Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 8,36 und "Avatar - Aufbruch nach Pandora"

Pfarrerin Carolina Baltes (ev.)

02.05.2010 in der Jonakirche in Essen-Heidhausen

Konfirmation

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden an seiner Seele nimmt (Mk 8, 36) – sagt Jesus, als er seine Jünger darüber belehrte, was es heißt, ihm nachzufolgen.

Jake Sully will gar nicht die ganze Welt gewinnen, aber er will neue Beine bekommen. Wir schreiben das Jahr 2154 nach Christus. Durch eine Kriegsverletzung ist Jake Sully von der Hüfte abwärts gelähmt; das Geld für die Operation, die ihn heilen würde, hat er nicht. Als er das Angebot bekommt, beim Avatarprojekt den Platz seines verstorbenen Zwillingsbruders einzunehmen, ergreift er nur zu gern diese Chance. Seine Aufgabe: Auf dem Planeten Pandora gibt es wertvolle Erzvorkommen; Jake soll die Ureinwohner, die Navi, eine humanoide Lebensform, überreden, dass sie ihre Siedlung verlegen. Dazu steuert der gelähmte Jake mit besonderer Technik und seinen Gedanken einen dafür hergestellten Navi-Körper, einen Avatar. Misslingt seine Mission, werden die Menschen mit Gewalt gegen die Navi vorgehen, um diese Bodenschätze zu heben.

Jake Sully will unbedingt neue Beine bekommen; nur auf sich zentriert, macht er alles andere zum Mittel für dieses Ziel. Er tut was man von ihm verlangt und wird Agent der Menschen unter den Navi. Das Schicksal der Navi ist ihm egal. Als er sich jedoch immer länger mit seinem Navi-Körper auf Pandora aufhält und von der Häuptlingstochter Neytiri in das Leben als Navi eingeführt wird, lernt er, dass alles eine Seele hat, jede Pflanze, jedes Tier, jeder Navi, jeder Mensch. Außerdem verliebt er sich in Neytiri.

Die Frist für seine Mission läuft ab, und so steht er schließlich vor der Wahl – weiter ein Doppelleben zu spielen und mitzuhelfen, dass die Navi den Bulldozern weichen – und als Lohn neue Beine, die heilende Operation zu bekommen. – Oder: Sich auf die Seite der Navi zu stellen und sie bei ihrem Kampf gegen die ausbeuterischen gewalttätigen Menschen zu unterstützen. Und hier geschieht etwas ganz Unglaubliches! Jake folgt dem Ruf seiner Seele. Er verabschiedet sich von seinem Wunsch nach neuen Beinen, tritt an die Seite der Navi und riskiert, im Kampf getötet zu werden.

Wie das in Hollywood-Filmen üblich ist, gibt es ein Happyend: Mithilfe der supergefährlichen monsterähnlichen Dschungeltiere Pandoras werden die Menschen besiegt und von Pandora vertrieben, Jake Sully verlässt seinen Menschenkörper und zieht nun dauerhaft in seinen Navi-Körper ein und bleibt auf Pandora. –

Das überraschende Ergebnis ist also: Weil Jake von den Navi gelernt hat, dass er eine Seele hat, dass alles eine Seele hat, und dass die Seele das wichtigste ist, bekommt er nicht nur neue Beine, sondern sogar einen neuen Körper, man könnte auch sagen: ein neues Leben, gewinnt er eine ganze neue Welt.

Alles hat eine Seele, die Seele ist das wichtigste. - Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden an seiner Seele nimmt.

Seele - was meint das?

Für Jesus ist die Seele das göttliche Leben selbst in uns, das unseren Körper belebt, das unser Denken und Fühlen und unsere Individualität ausmacht, und das unseren Körper im Tod wieder verlässt. – Die Seele ist es, über die wir mit Gott verbunden sind, und über die wir uns miteinander verbinden können, und mit allem, was lebt. Die Seele ist es, die allem, was lebt, Würde und Wert gibt. Mit ihr kann man in Kontakt sein – oder diesen Kontakt verlieren, seine Seele verlieren.

Seelenlos lebt, wer nicht fühlt wie er in der Tiefe mit allem verbunden ist; wer nur auf sich zentriert ist, seine Interessen rücksichtslos oder gar mit Gewalt durchsetzt und damit den Wert und die Würde anderer Menschen und Lebewesen ignoriert.

Anscheinend gab es das schon zur Zeit Jesu  -  Menschen, denen daran lag, „ die ganze Welt zu gewinnen“ – die Römer, die ganze Völker unterwarfen, um hohe Steuern von ihnen einzutreiben und die Macht und den Glanz des Imperium Romanum zu steigern. Auch die Zöllner, die mit den Römern zusammenarbeiteten – Ihr erinnert Euch an Zachy, den Zöllner Zachäus. Der versuchte, im Leben zurecht zu kommen und wer zu sein, indem er die Leute ausbeutete und Reichtum anhäufte. „Ich muss viel haben, um wer zu sein.“ war sein Lebensmotto. Er hatte den Kontakt zu seiner Seele verloren und fühlte deshalb keine Verbindung zu seinen Landsleuten, die er ausbeutete. Jesus aber mit seiner großen Liebe schaffte es, das Herz von Zachäus zu berühren, seine Seele zuwecken. Und die sagte dem Zachäus, was richtig ist: Alles betrügerisch erworbene Geld zurückzahlen und den Armen helfen, - ein neues Leben anfangen.

