Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 11,28-30

Prädikant Detlef Faber

24.05.2009 in der Evang. Kirchengemeinde Korschenbroich (Martin-Luther-Haus, Kleinenbroich)

 

 

„Freiheit für Beladene“

 

Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

als Predigttext des heutigen Sonntags habe ich drei Verse aus dem Evangelium des Matthäus ausgesucht

Ich denke, die meisten von Ihnen werden diesen Text sogar kennen, was der Wichtigkeit aber keinen Abbruch tut.

Ich lese aus dem Kapitel 11 die Verse 28 - 30:

 

Mt 11,28    Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Mt 11,29    Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Mt 11,30    Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Luther)

 

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Etwas verloren steht dieser Satz im Evangelium. Es gibt keinen richtigen Zusammenhang, keine Geschichte, in die er eingebettet ist.

Und doch ist er einer der ganz wichtigen Sätze, weil er so direkt in unser Leben spricht.

 

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Unzähligen Menschen ist dieser Satz Jesu schon für ihr Leben wichtig geworden.

 

Ich frage mich, in welcher Situation Jesus diesen Satz wohl formuliert haben mag.

Er liebte es ja, in Bildern zu sprechen oder Bilder aus dem Alltag aufzunehmen, um daran göttliche Kernwahrheiten aufzuhängen. Und so kann ich mir gut vorstellen, wie Jesus da so durch ein Dorf wandert und vielleicht einen israelitischen Bauern oder Händler sieht, der seinen Esel hinter sich herzerrt. Das Tier ist übervoll beladen mit Gemüse oder Tonkrügen, mit Brennholz oder Getreidesäcken. Es kann kaum laufen, schleppt sich mühsam über die staubige Straße. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel und macht die Sache noch härter für den Esel.

„Tierquälerei“ – schießt es mir durch den Kopf. „Wie kann man das Tier so überfordern? – Da muss man doch einschreiten!"

Ich weiß nicht, ob Jesus Mitglied im örtlichen Tierschutzverein war. Aber ich denke, ihn hat der Anblick dieses geschundenen Tieres nicht gleichgültig gelassen und ihm ist möglicherweise ein Vergleich in den Sinn gekommen: „Ja, so wie mit dem Esel, so ist das auch mit vielen Menschen. Die tragen auch allzu schwere Lasten auf ihren Schultern, sie können sich auch unter ihrer Bürde kaum bewegen und sind dazu auch noch einer Umwelt ausgesetzt, die zusätzliche Beschwernisse mit sich bringt.

 

Würde ich Sie, würde ich Euch fragen, was Ihnen, was Euch dazu einfällt, welche Lasten Sie auf Ihren Schultern spüren, ich bin sicher, jedem von Ihnen und auch von Euch Jugendlichen würde etwas dazu einfallen.

„Das ist doch kein Leben, ich will nicht mehr leben!“ – das sagte mir vor einigen Wochen eine 16-jährige Schülerin.

Sie erzählte mir von ihrer Mutter, die genug mit sich selbst zu tun hat und dabei völlig überfordert ist und sich nicht um ihre Tochter kümmern kann.

Sie erzählte mir vom Vater, der bis in den Abend hinein wie ein Pferd arbeitet, seine Tochter nicht mehr versteht und keinen Zugang zu ihr findet. Und wenn überhaupt, dann reagiert er nur noch mit Druck und Prügel.

Sie erzählt aus ihrem Leben, wie sie sich einmal in der Woche in einer Familie ein paar Euro verdient, für die sie sich dann etwas zu essen kauft. Wenn das Geld aufgebraucht ist, hungert sie.

 

Was liegt da alles auf den Schultern dieses Mädchens?

Zugegeben: Ein drastisches Beispiel. Ich denke aber, wir würden viele andere Situationen zusammentragen können, vielleicht etwas weniger dramatisch, aber vielleicht doch genau so belastend.

