Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 17,01-09

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

09.02.2014 in der Stadtkirche in Kaiserswerth

Gipfelerfahrungen!

Wer schon einmal im Gebirge unterwegs war, der weiß was gemeint ist: Kaum oben auf dem Gipfel angekommen, den Schweiß noch nicht ganz von der Stirn gewischt und so gerade wieder zu Atem gekommen, werden wir für alle Mühen entlohnt:

Die gigantische Aussicht rundherum, die Einsamkeit des Gipfels und die Einsicht wie klein wir doch sind angesichts der Größe der Schöpfung.

Aber gleichzeitig auch ein Gefühl der Erhabenheit, ja der Erhebung, das Gefühl einer Großen Nähe zum Ganzen der Schöpfung Gottes, die in diesem Moment nur für uns da zu seinen scheint. Ein perfekter Moment!

Solch perfekte Momente, die gibt es aber auch ganz ohne Berge. Momente, in denen einfach alles stimmt, in denen die Zeit still zu stehen scheint:

Der unvergessliche Abend mit dem Partner oder der Partnerin vielleicht, oder ein Buch, bei dem man alles um sich herum vergisst, das Gespräch mit Freunden, ein Konzert, ein Lied, ein Tanz...

Das sind Momente, in denen ein Augenblick zur Ewigkeit werden kann, in denen wir vollkommen eins sind mit unserem Leben, unseren Sehnsüchten, Hoffnungen und Träumen. Ein Stück Himmel auf der Erde. – Eine Gipfelerfahrung ganz ohne Berg.

So wie der Gottesdienst – wenigstens manchmal. Wenn er zu einer lebendigen Begegnung wird mit unserem Gott wird.

Weil ein Lied oder ein Gebet, ein Wort aus der Lesung oder der Predigt, die Gemeinschaft am Altar, der Empfang von Brot und Wein oder Segen am Schluss eine Seite in uns zum Schwingen und zum Klingen bringt.

Weil wir für einen kurzen Moment den Himmel offen sehen und spüren wie unsere Seele gesund wird. Weil sich dann Himmel und Erde berühren wie auf dem Gipfel eines Berges.

Gipfelerfahrungen!

Sie haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens sind sie unendlich schön und zweitens sind sie ungeheuer flüchtig.

So gerne man sie festhalten möchte, sie lassen sich nicht fassen. Ja mehr sogar noch: Je mehr man sie zu halten versucht, desto schneller sind sie vorbei. Jeder Bergsteiger weiß: Irgendwann muss man wieder herunter vom Berg…

***

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinab gingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. (Mt 17,1–9)

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Ich kann ihn schon verstehen, den Petrus. Ihm wurde – zusammen mit Jakobus und Johannes – ein ganz besonderes Gipfelerlebnis zu teil, das die Aussicht oben auf dem Berg vollkommen in den Hintergrund treten ließ.

Sie sahen den Himmel offen stehen. Elia und Mose, die großen Propheten und himmlischen Gestalten standen direkt vor ihnen. Sie unterhielten sich mit Jesus, den sie in einer Weise sahen, wie es noch zuvor gewesen ist: Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

Das war nicht mehr der irdische Jesus, nein, das musste der himmlische Christus sein. So musste es aussehen, wenn das alles eintraf, was Jesus über sich selber gesagt hatte:

Dass er auferstehen würde und in den Himmel aufgenommen. Petrus, Jakobus und Johannes bekamen die Herrlichkeit des Auferstandenen, des himmlischen Jesus zu sehen.

Auf diesem Berg konnten sie für einen Moment in den Himmel blicken. Sie sahen das Ziel des Weges, den Jesus ging und die Herrlichkeit seines endgültigen Sieges über den Tod.

Gerade darüber hatten sie ja gesprochen, kurz bevor sie auf den Berg stiegen. Jesus hatten den Jüngern angekündigt, dass ihm ein schwerer Weg bevorstand. Dass sie nach Jerusalem gehen würden, wo Leid, Folter, Kreuz und Tod auf ihn warteten, bevor er am dritten Tage von den Toten auferstehen würde.

Petrus hatte versucht ihn davon abzubringen. Hatte mit Händen und Füßen versucht ihm die Reise nach Jerusalem auszureden. – Doch davon will Jesus nichts wissen. Er weiß, dass all das geschehen muss.

Und mehr noch: Wer ihm nachfolgt, dem steht Gleiches bevor. Will mir jemand nachfolgen, der leugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Das waren seine Worte am Fuße des Berges.

Das war die Schreckensvision mit der im Kopf und in den Herzen die Jünger auf den Berg gestiegen waren. – Und dann diese Herrlichkeit, dieses Licht, diese Unversehrtheit, dieser Frieden: Das musste sie sein, Erlösung, von der Jesus so oft zu ihnen gesprochen hatte!

