Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,35-41

Pastorin Marieta Blumenau

02.02.2003 in der Emmaus-Gemeinde, Hannover-Langenhagen

Liebe Gemeinde!

Kannten Sie diese Geschichte - vom Sturm auf dem See Genezareth - und den ängstlichen Jüngern?
Und vom schlafenden Jesus?

Ich erinnere mich dunkel, dass ich als Kind diese Geschichte im Kindergottesdienst kennen gelernt habe.
Jedenfalls habe ich ganz deutlich ein Bild vor Augen - kräftige Farben, mit Wachsmalstiften gemalt.
Ob ich das Bild selber gemalt habe - oder es nur gesehen habe, weiß ich gar nicht mehr.
Es war ein ziemlich kleines Schiff zu sehen - zwischen sich hoch auftürmenden Wellen, die überzuschlagen drohten. Man konnte sich gut vorstellen, dass dieses Schifflein leicht darunter begraben werden könnte.
Auf dem Schiff waren die Menschen zu erkennen - am deutlichsten waren ihre Gesichter. Nämlich die aufgerissenen, angstgeweiteten Augen.

In einer Ecke lag auch noch so ein Bündel - das sollte der schlafende Jesus sein. Mit seinem Ruhekissen. Aber das war nicht so gut gelungen. Das konnte man nur erkennen, wenn man die Geschichte kannte.
Doch hatte diese Ecke des Bildes warme, freundliche Farben, während sonst überall bedrohlich dunkle Farben das Blatt beherrschten.

Jahre später sah ich einmal auf einem Hungertuch aus Äthiopien auch eine Darstellung dieser Geschichte. Und musste lächeln:
Die angstgeweiterten Augen waren ganz ähnlich - aber die Wellen - die waren bei weitem nicht so gefährlich. Ich fand das Bild aus Kindheitstagen sofort viele besser.

Es ist schon eine eindrückliche Geschichte - man kann sie gut in der Phantasie nacherleben.
Es stürmt, die Wellen werden höher und höher - immer tückischer....
Wasser schwappt schon in das Boot.
Was, wenn jetzt eine hohe Welle von oben hereinbricht?
Jeden Augenblick könnte es so weit sein...
Die Menschen an Bord bekommen es mit der Angst zu tun: Werden wir untergehen? - fragen sie sich.
Ist gleich alles vorbei? Müssen wir sterben?
Und - - dieser Jesus schläft.
Wie kann er nur?
Bei so einem Sturm? Unvorstellbar!
Und als seine Freunde ihn in ihrer Panik wecken, da kann er ihre Angst überhaupt nicht verstehen. 
Er wirft ihnen sogar noch mangelnden Glauben vor.

Fragen Sie sich an der Stelle eigentlich auch:
Was hat denn überhaupt ein Sturm und ein beinahe kenterndes Schiff mit dem Glauben zu tun?

Ja - eigentlich eine ziemlich eindrückliche Geschichte.
Zumindest im Kindergottesdienst.
Aus der Sicht von Erwachsenen aber findet sich viel Eigenartiges darin.
Als ich vor ein paar Tagen anfing, mir Gedanken darüber zu machen, da schoss mir auf einmal ein Gedanke durch den Kopf:
Komisch eigentlich, dachte ich, dass ich immer gemeint habe, die Jünger hätten Angst vor dem Ertrinken! Die meisten waren doch Fischer.
Von Kindheit aufgewachsen am See Genezareth.
Also: Glauben Sie dann nicht auch, dass die ganz sicher schwimmen konnten?
Wer von Kindheit an mit dem See und den Schiffen zu tun hat, der ist doch schon oft ins Wasser geplumpst - und kann schwimmen.
Warum dann aber diese Panik?