Wie steht es um euch und eure Seele? - Ihr seid nun keine Kinder mehr, ihr seid erwachsen und werdet immer weiter erwachsen (erinnert euch, vor 2 Wochen hab ich euch noch gesagt, dass das Erwachsenwerden nie aufhört, immer weiter geht.) Ihr gestaltet euer Leben immer mehr selbst. Ihr fällt Entscheidungen über eure Ausbildung, euren Beruf. Ihr geht euren ganz eigenen Weg ins Leben. Und dabei ist nun wichtig, wovon Ihr euch leiten lasst, ob ihr Verbindung zu eurer Seele habt oder nicht.

Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, wo auf die Seele wenig geachtet wird; die Wirtschaft ist ganz auf Wachstum ausgerichtet, Menschlichkeit und Nachhaltigkeit kommen oft zu kurz. Die Werbung, die auf uns einstürmt lockt mit vielen bunten Angeboten und Versprechungen: Wenn du dieses Handy hast, jenes Auto fährst, dann bist du wer, dann gehörst du dazu, zu den Erfolgreichen, die „in“ sind.

Es ist nicht einfach in unserer Gesellschaft, sich für seine Seele zu entscheiden – dem Ruf seiner Seele zu folgen. Schnell werden da Sachen lächerlich gemacht. Wie cool ist es, im Zivildienst in einem Altersheim zu arbeiten, hilfsbedürftige alte Menschen zu füttern und zu pflegen? Wie cool ist es, z.B. beim Bund Naturschutz mitzumachen, oder Fahrrad zu fahren, statt auf ein dickes Motorbike zu sparen? Ich schätze, mal auf einer Skala von 1 bis 10 würden Dieter Bohlen und Heidi Klum dafür jeweils mindestens minus 100 Punkte vergeben. Aber wenn z.B. diese Arbeit im Altersheim mit Achtsamkeit getan wird, wenn Seelenkontakt entsteht und erlebt wird, dann passiert genau das, was Jesus mit Nachfolge meint: Dann wird Leben so gelebt, wie Gott es uns wünscht: In Liebe, in Verbindung miteinander, in Verantwortung füreinander. In Kontakt mit eurer Seele, in Verbundenheit mit allem was lebt.

Jake Sully brauchte drei Monate Lehrzeit mit Neytiri, um in Kontakt mit seiner Seele zu kommen und fortan dem Ruf seiner Seele zu folgen. Er sieht, wie Neytiri über den Tod von Raubtieren, die sie in Notwehr getötet hat, dennoch trauert, einfach, weil da Leben zerstört wurde. Sie zeigt ihm, wie ihr Stamm das Gedächtnis an alle, die vor ihnen gelebt haben, an die Ahnen, wach hält. Und als er schließlich als vollwertiges Mitglied in den Stamm aufgenommen wird, singt er selbst ein Trauerlied, als er einen Hirsch erlegt. Und er kann dann die Navi nicht mehr als primitive Ureinwohner betrachten, die einfach nur ein Hindernis zur Ausbeutung der Erzvorkommen sind, das es zu beseitigen gilt. Sie sind für ihn nun Personen, denen er tief verbunden ist, und die er liebt.

Ihr habt acht Monate Lehrzeit gehabt, angefangen mit der KonTour-Fahrt, dann die KonfiSAMStage, die Besuche in den Kliniken, in den Gemeindegruppen, die Gottesdienstbesuche. Eure Lehrzeit habt ihr nicht mit einer Häuptlingstochter verbracht, sondern bloß mit mir und den Teamern, die euch auf KonTour, bei den KonfiSAMStagen, bei Bibel live und in der Jonajugend begleitet haben. Aber wir haben euch dabei in unsere Seele schauen lassen und euch erzählt, was uns fürs Leben und im Glauben wichtig ist.

Ich weiß nicht, ob diese Lehrzeit dafür ausgereicht hat, dass ihr schon eine ganz stabile Verbindung zu eurer Seele gefunden habt und nun ihrem Ruf so klar und eindeutig folgt wie Jake Sully. Aber ihr habt an verschiedenen Stellen spüren können, wie gut und wie heilsam das sein kann: Die eigene Seele zu fühlen, Verbundenheit zu erleben mit anderen Menschen und mit der Welt um euch herum.

Habt also Acht auf eure Seele, auf das göttliche Leben in euch, die Liebe, die Gott ist, die verbindet und das Handeln bestimmt – nach anderen Werten, als denen, die in unserer Gesellschaft als cool gelten. Ich wünsche euch, dass ihr diese vielleicht sehr kleinen, feinen Erfahrungen mitnehmt und immer wieder auf sie zurückkommt. Dann könnt Ihr, egal was kommt, Euer Leben so gestalten, dass ihr nie Schaden an eurer Seele nehmt.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen