Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 1,1-17

Pfarrer Hanns Baumeister

10.03.2002 in Kassel-West

Zur Eröffnung einer Kreissynode des Kirchenkreises

"Der Stammbaum Jesu"

Liebe Gemeinde,
liebe Synodale heute Abend.

Gerade wenn Weihnachten vorüber ist, fängt Weihnachten schon wieder an.
Vorgestern im Kirchenvorstand haben wir angefangen Adventskonzerte zu planen.
Aber auch aus einem anderen Grund fängt Weihnachten schon wieder an. Am kommenden Montag steht in meinem Kalender "Tag der Ankündigung der Geburt des Herrn" oder wie man auch sagt "Maria Empfängnis". Ein wichtiger Tag für unsere katholische Schwesterkirche. Und seit der Kirchentag im nächsten Jahr ökumenisch in Berlin sein wird, fange ich an - angeregt durch Sitzungen und Gespräche mit katholischen Christen - auch auf den katholischen Kalender zu achten. Maria Empfängnis. Ich habe nachgeblättert und blieb in der Bibel bei Matthäus an den ersten Versen hängen. Ein Bibeltext, über den ich noch nie eine Predigt gelesen oder gehört habe. Der Stammbaum Jesu. Hören sie selbst:

Text Matthäus 1,1-17

Ist ihnen nun alles klar, liebe Gemeinde?
Mir auch nicht.
Und sie denken jetzt sicherlich "man gut, dass das in der Regel in Predigten nicht vorkommt."
Und ehrlich gesagt, ich denke das eigentlich auch.

Ob das alles so stimmt? Wer weiß das denn so genau. Außerdem, wen interessieren denn schon die Urgroßeltern oder sonstige Voreltern die man so hatte.
Und das dann noch bei Jesus.
(Hochholen des Stammbaums)
Ich habe heute Abend etwas mitgebracht.
(Ausrollen)

Einen Stammbaum, meinen Stammbaum, sauber aufgezeichnet. Vor Jahren, ich erinnere mich, hat meine Mutter meine Schwester, unsere Familien und mich damit überrascht.
Dieser Stammbaum geht zurück bis in das Jahr 1723. Ein Johann Boje soll einer meiner Ur-ur-ur-ur Großväter gewesen sein. Na ja, ob das alles so stimmt? Meine Mutter hatte offensichtlich Lust, in alten Kirchenbüchern und Archiven nachzugraben. Womöglich findet sich ja jemand Berühmtes unter den Vorfahren. Aber es waren wohl alles Bauern und Handwerker.
Für meine Mutter gab es übrigens eine gute Vorarbeit meiner Großeltern beim Erstellen des Stammbaums.
Denn 1935, die älteren unter uns erinnern sich vielleicht, 1935 mußten alle Deutschen für sich einen Stammbaum erstellen, um nachweisen zu können, dass unter ihren Vorfahren kein nichtarisches Blut war:
Juden oder irgendwelche Ausländer. Mindere Rassen, wie das damals hieß.

Ich habe Glück gehabt. Andere nicht, sehr viele andere nicht. Unter meinen Vorfahren waren keine Juden. Sonst lebte ich wahrscheinlich heute nicht. - Glück gehabt! - Wer kann denn schon etwas dafür, welche Leute in irgendeiner Generation vor uns sich einander lieben gelernt haben -.

Warum erzähle ich das eigentlich heute Abend?
Erstens, weil durch unsere Städte Stiefel trampeln "Deutschland den Deutschen", auch wenn es darüber in den Medien wieder erschreckend still geworden ist;
und zweitens, weil wir an Weihnachten den Geburtstag eines Juden feiern, nach dessem Namen wir uns nennen: Christen! Und weil wir gerade in dieser Zeit sein Leiden und Sterben bedenken.

Stammbäume, das sind schwierige Geschichten.

Der Stammbaum Jesu Christi. Der Stammbaum eines Juden von Abraham an.

Ich habe ein wenig nachgeblättert in alten Büchern und Archiven, dem Alten Testament, diesen jüdischen Büchern, und versucht herauszubekommen was das denn für Menschen sind, deren Namen ich kaum aussprechen kann, die da erwähnt werden.