Und anders als in meiner Zeit im Kindergottesdienst kenne ich inzwischen den See Genezareth.
Es ist schon ein ziemlich großer See - Galiläisches Meer - sagt man manchmal auch.
Aber es ist ein Binnensee - das gegenüberliegende Ufer kann man gut sehen. Der See liegt in einem Talkessel - weit unter dem Meeresspiegel.
Selbst wenn sich dort hin und wieder einmal ein Gewitter zwischen den Bergrücken verfangen und über dem See austoben sollte - ein Sturm wie auf dem Atlantik - oder meterhohe Wellen wie beim Kap Horn - gibt es dort nicht.
Sollte da wirklich einmal ein Schiff kentern - dann muss man nicht einmal besonders sportlich sein, um das Ufer zu erreichen - und das Wasser ist auch nie wirklich kalt.
Ein Sturm auf diesem kleinen galiläischen Meer - ist für Erwachsene nicht lebensgefährlich. Und schon gar nicht für die Fischer, die dort gelebt haben.

Es stimmt also etwas nicht an dieser Geschichte.
Jesus ist mit Fachleuten unterwegs - Fischern - da bricht bestimmt keine Panik aus. Nicht wegen eines Unwetters.
Und wenn ich schon über manches in dieser Geschichte stolpere und den Kopf darüber schüttele - - dann haben die Bibelleser früherer Zeit, die den See und die Menschen und die Schiffe dort kannten, auch sofort gewusst:

Das ist nicht der Bericht einer Begebenheit.
Da muss etwas anderes gemeint sein.
- - -
Kennen Sie diesen Satz:
Das Wasser steht mir bis zum Halse?

Den haben sie bestimmt so oder so ähnlich schon gehört. Obwohl mir scheint, dass diese Umschreibung allmählich aus der Alltagssprache verschwindet.

Der Satz malt sozusagen mit Worten ein Bild:
Eine eindrückliche Situation:
Das Wasser steht mir bereits am Kinn.
Wenn es weitersteigt, gehe ich unter.
Ich bin in Gefahr.
Und trotzdem kämen wir alle nicht auf die Idee, diesen Satz für einen Bericht aus dem letzten Urlaub zu halten, wo wir vielleicht ein Stück weit ins offene Meer hinausgegangen sind - bis an den Punkt, wo wir gerade noch stehen können.

Wir sagen diesen Satz, wenn wir Angst haben, unterzugehen. Aber es geht dann nicht um Wasser, sondern um irgendwelche Schwierigkeiten.
Um irgendetwas, was uns über den Kopf zu wachsen scheint. Um eine Krankheit vielleicht, oder um eine Schuldenkrise, um Arbeitslosigkeit - oder um massive Probleme mit den Mitmenschen.
Mir steht das Wasser bis zum Halse:
Die Probleme könnten wie Wellen über mir zusammenschlagen - ich bin schon fast am Untergehen...

Dieser Vergleich - ich spreche vom Wasser - aber ich meine ein anderes Untergehen - das ist auch in der Bibel bekannt:
Ich lese ein paar Verse aus dem 69. Psalm vor:
Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge.

Dramatische Worte.
Genau so stellt man sich ja die Angst vor, wenn jemand ertrinken müsste.
Aber gemeint ist auch hier etwas anderes.
Von Feinden ist die Rede. Von Menschen, die mich hassen.
Und dass man vor persönlichen Feinden - und auch vor einem Kriege Angst haben kann - grade als einfacher Mensch, der nichts daran ändern kann - das können wir uns im Moment wohl alle ganz gut vorstellen...

Hilf mir Gott - wenn ich unterzugehen drohe.
Hilf mir - in meiner Angst vor dem Kriege.
Hilf mir in meinen Schwierigkeiten.
Alle sind gegen mich!
Hilf mir, Gott - errette mich aus diesen Fluten, in denen ich unterzugehen drohe.

Im vergangenen Herbst ist ein alter Bekannter von mir gestorben. Dieter - gerade 50 Jahre alt.
Und weil ihn hier niemand kennt, kann ich das ruhig etwas näher erzählen.
Ich habe ihn seit vielen Jahren immer nur in größeren Abständen gesehen - und auch selten länger mit ihm gesprochen.
Aber wenn wir dann wirklich einmal Zeit hatten zum Reden, dann bin ich so recht klug geworden aus dem, was er von seiner beruflichen Seite erzählte.
Immer habe ich mich gefragt:
Was macht der eigentlich?
Wovon lebt der?
Kennen gelernt haben wir uns im Theologiestudium.
Aber der Gute war immer sehr emotional und so temperamentvoll, so dass er sich nie in den sachlichen, wissenschaftlichen Umgang mit Bibel und christlicher Lehre hineinfinden konnte. Er fiel dann natürlich mit Pauken und Trompeten durchs Examen.

Hinterher ging er in die Schweiz - und ich hörte öfter von ihm, mit welcher Begeisterung er dort auf kleinen abgelegenen Dörfern die Sommervertretung als Pfarrer machte. Es klang dann immer alles unheimlich optimistisch und ganz toll - als wäre nur noch eine winzige Formalität nötig, bis er endlich in der Schweiz richtig Pfarrer wäre. Nur - das klappte nicht.

Eine neue, energische Freundin brachte dann etwas mehr Ordnung in sein Leben.
Er verlegte sich auf Fachjournalismus - und formulierte, sprachbegabt wie er war, in mehreren Sprechen die Bedienungsanleitungen elektrischer Großgeräte.
Fachjournalismus - das war natürlich die Zukunft schlechthin. Da wollte er sich weiter qualifizieren.
Ein wachsender Markt - da war für die Zukunft etwas zu holen.
So erzählte er mir, als ich ihn mal besuchte.
Dass er ziemliche Schulden hatte, kam nur nebenbei heraus.
Auf einmal war er dann in Berlin - und arbeitete ehrenamtlich für die Grünen.
Ich nehme an, dass der Freundin nun der Kragen platzte, weil er sich einfach nicht um eine berufliche Grundlage kümmerte - und sie das nicht auf Dauer finanzieren wollte.
Erzählt aber hat er mir, dass er sich Hals über Kopf in eine andere Frau verliebt hätte - und deshalb in deren Nähe gezogen wäre.
Er lebte dann im Haus der Mutter, die leider in ein Pflegeheim hatte umsiedeln müssen.
Irgendwann kam ich dahinter, dass er Zeitungen austrug, Gelegenheitsjobs annahm - und den Kirchengemeinden in der Gegend Angebote für Computerdienste machte.
Danach habe ich nichts mehr genauer erfahren.
Nur, dass er jetzt mit einer alten Freundin von mir zusammen war.
Die hat mir später mehr erzählt:
Das Arbeitsamt sah ihn als nicht vermittelbar an - weil er ohne abgeschlossenes Studium, Ausbildung oder reguläre Arbeitserfolge war. Das, was er auf dem Computer konnte, war nicht markttauglich genug.
Eigentlich hätte er Sozialhilfe beantragen müssen, hätte dann aber nach irgendwann nach dem Tode der Mutter das Haus hergeben müssen, um die Sozialhilfe zurückzuzahlen. Davor schreckte er zurück - und war deswegen auch nicht krankenversichert.
Wegen des langjährigen ungesunden Lebenswandels hatte er aber große gesundheitliche Probleme.
Konnte oft nachts nicht schlafen - akute Atemnot.
Hielt kaum noch einen kurzen Spaziergang durch.
Und sah manchmal vor Augen minutenlang nur noch Dunkelheit.
Probleme von allen Seiten.
Im Leben gescheitert.
Ohne jede Perspektive.
Sicher mit großer Zukunftsangst.
Aber als hartgesottener Mann hat er darüber nicht geredet. Selbst zum Arzt traute er sich nicht - ohne Krankenversicherung.
Dann ist er vor dem Haus tot zusammen gebrochen.
Die Nachbarn haben ihn gefunden.
Und man muss ehrlicherweise sagen:
Er war selber schuld.

