Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 13,24-30

Pastor Michael Jordan (ev.-luth.)

06.02.2011 in der St. Christophorus-Kirche in Friedrichstadt

Dank für 10-jährigen Dienst des Jugendwartes in der Kirchengemeinde

Der heutige Predigttext ist ein Gleichnis Jesu,
das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen.

 Was hatte Jesus dabei vor Augen? Warum erzählte er in der einen Situation dieses, in der anderen Situation ein anderes Gleichnis? Vielleicht antwortete er ja auf konkrete Fragen wie die von Jakob:
Jakob war ein geschätzter Zimmermann. Er machte ordentliche Arbeit, die Leute schät-zen ihn, Jakob hatte einen guten Verdienst. Aber er war für sich selber und seine Frau recht genügsam. Kinder hatte er keine. So tat er viel Gutes. Wenn er ausbezahlt wurde, bekam immer eine der Witwen im Dorf ein großes Geldgeschenk. Sie konnte sich und ihren Kindern wieder einmal Kleider anschaffen oder sich eine Freude leisten.
Früher war Jakob Mitglied der Pharisäerpartei gewesen.

Seit Jesus im Lande war, gehörte er zu seinen Anhängern. Wenn Jesus in das Dorf oder in die Nachbarschaft kam, ging er immer hin und hörte zu, wie er die Jüngergemeinde lehrte. Viele seiner Worte wusste er auswendig. Das Wort „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“, hatte er sich als Leitspruch gewählt. Danach wollte er leben.

Jakobs aufmerksamen Augen entging es nicht, dass die Jüngergemeinde um Jesus her-um ständig zunahm. Das hatte seine guten Seiten:
Man fühlte sich stark und sicher, wenn man zu einer Bewegung gehörte,
die ständig wuchs.

Von den Neugewonnenen freilich waren nicht alles respektable Leute.
Unter ihnen war ein Zöllner, berüchtigt wegen seiner Sympathie für die Römer, ein Wirt, in dessen Gaststube sich die Halunken des Dorfes versammelten, und ein Land-streicher, der sich bisher von Bettelei und Hintertreppengeschäften ernährt hatte.
Jakob freute sich, dass solche Menschen unter dem Einfluss der Predigt Jesu Buße taten, ihr Leben änderten und neue Menschen wurden.
Man musste dankbar sein, dass Jesus sie aus dem Sumpf herauszuziehen vermochte und aus ihnen anständige Glieder des Gottesvolkes machte.
Jakob behielt diese drei im Auge und wollte an ihnen die verwandelnde Kraft von Jesus beobachten.

Aber mehr und mehr beschlich ihn ein Gefühl der Befremdung:
Beim Zöllner sah man zwar, dass er eine Wende erlebt hatte. Er gab seinen gottlosen Beruf auf, ernährte sich und seine Familie kümmerlich, aber ehrlich als Tagelöhner und brach alle Beziehungen mit seinen römischen Freunden ab.

Aber der Bettler lebte nach wie vor von der Mildtätigkeit der Leute und dachte, obwohl er kerngesund war, nicht daran, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen.
Der Wirt lebte ebenfalls weiter wie früher: dieselben wüsten Gelage in seinem Hause bis in die tiefe Nacht, dieselben lästerlichen Reden und die gleichen Einnahmequellen aus der Trunksucht der andern. Nur eines war anders geworden: Auch er kümmerte sich jetzt von Zeit zu Zeit um Menschen in Not.
Jakob ärgerte es, als er das nächste Mal bei einem Besuch Jesu im Dorf den Wirt in der vordersten Reihe der Zuhörer sitzen sah. Der meint wohl gar, er müsse wegen seiner Wohltätigkeit von Jesus gelobt werden! Das geht doch nicht, dass dieser Wirt und der Bettler zu Füßen Jesu sitzen, neben allen andern, die ohne Kompromisse den Weisungen Jesu gehorchen möchten!
Jakob erinnerte sich an manche Geschichten aus der Bibel, die vor solcher Duldsamkeit gegenüber den Laschen und Unentschiedenen warnen.
Jesus musste sich doch für die Heiligkeit des Gottesvolkes einsetzen!

