Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 13,24ff.

Pfarrer Roland Breitenbach

20.07.2008 in der Gemeinde St. Michael in Schweinfurt

Kraut und Unkraut, Disteln und Weizen

Es gibt Menschen in der Kirche oder in unseren Gemeinden, die wissen schon lange, bevor gesät wurde oder die Saat aufgehen konnte, was nützliches Kraut und was schädliches Unkraut ist, was zu lästigen Disteln missrät oder nahrhafter Weizen sein wird. Und so entwickeln sie von Anfang an einen großen Eifer, dem verdächtigen Unkraut nicht die geringste Chance zu lassen.

Auf dem Pilgerweg unserer Reisegruppe im Heiligen Land vom Berg der Seligpreisungen hinunter zum See Gennesaret ist uns das Kraut und das Unkraut begegnet, von dem Jesus in seinem Gleichnis spricht. Ich habe mir damals folgende Gedanken gemacht und in mein Tagebuch geschrieben:

Da sind Minze, Dill und Fenchel. Zehn Prozent davon lieferten die Frommen an den Tempel ab, um ihre Gerechtigkeit zu beweisen. Aber die Barmherzigkeit haben sie in ihrer kleinlichen Rechnerei übersehen. Da ist auch der Weizen, schon goldgelb, kurz vor der Ernte. Zwischen allem leuchten violettblau die Disteln, die in der Bibel gar nicht gut wegkommen, weil sie das kostbare Land überwuchern und den Glauben ersticken können. Uns erscheinen sie wie aufmüpfige Farbtupfer, die sich gegen das Strohgelb der Landschaft durchsetzen und uns sagen: „Wartet ab, noch ist nicht die Zeit der Ernte. Wer weiß, ob am Ende nicht wir Disteln die Lieblingskinder Gottes sind.“

Christen müssten heute wie diese Disteln sein. Keine Bauernmacht der Welt hat sie ausrotten können. Jedes Jahr erheben sie ihre Köpfe, selbstbewusst und überzeugend. Ohne dieses Selbstbewusstsein und ohne Mündigkeit ist ein Christentum in unserer Gesellschaft nicht mehr möglich.

Mehr Disteln als Weizen braucht die Kirche heute. Nur, die Oberhirten wissen das noch nicht. Wann auch gehen sie zu Fuß vom Berg der Seligpreisungen hinunter an den See und lassen sich von den Spatzen beraten, die hier in Schwärmen eifrig ihr Futter suchen?

Von der fröhlichen Unbekümmertheit einer Spatzenschar sind die frommen Kirchenkreise genau so weit entfernt wie die Gesetzesgelehrten zur Zeit Jesu. Zu ihrem Ärger und zum Verdruss der Hohenpriester war die Botschaft Jesu nicht auf religiösen Druck und moralische Gewalt ausgerichtet. Jesus achtete nicht auf das Ansehen der Person, er setzte auf freundschaftliche Einladung, auf mitmenschliche Zuwendung, und vor allem auf eine überlegene Gelassenheit, die nicht zur Unzeit handelt, sondern alles ruhig wachsen lässt bis zur Ernte.

Wir könnten das, was Jesus wollte, unter dem Begriff der Achtsamkeit zusammenfassen. Damit ist nicht nur große Ehrfurcht Gott, seinem Vater, gegenüber gemeint, sondern zu allen Menschen, zu allem, was lebt. Diese Achtsamkeit durchzieht Jesu Frohe Botschaft. Sie macht nicht einmal vor den Unkraut Halt. Das ist eine der wichtigeren der Botschaften dieses Tages. Aber was haben wir daraus gemacht?

Nach wie vor versuchen religiöse Menschen – und diese Tendenz haben dann auch entsprechende Predigten –, ihr Leben dadurch in den Griff zu bekommen, dass sie es mit eisernem Willen in die von der Kirche erwünschte Form pressen oder hämmern. Diese Methode, sich selber so zur Heiligkeit zu führen, ist nicht nur brutal unmenschlich, sie widerspricht auch der schlichten Art, wie Jesus das Reich Gottes entstehen, wachsen und reifen sieht. Und, das sollten wir nicht vergessen, sie macht jene Christen zu Menschen, die erst einmal „erlöster aussehen“ (Nietzsche) müssten, um das Evangelium glaubwürdig zu leben.

Die neue Generation ist allerdings nicht mehr bereit, diesen Weg mitzugehen. Wenn wir uns nicht darauf besinnen, was Jesus wirklich gewollt hat, wenn wir nicht offen und frei danach leben, werden sie weder unseren Worten noch unseren Taten folgen.

Das Evangelium Jesu vom Unkraut im Weizen erinnert uns an die vergessene Tugend der Achtsamkeit. Mit Gewalt wurde weder in der Gesellschaft, noch in der Religion, erst recht nicht in der Politik irgendetwas Gutes erreicht. Dennoch sind wir von dieser Gewalt umzingelt, auch im religiösen, im kirchlichen Bereich: Diese Gewalt legt fest, was und wer Unkraut und, was und wer deswegen zu beseitigen – sprechen wir es kirchlich aus: auszuschließen, zu exkommunizieren ist.

Jesus hat nicht nur schöne Geschichten erzählt, er hat gehandelt. Achten wir bewusst darauf, wie er mit dem „Unkraut“ seiner Zeit umgegangen ist. „Er ist ein Freund der Sünder, der Fresser und Säufer“, beschimpften ihn seine Gegner: „Er isst sogar mit ihnen!“ Wir sind schnell bereit, bei Sünder an Betrüger, Gewalttäter oder Mörder zu denken, um uns nicht weitere Gedanken machen zu müssen.

In der religiösen Vorstellung vor 2000 Jahren zählten zu den Sündern, mit denen sich Jesus abgegeben hat, all die kleinen Leute, die Tagelöhner, die Hirten und Metzger, sogar die Friseure, Menschen also mit, wie es hieß, unehrenhaften Berufen. Es zählten auch jene zu den Sündern, die nicht alle 613 Ge- und Verbote des Gesetzes kennen und sie deswegen auch nicht halten konnten.

Doch sollten wir uns nicht über die Gesetzesfrommen jener Zeit lustig machen; schließlich zählt der Weltkatechismus unserer (katholischen) Kirche fast 2900 Artikel, und wer wollte, könnte sie alle kennen und nach ihnen ehrlichen Sinnes leben?

Wir wollen auch nicht unterschlagen, dass das Judentum durchaus bereit war, einen reuigen, bußfertigen Menschen wieder an- und aufzunehmen. Wenn die Frommen jener Zeit dennoch massiv am Verhalten Jesu Anstoß nahmen, dann ist das ein sicherer Beweis dafür, dass Jesus sich nicht scheute, sich noch mit „dem letzten Dreck“ an den Tisch zu setzen, mit den armseligen, ausgegrenzten Menschen zu essen und damit in aller Öffentlichkeit zu zeigen: Alle sind an den einen Tisch Gottes geladen.

Deswegen der heilige Zorn der Priester, Pharisäer und Schriftgelehrten. Wir hören, wie Jesus ihnen, ihrer Erregung, vielleicht auch ihrem Neid gelassen antwortet: „Wartet bis zur Zeit der Ernte …“

Jesus setzt auf die Achtsamkeit. Er ist ein sinnlicher Mensch und er weiß, dass über die Sinne des Menschen mehr zu erreichen ist als über steinerne Gesetzestafeln oder papierne Katechismen.

Längst ist bewiesen, dass das Wissen und Können durch die fünf Sinne zu uns gelangt. Die Sinne sind unsere Verbindungsstücke zur Welt. Deswegen sind alle Bilder, die Jesus gebraucht, um uns das Reich Gottes schmackhaft zu machen, auf die Sinne ausgerichtet: Auf Sehen und Hören, auf Riechen und Schmecken, vor allem auf Berühren. Die Sinne sind die Poren, durch die Gottes Welt in uns eingeht.

Zu dieser sinnlichen Erfahrung gehört vor allem das Fest. Es macht uns empfänglich für die Botschaft der Propheten, die die Welt Gottes als ein großes Festmahl beschreiben. Jesus greift diesen Gedanken in Bildern und Gleichnissen auf, wenn er die Hochzeit von Kana mitfeiert und Wein im Überfluss spendiert. Wenn er den Hungrigen das Brot vermehrt, wenn er mit seinen Jüngern Mahl hält und ihnen dabei ganz wichtige Lektionen erteilt, was das Herrschen und das Dienen angeht.

Gerade solche Sätze wie: „Wer unter euch der Erste sein will, sei der Diener aller“, und „Ihr sollt euch nicht Meister nennen …“ gehören ja zu den vergessenen Wahrheiten unserer Kirche. Jedenfalls werden wir staunen, wie viele und wie schöne Disteln an unserer Seite im Reich Gottes sitzen werden.

Noch ein letzter, ganz kurzer Gedanke: Nur eine sinnliche Religion ist eine menschliche Religion. Ob eine Religion gut und richtig ist, wird nicht in erster Linie an ihrer göttlichen Herkunft, sondern an ihrer Menschlichkeit erkannt. Das lässt Jesus geduldig, achtsam und zärtlich zu dem sein, was wir so leichthin Unkraut nennen. Diese Zärtlichkeit hat er von Gott selber empfangen, den er in seiner Sprache liebevoll Abba, Papa, nennt.

Wir haben schon viel getan, wenn wir diese Zärtlichkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes in unserer Umgebung verschenken und Freude an allem haben, was wächst.