Aber ich glaube - für so jemanden wie Dieter sind in der Bibel die Geschichte vom Sturm oder der Psalm aufgeschrieben.
Dieter war von allen Seiten umzingelt.
Ihm stand das Wasser wirklich bis zum Halse.
Und er wusste auch nichts mehr, was er noch tun konnte - in Anbetracht alles dessen, was schief gelaufen ist in seinem Leben.
Er wusste sich nicht zu helfen.
Und dann ist er untergegangen....
Die Jünger in der Bibelgeschichte sind klüger:
Sie rufen um Hilfe.
Sie sehen:
Es gibt jemanden, der ist hier bei uns - und der hat keine Angst.
Den rütteln und schütteln sie - aus Panik.
Damit er mitbekommt, wie es ihnen geht.
Und dann sagt der ihnen:
Warum fürchtet ihr euch?!
Habt ihr denn noch keinen Glauben?

Die Stürme und die Wasserfluten im Leben haben durchaus mit dem Glauben zu tun.
Solchen hochschlagenden Wellen ist beizukommen - mit Gottes Hilfe. Alle diese Schwierigkeiten, die einem über den Kopf wachsen können - die haben mit der Lebenseinstellung zu tun.

Dieter musste von seiner Art her immer so tun, als wäre nichts. Er musste immer allen vorspielen, das er sein Leben im Griff hätte.
Und als ihn diese Wellen allmählich über ihm zusammen stürzten, da war er wie gelähmt.
Aber er konnte dann wohl nicht mehr aus seiner Haut heraus - und konnte nicht um Hilfe rufen - wie in der Bibelgeschichte.

Und das ist die Frage, um die es geht:
Kann ich das glauben, was mir diese Geschichte erzählt?
Dass es immer noch einen festen Punkt gibt - selbst wenn alles um mich herum ins Wanken gerät?
Dass Gott die Wellen um mich herum dämpfen kann - bevor sie mich begraben?
Kann ich das glauben - dass Gott mir so helfen kann, wie das hier von Jesus erzählt wird?
Dass da immer noch ein ruhiger Punkt bleibt - mitten in meiner Panik?
Dass Gott über diesen Wellen steht?
Dass er Gedanken und Worte und solche Hilfe für ich findet, dass sich diese Wogen glätten?

Kann ich das glauben?

Wie das mit dem persönlichen Glauben bei Dieter aussah - weiß ich nicht. Darüber haben wir in den letzten Jahren nie gesprochen.
Aber ich erinnere mich an so manche Bemerkungen von ihm, die mir sehr bitter vorkamen.
Als hätte er die Gewissheit verloren, in Gott einen Ruhepunkt, einen Haltepunkt zu finden - in den sich immer höher auftürmenden Wellen seines Lebens.

Aber trotzdem: Für genau solche Menschen ist diese Geschichte da:
Für alle die, wo sich Probleme und Schwierigkeiten auftürmen - wie bei meinem Bekannten Dieter.

Deswegen wünsche ich mir auch, dass wir an diese Geschichte denken, wenn wir unterzugehen drohen.

Deswegen wünsche ich mir, dass wir uns sagen:
Selbst wenn ich keinen Ausweg mehr weiß - es gibt doch jemanden, der noch Ruhe ausstrahlen kann - und mir Halt bietet - selbst kurz vor dem Untergehen.
Ich kann Gott um Hilfe bitten!

Und wenn ich mir das jetzt so überlege, dann war dieses Bild damals im Kindergottesdienst doch sehr gut:
Die Gefahr war zu sehen.
Die Angst war zu sehen.
Und es war zu sehen, dass mitten in dieser bedrohlichen Dunkelheit - mitten in den tosenden Wellen - doch noch etwas Helles und Hoffnungsvolles vorhanden war.

Ich wünsche uns allen, dass wir so handeln wir die Jünger, dass wir Jesus um Hilfe bitten, wenn uns das Wasser einmal bis zum Halse steht.

Amen.