Hatte er nicht kompromisslos die Entscheidung zwischen Gott und dem Mammondienst gefordert? War er nicht, mehr als alle Propheten vor ihm, ein Feind der Heuchelei? War es nicht Zeit, jetzt seine Jüngergemeinde zu reinigen und die Unwürdigen auszuschlie-ßen? Ihr Dabeisein vergiftete die ganze Bewegung!
Mit diesen Fragen kam er zu Jesus.
Und Jesus erzählte ihm als Antwort das Gleichnis vom Unkraut im Weizen.
Halleluja!
 
Ich lese nun das Evangelium für den heutigen Sonntag,
Jesu Gleichnis vom Unkraut im Weizen:
Ehre sei dir, Herre (gesungen)

Jesus sprach in einem Gleichnis:
Das Himmelreich gleicht einem Menschen,
der guten Samen auf seinen Acker säte.
Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind
und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.
Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut.
Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?
Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.
Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten?
Er sprach: Nein!
Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft,
wenn ihr das Unkraut ausjätet.
Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte;
und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel,
damit man es verbrenne;
aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.
Lob sei dir, o Christe (gesungen)

Glaubensbekenntnis
(am Pult ankündigen – vom Sitzplatz aus gemeinsam mit der Gemeinde sprechen – Text s. Gesangbuch hinten)

 
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

wer gehört zu uns - und wer auf keinen Fall?
In der Clique - im Freundeskreis - in der Kirchengemeinde.

In jeder Gruppe oder Gemeinschaft, in der wir uns bewegen,
taucht von Zeit zu Zeit diese Frage auf.
Eine oder einer verhält sich auf einmal anders,
man kann es kaum nachvollziehen, versteht es nicht,
aber er oder sie wird zum schwarzen Schaf.

Das bringt alle durcheinander.Was soll man davon halten?Zu wem soll man jetzt stehen?Zu ihm, zu ihr - oder zum Rest der Familie, der Freunde, der Gemeinde?

Wie sollen wir uns verhalten?
Besondere Ansprache?
Hilfe, die vielleicht nicht angenommen wird?
Ausschluss?

Jakob, den Zimmermann, bewegen solche Fragen.
Er gehörte vor seiner Zeit mit Jesus einer Gruppe an, den Pharisäern,
die ziemlich genau wussten, wer zum Volk Gottes dazu gehört und wer nicht.

Und das hat ja zunächst einmal etwas Gutes,
es schafft nämlich Orientierung und Identität,
man weiß, wo man dazugehört: „Wir - und die anderen“.
Bei Jesus muss er nun sehen und erleben, dass dieser auf der einen Seite sehr radikal sein kann in seinen Aussagen und Taten (man denke nur an die Tempelaustreibung),
auf der anderen Seite aber fühlen sich ganz viele Außenseiter angezogen von ihm:
von seiner Botschaft und vor allem seiner Haltung,
die erst einmal jedem Menschen vorurteilsfrei begegnet,
so als wäre er oder sie ein völlig unbeschriebenes Blatt,
auf dem lediglich steht: „von Gott geschaffen und geliebt“.

Das findet Jakob zugleich anziehend und verwirrend.
Anziehend, weil es so anders ist als sein bisheriges Leben;
verwirrend, weil nicht mehr klar und eindeutig scheint,
was gut und was böse ist.

Da soll Jesus doch mal Tacheles reden und diesem Wirt und Bettler den Marsch blasen!Das kann doch nicht angehen: mal hü und mal hott.Und wenn sie nicht brechen mit ihrem bisherigen Leben,dann soll er sie gefälligst ausschließen.


Damit kommt er zu Jesus, und der erzählt ihm das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Das Unkraut, der Lolch auf den Getreidefeldern, er wächst einfach mit, mitten drin - er sieht anfänglich dem Weizen sehr ähnlich und seine Wurzeln können sich mit dem Weizen verflechten - von daher die Gefahr, wenn man den Lolch ausreißt, erwischt man auch den Weizen.

Ich verstehe Jesus so, dass er zu Jakob sagen will:
Wir Menschen können nur sehr begrenzt in jemand anderen hineinschauen.
Wir sind nicht allmächtig, wir können Menschen auch nicht ändern, das kann dauerhaft nur Gottes Geist.

Schau sie Dir an: den Wirt, den Bettler - sie werden nicht von heute auf morgen ihr Leben ändern, das braucht seine Zeit. Wir wissen auch nicht, ob sie dauerhaft zu uns gehören werden. Wir wissen nur, dass Gott sie genauso liebt wie Dich und mich - und dass er für sie das Gleiche wünscht, dass sie ihren Weg im Leben finden - und der muss nicht so aussehen wie Deiner und meiner.

Letztlich schau doch mal auf Dich und ob es Dir nicht auch manchmal so geht, dass zwei Herzen in Deiner Brust schlagen - und nicht immer gewinnt die gute Seite.

Gott wird es am Ende richten, die Zeit der Ernte ist noch nicht gekommen, schenk Ih-nen wie Dir und mir Zeit, freue Dich - so wie Du es ja auch tust - dass diese beiden zu uns gefunden haben, freue Dich über jeden Fortschritt, jede Entwicklung, die ihnen hilft, zu dem zu werden, was in ihnen angelegt ist.

Ob Jakob mit dieser Antwort zufrieden gewesen ist?

Wären wir damit zufrieden?

Ich denke an so manchen Jugendlichen, den Du zusammen mit anderen begleitest, Volker. Jugendliche, die sich nicht an Absprachen halten, die quer schießen, denen Hilfe angeboten wird, die sie aber leichtfertig ausschlagen. Hat er endlich ein Vorstellungsge-spräch, dann geht er nicht hin!Welche Geduld, welcher Langmut, ja welche Zuversicht ist da aufzubringen, immer und immer wieder.

Ich stelle mir vor, so manches Mal möchtest Du und die anderen professionellen oder ehrenamtlichen Helfer mal auf den Tisch hauen und einen Schlussstrich ziehen, zumin-dest eine klare Kante.Und - ohne Zweifel - das ist auch für viele nötig, dass ihnen endlich einmal Grenzen auf-gezeigt werden, dass sie spüren können: Hej, es ist nicht egal, was ich mache, da kümmert es jemand, was ich tue, was ich denke, dem bin ich wichtig - auch wenn ich Konsequenzen zu spüren bekomme.

Ich glaube nicht, dass Jesus gegen solche Klarheit mit seinem Gleichnis sprechen will.Noch nicht einmal gegen vorübergehende Ausschlüsse und vorläufige Schlusspunkte.Auch das ist manchmal von Nöten, damit der, um den es geht, merkt, so kann es nicht weiter gehen, und auch damit die Gruppe, um die es geht, nicht völlig unter einer oder einem einzelnen leiden muss.

Nein, worum es Jesus geht mit diesem Gleichnis:Es steht uns nicht zu, ein endgültiges Urteil über einen Menschen zu fällen!Wir wissen nicht, was wirklich in ihm, in ihr steckt,wir ahnen nicht, welche Möglichkeiten sich verbergen unter der Coolness, unter unmöglichem Verhalten.

Zu urteilen über uns Menschen, das steht allein Gott zu.

Und was ist dann mit dem Unkraut, das am Ende von den Schnittern gesammelt und verbrannt wird? Gibt es am Ende doch eine Hölle, ein ewiges Feuer: für mich, für Dich?

Ich glaube Nein. Ich halte mich an das Wort des Paulus aus dem 1. Korintherbrief (3,13-15):

Der Tag des Gerichts wird's klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.Wird jemandes Werk bleiben, …, so wird er Lohn empfangen.Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Es wird schmerzlich sein, wenn wir erkennen - wie durchs Feuer hindurch -, was alles schief gelaufen ist in unserem Leben, aber wir werden gerettet werden.

Überlassen wir es Gott zu richten - und bitten wir ihn um ein großes Herz:

uns selbst und unseren Fehlern wie auch anderen gegenüber.Amen

 


 


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