Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,35-41

Angelika Behnke

29.01.2006 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin

Dunkelblaue Abendstille. Erstes Sternengeflüster am hohen Firmament.
Der See Genezareth - er glänzt wie ein dunkler Spiegel. An den Ufern irrlichtern die ersten Fackeln. Träge kräuseln sich Wellen über den Strand, verebben zwischen hellen Steinen und angeschwemmten Pflanzenresten.
Der Abendhauch berührt die Haut wie ein kühler Seidenschleier, er trägt mit sich den Geruch nach reichem Fischzug und noch warmer Erde.
Nur das Knarren der Bootsplanken und einzelne verhaltene Stimmen dringen ans Ohr. Dunkelblauer Abendfrieden.

Abend über der Hauptstadt. Der Verkehrslärm verebbt, Einkaufsstraßen liegen verwaist, nur die grellen Reklameschilder künden noch vom hektischen Tagwerk. Hier und da leuchten Fenster auf, Menschen kommen nach Hause und - hoffentlich - zur Ruhe.
Großstadt-Ruhe.

Doch wie trügerisch kann diese Stimmung sein…

Und es erhob sich ein großer Sturmwind, und die Wellen warfen sich auf das Boot, sodass sich das Boot schon füllte.

Und irgendwo hinter den zugezogenen Gardinen klingelt das Telefon - ein Anruf aus dem Krankenhaus.
Irgendwo in einem schummrigen Hausflur: Der Briefkastenschlüssel dreht sich geräuschvoll im Schloss - ein schwarz geränderter Brief fällt zu Boden.
Hinter heruntergelassenen Jalousien, irgendwo in dieser gnadenlosen Stadt, weinen sich Kinder in den Schlaf, weil sich die Eltern wieder einmal streiten,
weil Türen unwiderruflich zuknallen und Wünsche lautstark an der Realität zerbrechen.
Irgendwo hinter dunkel stehenden Häuserfassaden tun sich Menschen mit Worten weh, in den Sitzungssälen der Institutionen und Gremien genauso wie in den Schlafzimmern des Villenviertels.
Da gibt es Männer und Frauen, die fürchten sich vor der Leere des nächsten Morgen und - noch schlimmer - vor sich selbst.

Unberechenbare Fallwinde verwandeln den See Genezareth augenblicklich in tödliche Fluten, wo doch eben noch alles so friedlich war.

Fallwinde brechen in unser Leben ein, so plötzlich, so übermächtig - da scheint es kein Zurück zu geben: Die Lebensfahrt führt nur noch tiefer in die Nacht. Das Ende: Verderben.

Ein Aufschrei übertönt die dämonischen Gewalten: Ist es meine Stimme, die sich da erhebt? - Wo bist du, Gott??? Schläfst du? - Kümmert es dich nicht, Jesus, dass wir umkommen?
Da zeigt die Nacht ihr wahres Gesicht, die echten Kämpfe. In die Nachfolge Jesu gerufen, werden wir Jüngerinnen und Jünger konfrontiert mit einem schlafenden Gott. Provoziert. Bis wir es nicht mehr aushalten vor Todes- und Lebensangst. Lebensangst? Ja, die Angst vor dem Leben im Gefolge dieses undurchsichtigen Mannes aus Nazareth. Was, wenn er nicht der ist, für den er sich ausgibt? Was aber, WENN er es ist?
Es bleibt in diesen dramatischen Momenten keine Wahl. Jetzt, wo das Leben lebensgefährlich ist, wo ich mit meinem eigenen Latein am Ende bin, erinnere ich mich der Worte, die mir von diesem Jesus gesagt sind. So oft und variantenreich habe ich sie gehört - jetzt müssen sie sich bewähren.
Ich kann Jesus nicht mehr wie die Jünger im Boot bei den Schultern packen und aufrütteln. Aber ich kann Gott meine Bedrängnisse und Ängste klagen. Ich kann zu ihm rufen und schreien.
„Ist das alles?“, werde ich von manchem Zweifler gefragt. - „Das ist viel mehr als Menschen haben, die an keinen Gott glauben!“, entgegne ich. Unvorstellbar für mich der Gedanke, ich hätte keine Klagemauer in meinem Leben, nichts, keinen Ort, kein Gegenüber, mit dem ich ringen kann. Klage und auch Freude - sie würden ungehört verhallen, irgendwo im „Off“ des unendlichen Alls.
Doch erneut regt sich der Widerstand der Zweifelnden:
Man kommt doch auch ohne Gott ganz gut klar! Das Leben scheint der Nichtchrist genauso im Griff zu haben wie die glaubende Christin!
Und doch: es gibt den Unterschied. Er tritt dann ans Licht, wenn sich der Spieß umdreht: wenn nicht mehr wir das Leben im Griff haben, sondern das Leben uns!
Und dann kann es geschehen, manchmal - nicht immer und nicht automatisch! - dass der Notruf das Blatt wendet. „Mensch, Gott! Gott, Mensch, tu doch etwas!“
Der eben noch schlafende, ferne Gott - er ist ein Gott, der darauf wartet, dass ich ihn im Gebet anrufe. Es ist das Eigenartige an der Gottheit dieses Gottes: Er wartet darauf, dass er gerufen wird, vom Menschen gerufen: Was ihr bittet in meinem Namen…

Und Jesus stand auf und fuhr den Wind an und sprach zu dem Meer:
Schweig, verstumme!!!

