Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Martin Luther

Claudia Bergmann

18.02.2007 in der Gemeinde St. Andreas-Nicolai-Petri in Lutherstadt Eisleben

Es war ein kalter Morgen in der kleinen Stadt Eisleben im Mansfeldischen. Der Winter hatte bei allen an den Kräften gezehrt. Die Jugend war zwar noch fröhlich Schlitten gefahren, aber die Alten hatten sich vor der Kälte und dem Schnee so oft wie möglich in die kleinen Häuser zurückgezogen. An diesem Morgen stand die Andreaskirche groß und grau im Zentrum der Stadt, wie an jedem Tag. Die Eisleber erwachten, schauten nach dem Wetter, und heizten mit ein paar Holzscheiten die Küchen an. Wie an jedem Tag. Sie ahnten noch nicht, dass ihre Stadt in der vergangenen Nacht zu einem Zentrum der Weltgeschichte geworden war. Zwei Handvoll Menschen jedoch wussten davon. Albrecht und Anna, Johann und Margareta, die Albrechts, Johann und Ambrosius, ein Pfarrer, zwei Ärzte, der Hallenser Justus und einige andere hatten die Nacht bei einem Sterbenden gewacht. Es war kein gewöhnlicher Mann, der nun tot auf dem Bett lag. Es war Martin Luther.

Mit Luthers Tod war ein Dokument in Kraft getreten, dass Luther schon 1542
eigenhändig aufgesetzt hatte. Er hatte es 1544 noch einmal ergänzt und es
sogar in das Gerichtsbuch von Wittenberg eintragen lassen, um es
unanfechtbar zu machen. Seine engen Mitarbeiter Melanchthon, Cruciger und
Bugenhagen hatten es auf Lateinisch beglaubigt. Dieses Dokument war Luthers
Testament. Dort hatte Martin Luther “seiner lieben und treuen Hausfrau
Katharina” all’ seine Besitztümer hinterlassen. Das war ungewöhnlich für die
damalige Zeit. Nach sächsischem Recht bekam die Witwe nur das
Hochzeitsgeschenk ihres Ehegatten und einige persönliche Dinge. Nach
kirchlichem Recht hätte der Exmönch Luther gar kein Testament aufsetzen
dürfen. Er hätte auch nichts an eine Exnonne vererben dürfen. Der ehemalige
Jurastudent berief sich aber auf römisches Recht und schenkte seiner Frau zu
Lebzeiten alles, was er besaß. Und dann machte er sie noch zum Vormund
seiner Kinder, im Falle, dass er sterben würde. Dieser nicht ganz juristisch
einwandfreie Trick wurde einige Monate nach seinem Tod von Luthers
Landesherren legitimiert. Und so wurde Katharina alleinige Besitzerin eines
Landgutes, eines Hauses, sowie Besitzerin von Bechern und Kleinoden für etwa
1000 Gulden. Zudem erbte sie Luthers Schulden, die er selbst auf 450 Gulden
geschätzt hatte.

Es war nicht viel, was Katharina Luther nun ihr Eigen nennen konnte.
Ihr Mann hatte ihr nicht viele materielle Güter hinterlassen. Aber im
letzten Paragraphen seines Testaments hinterließ Martin Luther seiner Frau
und uns evangelischen Christen ein Vermächtnis, dass einen wahren Schatz
darstellt. Drei Punkte, quasi die Summe seines Lebens, gibt der Reformator
seinen Nachkommen mit auf den Weg: Gott vertrauen, Gott bezeugen, Gottes
Wahrheit weitersagen. Luther schreibt: “Gott, der Vater aller
Barmherzigkeit, hat mir verdammten, armen, unwürdigen, elenden Sünder das
Evangelium seines lieben Sohnes anvertraut. Er hat mich auch treu und
wahrhaftig im Evangelium gemacht, sodass viele in der Welt es durch mich
angenommen haben. Ich wurde zum Lehrer der Wahrheit, egal was Papst, Kaiser,
Könige, Fürsten, Pfaffen und der Teufel davon halten.” Und weiter schreibt
Luther: “Das ist die ernstliche und wohlbedachte Meinung von Doktor Martinus
Luther, der Gottes Notar und Zeuge seines Evangeliums ist.”

Luther vertraute Gott in seinem Leben. Luther bezeugte Gott und seinen Sohn
Jesus Christus, wie er ihn im Evangelium kennen gelernt hatte. Luther sah
sich selbst als Lehrer der göttlichen Wahrheit und sagte sie weiter. So
erfüllte er das Gebot christlicher Nachfolge, von dem wir heute schon im
Markusevangelium gehört haben. Jesus spricht: “Wer mir nachfolgen will, der
verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.”

