Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 6,2

Pfarrer Hubert Janssen

08.02.2009 in Hommersum, Kreis Kleve

Am Sabbath lehrte er in der Synagoge (Mk 6,2).

In meiner Hauskapelle hängt ein Bild des jüdischen Malers Marc Chagall, auf dem der gekreuzigte Jesus dargestellt ist. Um seine Lenden trägt er einen jüdischen Gebetsschal, sein rechter Arm streckt sich aus nach der Thora, der jüdischen Gesetzesrolle, ein Engel bläst in das Schofahorn, neben dem Kreuz erhebt sich die Jakobsleiter, in schrecklichen Szenarien erinnert der Künstler an das Grauen des Holocaust, dem sechs Millionen jüdische Frauen, Kinder und Männer zum Opfer gefallen sind.
Was will der Künstler uns Christen in Erinnerung rufen? Er erteilt uns eine Lektion, die wir Jahrhunderte hindurch tabuisiert und verdrängt haben: dass Jesus als Jude geboren wurde, gelebt hat und gestorben ist, dass Judentum und Christentum eine unlösbare Einheit bilden, dass die hebräische und christliche Bibel nicht voneinander zu trennen sind. Es tut not, dies erneut ins Bewusstsein zu heben in einer Zeit, in der jeder fünfte Deutsche
antijüdische Tendenzen erkennen lässt. Da weht noch Vieles nach von der judenfeindlichen Haltung ,die seit der frühen Christenheit in Kirche und Gesellschaft nachzuweisen ist und sich artikuliert in der pauschalen Verurteilung der Juden als ‚Gottesmörder’. Noch Papst Leo XIII, der 1903 gestorben ist, verstieg sich zu der Äußerung: die Kirche wird nie einen Judenstaat anerkennen, weil sie Jesus ermordet haben.’
Judenprogrome und Judenverleumdungen ziehen sich wie ein blutiger Faden durch zwei Jahrtausende der Kirchen- und Menschheitsgeschichte. Antijüdische Tendenzen sind selbst in liturgischen Texten nicht zu übersehen.
Johannes XXIII. der Reformpapst des II. Vatikanischen Konzils, leitete die längst überfällige Wende ein. Anlässlich ihres Rombesuches begrüßte er jüdische Rabbiner mit den versöhnnenden Worten : ‚Ich bin Josef, euer Bruder’(Josef war sein Taufname). Papst Paul VI. besuchte als erster Papst das Heilige Land und streckte seine Hand zur Versöhnung aus. Johannes Paul II, betrat erstmalig die jüdische Synagoge in Rom und bat um Vergebung für das Versagen der Kirche gegenüber dem jüdischen Volk.
Um so schmerzlicher haben es Juden und Christen empfunden, dass er den als Antisemiten bekannten Papst Pius IX. selig gesprochen hat, der die Juden in Rom ins Ghetto abgedrängt und sich gegen Religionsfreiheit, Pressefreiheit und wissenschaftliche Forschung ausgesprochen hat. Gelegentlich höre ich aus kirchlichen Kreisen, er sei eben ein Kind seiner Zeit gewesen. Zeit aber ist keine moralische Instanz, sie ist immer so, wie sie von Menschen geprägt wird.
Es bleibt festzuhalten: Jesus war ein Jude durch und durch. Er wurde als Jude geboren, hat als Jude gelebt und ist als Jude gestorben. Jüdisch waren seine Eltern, seine Freunde, die Apostel, seine Jüngerinnen und Jünger, wie auch die ersten christlichen Gemeinden.
Jesus duldete keine Abstriche vom jüdischen Gesetz. Das Kernstück seiner Heilsbotschaft war das Hauptgebot der Gottes-,der Nächsten- und der Selbstliebe. Dieses Grundelement menschlichen Zusammenlebens ist ein Geschenk Gottes an das jüdische Volk( Deut. 6,4 und Lev.19,18), das Erbe des jüdischen Volkes an die gesamte Menschheit.
Es war und ist eine gravierende Geschichtsfälschung, das Christentum als’ Religion der Liebe’ gegen das Judentum als’ Religion der Vergeltung’ auszuspielen.
Eine ungarische Jüdin schenkte mir eine sogenannte ‚Mesusa’, eine Kapsel, die die Juden an den Türpfosten des Hauses anzubringen pflegen. Sie enthält den Text des Hauptgebotes der Liebe. Er befindet sich auch in den Kapseln, die von Juden an Gebetsriemen befestigt auf der Stirn und am linken Arm ,in der Nähe des Herzens, getragen werden.
Paulus, selbst ein gebürtiger Jude, schreibt im Galaterbrief 3,28:’Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus’. Im Römerbrief 11,1 heißt es :’Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.’
Die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen beginnt mit dem jüdischen Volk. Christentum ist ohne Judentum nicht denkbar. Ich habe es auch zutiefst begreifen gelernt als langjähriges Mitglied der Christlich –jüdischen Gesellschaft, in zahlreichen Begegnungen mit jüdischen Mitmenschen in Jerusalem und nicht zuletzt auf den vielen Kreuzfahrten in aller Welt.
Erkennen wir in Jesus unseren großen jüdischen Bruder und den Bruder aller Menschen, weil Gott der Vater und die Mutter aller ist, die unsere Erde bewohnen.