Da platzt es aus Petrus heraus: Herr, hier ist gut sein! – Und ich kann es Petrus nicht verdenken, liebe Gemeinde, dass er festhalten will, was sie auf dem Gipfel erfahren und erlebt haben. Dass er vorschlägt Hütten zu bauen für Jesus, für Mose und Elia. Damit sie hier bleiben können auf dem Berg und nicht wieder hinunter müssen.

Das wäre es doch! Den dunklen Weg nach Jerusalem, den Weg des Leidens und Sterbens zu überspringen und gleich fortzuschreiten zum Licht des Ostermorgens, dieser Gedanke ist einfach zu verlockend.

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Damals wie heute. Immer mehr religiöse Strömungen und Gruppen treten auf und versprechen einen Glauben, der den Ausstieg aus Bedrängnissen und Widerfahrnissen des Alltags verspricht. Wer sich an ihre Lehren hält – so werben sie – der wird keine Angst, keinen Schmerz, keine Trauer mehr spüren, denn all das ist nicht wirklich real, sondern bloß eine Illusion, die es zu durchschauen gilt.

Jesus am Kreuz, der leidende und gekreuzigte Christus, er ist für diese Gruppen das armselige Zeugnis eines schwachen und unnützen Glaubens, der aus den Niederungen des Alltags nicht herausfindet. Ein falsches und krankmachendes Bild des Heilands, das in die Irre führt.

Als Vikar bin ich bei einem Besuch im Krankenhaus einer Frau begegnet, die einer dieser religiösen Gruppierungen angehörte. Sie hatte mich rufen lassen, weil sie von mir wollte, dass ich das Kruzifix von der Wand nehme, das ihrem Bett gegenüber hing.

Sie war der Meinung, dass von dieser trostlosen Gestalt am Kreuz kein Trost für einen kranken Menschen ausgehen könne und es daher unverantwortbar sei, das ein solches Symbol des Leidens und Sterbens in einem Krankenzimmer hängt. Leiden und Sterben, das käme in ihrer Religion nicht vor. Da gäbe es nur Glück und Zufriedenheit durch Meditation und Gebet.

Da stand ich dann als unerfahrener Vikar und habe fiberhaft überlegt, was ich dazu sagen kann. Unser Predigttext heute ist mir damals leider nicht eingefallen.

Dabei hätte ich mit ihr gemeinsam darüber nachdenken können, warum dem Petrus der mehr als verständliche Wunsch verwehrt wird, auf dem himmlischen Gipfel des Berges zu bleiben und die drei Hütten als Stätte der Verehrung der göttlichen Gegenwart dort oben zu bauen.

Statt dessen taucht ja eine Wolke aus Licht Petrus und die beiden anderen Jünger in Schatten und sagt ihnen an: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

„Jetzt heißt es nicht mehr den eigenen Sehnsüchten nachzulauschen, sondern wirklich auf Jesus zu hören. Und der sagt deutlich genug, was jetzt kommen wird: Hinunter von den Höhen. Hinein in den schwierigen Lebensalltag. Hinauf am Ende nach Jerusalem.“1

Die Jünger sollen verstehen: Was sie gesehen haben, das war gut und das war wichtig. Die Herrlichkeit Gottes ist bereits gegenwärtig und hier und dort auf den Gipfeln können wir etwas von ihr erfahren.

Ja, wir brauchen die Gipfelerfahrungen unseres Lebens. So schön und so flüchtig zugleich. Denn endgültig ist es für sie noch nicht an der Zeit. – Im Alltag des Lebens kommt unser Glaube nicht am Kreuz vorbei.

Deshalb muss Jesus vom Gipfel wieder hinunter, weil es noch viele finstere Täler gibt, die von seinem Licht noch nicht beschienen sind.

Er muss hinunter in den Alltag mit all den Fragen, den Unsicherheiten, der Trauer und der Angst, damit die Hütte Gottes auch wirklich da steht, wo die Menschen leben, und nicht oben auf dem Berg, wo nur einige ausgewählte Jünger hinkommen.

Deshalb muss Jesus vom Gipfel wieder hinunter! – Und auf diesen Weg nimmt Jesus die Jünger mit.

Jesus nachzufolgen heißt nämlich mit ihm hinunter zu steigen in den Alltag. Ihm nachzufolgen heißt, mit ihm gemeinsam die Menschen aufzusuchen, die im Finstern sitzen, um ihnen von dem Licht abzugeben, das oben auf dem Gipfel zu sehen ist.

***

Heute ist der letzte Sonntag nach Epiphanias und die Passionszeit rückt immer näher.

Lasst uns heute mit Jesus den Abstieg beginnen.

Lasst uns ganz bewusst das Licht von Weihnachten mitnehmen in die Passionszeit.

Lasst es uns mit denen teilen, die uns begegnen.

Lasst es uns in unseren Herzen bewahren bis zum Ostermorgen.

Amen.

1 Max Koranyi: Gipfeltreffen. