Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,35-41

Martin Beinhauer

in Gilserberg-Lischeid

Sonntag der Hessenwahl

  1. Und an jenem Tage sagte er zu ihnen, als es Abend geworden war: Lasset uns ans jenseitige Ufer fahren.
  2. Und sie verließen das Volk und nahmen ihn, wie er war, im Schiffe mit; und andere Schiffe waren bei ihm.
  3. Und es erhob sich ein großer Windsturm, und die Wellen schlugen ins Schiff, so daß das Schiff sich schon füllte.
  4. Und er schlief im hinteren Teil des Schiffes auf dem Kissen. Und sie weckten ihn und sagten zu ihm: Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen?
  5. Und nachdem er erwacht war, bedrohte er den Wind und sprach zum See: Schweig, verstumme. Da legte sich der Wind und es trat eine große Windstille ein.
  6. Und er sprach zu ihnen : Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
  7. Und sie gerieten in große Furcht und sagten zueinander: Wer ist dieser, daß ihm sogar Wind und See gehorsam sind?

Amen

Liebe Gemeinde,

letzte Woche war ich in Hofgeismar und hatte mit meinen Kollegen eine Sprechausbildung. Wir hatten einen Schauspieler, der uns gelehrte hat, wie man ein K, ein T, ein L oder ein M ausspricht. Ich will ihnen diesen Mann einmal beschreiben:
Stellen sie sich einen hageren Mann vor, etwa 50 Jahre alt. Er war meist hell gekleidet, und um seinen Hals hatte er ein dunkelblaues Seidentuch. Er war ein Künstler durch und durch - man konnte es in jeder seiner Bewegungen sehen. Er hatte einen Schnauzbart und kurze graue Haare. Seine Mimik und seine Gestik war die eines Schauspielers. Auch noch 20 Meter weiter hätte man ohne weiteres im Gesicht dieses Mannes lesen können. Sein typisch bayrischer Akzent liegt mir jetzt noch im Ohr. Dieser Mann saß also auf einem Stuhl und beobachtete uns, wie wir aus der Bibel lasen. Ich stand also hinter diesem Lesepult - so wie jetzt - und habe den Text für den heutigen Sonntag etwa so vergetragen:

Text (Langweilig, leiernd, pastoral, viel zu schnell)
Pause

Als ich fertig war, riskierte ich einen Blick auf die Seite. Kleine Dolche hatten sich in den Augen unseres Lehrers gebildet. Mit beiden Armen stützte er sich auf die Lehnen seines Stuhls, zog die Beine an und sprang mit einem Schwung nach vorn. (Mit leichtem Akzent): "Nein, Nein, Nein. So geht das nicht. Das ist doch ein Bericht. Den können sie doch nicht so runterleiern. Außerdem war das viel zu schnell. Wissen sie, warum die Leute die Bibel nicht zuhause lesen, weil sie sie immer so vorgelesen bekommen.
Dabei ist die Bibel eine Sammlung von den spannensten Geschichten überhaupt. Hätte es damals den Oskar für Drehbücher gegeben - die Bibel hätte ihn über Jahre bekommen. Sie müssen sich das vorstellen, was da passiert:
An jenem Tage - der Jesus hat schon von morgens frühs am Boot gstanden und vom See aus den Leuten was erzählt. Bis jetzt hata nur Weisheiten von sich gegeben. Stellens sich dasama vor. Mittlerweile ist es Abend geworden, die Sonne geht üben den See Genezareth unter. Wenn sie noch nicht in Israel waren, stellens sich den Edersee vor. Sie sehen die Berge vor ihrem inneren Auge, die Büsche, die an den Berghängen wachsen, sie spühren den Wind, der über den See geht. Und dann geht die Sonne golden mit rot und schwarz über diesem See unter. Das müssens alles mitdenken, wenn sie den Text lesen. Nochama."

Ich lese also noch einmal.

 

  1. Und an jenem Tage sagte er zu ihnen, als es Abend geworden war: (Heilig) Lasset uns ans jenseitige Ufer fahren.

(Akzent!) "Nein, eben nicht. (heilig) ,Lasset uns ans jenseitige Ufer fahren.´ Das ist was ganz Normales. Man fährt eben mit einem Schiff über den See. Und das ist nicht die Kutsche, die in den Himmel fährt. Der Jesus ist hier ein ganz normaler Mensch, der sich auf ganz normale Art fortbewegt. Also lassens die Heiligkeit weg auser Stimme. Ich machs ihnen ama vor: "Lasset uns ans jenseitige Ufer fahren." So, und jetzt machen sie weiter und stellen sichs das ganze vor."

