Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 11,2-6 (7-11)

Pfarrer Ewald Förschler

15.12.2002 in Freiburg

Liebe Gemeinde!

 I.

Johannes hat Angst. Er sitzt im Gefängnis. Vielleicht ahnt er, dass dieser Ort sein letzter Aufenthalt sein wird und die Welt draußen ihn nicht mehr begrüßen wird. Gefängnisse erzeugen ihre eigenen Sorgen und Fragen. Bekomme ich Besuch? Wie geht es meiner Familie draußen? Was wird sein, wenn meine Zeit hier abgelaufen ist? Seelsorger in Gefängnissen erzählen von den Gedanken und Gefühlen der Insassen. Schuldig gewordene Menschen sitzen ein und leben das ihnen zugemessene Strafmaß ab. Die Gefängnisse durch die Jahrhunderte hindurch kommen heute durch Johannes in unsern Blick. Die Sorgen der einsitzenden Jugendlichen, Frauen und Männer mögen andere als die unseren sein. Aber die Fragen ähneln sich, vor allem die Zeit-Frage: Wie lange noch warten? Ein Tag im Gefängnis ist nicht mit einem Tag in Freiheit zu vergleichen.

Johannes saß unschuldig. Er hatte die Wahrheit gesagt. Er prangerte an, dass Herodes mit der Frau seines Bruders Philippus im Ehebruch lebte. Die Erinnerung an das 6. Gebot gefiel weder dem Herodes noch Herodias. Als ihre Tochter an ihrem Geburtstag Herodes durch einen Tanz verzauberte, versprach er ihr unter Eid, jeden Wunsch zu erfüllen. Ihre Mutter nutzte diese Schwäche des Herodes. Sie stiftete ihre Tochter an, so dass sie den Kopf des Johannes forderte. Damit war sein Schicksal besiegelt. Jesus hat davon erfahren.

Johannes wurde von seinen Jüngern im Gefängnis besucht. Sie erzählten ihm von den Ereignissen draußen. Das Alltägliche aber interessierte ihn nicht. Er blieb auch im Gefängnis der Prophet, der in den Dingen die Zukunft sieht. Darum brannte in ihm nur die eine Frage: Hat das Warten ein Ende? Ist es endlich so weit? Es scheint, dass in dieser Frage an Jesus auch sein eigenes Schicksal mitschwingt. Er lässt seine Frage durch seine Jünger an Jesus herantragen: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Eine Frage aus dem Gefängnis. Der Messias, der kommen soll und den Johannes verkündete, ist auch der, der Gefangene befreien wird.

Ob Johannes von Jesus handfest und real seine Befreiung aus dem Gefängnis erwartet hat? Wenn es so war, dann war die Frage ein echtes Wagnis und dann war die Antwort Jesu für Johannes eine Enttäuschung. Denn er spricht von der Befreiung als von Heilung. Darauf bezieht sich das letzte Wort Jesu, als wollte er sagen: Johannes! Ärgere dich nicht über mich!

Aber für Johannes steht die Messiasfrage über seiner persönlichen Sorge. Seine Frage an Jesus ist stellvertretend zu sehen als Frage aller Gefangenen und Gefesselten: Dazu gehören die Schuldigen wie die anderen, die in sich gefangen sind und darum auf den warten, der sie besucht und endlich in ihr Leben führt: die Blinden, die Gelähmten, die Gemiedenen und Gemobbten, die nichts mehr hören können, die Erstarrten und die ungerecht Behandelten. Für alle in den Gefängnissen außerhalb der Gefängnisse - für die In-sich-Gefangenen und für die Gefangengenommenen stellte Johannes damals diese Frage und stellt er sich heute auch für uns: Bist du es, Jesus, der da kommen soll? Hat unser Warten endlich ein Ende?

 II.

