Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 9,38-41

Martin Beinhauer


Halloween oder Reformationstag

Liebe Gemeinde,

Dieser Hut hier ist eigentlich ein Ketzerhut. Wer ihn im Mittelalter trug, wurde verbrannt. Man zog ihn den Menschen auf, die nicht mehr die Lehre der Kirche vertraten. Ich lade Sie ein auf einen Streifzug durch die Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1415 - es ist der 16. Juli. Die Stadt Konstanz ist überfüllt von Konzilsteilnehmern. Drei Päpste waren es, die für sich die Macht in der Kirche beanspruchten und dieses Konzil sollte Abhilfe schaffen. Alle Bischöfe und hohen Würdenträger sind gekommen, um mit diesem Schicksal ein Ende zu machen.

Daneben gab es einen Ketzer mit Namen Jan Hus. Er kam aus Böhmen - der heutigen Tschechei. Zu dieser Zeit gab es dort eine Kirche, die sich an an Ländereien bereicherte und eine große Zahl an Menschen hatte noch nicht einmal das Land, um sich zu ernähren. Selbst das Geld aus dem Silberbergbau verschwand in den Taschen des Kleinadels. Jan Hus war der Sohn eines Fuhrmanns, der dann Theologie studierte. Er suchte einen Weg aus der Armut und hoffte, im Studium der Theologie ein geregeltes Auskommen zu finden. Jan Hus studierte in armen Verhältnissen. Morgends und abends gab es ein Maß Dünnbier. Dazu Brot, aus dem man die Löffel knetete, um den landesüblichen Erbsenbrei zu löffeln. Er wird zum Priester geweiht und sogar Doktor.

Jan Hus hatte sich der devotio moderna angeschlossen. Christus sollte im Alltag erfahrbar werden - in der Innerlichkeit. Gottes Wort sollte allen Menschen gepredigt werden. Jan Hus übersetzte die Bibel ins Tschechische - in seine Heimatsprache. Der König Sigismund selbst hatte ihm freies Geleit zugesprochen. Daraufhin reiste er nach Konstanz, um seine Lehre vor der Kirche zu verteidigen. 45 jahre ist er alt. Und kaum ist er in der Stadt Konstanz angekommen, legt man ihn in Ketten und wirft ihn in einen Kerker. Das Wort des Königs hat Jan Hus nicht geschützt. Jan Hus bekommt einen kurzen Prozeß, dann entkleidet man ihn seinmer Priesterkleidung und zieht ihn an wie einen Ketzer - mit einem schwarzen Mantel und mit einem Ketzerhut - wie diesen hier. Es ist das Jahr 1415 - die Messe soll Latein bleiben, und ein neuer Papst - Martin V - besteigt den Thron der römischen Kirche. Als man am 14. Juli 1415 die Fackel an seinen Scheiterhaufen legt, kann man seine Ideen nicht mehr auslöschen. Seine letzten Worte - „heute bratet ihr eine Hus (das ist das tschechische Wort für Gans), doch bald wird sich ein Schwan erheben.” Aus Jan Hus Ideen gehen die Böhmischen Brüder hervor - unsere evangelischen Brüder und Schwestern in Miroslav - der Partnerstadt Fliedens in der Tschechei.

Es ist das Jahr 1521. Wieder ist es ein Priester, der die Bibel übersetzt - diesmal in Deutsch. Sein Name ist Martin Luther. Auch er hatte sich der devotio moderna angeschlossen: Christus sollte im Leben erfahrbar sein. Der Glauben ist eine innerliche Angelegenheit und allen Menschen ist in ihrer Heimatsprache Christus zu predigen.

Auch Luther war von Rom als ein Ketzer verurteilt worden. Auch ihn hätte man seine Priesterkleidung vom Leib gerissen und diese Mütze aufgesetzt. Auch Luther wäre 1520 verbrannt worden, hätte man ihn gefaßt. Nein, die Messe sollte in Latein gelesen werden und der Glaube muß sich auf den Papst beziehen. Luther wußte, daß er und Jan Hus aus Tschechien dieselben Ansichten hatten. Vor drei Jahren hatte er es in Heidelberg gelernt. Schon dort wollte man ihn als Hussiten verurteilen. 1520 war das Urteil gesprochen. Luther ward mit der Reichsacht belegt. Für einen Ketzer bedeutete das üblicherweise das Ende auf dem Scheiterhaufen. Auch Luther hätte man diese Mütze aufgezogen. Luther lebte immer in der Angst um sein Leben.

Nun bricht das Jahr 1521 an und die Bauernkriege zeichnen sich schon am Horizont ab. In dieser Zeit lebt Luther immer in der Angst als Ketzer verfolgt und verbrannt zu werden. Karl V hatte ihn nach Worms vorgeladen und ihm mit seinem königlichen Wort freies Geleit zugesagt. Doch wieviel Wert ist das Wort eines Königs bei einem Konzil. Luther stellte sich dem Verhör von Worms und er widerrief nicht. Karl hat ihn ziehen lassen mit den Worten: Er werde sich nicht die Schamrot werden wie sein Urgroßvater, wenn man ihn nach seinem Wort frage. Luther war als Ketzer verurteilt und durch ein Wunder verschont geblieben.