Ich stelle mir also vor, wie eine kleine Flotte über diesen romantisch beleuchteten See fährt. Ein paar alte Holzboote, ein paar Segel, die Fischnetze, die noch in den Booten liegen, vielleicht zwei Ruderpinnen für eine Flaute, Seile, und Pech zum Abdichten. Was man als Seemann eben dabei hat. Die Fischer riechen nach altem Fisch, ein Geruch, den man nicht einfach so von der Haut abbekommt - vor allem, wenn man täglich neue Fische fängt. Ihre Kleidung ist eher grau, und ist an vielen Stellen gerissen. Aber sie ist sauber und gut geflickt. Ich lese:

  1. Und sie verließen das Volk und nahmen ihn, wie er war, im Schiffe mit; und andere Schiffe waren bei ihm.


(Selber Ton)

  1. Und es erhob sich ein großer Windsturm, und die Wellen schlugen ins Schiff, so daß das Schiff sich schon füllte.

Kennen sie Rumpelstielzchen? Irgendwie erinnerte mich unser Lehrer nun an diese Gestalt. Wieder schallte es von links: "Nein, so könnens das net mache. Da ist Dramatik. Den Fischern geht da Stift, wie der Bayer sagt. Die haben d´ Hosen voll. Sie müssen sich dasama vorstellen - mit einem Mal wird der Himmel schwarz, die Wellen werden hoch und gleich die erste Welle schwappt soviel Wasser ins Boot, daß es fast untergeht. Das sind kleine Boote, die schaukeln ganz schön, wenn man nur ein bischen See hat. Jetzt kommt aber ein Sturm."

Eine Kollegin von mir hob den Arm. Sie überlegte: "Ich kann das gar nicht so lesen, weil ich dann immer denke, daß das alles so gar nicht stattgefunden hat. Die Bilder, so wie sie sie schildern, will ich nicht denken, ich solche Bilder für kitschig halte. Kann man das nicht ein wenig distanzierter lesen?"
(Leise, bedächtig)
Unser Schauspieler setzte sich in seinem Stuhl zurück. Es entstand eine kurze Pause. In seiner ihm eigenen Art legte er den Zeigefinger vor den Mund. Dann antwortete er: "Ich will ihnen mal etwas sagen: Wenn sie anfangen, sich von der Geschichte loszulösen, und die Geschichte so erzählen, als hätte sie nichts mit ihnen zu tun, dann wird die Geschichte tot. Sie lesen sie dann einfach, aber jeder merkt, daß sie gar nichts mit ihr verbinden. Wenn sie diese Bilder nicht wollen, dann müssen sie versuchen, sich andere Bilder vorzustellen."
Unser Schauspieler fuhr fort: "Ich hatte das auchama bei der Weihnachtsgschichtn, die ich vorlesen mußte. Und immer wieder kam der Nürnberger Christkindlmarkt in meine Vorstellung. Kein Nürnberger geht da freiwillig hin. Aber das war immer in meinem Kopf, wenn ich die Geschichte gelesen habe. Ich habe bald meine Bibel durch die Gegend geworfen, bis ich mir eigene Bilder gesucht habe, die zu der Bibelstelle passen.
Die Geschichten, die in der Bibel stehen sind nicht tot. Tot ist es höchstens in einem selber, weil man mit diesen Geschichten nichts mehr anfangen kann. Ich gebe ihnen der Rat: Suchen sie ihre eigenen Bilder, schauen sie, daß sie die Geschichte für sich zum Leben erwecken. Das sind sie den Leuten schuldig, die ihnen zuhören. - Aber lesen sie diese Texte nie so, als wären sie ihnen egal. Ich gehe sogar so weit daß ich sage: Es ist eine Sünde, wenn sie die Geschichten der Bibel so lesen, als wären sie ihnen egal. Wenn sie die Texte tot lesen, sagen sie nämlich auch, daß Gott so tot ist. Ob das alles so passiert ist, wie es da steht, das wird keiner von uns auf dieser Welt je herausbekommen. Aber daß sie es sich vorstellen können, daß sie damit etwas verbinden, darauf kommt es an."

Pause

"Machen´s ma weiter"
Ich lese weiter (distanziert, eher gleichmütig)

  1. Und er schlief im hinteren Teil des Schiffes auf dem Kissen. Und sie weckten ihn und sagten zu ihm: Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen?
  2. Und nachdem er erwacht war, bedrohte er den Wind und sprach zum See: Schweig, verstumme. Da legte sich der Wind und es trat eine große Windstille ein.

Unser Lehrer lehnte sich bequem im Stuhl zurück, und faltete die Hände hinter den Kopf, schloß die Augen und sprach: "Mei, sie dürfen auch hier wieder etwas dramatisch sein. Ich mach´s ihnen mal vor, wie sie´s gelesen haben. (unbeteiligt): Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen? Sie haben das so gelesen, als ob sie sagen: Meister, weißt du vielleicht, wie spät es ist? Die Leute im Boot haben Angst. Wenn sie, Herr Beinhauer, schon vor einer kleinen Gruppe, oder vor einer Gottesdienstgemeinde stehen, dann schlottern ihnen schon die Knie. Stellen sie sich mal vor, sie sollen in den nächsten Sekunden das zeitliche Segnen. Da fragen sie nicht: (unbeteiligt) Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen? Da rütteln sie den erstmal wach und dann haben sie auch kein normales Gesicht, sondern rdann rufen sie. Gehen sie mal ein wenig aus sich heraus. Sie müssen die Dinge als die Sensation lesen, die sie damals war und die sie heute noch ist. Da sind Leute, die kurz vorm Sterben sind, die gedacht haben, es geht nicht mehr weiter und die werden gerettet.
Und dann schauen sie sich mal die Leute an, die mit Jesus im Boot sitzen. Stellen sie sich die Fischer vor mit ihren vom Wasser gegerbten Gesichtern. In diesem Augenblick haben die nur noch Angst. Und dann rufen die: Meister, kümmert es dich nicht, daß wir untergehen? Nochmal."

