Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 16,13-19

Pfarrer Thomas Becker

29.06.2003 in Bochum

Hochfest der Apostel Petrus und Paulus

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Begebenheit in Galiläa, nicht weit vom See Genezareth entfernt, ist ein Wendepunkt im Leben der Jünger mit Jesus. Ihre bisherigen Erfahrungen mit diesem Mann werden zu einem ersten Ergebnis verdichtet. Sie haben ihn predigen gehört, sie waren Zeugen bei der Heilung von Kranken und Besessenen und sie haben erlebt, wie er über und mit den Menschen gesprochen hat. Jesus hat ihnen Zeit zum Nachdenken gegeben. Nun aber sollen sie Stellung beziehen: "Für wen haltet ihr mich?"

Alle denken dasselbe, aber Petrus ist es überlasssen, diese Gedanken auch in Worte zu fassen: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Auf diesen Mann warten wir in Israel seit Jahrhunderten. Für uns bist du dieser Mann. Wir folgen dir!"

Wer aber ist dieser Petrus, dem die Schlüssel des Himmelreiches gegeben werden? Alle Schwachheiten, die wir über ihn wissen, empfehlen ihn doch gerade nicht: Er, der Draufgänger, dem Jesus sagen muss: "Stecke dein Schwert weg!"; er, der hören muss: "Weiche von mir, Satan!"; er, der Jesus dreimal verleugnet, wird von ihm zum Felsen seiner Kirche berufen. Was bei Menschen möglich ist, wie Menschen sein können, das wird in Petrus anschaulich: Treue und Verrat, Hingabe und Angst, Eifersucht und Demut. Petrus zeigt, wie verschieden ein und derselbe Mensch sein kann und trotzdem die Möglichkeit hat, auf seine Art Jesus nachzufolgen. Im Gegenteil: "Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen!" Das macht Mut! Wenn "einer wie er" Fels der Gemeinde sein durfte, darf und soll jeder von uns auf seine Weise an der Gestaltung dieser Kirche mitarbeiten, ohne ständig Angst vor Fehlern und Unvollkommenheiten haben zu müssen.

Und dieser Kirche wird eine Verheißung zuteil: Sie wird nicht untergehen, wenn sie dieses Messiasbekenntnis zur Grundlage ihres Handelns macht. Das hört sich jetzt - angesichts der Vergangenheit und der gegenwärtigen Situation ziemlich weltfremd an. gut, auch das soll nicht verschwiegen werden: das Sündenregister der Kirche ist lang, aber auch sie kann immer nur bestenfalls wie Petrus sein, der nicht einmal eine Stunde im Garten Gethsemane mit seinem Herrn wachen konnte: schuldbewusst und der Vergebung bedürftig. Aber trotz aller Probleme und Schwierigkeiten ist diese christliche Kirche aus der Geschichte nicht mehr wegzudenken.

Die Kirche versammelt uns zum Mahl des Herrn. Die Kirche rufe ich zum Zeugen an für meine Eheschließung: Ich will diesen Menschen aus Gottes Hand nehmen, ihn lieben und ehren, bis der Tod uns scheidet. Das Standesamt steht für Recht und Ordnung, die Kirche aber für Liebe und Hoffnung.

Wir alle sind ein Teil der Kirche: Das haben wir in Taufe und Firmung zugesagt bekommen. Wir sollen unseren Glauben aber nicht nur leben, sondern auch weitergeben, denn wir sind Salz der Erde und Licht der Welt. Wir sollen nicht so zur Kirche gehen wie in den Supermarkt, wo man zwar Waren einkauft, aber mit dem Geschäft selber nichts zu tun hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Feiertag heißt "Hochfest des heiligen Petrus und des heiligen Paulus". Von Petrus und seinem Auftrag habe ich erzählt. Was aber ist mit der anderen Figur - Paulus?

Beide sind für ihren Glauben gestorben, deswegen hat das Rot der Märtyrer heute die andere Farbe - eigentlich wäre grün "drangewesen" - in der liturgischen Kleidung verdrängt. Paulus war ein bodenständiger Mann. Er hatte kein besonderes Amt und auch keine herausragende Position. Er zählt auch sich selber zu den Aposteln, weil Jesus auch ihm erschienen ist. Das ist das eigentlich faszinierende an Paulus: diese unerwartete, im wahrsten Sinne des Wortes "umwerfende" Christusbegegnung. Aus einem, der geradezu fanatisch gegen die Christen gekämpft hat, wird ein glühender Streiter für die Verbreitung der christlichen Botschaft. Und auch er muss erkennen: Gott liebt dich als sein Geschöpf. Du musst nicht vollkommen sein. Auch du kannst auf Gottes Erbarmen vertrauen.

Beide Apostel repräsentieren zwei unterschiedliche Glaubenswege: Petrus kommt aus der Geschichte mit Jesus und steht für Menschen, die in einer religiösen Gemeinschaft aufwachsen. Paulus hat Jesus nicht gekannt und steht für solche, die eine solche Gemeinschaft nicht kennengelernt haben. Welcher Apostel ist der wichtigere? Petrus, der Fels, auf den sich das Papstamt gründet? Oder Paulus, zu dem die Stimme aus dem Himmel direkt gesprochen hat? Wer hat wem was voraus? Diesen Streit hat es schon unter den ersten Christen gegeben, und er dauert bis heute an. Ich finde diesen Streit überflüssig, denn jeder hat auf seine Art und nach besten Kräften zur Verbreitung der christlichen Botschaft beigetragen. Ich möchte Sie vielmehr auf die Frage hinweisen, die Jesus an Petrus richtet: "Liebst du mich?" Und ich lade Sie ein, diese Frage in den heutigen Tag und in die kommende Woche mitzunehmen: "Liebt ihr mich?"

Amen.