In seinem Testament ging es Luther nicht um sein eigenes Leben und nicht nur
um das seiner Nachkommen. Es ging ihm darum, dass er mit seinem Leben Gott
vertraut hat, Gott bezeugt hat, und Gottes Wahrheit weitergesagt hat. Es
ging ihm darum, mit seinem eigenen Leben auf Gott zu zeigen, und auf Jesus
Christus, Gottes Sohn. An dieser Hinterlassenschaft arbeitete Luther sein
ganzes Leben. Und in seinem Testament gab er sie an seine leiblichen
Nachkommen und an uns weiter.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über Ihr Testament gemacht? Was
hinterlassen wir? Was bleibt von unserem Leben? Vielleicht wie bei Luther
ein Haus und ein Stückchen Land. Vielleicht ein paar Schmuckstücke und etwas
Porzellan. Vielleicht Bücher, die wir gerne gelesen haben. Oder Souvenirs
von unseren Reisen. Vielleicht ein Kochbuch mit unseren Lieblingsrezepten.
Ob unsere Erben die Dinge, die uns wichtig gewesen sind, schätzen werden?
Wir wissen nicht genau, was nach unserem Tod in der Familie bleiben wird.
Vielleicht wird ja auch das meiste verkauft oder weggeworfen.
Was hinterlassen wir? Und eigentlich meine ich gar nicht die Sachen und
Dinge, die in unserer Wohnung stehen oder auf unserem Bankkonto liegen. Von
Luthers materiellen Besitztümern blieb über die Jahrhunderte nicht viel
übrig: die Trauringen, ein Becher, den die Familie geschenkt bekam, und das
Testament selbst liegen in verschiedenen Museen. Was von Luther bleibt sind
seine geistigen, seine christlichen, Hinterlassenschaften: Gott bekennen,
Gott bezeugen, und Gottes Wahrheit weitersagen.

Und so frage ich uns: Was hinterlassen wir als Christen? Welches Vermächtnis
bleibt von unserem christlichen Leben?

Hast du Gott vertraut, als du Krankheiten durchleiden musstest? Hast du
geglaubt, dass Gott da ist, als du andere hast leiden und sterben sehen?
Warst du sicher, dass Gott es gut mit dir meint, als du im Leben in einer
Sackgasse angekommen warst? Vertraust du auf Gottes Gegenwart in deinem
Leben? Hast du Menschen, die an Gott gezweifelt haben, von deinem Vertrauen
abgegeben?

Hattest du immer die Kraft, Gott zu bezeugen? Auch in der Nazizeit, als
viele bekennenden Christen im KZ endeten? Auch in der DDR-Zeit, als ein
Bekenntnis zur Kirche manche Karriere gekostet hat? Bist du heute in der
Lage, in einem Raum voller Nicht-Christen von deinem Glauben zu reden?

Wann hast du Gottes Wahrheit weitergesagt? Wer hat Gottes Wahrheit von dir
gehört? Dein Patenkind? Deine Kinder? Vielleicht auch Deine Eltern? Dein
Nachbar? Kann jemand sagen: durch sie oder durch ihn habe ich christlichen
Glauben kennen gelernt?

Wir tun uns schwer mit dem, was wir hinterlassen oder hinterlassen wollen.
Viele von uns haben kein Testament, das festlegt, wer unsere weltlichen
Güter nach unserem Tod bekommen soll. Noch schwieriger ist es mit unseren
geistigen, unseren christlichen Hinterlassenschaften. Und doch legen wir
jetzt, im Leben, schon den Grundstein dafür. Wir vertrauen Gott. Aber das
Bezeugen klappt nicht immer. Und wir sind oft zu schüchtern, um Gottes
Wahrheit weiterzusagen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der christlicher
Glaube Privatsache ist. Viele denken, dass das, was wir glauben, keinen
etwas angeht. Und einige hoffen, dass Glaube im Religionsunterricht und in
der Christenlehre vermittelt wird, nicht zu Hause und in der Familie.
Doch der Glaube wird nicht in der Schule gelehrt. Man fängt ihn sich
ein, wie einen Virus, aber einen heilsamen Virus. Wir alle haben den Glauben
so aufgefangen. Indem wir andere Menschen beobachtet durften, die Gott
vertraut haben. Indem wir von jemandem beeindruckt waren, der Gott bezeugt
hat. Und indem geliebte und vertraute Menschen uns Gottes Wahrheit
weitergesagt haben.

Es heißt, dass Luther noch etwas hinterlassen hat. An jenem kalten Morgen in
Eisleben, am 18. Februar 1546, soll Luthers Vertrauter auf dem Schreibtisch
neben dem Sterbebett einen Zettel gefunden haben. Auf ihm stand: “Niemand
soll glauben, dass er die Heilige Schrift genug geschmeckt habe, es sei
denn, dass er 100 Jahre lang die Kirche zusammen mit den Propheten regiert
hat. Wir sind Bettler, das ist wahr.”

Wir sind Bettler. Wir vertrauen Gott nicht immer, wir bezeugen Gott selten,
und wir sagen Gottes Wahrheit nicht so oft weiter, wie wir es könnten.
Niemand von uns, nicht einmal Luther, hat die Heilige Schrift genug
geschmeckt. Im Vergleich mit dem ewigen und perfekten Gott, sind wir
Bettler. Aber Gott benutzt uns trotzdem. Schon der kleinste heilsame
Glaubensvirus kann sich verbreiten. Kann Leute anstecken und Menschen für
den Glauben begeistern. Kann für einen Menschen der Lebensanker werden. Wir
sind Bettler. Und doch können wir mit einem einzigen Bekenntnis für Gott,
einem einzigem Gotteszeugnis vor anderen, den Glaubensvirus auf die Reise
schicken. Wenn wir es schaffen, in unserem Leben Gottes Wahrheit zu lehren,
dann zeigen auch wir auf Gott und auf Jesus Christus.

Gott bekennen, Gott bezeugen, und Gottes Wahrheit weitersagen: das war
Luthers Leben und Luthers Vermächtnis. Du kannst diese Art von christlicher
Nachfolge auch zu deinem Vermächtnis machen. Gott bekennen, Gott bezeugen,
und Gottes Wahrheit weitersagen – das gibt deinem Leben jetzt schon Sinn und
Zweck.
 
Amen.