Drei Frauen sind mir aufgefallen in diesem Stammbaum Jesu:
Übrigens alle Ausländerinnen. Moabiter - Kanaaniter - Hetiterinnen.
Heute leben dort, wo diese Frauen herkommen Palästinenserinnen.
Ausländer die deutsche Frauen heiraten oder Deutsche die ausländische Frauen heiraten. Unter Deutschen und Juden und anderen Völkern, immer schon. Sollte uns das nicht zu denken geben? Was soll dann das: Deutschland den Deutschen! Judäa den Juden! - Palästina den Palästinensern! Vorfahren Jesu! -.

"Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen", sagte der erwachsen gewordene Jesus. Oder "Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen."

Andere im Stammbaum Jesu werden der Unzucht und Hurerei verdächtigt. Manche waren es auch. Rahab z.B.: Sie war eine Hure in Jericho, betrieb dort an der Stadtmauer ein Bordell und versteckte in eben diesem Bordell zwei hebräische Kundschafter und rettete ihnen so das Leben.
Oder Tamara. Sie, Witwe geworden, verführte als Straßenhure verkleidet ihren Schwiegervater. So groß war ihr Kinderwunsch!
Zweifelhafte Geschichten in der Bibel. So heilig ist das Buch wohl gar nicht, dieses alte Archiv.

Jesus in schlechter Gesellschaft?
Ging er, Jesus, erwachsen geworden deshalb so liebevoll und barmherzig mit Huren und Ehebrecherinnen um, so dass das ihm dann immer wieder vorgeworfen wurde?

"Wer von euch ohne Sünde ist werfe den ersten Stein", sagte er einmal, als eine Frau beim Ehebruch ertappt zur Steinigung freigegeben werden sollte.
Im Sudan, in Nigeria, wo noch überall auf der Welt...?

Aber wo waren eigentlich da die Männer, Mitschuldige in dieser Männergesellschaft? Steinewerfer um von sich abzulenken?
Da steht im Stammbaum der größte und berühmteste König Israels: David, ein frommer Mann. Viele Psalmen aus der Bibel sind von ihm. Vorfahre Jesu. Man nannte Jesu sogar Davids Sohn.

Dann die andere Seite: David, ein Spanner. In lauer Frühlingsnacht beobachtete er erregt und lüstern eine Frau beim sich waschen und baden.
Die Frau des Hetiters Uria mit dem schönen Namen Batseba. Eine ausländische Familie.
Und David drehte alles so, dass er dann mit ihr einige heiße Nächte verbringen konnte. Und das blieb nicht ohne Folgen.
David versuchte zu vertuschen. Erst wollte er das Kind, Uria, also ihrem Mann unterjubeln. Als das nicht funktionierte sorgte er dafür, dass Uria in einem kriegerischen Gemetzel umgebracht wurde. Himmelfahrtskommando! Die bedauernswerte Kriegerwitwe Batseba, die auch noch zu allem Unglück ein Kind erwartete - Alleinerziehend -?
Könige damals konnten so etwas. Und viele Könige, Diktatoren und Herrscher auf der Welt können so etwas noch heute.
Ziemlich schnell holte David Betseba in seinen Palast. Aber das war nicht sein soziales Gewissen.

Die 10 Gebote kannte David schon und hielt sie sicher auch für richtig.
"Du sollst nicht begehren..." (9)
"Du sollst nicht ehebrechen..." (6)
"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden..." (7)
"Du sollst nicht töten..." (5)
(mit Händen die Zählung der Gebote zeigen)

Etwas für richtig, einleuchtend und gut zu halten, heißt ja noch lange nicht, das auch zu tun.
Es kam doch alles heraus. Es kommt immer alles heraus. Deshalb steht es auch in diesem Archiv, dem Alten Testament.
Jesus mit zweifelhaften Vorfahren.

Ihn selbst haben seine Gegner später wütend als Fresser und Weinsäufer bezeichnet, der sich herumtreibe mit Sündern, Ehebrechern, Raffgierigen, Stinkreichen, Betrügern und anderem zweifelhaftem Gesindel.

Er, Jesus, sagte dazu: "Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken."

Auch bei vielen anderen Namen die da erzählt werden: Irrungen und Wirrungen.