Ich atme tief durch und lese noch einmal den Vers.

  1. Und er schlief im Hinterteil des Schiffes auf dem Kissen. Und sie weckten ihn und sagten zu ihm: Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen?
  2. Und nachdem er erwacht war, bedrohte er den Wind und sprach zum See: Schweig, verstumme. Da legte sich der Wind und es trat eine große Windstille ein.
  3. Und er sprach zu ihnen : Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
  4. Und sie gerieten in große Furcht und sagten zueinander: Wer ist dieser, daß ihm sogar Wind und See gehorsam sind?

Unser Lehrer schien zufrieden. "Mei, des war net ganz schlecht. Am Schluß habe ich noch einen Rat für sie: Trauen sie dem Text ruhig mal was zu. Haben sie keine Angst vor den Text, den sie verlesen. Sie müssen sich mit dem Text und dem Evangelium nicht verstecken. Nehmen sie die Dramatik auf, die der Text hat. Aber vergessen sie nicht, dabei dort sachlich zu bleiben, wo berichtet wird. Wenn sie das lesen, stellen sie sich vor, was da geschieht. Wenn wörtliche Rede kommt, dann können sie loslegen. Sie müssen sie sich aber zurücknehmen, wenn es wieder ans Berichten geht. Schaun sie, die meisten von ihnen nehmen sich so stark auf der Kanzel zurück wie wenn wenn sie sagen: Liebe Gemeinde, entschuldigt, daß ich da bin.
Ja des is wirklich so. Der Text, den sie vorlesen, der will durch sie zum Leben gebracht werden. Und sie können das auch, weil sie dahinter stehen. Das gilt übrigends auch für ihre Gemeindeglieder - die Dinge, die in der Bibel stehen, schlafen vor sich hin, bis sie sie zum Leben erwecken. Das können´s denen ma sagen, wenn man die Bibel laut und mit Betonung liest, dann versteht man auch, was drinen steht. Und dann können diese Stellen aus der Bibel ihre Kraft entfalten und das verjagen, was man so an Ängsten hat und kennt. Trauen sie Gott das ruhig mal zu.

Und jetzt lesens den ganzen Text nochama."
Bevor ich ansetzte, um den Text noch einmal zu lesen, versuchte ich mir nocheinmal alle Ratschläge durch den Kopf gehen zu lassen: Vorstellen, wie es wohl ausgesehen hat, was da geschah. Ich versuche den Wind, der erst sacht ging und dann zu einem Sturm auflief, auf meiner Haut zu spüren. Die nassen Füße, wenn man ins Boot steigt. Ich versuche, mich selbst in den Bericht mit hineinzudenken - wie ich so sitze in einem von den Fischerbooten.
Es ist gar nicht so leicht, einen schlafenden Text wachzumachen, so daß er sprechen kann. Die Dramatik nicht vergessen und sie immer klar von dem Bericht absetzen. Es ist so, als würde man den schlafenden Jesus wachrütteln. Die Bibelstelle hat ja die Fähigkeit, die Stürme von Angst zu stillen - sie muß nur wach sein. Ich versuche neu, ein offenes Auge für die Sensation dieser Texte zu bekommen, denn sensationell sind sie ja - damals wie heute.
Der Satz: "dann also los, worauf wartens denn?" Riß mich aus meinen Gedanken.

 

  1. Und an jenem Tage sagte er zu ihnen, als es Abend geworden war: Lasset uns ans jenseitige Ufer fahren.
  2. Und sie verließen das Volk und nahmen ihn, wie er war, im Schiffe mit; und andere Schiffe waren bei ihm.
  3. Und es erhob sich ein großer Windsturm, und die Wellen schlugen ins Schiff, so daß das Schiff sich schon füllte.
  4. Und er schlief im Hinterteil des Schiffes auf dem Kissen. Und sie weckten ihn und sagten zu ihm: Meister kümmert es dich nicht, daß wir untergehen?
  5. Und nachdem er erwacht war, bedrohte er den Wind und sprach zum See: Schweig, verstumme. Da legte sich der Wind und es trat eine große Windstille ein.
  6. Und er sprach zu ihnen: Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
  7. Und sie gerieten in große Furcht und sagten zueinander: Wer ist dieser, daß ihm sogar Wind und See gehorsam sind?

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.