontrollieren. Auch steht hier nichts von Pflegemaßnahmen, wie Düngen, Gießen, Verziehen oder Jäten. Nichts passiert von ihm aus. Der Gleichniserzähler betont sogar, dass der Mann von der Entwicklung der Saat bis zur Ernte zunächst erstmal nichts weiß. Er weiß nur, der Same ist gelegt und nun gilt es zu warten.

Warten
Können sie sich in diesen Menschen hineinversetzen? Ich muss zugeben, mir fällt es schwer. Warten ist eh eine Sache mit der der moderne Mensch heute  Schwierigkeiten hat. Und dabei verwarten wir statistisch gesehen im Laufe unseres Lebens 5 Jahre. Das habe ich neulich in einer wissenschaftlichen Ausführung von Psychologen gelesen. Wahnsinn ! Schon ein Stau auf der Straße macht mich nervös. Obwohl diese Nervosität mich nicht ein Stück voran bringt, ja mir eher noch schadet, krieg ich sie nicht in den Griff. Vielleicht geht es ihnen ähnlich wie mir bei Verabredungen oder Terminsachen. Sorgen stellen sich ein, wenn es zu Verzögerungen kommt. Ich greife zum Hörer und will wissen, warum und weshalb es nicht wie geplant läuft. Warum geht das nicht alles schneller, klappt das denn überhaupt noch? Was kann ich tun?
Was können wir tun, ist sicher auch ein Teil der Frage der Gleichnishörer aus unserem Predigtwort. Sie sind beunruhigt, das Reich Gottes lässt auf sich warten. Die Gemeinde ist verunsichert. Haben sie sich auf etwas eingelassen, das ganz anders ist, als sie es sich wünschen oder erhoffen? Oder kommt es überhaupt noch, das Reich Gottes?

Geduld

Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen auf das Land wirft und der Same geht auf und wächst und wird reif, ohne dass der Mensch, der Säende, es weiß. Dieses für die Zuhörerschaft ganz anschauliche Bild kennen wir aus unserem eigenen Leben gut und können es auf viele Dinge übertragen. Wer von ihnen Kinder hat oder mit Kindern viel Umgang pflegt, der kann es beobachten, dieses Wachsen. Aus einem kleinen hilflosen Säugling wird ein Krabbelkind. Den Nährboden für seine Entwicklung geben die Eltern und alle Bezugspersonen. Dennoch können wir diesen Prozess nur begleiten, nicht aufhalten oder beschleunigen. Es wäre töricht, täglich nachzumessen und abzuwiegen, ob das Kind gewachsen ist. Alles braucht seine Zeit. Es kommt die Kindergartenphase, dann geht der junge Mensch in die Schule und später wird er ein selbstständiger Mann oder sie eine selbstständige Frau. Ganz viel Samen wird durch die Erziehung in das Kind hineingelegt. Aber häufig gibt es Situationen, da denkt man als Mutter oder Vater, dass das alles vergebliche Liebesmüh war. Gerade in der Pubertät oder in anderen kritischen Momenten handelt dieses „Kind“ so völlig anders als erwartet. Aber dann kann es werden, irgendwann völlig überraschend, dass die Grundlagen, die vermittelt worden sind doch noch Frucht bringen. Vielleicht passiert das erst Jahre, viele Jahre, später.
Das fordert von allen Beteiligten eine Menge Geduld ab.


