Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 4,35-41

Pfarrer Karl-Heinz Feldmann

25.06.2000 im Kath. Pfarramt St. Rochus, Mainz

Die Stillung des Seesturms

Da steht einem Menschen aus heiterem Himmel das Wasser bis zum Hals, der Boden unter den Füßen schwankt, er weiß nicht mehr ein noch aus - und gleich nebendran leben die Menschen ihr Leben, als wenn nichts wäre, als ginge sie das alles nichts an, was ein Mensch durchmachen muß. So fühlen sich Menschen, die von jetzt auf gleich einen schweren Schicksalsschlag erleiden und plötzlich mittendrin sind in einem Lebensstrudel, während draußen die Welt sich weiterdreht, als wenn nichts wäre. Besonders bitter ist diese Erfahrung, wenn zusätzlich noch das Gefühl hochkommt: auch Gott kriegt nicht mit, was mit mir los ist. Er scheint zu schlafen und schläft oft so tief, daß er sich gar nicht wecken läßt. Und das führt dazu, daß er im Herzen leidgeprüfter Menschen oft stirbt: Gott schläft nicht nur, Gott ist tot, und ich muß jetzt sehen, wie ich mir in dieser unbehausten Welt noch irgendwo ein bißchen Leben, ein bißchen Glück abtrotze - in irgendeiner Nische meines schlingernden Lebensbootes!

Das Bild vom schlafenden Jesus im Seesturm provoziert, und es wird deutlich: hier geht es um mehr als um ein außergewöhnliches Ereignis im Leben Jesu; hier geht es auch um mehr als um ein Naturwunder. Hier geht es um eine Grundfrage des Menschseins: wie ist dem Leben dann noch zu trauen, wenn es sich so präsentiert - wie ein sich selbst überlassenes Schifflein auf tosender See, umgeben von Nacht, Abgrund und Verderben.

Jesus schläft. Er verschläft die Dramatik dieser Situation. Das ist umso merkwürdiger als die Evangelien einen stets geistesgegenwärtigen Jesus präsentieren und dies von Kindesbeinen an, als er mit den Gelehrten im Tempel diskutiert bis hin zum Ölberg, wo er voller Klarsicht das Leiden als seine Mission der Hingabe und Erlösung auf seine Schultern nimmt. Das zeichnet Jesus aus: eine unerhörte Wachheit und Aufmerksamkeit in allen Begegnungen und Beziehungen, die er eingeht. Und das ist es doch, was ihn bei Menschen so anziehend macht und sie mit dem lebendigen Gott in Berührung bringt. Umso eigenartiger, daß Jesus einen Sturm verschläft, in dem es für seine Freunde ums Ganze geht - um Leben und Tod.

So stellt sich mir die Frage: ist dieser Schlaf Jesu wirklich ein Akt der Unaufmerksamkeit und Schwäche Jesu oder ist er genau das Gegenteil: eine bewußte Zeichenhandlung; sozusagen ein pädagogischer Schlaf, mit dem eine Botschaft verbunden ist.

So jedenfalls deutet es ein berühmtes Bild, das vor tausend Jahren von einem Mönch der Insel Reichenau im Bodensee für das Meßbuch Kaiser Heinrichs gemalt wurde. Das Aufregende an diesem Bild ist, daß dort nicht die aufgewühlte See als Bedrohung dargestellt wird, sondern das Boot, in dem sich die Jünger mit Jesus befinden.

Das Boot ist als Seeungeheuer dargestellt (dies ist übrigens ein gängiges Bildmotiv des Mittelalters.) Das zerrissene Segel des Boots sieht aus wie eine Schwanzflosse und der Bug des Bootes hat die Form eines Mauls, das alles zu verschlingen droht. Im Boot sieht man die ratlosen, angsterfüllten Gesichter der Jünger, die entweder mit hektischen Gebärden Wasser aus dem Boot schöpfen oder resignativ in einer Ecke kauern und auf ihren Untergang warten.

Das Bild legt dem Betrachter mit dieser Darstellungsweise nahe, daß es gerade diese Haltung der Jünger ist, die das Boot zu einem Dämon werden läßt. Ihr hektischer Aktionismus, gepaart mit Orientierungslosigkeit und Resignation führt dazu, daß das Boot dem Abgrund näher ist als der Rettung. Von den Jüngern also geht die eigentliche Gefahr aus, nicht von dem Seesturm!