Martin ist glücklich. Das hat er immer gesagt und er hat es auch noch einmal bei unserem letzten Gespräch mit Nachdruck beteuert. Martin ist glücklich. Er hat vor 15 Jahren geheiratet. Den Sprung in die Selbstständigkeit hat er nach seiner Meisterprüfung mit Bravour geschafft. Er baute ein eigenes Haus. Mittlerweile ist er Vater von zwei gesunden Kindern. Er verdient sehr gut. Kürzlich erst hat er sich einen neuen teuren Wagen gekauft - selbstverständlich in bar. Martin sitzt - fest. Er hat ein Problem. Er hat keine Zeit. Doch, sagt er, ich habe Zeit. Aber die brauche ich für meinen Betrieb. Und doch weiß ich, gesteht er, dass ich mir Zeit nehmen muss für meine Familie, meine Frau, meine Kinder. Die will ich schließlich nicht verlieren. Sie sind mir wichtig. Aber da ist noch einer, der Zeit braucht. Eine Weile stockt das Gespräch. In die Stille hinein sagt er: Da ist noch der Martin. Der braucht auch Zeit für sich! Martin redet wie ein Gefangener, der frei kommen will. Er kennt den Weg nach draußen ins Leben. Und doch hält ihn etwas zurück. Martin lebt gefährlich. Es könnte sein, dass er mit der Zeit die Frage verlernt: Wie lange noch geht es gut so? Noch ist Martin glücklich. Und wenn er nicht mehr glücklich ist, hat er Sorgen, nicht nur Geschäftssorgen.

 III.

Heute ist der 3. Advent. Unter uns sind Johannes und Martin. Sie warten mit uns auf den, der kommt und uns das Heil bringt. Mit Johannes stellen wir auch die Frage an Jesus: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?

Wenn wir diese Frage nicht mehr stellen, dann erwarten wir Christus nicht mehr. Wenn wir nur noch fraglos leben, übernehmen andere unser Leben. Ohne diese Frage wird uns als christliche Gemeinde Hören und Sehen vergehen. Dabei soll mit uns gerade das Gegenteil geschehen.
Die Antwort Jesu öffnet und die neue Welt Gottes: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die Frohe Botschaft verkündigt.
Das ist das 6-Tage-Werk Jesu. Das ist seine neue Schöpfung. Und heute schauen wir auf dieses Werk des Messias Jesus, des Heilers und Befreiers. Was also kommt heute in Jesus auf uns zu?

Jesus befreit zum Sehen.
Wir dürfen wieder Neues sehen und aufblicken. Wir brauchen unsere Augen vor der Wirklichkeit und der Schönheit der Welt nicht mehr zu verschließen. Illusionen, Masken und rosa Brillen ade!
Jesus befreit zum Gehen.
Wir dürfen wieder festen Schrittes gehen. Wir können ablegen, was unsere Gedanken und Gefühle lähmt. Das Leben wartet!
Jesus befreit zum Berühren.
Was wir ausgesetzt haben, dürfen wir zurückholen. Schwächen gehören zu mir, Fehler darf ich mir eingestehen und durch Schuld brauche ich mich nicht zu verachten.
Jesus befreit zum Hören.
Jeder und jede ist eingeladen, mit dem Herzen auf sich selbst und die anderen zu hören. Ich werde reich an Aufmerksamkeit und Feingespür.
Jesus befreit zum Leben.
Was wir in der Vergangenheit begraben haben, darf auferstehen. Streue neu deine Hoffnung aus und warte geduldig auf die Ernte. Sie wird kommen.
Jesus befreit zur Gerechtigkeit.
Mit ihm hält sie Einzug. Wir werden nichts für uns behalten, was andere dringender brauchen können.

Eine neue Schöpfung wartet auf uns. Keine Frage: Jesus ist der, auf den wir warten. Er wird, wenn wir ihn herbeisehnen, kommen und wird uns neu schaffen als Sehende, als Gebende, als Berührende, als Hörende, als Lebende und als Teilende.
Auf nichts weniger hat Johannes gewartet. Auf nichts weniger warten wir.
Auf ihr Heil wartet die ganze Welt.
Jesus kommt!

Amen.