Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 7,31-37

Superintendentin Isolde Böhm (ev.)

30.08.2009

Gemeindegottesdienst mit Taufe

Gemeindegottesdienst mit Taufe

In der U 7 nach Spandau, ein ganz normaler Nachmittag, plötzlich zischt es, und hinter mir wird es laut: He, nich so viel – zischzisch, - du weißt gleich nich mehr, was du tust – zischzisch – , drei Jugendliche, sie schnüffeln, das Mädchen sagt, ich hab solche Kopfschmerzen, der Junge: hab ich dir doch gesagt.
Ich steige um zur U2 zum Kaiserdamm, der Zug fährt ein, da schleicht ein alter Mann mit winzigen, unsicheren Schritten zum Zug, als er zur Tür kommt, stößt er einen hohen Schrei aus, voller Angst, erst drinnen im Wagen, hört er auf. Nächste Station: Wieder der Schrei, - ein junger Mann steht auf und hilft dem Alten hinaus. Er wird ganz still.
Ich sehe ihnen nach und denke: Gott, lass ein Wunder geschehen! Mach die Menschen heil, die Jungen dort und den Alten hier... Heile die Not und den Schmerz in unserer Stadt! -
Diese Sehnsucht nach einem Wunder, nach dem Glück, der Heilung, nach dem guten Leben für uns oder für Menschen, die wir lieben, -

Gibt es Wunder, liebe Gemeinde?

Das Evangelium nach Markus, im 7. Kapitel, erzählt (31-37):
Und als Jesus wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.
Und Jesus nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Ja, es gibt Wunder, und nicht nur damals in der Zeit, als Jesus durch die Lande zog, dieser besondere Mensch, der Gott so nahe war, dass sie ihn Gottes Sohn nannten.
Es gibt viel mehr Wunder, als uns erzählt werden.

In der Geschichte, die Markus erzählt, - was würden Sie sagen: Geschieht da ein Wunder? - Natürlich!
Aber nicht nur eins, es sind drei. Drei Wunder auf einmal.

Das erste steckt in der Reise, die Jesus unternimmt, zu Fuß, ein weiter Weg mit viel Mühe, fremde Namen: Tyrus und Sidon und das Gebiet der Zehn Städte. Es ist die Fremde, in die er geht. In heidnisches Gebiet.
Er geht dahin, wo Menschen leben, von denen man nicht viel hält. Sie sind zu verachten, weil sie nicht glauben und denken, wie es richtig ist.

Jesus geht zu Menschen, wo wir Gott nicht vermuten, dorthin, wo wir glauben, dass er mit denen nichts zu tun haben will. Jesus nimmt den weiten Weg auf sich zu denen, die wir ausschließen, weil doch nur wir recht glauben....

Das ist ein Wunder. - Und dieses Wunder gilt auch uns, jeder und jedem.

Es gilt uns, wenn wir uns fühlen wie im heidnischen Land, ganz weit von Gott weg, ganz unglaublich, dass Gott etwas mit mir zu tun haben will, so wie ich bin, mit dem, was ich getan habe oder nicht getan habe, mit dem Versagen in der Ehe, dem Streit in der Familie, dem Unverständnis in der eigenen Gemeinde...

Und dann kommen sie auf ihn zu und bringen einen zu ihm, der ohne fremde Hilfe keine Hilfe finden würde. Wie könnte ein Tauber hören, wer ihm helfen kann? Wie könnte ein Stummer sagen, was ihn quält?

Andere haben sich für ihn umgehört, andere bitten für den, der sich nicht ausdrücken kann. Sie sagen nicht: Ist mir doch egal!, oder: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Weil der andere leidet, wacht in ihnen die Sehnsucht auf, dass ein Wunder geschehen soll. Es tut ihnen weh, dass dem anderen etwas Wichtiges zum Leben fehlt. Und sie wenden sich an den, von dem sie spüren, dass er Gott nahe ist, sie reden und bitten und sagen: Lege deine Hände auf ihn.

Ja, liebe Gemeinde,
auch das ist ein Wunder, wenn wir Menschen so miteinander umgehen.

Und dann nimmt Jesus den Kranken beiseite, geht mit ihm weg von den vielen und er schaut zum Himmel, seufzt. Betet er? Wahrscheinlich ist es so. Jesus sucht die Nähe zu Gott.

Ich stelle mir vor, dass er so auch jeden, jede von uns beiseite nehmen will, weg von dem, was andere sagen oder andere von uns wollen. Selbst wenn es das beste für uns ist, wie bei denen, die den Taubstummen gebracht haben.
Gott hat einen eigenen Weg mit jedem Menschen. Und wahrscheinlich hat Jesus auch für jeden und jede ein eigenes Wort, etwas, das er nur zu mir, nur zu Ihnen, nur zu der kleinen Lena spricht.

Dem Taubstummen sagt er: Tu dich auf! Das ist sein persönliches Wort und die Heilung ist seine Geschichte, eine Geschichte, die ihn verwandelt, körperlich heilt und seelisch auch und mit den anderen zusammen kann er endlich richtig reden.

Und er redet so gut und so viel. Nun kann ihm nicht einmal Jesus mehr den Mund verbieten. Nun gehört der Stumme zu denen, die Gott loben.

Am Ende der Geschichte sind sie wieder alle zusammen: Der ehemals Stumme und die, die ihn gebracht haben, und die Schaulustigen aus dem heidnischen Land. Jetzt ist Gott nicht mehr weit weg und er ist auch nicht nur die Sehnsucht derer, die mit einem anderen leiden. Jetzt sind sie glücklich, weil sie alle einen Zipfel vom Himmel, ein Zeichen Gottes erlebt haben.

Und das ist das dritte Wunder: Menschen mit offenen Augen, Menschen, die staunen und sich freuen und Menschen vor allem, die danken können. Einige von ihnen haben das Leid eines anderen gesehen und jetzt sehen sie alle das Glück eines anderen. Und keiner sagt: Aber warum denn der und ich nicht. Jetzt ist das Loben dran und das Danken.

Vielleicht fragen Sie nun, warum denn die Heilung keins von den drei Wundern ist. Doch, das ist sie auch. Sie ist es für den, der gesund geworden ist und der nun endlich richtig reden kann.
Aber für alle anderen, also auch für uns sind die anderen drei Wunder.

Und danach will ich Ausschau halten, danach, nach Wundern will ich suchen. Will glauben, dass Gott zu denen geht, die keiner dafür wert hält, auch zu Jugendlichen, die sich selbst die Zukunft verbauen oder denen nie jemand was anderes gezeigt hat. Und ich will Gott das Leid des alten Mannes hinhalten, der schreit, weil er Angst hat, weil er nicht mehr mitkommt. Will bitten, dass er ihm die Hände auflegt. Es kann sein, es geschieht kein Wunder, es kann aber auch sein, ich bin bloß nicht dabei, wie er still wird und ruhig. Aber wenn ich einmal dabei bin, beim Glück eines anderen, dann will ich staunen und loben und ganz laut sagen: Er hat alles wohl gemacht.

Lasst uns Wundersucher werden und Gott lobende Menschen. Denn er ist auch zu uns gekommen. Ganz bestimmt.
Amen.