Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 16,13-20

Pfarrer Dr. Konrad Fischer

09.06.2003

in der Kirche der Katholischen Kirchengemeinde St. Remigius zu Heddesheim

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder dieses pfingstlichen Gottesdienstes,

wenn ich Ihnen diesen Abschnitt aus Mt 16 heute auszulegen habe, dann kommen mir zwei Bilder vor die Augen. Das erste ist mein verehrter Lehrer Peter Brunner, seinerzeit ein eisenharter Dogmatiker und entschlossener Vertreter eines ökumenisch selbstbewussten und konsequenten Luthertums. Wenn der in seinen Vorlesungen an diese Bibelstelle kam, nahm seine Stimme eine nachgerade apokalyptische Klanggestalt an: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwinden." An der Realität, an der bedrohlichen Wirklichkeit der andrängenden Hadespforten war nicht der geringste Zweifel mehr möglich. Ich habe damals gelernt: In diesem matthäischen Bekenntnis des Herrn Jesus zu seiner Kirche ist das ganze Heil präsent und ist die Hölle ebenso wirklich wie erledigt.

Und zum andern sehe ich, wenn ich den Fortgang dieser kurzen Geschichte lese, den großen Petrus vor mir, nach einem antiken Vorbild im 14. Jh. in Bronze gegossen. Er thront da vorne etwas rechter Hand im Mittelschiff des Petersdoms zu Rom mit einem mächtigen Himmelsschlüssel in der Hand, und alle, die durch den Dom gehen, berühren ihn am Fuß, genau genommen an der Daumenzehe, denn das, sagen sie, bringt Glück, und weil ja alle Menschen Glück haben wollen, ist dieser bronzene Zeh schon ganz abgewetzt und musste inzwischen zum wer weiß wievielten Male erneuert werden.

Vier Fragen
Also diese beiden sehe ich vor mir, den entschlossenen Lutheraner Peter Brunner aus Heidelberg und den bronzenen Petrus in der Kirche des Papstes zu Rom, wenn ich mit Mt 16 umzugehen habe. Es ist genau genommen eine Geschichte voller Fragen. Zweie stellt Jesus seinen Jüngern, und zweie stellen sich uns aus dem Gespräch zwischen Jesus und Petrus. Die Fragen, die Jesus stellt: "Wer sagen denn die Leute dass ich sei?" "Wer sagt denn ihr dass ich sei?" Die Fragen, die sich uns stellen: "Wer eigentlich ist Petrus in dieser Geschichte?" Und: "Worin eigentlich besteht der Schlüssel zum Himmelreich?" So dass es also insgesamt vier Fragen sind, die ich heute Morgen mit Ihnen durchgehen möchte.

Die religiöse Landschaft der Gegenwart
Also: Wer sagen denn die Leute dass ich sei? Oder auch: Wie sieht es aus in der religiösen Landschaft? Nicht wenige von uns kommen ja direkt vom ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Es war ein wunderschönes Fest, und niemand, der dabei war, der nicht von der Fröhlichkeit, von der Gemeinschaftlichkeit, von der ökumenischen Entschlossenheit der Kirchentagsbesucher angesteckt und tief beeindruckt gewesen wäre. Beim Abschlussgottesdienst haben wir unter Segenssprüchen einander mit dem Wasser der Taufe genetzt, es war ein so intensives Zeichen der Gemeinsamkeit, dass sich die schwierige Frage der eucharistischen Gemeinschaft für den Moment jedenfalls in einen ganz blassen Hintergrund gedrängt fand. An der Einheit der Christen in Deutschland kann faktisch überhaupt kein Zweifel mehr bestehen. Aber ich frage mich auch: Wer war Jesus in diesem wunderbaren Fest? Jedenfalls stelle ich fest, dass sich die Sprache der Frömmigkeit in unseren Zeiten durchaus weichgezeichnet hat. Die Liebe, die Gerechtigkeit, der Frieden, und immer wieder Segen, Segen überall - es ist ein eigentümlicher Horizont von milden Abstraktionen, in denen der Glaube unserer Tage lebt; für nicht wenige scheint Jesus so etwas wie der Dalai Lama der Christenheit zu sein, weshalb sie denn auch in Massen zum richtigen Dalai Lama gingen.

Das Christusbekenntnis der Kirche
Wer aber, fragt Jesus, sagt denn ihr, dass ich sei? Also was, du lieber Christenmensch, was sagst du? Wer ist er? Dein Lehrer, dein Erlöser, dein Heiland? Ein Großer des Friedens, Prophet, Messias, Sachwalter der Gerechtigkeit? Wer ist er? Ist er der Herr, erhöht zur Rechten Gottes des Vaters, der, der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten? Oder ist er zuallererst der Freund und Weggefährte deiner alltäglichen Bekümmerungen? Sie merken, liebe Gemeinde, die Frage ist keineswegs leicht, und ich will hier zwischen richtig und falsch auch gar nicht urteilen. Aber es braucht sich jedenfalls niemand zu wundern, dass nicht alle Jünger sofort und wie mit einem Mund antworten: Du der Christus, du der Herr, du der Erlöser, du der Gottessohn, du der Erretter! Nur einer antwortet: Petrus. "Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!"

Wer ist Petrus?
Dass Jesus ihn darüber lobt oder vielmehr: dass der Herr sich nun seinerseits zu Petrus bekennt, das hörten wir schon. Aber jetzt die Frage: Wer ist eigentlich Petrus, ich meine jetzt, für heute, im Jahre 2003? Wer ist das? Du? Ich? Der Papst in Rom? Kardinal Lehmann oder Präses Kock? Wer ist Petrus? Nein, sage ich Ihnen, das alles nicht. Petrus, dieser Petrus, das ist derjenige, der in einliniger Entschlossenheit das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und Sohn des lebendigen Gottes festhält. Und gerne zitiere ich jetzt den Wortlaut, in welchem Martin Luther das Petrusbekenntnis in der Erklärung zu zum zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses aufgenommen hat: "Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit." Nun aber: Wer ist dieses petrinische, petrische Ich? Ich will es Ihnen sagen: Es ist die ganze weltweite Christenheit, diejenige, die das Bekenntnis zum Christus Gottes hochhält und in jedem ihrer Gottesdienste feiert; es ist die ganze weltweite Christenheit in ihrer Buntheit und Vielheit, in der Vielgestaltigkeit ihrer Traditionen und Bräuche; und jeder unserer Gottesdienste, wenn wir uns im Namen Jesu versammeln, in jedem Lobgesang, in jeder Danksagung, in Bitte, Fürbitte und Ermahnung, die da geschehen im Namen des Herrn: in jedem dieser geistlichen Ereignisse, Sonntag für Sonntag, da ist dieser kollektive Petrus präsent, da übt die Kirche ihr Petrusamt und erhält vin ihrem Herrn diese Vergewisserung: Die Pforten der Hölle sollen dich nicht überwinden! In diesem Bekenntnis und in dieser Amtsausübung sind wir alle so sehr die von den Vätern bekannte eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, dass den Gläubigen und Heiligen, die aktiv in der Gemeinschaft dieses Bekenntnisses stehen, die Unterschiedlichkeit der Bräuche und Traditionen schier in Nichts zerrinnen. Makarios, sagt Jesus, selig bist du, Petrus!

Einander die Liebe schuldig
Wobei wir aber, erlauben Sie mir diese Bemerkung, einander durchaus die umfassende Liebe und den geistlichen Respekt auf's äußerste schuldig sind. In den Zeitungen rund um den Ökumenischen Kirchentag stand zu lesen, dass lediglich noch 7 oder 8% der Christen in Deutschland die Trennung der Konfessionen, zumal die Trennung beim Abendmahl, für plausibel halten. An dieser Stelle möchte ich, belehrt durch dieses große ökumenische Ereignis, vorsichtig widersprechen. Wir nehmen einander nur dann in der Aufrichtigkeit unseres Christusbekenntnisses und in unserem Kirchesein im Sinne des Nicänums wirklich ernst, wenn wir von den Voraussetzungen der jeweils anderen Konfession her denken und ihre Eigentümlichkeit auch dann respektieren, wenn sie uns selber auf ersten Blick schwer, wenn nicht unverständlich ist. Wir Evangelischen haben es leicht, unsere katholischen Schwestern und Brüder zum Abendmahl einzuladen. Für die römisch-katholische Kirche ist das sehr, sehr schwer. Da geht es keineswegs bloß um verkrustete Strukturen, um Fragen der Macht, um den Starrsinn eines alternden Papstes (wobei ich nicht verhehlen will, dass ich sowohl Johannes Pauls II. als auch Josef Kardinal Ratzinger als ausgezeichnete Theologen außerordentlich schätze; was - das weiß ich wohl - ich als Evangelischer natürlich leicht sagen kann). Nein, in der Frage des Amtes und des Kirchenverständnisses (und darum geht es ja entscheidend in der eucharistischen Frage) geht es um nichts Geringeres als um die geistliche wie historische Identität der röm.-kath. Kirche. Ein Papst, der die geistliche Würde und sakramentale Vollmacht eines evangelischen Pfarrers oder einer evangelischen Pfarrerin anerkennte, hätte eine schwere Einbuße am umfassenden Anspruch seines Amtes hinzunehmen und träfe damit ins Herz der römischen Katholizität. Ich finde, das soll uns bewusst sein, wenn wir die schwierige Abendmahlsfrage traktieren.-

Schlüssel des Himmelreichs
Die letzte Frage und die letzte Antwort aber bin ich ihnen noch schuldig. "Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben", sagt Jesus. Worin besteht nun eigentlich dieser Schlüssel? Erinnern Sie sich an die Emmaus-Geschichte. Da öffnete er ihnen die Schrift, heißt es bei Lukas, und das kann natürlich nur einer, der den Schlüssel zur Schrift in den Händen hält. Und wo immer im weltweiten Rund der Christenheit mit den Vätern der Alten Kirche das Bekenntnis zu der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche gebetet wird - also ob unter Anglikanern oder Methodisten, unter Lutheranern oder Reformierten, unter römisch-katholischen, griechisch-orthodoxen oder evangelischen Christen: Überall dort halten sie die Schrift in der Hand. "Siehe ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen" (Apk. 3,8), sagt der erhöhte Herr. Ich mache es ganz kurz. Der Schlüssel - die Schrift. Niemand kann sie lesen und niemand kann sie verstehen, der des pfingstlichen Geistes nicht teilhaftig geworden ist. Und dass wir die Taufe teilen, und dass wir die Schrift teilen, und dass wir das Bekenntnis zum Herrn teilen - was braucht es eigentlich mehr zur Gemeinschaft der einen heiligen weltweiten Christenheit?

Amen.