Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 8,27-34

Pfarrer Johannes Gerrit Funke

02.02.2003 in Dortmund-Marten

"Jesus ging", so fängt der Abschnitt aus dem Markus-Evangelium an, "mit den Seinen in die Ortschaften um die Stadt Cäsarea Philippi."

Wie so oft treffen wir Jesus hier unterwegs an. Warum hat er, dem man in jedem Dorf die Kranken brachte, sich nicht als Arzt niedergelassen? Oder warum hat er, der überall im Land vom Reich Gottes predigte, nicht eine Stelle als gemeindlicher Lehrer der Prediger in Kapernaum angetreten?

Nun, die Wege, die Jesus geht, sind die Wege, auf denen Gott zu uns kommt. Solange Gott sich noch nicht niedergelassen hat unter den Menschen, solange werden wir Jesus fast nur auf seinem Weg antreffen. Solange werden auch wir letztlich immer wieder auf neue Wege aufbrechen müssen.

Freilich, zu dem Zeitpunkt, wo Jesus in den Ortschaften um Cäsarea Philippi herum wandert, sieht es eigentlich ganz danach aus, als habe er sein Ziel bald erreicht. Es sieht nämlich ganz danach aus, als werde er nun schnurstracks nach Jerusalem einmarschieren, um dort das Reich Gottes fest zu installieren. Woher ich das weiß? Hören wir, wie die Erzählung bei Markus weitergeht: "Auf dem Weg fragte er seine Jünger: Wer sagen die Leute, dass ich sei? Sie antworteten: einige meinen, du seist der wieder geborene Elia." Elia war einer der erbittertsten Streiter um die Anerkennung Gottes; von ihm wurde eine religiös motivierte Revolution in Israel geistig vorbereitet. "Andere meinen, in dir spräche die Seele von Johannes dem Täufer." Der war der letzte in der Reihe der Propheten und hatte selbst einem König öffentlich die Meinung gesagt. "Und ihr", fragt Jesus weiter, "was sagt ihr, wer ich bin?" Da sprudelt es nur so aus Petrus heraus: "Du bist der lang versprochene Messias, der verheißene Gesalbte, der das Königreich Davids neu begründen wird." So also sah es aus. Das war die Stimmung im Lande und die feste Überzeugung der Jünger.

Doch da passiert etwas, womit niemand von ihnen gerechnet, ja woran niemand von ihnen auch nur im Traum gedacht hätte. Jesus teilt ihnen mit, dass sein Weg einen völlig. anderen Verlauf nehmen wird. "Er fing an, sie davon zu unterrichten", heißt es bei Markus, "dass der Menschensohn vieles wird leiden müssen, dass man ihn gewaltsam ums Leben bringen wird, dass er dann aber in seiner Auferstehung den Durchbruch zum neuen und wahren Leben erwirkt haben wird."

Diese Ankündigung ist für die Jünger nicht nur völlig unvorhergesehen; sie ist für sie ein regelrechter Schock.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein. Das muss schlechter Scherz sein! Das ist ja nicht zu fassen!" So oder ähnlich werden sie alle gedacht haben. Es ist Petrus, der es - sicher stellvertretend für alle - zum Ausdruck bringt. "Petrus nahm Jesus beiseite", so erzählt es der Evangelist, "und begann, ihm Vorhaltungen zu machen." Halten wir einen Moment inne. Die Jünger sind schockiert. Sie sind es nicht ohne Grund. Was Jesus ihnen da nämlich soeben mitgeteilt hat, bringt Stoff genug für einen regelrechten Schock. Wovon Jesus spricht, erinnert in jeder Hinsicht an das, was man heute gerne ein Trauma nennt.

Denn er kündigt an, dass man ihn brutal misshandeln wird. Wenn Menschen Opfer von nackter Gewalt werden oder solche auch nur miterleben müssen, besteht eine große Gefahr, dass sie traumatisiert werden. Jesus spricht davon, dass er anderen Menschen völlig ausgeliefert sein wird. Wenn jemand ein Trauma erleidet, gehört dazu meistens dass er jegliche Kontrolle über die eigene Unversehrtheit verloren hat. Jesus spricht davon, dass man ihn absichtlich quälen und erniedrigen wird. Und auch das weiß man heute, dass Menschen umso stärker und nachhaltiger traumatisiert werden, je mehr sie in der Gewalt, die sie trifft, die bewussten Gemeinheiten anderer erleben.

Deswegen ist das wirklich ungeheuerlich, was Jesus seinen Jüngern da eröffnet. Es bedeutet: Gott selber wird sich traumatisieren lassen. Gott selber wird sich dem aussetzen, was unter uns wie der Tod herrscht. Vielleicht ist es sogar manchmal noch schlimmer ist als der Tod. Gott selber wird sich dem Zustand aussetzen, wo man weder leben noch sterben kann. Wo man wie gelähmt ist in allen Lebensäußerungen und manchmal sogar den Tod als Erlösung herbeisehnen würde. Wo man tot zu sein droht bei lebendigem Leibe. Gott selber wird den Weg solcher Traumatisierung gehen.

Petrus, so hörten wir bereits, verwahrt sich mit Macht gegen eine solche Vorstellung. Allerdings reagiert Jesus darauf genauso klar. "Los, zurück hinter mich mit diesen Einwänden eines Versuchers", erwidert er Petrus, "geh hinter mir her und tue weiter nichts!" Das heißt auf der einen Seite: "Tritt zurück ins Glied, reihe dich ein und glaube nicht, selber den Kapitän des Weges spielen zu müssen". Das heißt aber zugleich auf der anderen Seite auch: "Du kannst in meinem Rücken gehen. Was immer du abkriegst auf deinem Weg, das habe ich, Jesus, vor dir schon abgekriegt und Gott in mir."