Noch einen: Jojachin, auch ein König. Er ließ einen Mann, einen Propheten Gottes, der ihm und seiner politischen Klasse die Wahrheit sagte, den Spiegel vorhielt, mit einer Todesschwadron bis ins Ausland nach Ägypten verfolgen. Er ließ ihn umbringen, und dann in den namenlosen Gräbern der Armenviertel verscharren.
Ein Pinoche in früher Zeit, oder ein Herodes, ein Kindermörder in der Weihnachtsgeschichte oder, oder ...
Stammbaum Jesu!

Die Bibel, die Heilige Schrift, sie ist gar nicht so heilig. Sie erzählt vom Leben und Sterben, so wie es ist, aber immer Gott dazwischen.
Mittendrin auch das andere: Umkehr, Gottesfurcht, Reue, Buße, die Suche nach neuen Wegen, die dann auch jemand wirklich geht. Übrigens auch König David.

Also doch Jesus in guter Gesellschaft?
Fromme und Unfromme, Heiden und Gottesfürchtige. Gute Geschichten und schlechte.
Und immer irgendwie und irgendwo Gott dabei. Gott mit den Menschen. Eine unendliche Geschichte.
Klappen wir dieses alte Archiv über Stammbäume, diese Bibliothek, das Alte Testament für heute zu.
(Bibel sichtbar zuschlagen)

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen. Aber die müssen sie selber lesen. Auch die neuen nach Jesu Geburt. Die Quellen sind angegeben.

- - -

"Also: In unserer Familie gibt es so etwas nicht!" Wie oft höre ich das so oder so ähnlich, wenn irgendwo, vielleicht in der Nachbarschaft, etwas schlimmes passiert ist, was oft dann gar nicht so schlimm war, aber unsere Moral:
"So etwas gibt es bei uns nicht".
Na, ob das alles so stimmt?

Der Stammbaum Jesu lehrt mich etwas anders. Alle Möglichkeiten des Lebens stehen da verzeichnet, an Namen, an Menschen festgemacht.

Rechnen sie einfach einmal mit:
Jeder von uns hat 2 Eltern, 4 Großeltern, 8 Urgroßeltern, 16 Ururgroßeltern, 32 Voreltern in der fünften Generation, 256 in der achten, 512 in der neunten, 1024 in der zehnten Generation vor uns. In der sechzehnten Generation hatte jeder von uns die hier in der Kirche sitzen und die anderen auch sage und schreibe 65536 Voreltern. Und diese sechzehn Generationen nehmen einen Zeitraum von rund 500 Jahren ein. Ich bin mir sicher: Unter diesen 65536 Voreltern, die jeder von uns im 14. oder 15. Jahrhundert hatte, befinden sich ganz gewiß Menschen aller Stände und Klassen. Arme und Reiche, Freiherren und Tagelöhner, Gelehrte und Ungelehrte, Gute und Schlechte, Edle und Spitzbuben, Rechtschaffene und Verbrecher, Ausländer und noch ganz andere. Und alles Übrige dazwischen. Leben in all seinen Möglichkeiten.
Natürlich kennt kein Mensch all seine Vorfahren, trotz aller gut geführten Stammbäume.
Es gibt also keinen Grund, einen Unterschied zu machen, indem man sich auf seine Herkunft bezieht. Ich denke auch in meiner Familie gibt es alles, so wie in jeder anderen Familie auch. Eines jeden Wert kann man eigentlich nur nach dem bemessen, was er oder sie selbst ist. Was einer denkt, tut, leistet, wie er handelt, für was er sich einsetzt.

Zum Schluß:
Maria Empfängnis, das heißt für mich, gerade wenn ich Jesu Stammbaum lese: Gott wird Mensch mit und in einem Menschen.
Er wird in Christus Mensch in und für mein ganzes Leben, mit all seinen schönen und zweifelhaften Möglichkeiten; in und für meine Geschichte und meine Geschichten, die sich im Laufe meines Lebens so ansammeln. Mitten im Leben ermöglicht Christus mir immer wieder Neuanfang oder Umkehr, Suche nach neuen oder anderen Wegen. Schließlich durch den Tod hindurch. Und das ist Passion: Die Liebes- und Leidensgeschichte Jesu. Denn dafür ist der Glaube da, dass wir weiterkommen im Leben mit uns und mit anderen auch für Sterben und Tod.
Ich glaube an Jesus Christus, den Fötus in der Maria, das Kind in der Krippe, den Mann am Kreuz.

Amen


 


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