- Situationen von Krankheit und Arbeitslosigkeit,

- von Hass und aufgestauter Wut,

- von Sinnlosigkeit und Traurigkeit.

- Die Frau, die ihre Familie zerbrechen sieht, und erkennt, dass sie offenbar nichts dagegen tun kann;

- der Firmenchef, der den Konkurs auf sich zukommen sieht, aber nach außen hin in Optimismus machen muss, um die noch vorhandenen Kunden nicht zu verschrecken;

- der Junge, der sich dem Leistungsdruck in der Schule nicht mehr gewachsen fühlt und immer stiller wird;

- das Mädchen, das unter seinem Aussehen leidet und sich von der Clique der Möchtegern-Models in ihrer Klasse ausgegrenzt fühlt.

Alle sind belastet, alle tragen mehr, als ihnen gut tut.

 

Wenn wir noch einmal an den Esel denken: Natürlich tut er uns leid.

Aber hier bei all diesen Beispielen geht es um mehr als einen Esel, es geht um Menschen.

Menschen, die überfordert sind, keine Kraft mehr haben, sich ihrem Schicksal ausgeliefert fühlen, nahezu unfähig sind zur Bewegung. Wie viel mehr noch als beim Esel wäre hier ein Mit-Leiden angebracht.

Jesus leidet mit. Er kann es nicht gut mit ansehen, wie Menschen geschunden werden – oder sich manchmal auch selbst schinden. Und er weiß: Hier muss Entlastung her. So hat Gott sich seine Kinder nicht gedacht.

 

Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

 

Die erste Botschaft, die ich in diesem Satz entdecke, hat mit Bewegung zu tun: Kommet her zu mir.

Jesus spricht eine Einladung aus. Wir sollen, wir dürfen zu ihm kommen!

Das ist mir wichtig: Jesus sagt dies nicht aus einer Position der Überlegenheit heraus. Nicht vom hohen Ross her: „Wenn du was von mir willst, dann musst du schon zu mir kommen.“

Nein, ich höre da vielmehr ein Werben. Es ist eine Einladung, ein Angebot, ja fast eine Bitte. „Komm doch zu mir. Ich kann dich entlasten.“

Jesus drängt sich also auch nicht auf. Er will nicht mein Leben im Handstreich übernehmen, nicht bei mir einbrechen. – „Gib schon her, du schaffst das ja doch nicht alleine, ich habe es ja schon immer gewusst.“

Jesus lässt mir die Entscheidung. Die Verantwortung bleibt bei mir. Ich kann den Schritt auf Jesus zumachen, ich kann es aber auch bleiben lassen und mich weiter alleine abschleppen.

 

Die zweite Botschaft, die ich in diesem Satz entdecke, ist ein Versprechen: „Ich will dich erquicken.“

„Erquicken“ – ein merkwürdiges Wort, das gar nicht mehr so recht in unsere heutige Sprache passt.

Aber wenn wir auf den Wortsinn hören, dann ist es ein sehr interessantes Wort mit einer tiefen Bedeutung.

 

„Erquicken“ heißt eigentlich: „lebendig machen, frisch machen; beleben“.

 Wir kennen das Wort „quicklebendig“, wenn einer z.B. eine Krankheit hinter sich gebracht hat und wir erfreut sagen: Er ist jetzt wieder quicklebendig.

Jesus bietet mir an, mich wieder zu beleben, mir neues Leben zu geben, mir neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen.

 

Auch das möchte ich deutlich sagen: Es geht nicht darum, dass Jesus meine Lasten wegzaubert. Jesus ist weder Magier noch gute Fee.

Sein Angebot ist ein anderes:

 

  • Er will mir Kraft geben, die vorhandenen Lasten zu tragen. Er will mir neue Perspektiven aufzeigen, neue Lebensmöglichkeiten trotz der Belastungen in meinem Leben.
  • Er lädt mich ein, unnötige Lasten abzulegen, mich von Ballast zu trennen, den ich mir selbst aufgeladen habe und nun mit mir herumschleppe und der mich völlig sinnlos niederdrückt.
  • Und wenn es nicht anders geht, wird Jesus sich einfach mit unter meine Lasten stellen, wird mir helfen, diese Lasten zu tragen.