Dieser Platz, den Jesus dem Petrus zuweist, ähnelt wohl auch am meisten unserem Platz. Was Jesus zu Petrus sagt, das hat er auch zu uns gesagt. Denn wir hören bei Markus nun folgendes.

"Er rief eine Schar von Leuten aus dem Volk hinzu und dann redete er zu ihnen". An die Öffentlichkeit wendet er sich also und spricht von nun an nicht mehr nur mit den Jüngern im engen Kreis. Nein, was er jetzt zu sagen hat, geht nach draußen; es geht in alle Welt hinaus; es ist ein Wort voller Offenheit und Weite. So müssen wir es hören, wenn Jesus dann zu der Menge sagt: "Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir."

Damit spielt Jesus zum einen auf sein eigenes Sterben am Kreuz an. Er spricht aber zugleich auch von dem Kreuz, das unser jeweils ganz persönliches ist, von deinem Kreuz, von meinem Kreuz, wenn er sagt: "Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach."

Das Kreuz Jesu ist dadurch einzigartig geworden, dass Gott sich dort auf einen Weg begeben hat. Er hat sich auf den Weg gemacht, sich mit dem Tod höchstpersönlich auseinanderzusetzen. Gott findet auf diesem Weg seine höchstpersönliche Antwort auf den Tod und auf alles, was Menschen traumatisiert.

Gott bringt in diese seine Auseinandersetzung mit dem Tod ein, was ihn selber einzigartig macht. Er bringt in sie das Beste ein, was er zu geben hat, nämlich seinen eigenen Sohn. Er bringt dort das Tiefste und Echteste hinein, was er empfindet, nämlich seine unerschöpfliche Liebe. Er bringt dabei das Ehrlichste ein, was er zu sagen hat, nämlich wie unbedingt er zu uns steht. Und er bringt auch das Äußerste mit in sie hinein, was er erhofft, nämlich dass einmal alle Feindschaft überwunden ist. Persönlicher kann keine Antwort sein, als die, in die man das Beste hineinbringt, was man zu geben hat, das Tiefste, was man empfindet, das Ehrlichste, was man zu sagen hat und das Äußerste, was man erhofft. Gott findet am Kreuz von Jesus zu einer solchen Antwort auf den Tod und das, was uns traumatisieren will. Das ist es, was das Kreuz auf Golgatha zu einem einzigartigen Ereignis gemacht hat. So hat Gott am Kreuz von Jesus sein Kreuz auf sich genommen.

Jesus sagt dann zu uns: "Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach".

Was heißt das nun für uns?

Ich glaube, bei dem Stichwort vom eigenen Kreuz haben wir alle so unsere Vorstellungen. Jeder und jede von uns hat ja, wie man gerne sagt, sein Päckchen mit sich herum zu schleppen. Für die einen ist es ein gesundheitliches Leiden, das einen zermürbt. Andere denken an den Verlust von geliebten Menschen, ohne die man sich das eigene Leben kaum vorstellen konnte. Für wieder andere ist es eine jahrelange Arbeitslosigkeit oder gar zunehmende Verarmung.

Wir kennen wohl alle Schicksalsschläge, die wir als unsere Last und unser Päckchen nennen könnten, an denen wir zu tragen haben.

Aber nun meine ich: die Päckchen und Lasten, die jeder und jede von uns zu tragen hat allein sind noch nicht das Kreuz, das wir auf uns nehmen sollen, wenn wir Jesus nachfolgen.
Dabei geht es um noch mehr.

Die Päckchen, die wir zu tragen haben, werden erst dadurch zu unserem Kreuz in der Nachfolge Jesu, wenn wir uns mit ihnen auf den Weg begeben, auf den sich Gott am Kreuz Jesu für uns begeben hat.

Wir tragen unser Kreuz in der Nachfolge Jesu, indem wir dabei - wie er - unsere ganz persönliche Antwort auf die Schicksalsschläge finden, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Wie Gott können und sollen wir in dieser Auseinandersetzung mit dem uns auferlegten Päckchen das Beste einbringen, ja es vielleicht erst finden, was wir zu geben haben. Wie er können und sollen wir darin das Tiefste und Echteste ausmachen, was wir empfinden. Wie er können und sollen wir dabei auf das Ehrlichste stoßen, was wir zu sagen haben und das Äußerste herausbringen, was wir erhoffen. Dann und so wird das, was wir unser Päckchen nennen zu unserem Kreuz, das wir in der Nachfolge Jesu auf uns nehmen sollen. Dann steht es auch unter der Verheißung, die vom Kreuz Jesu auf Golgatha ausgeht, der Verheißung vom Ostermorgen. Denn dann werden auch wir auf dem Weg dieser Nachfolge herausbringen, was uns, uns persönlich ganz allein zu dem einzigartigen und unvergleichlichen Kind Gottes macht, das Gott in uns meint. Wir fanden Jesus auf seinem Weg. So wie wir ihn meist unterwegs antreffen. Aber seine ja die Wege, auf denen Gott zu uns kommt. Dann ist auch für uns auf dem Weg mehr Leben zu finden als dort, wo wir unsere Ziele erreicht haben. Dazu ruft uns Jesus in seine Nachfolge.

Amen.