Vertrauen

Und einher mit dieser Geduld geht das Vertrauen. Der Sämann in unserem Gleichnis hat anscheinend genug von beidem, denn er lässt sich nicht irre machen. Gelassen geht er seinem Leben nach. Was er zu tun vermochte, hat er getan, alles andere liegt jetzt nicht mehr in seiner Hand. Der Same ist gelegt, also gilt es abzuwarten. Mehr kann er nicht ausrichten. Und so ist es ja in vielen Bereichen, in denen wir in unserem Leben zu tun haben. Freundschaften, Beziehungen und Lebensverbindungen sind nicht mit Macht und Gewalt auf den Gipfel zu zwingen. Menschliches Miteinander ist auf Vertrauen und Geduld füreinander angewiesen. Langzeitehepaare berichten oft von ihren schwierigen Anfangsjahren miteinander und sind dann stolz, daß sie über diese anstrengende Periode hinausgewachsen, ja sogar zusammen gewachsen sind. Keiner von beiden hat jemals die Hoffnung auf eine gemeinsame Ernte aufgegeben und das war Grundlage genug nicht aufzugeben oder zu resignieren. Nun sind sie beide gelassener füreinander geworden, weil sie die Erfahrung gelehrt hat, dass viele Dinge im Leben einfach Zeit und Vertrauen brauchen.


Hoffnung

Zu Geduld und Vertrauen gehört also automatisch die Hoffnung. Wer auf etwas im positiven Sinne wartet, hat die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben, trotz aller Ungeduld und aller Zweifel. Ich weiß nicht, wie es ihnen mit ihrem Glauben ergeht. Aber können sie sich noch an den Konfirmandenunterricht oder an eine Begebenheit in der Jugendgruppe erinnern, die für sie erst im Laufe des Lebens richtig verständlich geworden ist? Vielleicht hat da ein Mitarbeiter oder auch ihre Eltern und Großeltern ihnen etwas zu vermitteln versucht, das erst durch die selbst gemachten Erfahrungen einleuchtend und für sie von Bedeutung geworden ist. Dann ist da ein Same in sie gelegt worden, der zum Reifen viel Zeit gebraucht hat. Wir sind nämlich auch so eine Art Acker, auf den Gottes Wort fällt. Gott legt seinen Samen in uns. Und er bringt uns Geduld und Vertrauen entgegen, schenkt uns Hoffnung und die Liebe.


Liebe

Gott liebt uns so sehr, dass er uns zutraut, aktiv in unserem Leben Saat auszustreuen. So ähnlich wie der Landmann in unserem Gleichnis. Der macht mit Liebe das, was er kann und erledigt seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit. Den „Rest“ gibt er ab in Gottes Hand. Denn für den palästinensischen Bauern ist das Säen praktische Pflicht, aber alles was danach kommt, ist aus seiner Sicht nicht biologisches Konzept sondern reines Gotteswunder. Und er wird unermüdlich weitersäen und ruhig abwarten. Vielleicht ist das der Schlüssel für uns? Angesichts leerer Kirchen und kleiner werdender Gemeinden dürfen wir nicht ungeduldig und hoffnungslos werden, sondern sollen immer weiter Samen streuen. Samen der Gerechtigkeit, Samen der Liebe, der Hoffnung, der Geduld, des Verstehens. Wir wissen ja, dass viele Dinge, auch die Frucht des Glaubens, unendlich viel Zeit zum Wachsen brauchen.     

Vielleicht ist uns die Ruhe des Landmanns nun nicht mehr ein Anstoß zum Wundern, sondern ein bewunderungswürdiges Vorbild.
Das Reich Gottes fängt schon mitten unter uns an. Auch wenn wir im Alltag von Hektik und Leistungsdenken oft die kleinen Schritte dahin nicht wahrnehmen, so sind sie doch da. Haben wir also Geduld, lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen, gehen wir weiter auf dem Acker Gottes und säen aus, immer wieder. Und freuen wir uns über jedes Samenkorn, das in uns und unseren Mitmenschen aufgeht. Vielleicht kann uns die Gewissheit, dass Gott bei all unseren Schritten dabei ist grundsätzlich im Leben ruhiger werden lassen. Warten kann auch etwas Freudiges in sich bergen. Wir dürfen erwarten, dass Gott seine Wunder an uns und mit uns tut. Denn sein Segen liegt auf unserem Säen. Gott sei Dank, wie beruhigend! Amen