Wie lebende Wesen bedroht Jesus hier die verderbenden Mächte.
Augenblicklich ändert sich auch etwas bei den Jüngern:
Schweig, Todesangst!
Verstumme, Lebensangst!
Ihr Mächte, die ihr den Glauben unterspülen wollt, bekommt es mit Jesus zu tun! Ihr Wellen der Verzweiflung werdet euch an seiner Person brechen müssen!
Dämonische Gewalt verliert gegen göttliche Wortgewalt.
Der als Mensch im Boot schlief, bezwingt als Gott mit seinem Wort das tobende Meer.

Und der Wind legte sich und es entstand eine große Meeresstille…

Eine Fahrt der Extreme:
Unheimliches Chaos wechselt zu unheimlicher Stille.
Schweig, verstumme auch du, Mensch! Lass ab von deinem Tun, davon, alles selbst machen zu wollen.
Die eintretende Stille gibt uns Raum, den nahen, den begleitenden Gott zu erkennen.

Und er sprach zu ihnen:
Was seid ihr so verzagt? Habt ihr noch keinen Glauben?

Und große Furcht überfiel sie.

Die Erschütterung ist noch nicht vorüber. Es ist jetzt die Furcht vor dem begegnenden Gott. Immer, wenn er oder seine himmlischen Boten sich dem Menschen offenbaren, ist da diese ganz eigentümliche Furcht. So mancher Prophet ergriff die Flucht, Zacharias und Maria entsetzten sich und die Hirten wichen vor Schreck zurück, als Gott durch seine Engel das Wort an sie richtete.

Und sie sprachen untereinander: Wer ist dieser?

Wer ist dieser? -
Der jüdische Theologe Martin Buber erzählt, wie einer der Aufklärer mit einem Rabbi diskutiert. Der Rabbi geht mit einem Buch in der Hand durch die Stube, wiegt nachdenklich den Kopf und spricht halb zu sich selbst: „Vielleicht ist es aber wahr!“ - Dem Aufklärer beginnen die Knie zu schlottern. Nun wendet sich ihm der Rabbi völlig zu: „Du hast darüber gelacht, aber vielleicht ist es doch wahr!“ Das bricht des Aufklärers Widerstand. Denn wie sehr sich der Unglaube auch behaupten mag, wie sehr er sich angesichts des Leids in der Welt gerechtfertigt sieht - es bleibt ihm die Unheimlichkeit des „Vielleicht ist es doch wahr!“ -
Keiner kann dem Zweifel, keiner dem Glauben ganz entrinnen.

Wer ist dieser? -
Diese Frage ist aktueller denn je. Sie wird an jede und jeden von uns gerichtet. Was meint denn ihr, was meine ich, wer der ist?

Der am Freitag verstorbene frühere Bundespräsident Johannes Rau sagte einmal: „Wer Anstöße geben soll und will, muss selber anstößig sein.“
Jesus war damals anstößig, und viele nehmen noch heute Anstoß an ihm. Welche Anstöße gibt er mir?
Welche Wunder bewirkt er bei mir?
Vielleicht ist es das größte Wunder, dass mein Glaube bewahrt wurde, durch alle bisher erlittenen Lebensstürme hindurch.
Dann das Wunder, dass ich in der Ruhe nach dem Sturm entdecke: Ich bin daraus hervorgegangen als verwandelter Mensch: reifer, erfahrener, glaubenserprobt. An meinem Kummer bin ich gewachsen. Bin feinfühliger geworden für das Leid anderer und fähig, ihnen nahe zu sein in ihrer Bedrängnis. Ich gebe darin weiter, was ich selbst von Gott geschenkt bekommen habe: Liebe und Begleitung.
Freilich: Ich nicht und niemand sonst ist gefeit vor neuen Lebensstürmen - die Überfahrt ist noch nicht zu Ende.
Doch aus der Vergangenheit erwächst die Kraft für die Zukunft. Die Segel werden neu gesetzt.

Und eines Morgens wachen wir auf in unserem Lebensboot, reiben uns die Augen und sehen vor uns das neue Ufer. Und siehe: Der Herr hat nicht geschlafen in den tückischen Fallwind-Nächten. Er hat an unserer Seite ausgeharrt im selben Boot. Ein ruhender Pol in aller Panik. Und nun hat er schon im Morgenglanz der Ewigkeit den Anker geworfen, das Boot vertäut und er winkt uns zu: „Kommt an Land, kommt her und seht an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“

Amen.