 

„Ich will dich erquicken“, das heißt für mich: Ich bin meinen Lebens-Lasten nicht erbarmungslos und unveränderlich ausgeliefert.

Zeiten von Krankheit oder Arbeitslosigkeit müssen mich nicht in die Resignation führen, ich kann den Kampf aufnehmen, gebotene Chancen nutzen, neue Möglichkeiten suchen.

Wenn mich Hassgefühle im Griff haben, mich langgepflegte Feindschaft blockiert, ist es höchste Zeit, mich von diesem Ballast zu trennen und versöhnlich auf den Anderen zuzugehen.

Wenn Sinnlosigkeit und Traurigkeit auf mir lasten, kann ich auf Jesus zugehen und seine Kraft in Anspruch nehmen. Er kann mich unterstützen und verhindern, dass ich zu Boden gedrückt werde.

Aus Zukunftsangst wird Gottvertrauen.

Statt unter Leistungsdruck und Perfektionismus zusammenzubrechen hilft mir Gott, meine Begrenztheit zu akzeptieren und auch mit weniger zufrieden zu sein.

 

Jesus möchte meine Lasten austauschen. Die Last, die von ihm kommt, die ist erträglich. Was er uns auferlegt, ist tragbar. Er überfordert uns nicht.

Was Jesus uns auflegt, ist leicht im Vergleich zu dem, was wir uns gegenseitig aufpacken oder uns selbst auferlegen.

 

Noch eine dritte Botschaft finde ich in unserem Text, wieder eine Verheißung, ein Versprechen, dass Jesus uns gibt:

Wenn ihr meiner Einladung Folge leistet und anfangt, den falschen Ballast abzulegen, dann werdet ihr Ruhe finden.

Mit Ruhe ist hier nicht gemeint Trägheit oder Langeweile oder Untätigkeit.

Die moderne Übersetzung „Hoffnung für alle“ spricht vom Frieden, den Jesus uns geben wird.

Dieses Wort trifft es – glaube ich – sehr gut.

Frieden, innere Gelassenheit, zur Ruhe kommen – wer wünscht sich das nicht?

Viele Menschen suchen nach Möglichkeiten, den inneren Frieden zu finden; und sie geben dafür mitunter viel Geld aus für allerlei Kurse und Seminare.

Unser Herr gibt’s uns kostenlos.

 

Frieden kann ich mir nicht wirklich selbst schaffen; Frieden ist doch in Wirklichkeit ein Geschenk Gottes: Ich werde euch Frieden geben.

Umfassenden, tragfähigen Frieden kann ich mir nicht selbst erarbeiten.

Erinnern wir uns:

Frieden – das war die allererste Botschaft, die Gott unmittelbar nach der Geburt Jesu durch seine Botschafter (die Engel) an die Menschen richtete. „Seid nicht mehr furchtsam! Freut euch! Jetzt kommt Frieden auf Erden!“

Das ist nicht nur eine herzanrührende Botschaft zu Weihnachten.

Das ist nicht ein Angebot im Rahmen eines Wochenendseminars.

Das ist vielmehr Gottes konkretes Angebot an mich.

Ein Angebot zum Aufatmen.

Ich kann für mein Leben tragfähigen und andauernden Frieden haben.

 

Gott bietet mir seinen Frieden an, jetzt und heute und mir ganz persönlich.

Und er lädt mich ein, diesen Frieden jetzt anzunehmen.

Reden Sie doch mit Gott einmal über sein Angebot, so ganz persönlich; sozusagen von Mensch zu Gott. Und lassen Sie sich Ihr ganz persönliches Angebot unterbreiten.

 

Amen.