Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 6,1-6

Gemeindereferent Meinrad Bauer (rk)

03.07.2012 am Bodenseeufer mit dem Bibelkreis der Kath. Kirchengemeinde St. Magnus in Friedrichshafen-Fischbach

beim Gruppengottesdienst unter freiem Himmel am Bodenseeufer

Liebe Gemeinde!

Ich erinnere mich noch gut, wie ich hier vor etwa 5 ½ Jahren meine erste Predigt gehalten habe. Es war mitten in der Adventszeit und das Evangelium erzählte von Johannes dem Täufer, der in der Wüste lebte, am Jordan die Menschen taufte und zur Umkehr aufrief. Das Geschehen war gut vorstellbar und faszinierend zugleich. Die Menschen mussten einen weiten Weg von Jerusalem auf sich nehmen, hinunter an den tiefsten Punkt der Erde und dort ereignete sich die Umkehr.

Was für ein schönes Thema für die damalige Predigt!

Ich gestehe, dass ich besonders neugierig war, welcher Lesungstext uns heute begegnen würde, ist es doch die vorerst letzte Gelegenheit zu einer Predigt hier in St.Bonifatius!

Aber - dann hören wir heute davon, wie Jesus in seine Heimatstadt Nazareth kam und dort große Ablehnung erfahren musste. Nicht gerade ein aufbauendes Thema!

Es gäbe so schöne Gleichnisse vom Kommen des Reiches Gottes oder Erzählungen von gottesdienstlichen Erfahrungen, die Menschen am Ufer des Sees Genesareth machen durften – denken Sie nur an die wunderbare Brotvermehrung.

Dann die zahlreichen Wegweisungen für unser Leben wie der umfangreiche Redezyklus der Bergpredigt, der ja noch viel mehr wie die uns bekannten Seligpreisungen beinhaltet!

Sie sehen, ich will Sie neugierig machen auf unser Evangelium, sie einladen, es mal wieder in die Hand zu nehmen und darin zu lesen.

Aber Sie spüren vielleicht auch zugleich meine Ernüchterung: Hätte denn nicht ein Text kommen können, der uns als Gemeinde auf unserem Weg stärkt oder der jedem von uns ganz persönlich Heilsames zuspricht?

„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat!“ (Mk 6,4)

Ja, Bibeltexte können einen lange beschäftigen, selten sind sie sofort zugänglich. Wir sollten Zeit haben darüber nachzudenken und wir sollten mit anderen darüber reden! In unserer heutigen Zeit allerdings fast ein Ding der Unmöglichkeit! Alles soll sofort erklärbar, verständlich sein! Alles andere geht unter! Da hat es ein biblischer Text schwer!

Ich bin immer neugieriger geworden, habe dann aber nicht zum „Lexikon für Theologie und Kirche“ gegriffen, sondern zu einem Buch, das ich vor einiger Zeit gelesen habe: „Das Rätsel von HaGalil“ – ein Roman über die Lebensverhältnisse zur Zeit Jesu.

Ja, was hatte der Autor wohl zu dieser Szene in Nazareth geschrieben? Er widmet ihr immerhin ein ganzes Kapitel mit fast 10 Seiten.

Nur einen kleinen Abschnitt will ich Ihnen daraus vorlesen:

(S.174) „Die Nazarener haben allen Grund, ihrem Wanderprediger mit größter Vorsicht zu begegnen: Was, wenn er nun ein falscher Prophet wäre? „Der Mann hat das Zeug, um eine Menge zum Aufruhr anzustacheln“, sagt etwa Eleasars Bruder Andreas, „aber hat er auch die Kraft, die Soldaten am Eingreifen zu hindern?“

Die Römer und ihre Vasallen verstehen keinen Spaß, wenn es um ihre Herrschaft geht. Bisher hat es noch jedes Mal in einem Blutbad geendet, wenn ein sogenannter „Prophet“ oder „Messias“ den Anbruch der Gottesherrschaft und damit das Ende der römischen Staatsmacht über Israel verkündete. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn eine solche Bewegung von Nazareth ausginge, sagt Eleasar: „Wir Nazarener sind schon genug angefeindet wegen unserer davidischen Herkunft. Wenn jetzt auch noch einer von uns die Ursache würde für ein schreckliches Blutvergießen – da könnten wir uns auf den Marktplätzen nicht mehr blicken lassen!“

Ja, soweit der O-Ton von „Das Rätsel von HaGalil“. Hier wird eine mögliche Erklärung der Ablehnung Jesu geliefert. Spannend erzählt geht es weiter und manchmal stockt einem fast der Atem. Im Lukasevangelium wird uns ja die gleiche Szene ausführlicher und äußerst dramatisch geschildert. Sie endet an einem steilen Abhang, an dem die Nazarener Jesus hinabstürzen wollen.