Moderner - so denke ich - könnte dieses tausend Jahre alte Bild nicht sein, wenn wir es einmal auf unsere Lebenssituation heute übertragen. Treibt nicht das ganze Raumschiff Erde einem globalen Untergang zu, wenn wir uns als Menschen weiter so aufführen, wie wir es tun? Mit unseren maßlosen Ansprüchen sind wir dabei, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Stündlich holzen wir ein Stück Urwald in der Größe von 10 Fußballfeldern ab; täglich vernichten wir - unwiederbringlich - Hunderte von Tier- und Pflanzenarten; alljährlich heizen wir unsere Erdatmosphäre weiter auf und produzieren Müllberge, die in Jahrtausenden noch existieren werden (1 Becher Joghurt mit nicht recyclebarem Kunststoff braucht ca. 10.000 Jahre, bis er abgebaut wird). Unser blinder Aktionismus macht uns stolz auf das jährliche Wachstum des Bruttosozialprodukts. Wirtschaftswissenschaftler, rechnen uns vor, daß ein ständig wachsender Anteil des BSP's darin besteht, die Umweltschäden, die wir produzieren, notdürftig zu beseitigen. Schon in absehbarer Zeit werden wir mehr Arbeitskräfte für Schadensbekämpfung aufwenden müssen als für die Herstellung von Produkten, die diese Schäden verursachen. Wäre es da nicht sinnvoller, die Hände mehr in den Schoß zu legen und sich mit weniger zufriedenzugeben?

Könnte da der Schlaf Jesu nicht ein Fingerzeig sein, wie wir den Dämon unserer Rast- und Ruhelosigkeit in uns zähmen und eine neue Tiefendimension unseres Lebens gewinnen könnten?

Schlaf ist ja mehr als das Gegenteil von Wachsein - wesentlich mehr! Schlaf unterbricht unser Planen und Begehren. Schlaf zwingt uns, dem Rhythmus der Natur zu gehorchen, die nach der wachen Anspannung des Tages das Ruhen aller Aktivitäten von Körper und Geist einleitet. Im Schlaf verlassen wir unsere Welt des Schaffens und Machens für einige Zeit. Im Schlaf nehmen wir immer aufs Neue die Haltung eines kleinen Kindes ein, das die meiste Zeit seines Daseins schlafend verbringt und nicht weiß, was um es herum geschieht, jedoch darauf angewiesen ist, daß andere ihm Schutz und Geborgenheit geben.

Schlaf ist nicht unserem Willen unterstellt. Wir mögen ihn eine zeitlang hinausschieben, aber wir können nicht auf ihn verzichten. Schlafentzug macht krank, und wer an Schlaflosigkeit leidet, der sehnt ihn als Geschenk und Segen herbei.

Und doch ist der Schlaf uns auch unheimlich, gerade weil er unserem Willen und unserem Tun eine natürliche Grenze setzt. Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, der uns jede Nacht anzeigt, was uns blüht, wenn wir dereinst endgültig entschlafen. Da ist es gut, daß wir aus eigener Erfahrung wissen, daß Schlaf nicht gleichzusetzen ist mit Bewußtlosigkeit.

Im Gegenteil: im Schlaf geschieht oft sehr viel und Entscheidendes. Im Schlaf richten sich die Kräfte, die tagsüber nach außen wirken, nach innen, um sich zu erneuern. Da steigen Träume in uns auf, die uns tiefere, verborgene Schichten unseres Menschseins öffnen, die uns bisweilen sogar die Situation unseres derzeitigen Lebens wie in einem Brennglas vor Augen führen und uns einen Weg öffnen, wie es in unserem Leben weitergehen kann.

Nicht von ungefähr ist daher der Schlaf und der Traum in der Bibel das Tor des Menschen zur Welt Gottes und umgekehrt: eine Weise, wie Gott in unsere Welt eingreift. "Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf" heißt es in der Bibel. Denken wir nur an Adam, der sich nach einer Lebenspartnerin sehnt und nicht weiß, wie dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann. Da läßt Gott einen tiefen Schlaf über ihn fallen, und als er erwacht, steht sie vor ihm, Eva, Gebein von seinem Gebein. Oder denken wir an Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder Esau in tiefen Schlaf fällt und eine Himmelsleiter sieht, auf der Engel auf- und ab gehen. Oder erinnern wir uns an die Kindheitsgeschichte Jesu, als Joseph im Traum die Weisung erhält, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen. So rettet er den Gottessohn vor den Häschern des Herodes.

Der Schlaf ist also einerseits Symbol für die Begrenzung des Lebens. Er ist aber zugleich Symbol für unsere Verbindung zu einer anderen Welt - der Welt Gottes. Das spiegelt sich für mich auch im Schlaf Jesu inmitten dieses Seesturms wider. Ja, da ist auf der einen Seite im Schlaf Jesu die Botschaft: das Leben ist gefährdet und vom Tod bedroht. Und dieser Bedrohung werden wir nicht entgehen. Es geht unweigerlich in diesen Tod hinein. Aber es gilt auch das andere: das Leben bleibt in diesem Tod nicht stecken, sondern geht durch ihn hindurch. Denn im Abgrund ist noch etwas anderes: ein Urgrund des Lebens, der alles Lebendige - und damit alles Werden und Vergehen - in seiner Hand hält. Der Schlaf Jesu im Sturm - das ist für mich ein Akt der Hingabe und des Vertrauens, daß unterhalb der aufgewühlten See ein fester Boden uns Halt gibt.

Und so verstehe ich auch die andere Zeichenhandlung Jesu - die Stillung des Seesturms. Sie will nicht demonstrieren, daß Jesus ein Wundermann ist, der die Natur nach Belieben beherrscht. Sie will vielmehr aufzeigen, daß das Meer und alle Naturgewalten keine Dämonen sind - so glaubten die antiken Religionen, daß im Meer alle dämonischen Kräfte der Welt versammelt sind. Das Meer ist vielmehr ein Mitgeschöpf - Bruder Wasser, würde Franziskus sagen -, dem gleichen Werden und Vergehen unterworfen wie wir Menschen. Das Meer und alle Naturgewalten - und dazu gehören auch Krankheiten und das Böse im Menschen - haben letztendlich keine Gewalt über uns, selbst wenn wir darin untergehen sollten! Was mit uns wird, darüber entscheidet letztendlich der, der uns in diese Natur und mit unserer Natur geschaffen hat.

Der Dämon, das ist nicht diese Natur, das ist nicht das Gesetz von Werden und Vergehen. Der Dämon, das ist unsere Angst, daß Gott nicht existiert und wir auf uns alleine angewiesen sind. Der Dämon, das ist unser blinder Aktionismus und unser Sicherheitsbedürfnis, das eher den See des Lebens zubetoniert als sich seinen Wellen anvertraut. Der Schlaf und die Aufgewecktheit Jesu im Seesturm ist also ein Angebot des Vertrauens. Vertraut euch dem Auf und Ab des Lebens an, den Stürmen wie den Ruhezeiten, dem Wachstum wie der Dürre, den hellen und den dunklen Zeiten. All das geht nicht ohne Blessuren und Erschütterungen ab, aber da drinnen können wir dem Geheimnis des Lebens auf den Grund kommen: der Liebeskraft Gottes, die größer ist als die Launen der Natur und stärker ist als das Wechselspiel von Werden und Vergehen.

Nicht von ungefähr hat Markus der Stillung des Seesturms das Gleichnis von der wachsenden Saat vorangestellt - ein Gleichnis vom Wachsen des Reiches Gottes in unserer Welt. Die Saat wächst von selbst - automatisch - egal, ob der Feldmann nun wach ist oder schläft, ob er fleißig ist oder faul, ob er gut ist oder böse - all das spielt für das Wachsen der Saat keine Rolle. Die Zeit der Ernte wird kommen, so oder so. Das Reich Gottes wächst unaufhaltsam und Gott wird uns die Früchte dieser Saat zur Verfügung stellen, egal, was wir aus dieser Welt und in dieser Welt machen!

Wie können wir das Lernen, dieses Vertrauen in das Lebensgesetz Gottes; wie können wir uns dieser Liebeskraft Gottes anvertrauen?
Ist es dem einen gegeben, dem anderen nicht? Ist auch das ein Gesetz der Natur? Oder gibt es Möglichkeiten, dieser Kraft Gottes im eigenen Leben Räume zu öffnen? Ich finde es sympathisch, was ein Kommentator zu unserem Evangelientext vorschlägt: wir könnten uns doch jeden Abend, wenn wir uns zur Ruhe begeben, an Gott wenden und ihn bitten: "Gott du wachst doch über meinem Schlaf" und: "Gott du weckst mich doch wieder?" Dies könnte zu einer Haltung führen, daß Gott so etwas wie die innere Uhr unseres Lebens wird. Wir könnten dann darauf verzichten, selbst den Wecker immer neu stellen zu müssen und die Zeiger unseres geschäftigen Lebens zu überdrehen.

Vielleicht ist gerade die jetzt anbrechende Urlaubszeit eine neue Chance, uns diesem Wecker Gottes anzuvertrauen - z.B. den Gezeiten Gottes in den Gezeiten der Natur, in den Gezeiten von Ebbe und Flut, in Sonne und Regen, in Bergen und weiter Landschaft, in Korn und in Stoppelfeldern, wo auch immer. Und darin könnten wir neu lernen, was es heißt: meine Zeit in deinen Händen, oh Gott.

Einstmals im Urlaub am Meer, auf Hallig Hooge in der Nordsee, fand ich in der kleinen Inselkirche die Figur eines Beters. Sie ist aus einem Stück Holz, das als Strandgut ans Ufer geschwemmt wurde und vermutlich von einem untergegangenen Schiff stammt. Für mich ist diese Figur daher heute Symbol jener Hoffnung und jenes Vertrauens, das Jesus mit seinem Schlaf im Seesturm zum Ausdruck bringt. Auch wir werden untergehen in der Hinfälligkeit unseres Lebens. Aber wir werden nicht zugrunde gehen. Der Gott des Lebens wird uns verwandeln. Er wird aus dem Toten, Abgestorbenen in uns eine neue lebendige Gestalt hervorbringen - eine Person, die eingebunden ist in seine Geborgenheit und Liebeskraft und voller Freude bekennt:
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat.
Er, der mich behütet, schläft nicht.
Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Er steht mir zur Seite!