Es ist das Jahr 1563 auf dem Konzil von Trient wird Luthers Rechtfertigungslehre als Ketzerei verurteilt. Von nun an ist jeder, der mit Luthers Rechtfertigungslehre übereinstimmt ein Ketzer für die Kirche von Rom.

Es ist das Jahr 1999. Ich sitze in einem Seminar bei Professor Hans-Martin Barth über die Rechtfertigungslehre. Heute vor 5 Jahren wurde dieses Dokument in Augsburg unterzeichnet. Hans-Martin Barth war der Marburger Professor, der die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre maßgeblich mitvorangebracht hat. Er wollte zeigen, daß die damaligen Verurteilungen der Kirche von Rom nicht mehr auf die evangelische Kirche zutreffen. 30 Jahre lang wurde darum gerungen, einen Konsens in der Rechtfertigungslehre zu finden, um eine Gemeinschaft beim Abendmahl zu ermöglichen. Ich habe Herrn Barth als einen sehr versönlichen Menschen kennengelernt. Mit großer Energie hat er versucht, die evangelische und die katholische Kirche zusammenzubringen als die eine Kirche Jesu Christi. Er hat jahrelang verhandelt und Kompromisse geschlossen und hat sich nicht verbittern lassen. Schließlich kam es zur großen Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung.

Bei der Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung wollte die Kirche Roms noch einmal die Lehrverurteilungen Trients unterschrieben sehen. Der Anhang mit den Anmerkungen ruft genau diese Lehrverurteilungen noch einmal auf den Plan. Die einmal getroffenen Lehrverurteilungen sollten nicht aufgehoben werden. Es sollte sogar zwei Gruppen evangelische Christen geben - die, die unterschrieben haben und damit zur Abendmahlsgemeinschaft zugelassen waren und die, die sich weigerten.

2004 erlebe ich Schulgottesdienste mit meinen katholischen Kollegen und stehe daneben, wenn ein Feuerwehrauto eingeweiht wird. Vieles hier in Fulda ist mir fremd und wird es eine ganze Zeit bleiben. Aber ich erlebe keine Verurteilung von evangelischen Christen durch meine katholischen Geschwister. Im Gegenteil - es gibt viele Ehen zwischen evangelischen und katholischen Christen. Und ich bin sehr froh darüber, daß wenigstens hier keine Ketzerhüte ausgeteilt werden. Ich erlebe eine kollegiale Zusammenarbeit und hoffe, daß Kirche langsam zur Kirche Christi zusammenwachsen wird.

Andererseits gibt es noch immer Verurteilungen, mit denen Menschen diese Mütze aufgesetzt wird. Wir haben sie zwar aus den Augen verloren, aber das Urteil, für das sie steht, gibt es noch immer. Auf Halloween wird sie als Hexenmütze getragen. Auch die Hexen hat man ja der Ketzerei und der Gotteslästerung angeklagt. Darum hat sich diese Mütze bei ihrer Tracht auch erhalten.

Und Jesus, was spricht er zu diesen Versuchen, sich gegenseitig als Ketzer zu verurteilen? Er verweist auf seinen Namen, als man ihn fragt, was mit dem fremden Wundertäter geschehen soll. Wenn er in meinen Namen Daemonen austreibt, kann er mich nicht verfluchen. Also arbeitet er mit mir zusammen.

Interessanterweise haben sich gerade zuvor die Jünger gestritten, wer denn der Größte unter ihnen sei. Und dann kommt plötzlich einer daher, der ebenfalls die Macht hat, Daemonen auszutreiben, obgleich man ihn nicht kennt - nur weiß, daß er das im Namen Jesu tut. Der ganze Streit, der motiviert ist von der Frage: „Wer ist der beste Christ?” Mündet darein, daß einem Fremden, der sich auch auf den Namen Jesu beruft ein Ketzerhut aufgesetzt werden soll. „Wir verbieten es ihm, Daemonen auszutreiben.” Jesus läßt ihn gehen. Wer meinen Namen gebraucht, kann ihn nicht mißbrauchen. Ist seine Begründung.

Mit dieser Mütze hat sich in der Geschichte eine Menge Leid verbunden. Ich bin froh, daß diese Mütze für uns heute zum Karneval und zu Halloween ihre Bedeutung bekommt. Daß heute Kinder mit ihr auf den Kopf durch die Straßen ziehen und nach Süßigkleiten fragen ist für mich schon ein Zeichen von Frieden zwischen den Religionen, denn die eigentliche Bedeutung dieser Mütze ist fast vergessen. Möge dieser Frieden lange anhalten, bis daß niemand mehr weiß, welche Geschichte diese Mützen haben. Und sie den Platz findet, wo sie hingehört - auf ein staubiges Regal ins Museum.

Amen.