Ich bin aber schließlich an dem Satz hängen geblieben: „Und er konnte dort kein Wunder tun“.

Ich weiß nicht, welche Vorstellung Sie vom irdischen Jesus haben, aber haftet ihm nicht so etwas an wie, wenn er nur wollte, könnte er jederzeit seine Allmacht zeigen? Die Steine in Brot verwandeln, wie es der Teufel in der Wüste von ihm verlangte? Schnipp – Heerscharen von Engeln hätten ihn erretten können vor der Verurteilung durch die Römer. Tote zum Leben erwecken? Kein Problem!

Soll ich das nun wirklich glauben, dass er in Nazareth tatsächlich keine Wunder wirken konnte? Als sei die familiäre Wirklichkeit stärker, die spürbare Ablehnung in Nazareth machtvoller als das göttlich in Jesus wirkende!

Mich hat das sehr berührt: Jesus „ohnmächtig“ in einer Situation, in der ich ihm alle Macht der Welt zugetraut hätte!

Er vermag die Ablehnung nicht zu durchbrechen! Und da kommt er mir auf einmal sehr nahe!

Überlegen Sie einmal für sich selbst: Wie viele Menschen kennen Sie, die mit ihrer Familiengeschichte ein Leben lang nie fertig werden. Die schmerzliche Ablehnung erfahren, Schuldgefühle aufbauen, blockiert sind – und das ein Leben lang. Beziehungsunfähig bleiben, weil sie sich aus diesem Gefängnis schuldhafter Gefühle nicht befreien können. Manchmal lange über den Tod hinaus, wenn Konflikte ungelöst geblieben waren.

Wir reden heute nur noch selten von Schuld und Sünde und wenn, dann oft nur verallgemeinernd. Doch wie viel Schmerzen fügen wir uns gegenseitig zu, weil Eltern ihre Kinder ihren Weg nicht gehen lassen können und Kinder ihren Eltern ihr Sosein nicht zugestehen möchten. Die Bücher über diese Konflikte füllen Regalwände und Psychotherapeuten haben Arbeit bis zum Jüngsten Tag damit. Und diese Konflikte gehören mit Gewissheit zu den existenziellsten Problemen im Zusammenleben unter uns Menschen.

Im Blick auf Jesus ist die Lösung, die Heilung, die möglich ist, von verblüffender Einfachheit.

„Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort“.

Jesus kämpft nicht um seine Anerkennung. Er kämpft nicht um die Liebe seines Heimatortes, seiner Großfamilie. Er wundert sich nur darüber, denn anderswo erfährt er ja regen Zuspruch. Er grenzt sich nur ab. Und er geht einfach wieder.

Soweit wir wissen, hat Jesus seine Heimatstadt Nazareth in der Zeit seines öffentlichen Wirkens nur dieses eine Mal besucht!

An einer anderen Stelle jedoch wird er deutlicher:

Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“(Mk 3,31-33)

Ganz schön harte Kost, wenn wir das 4.Gebot noch im Ohr haben: „Du sollst Vater und Mutter ehren“.

Aber auch hier erweist sich Jesus als ein Meister im Gespür für die Sorgen und Lebensfragen seiner Mitmenschen. Er kann die Menschen in Nazareth sein lassen. Er wundert sich nur über ihren Unglauben. Aber sie dürfen und sie sollen ihr Leben weiterführen.

Doch auf der anderen Seite in aller Entschiedenheit: Mischt euch nicht in mein Leben ein! Bleibt mir vor der Tür!

Liebe Gemeinde!

Ich hoffe natürlich, dass Sie als Eltern, als Großeltern, ihren Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern mit Freude ihren Weg gehen lassen können und dass Sie immer offene und verständnisvolle Ohren für sie haben.

Und umgekehrt, dass Sie sich als Kinder angenommen fühlen dürfen von ihren Eltern, Schwiegereltern und Großeltern.

Aber dort, wo das nicht gelingt – und auch dort, wo wir anderen zur Seite stehen, ihnen sozusagen als Ersatzfamilie dienen müssen, da sollten wir den Blick auf Jesus richten und uns ermutigen lassen zu einer klaren Abgrenzung und zum Weiterziehen!

Ich glaube, die meisten psychotherapeutischen Praxen könnten geschlossen werden, wenn die Menschen diese Stelle im Evangelium gründlich gelesen hätten.

Amen.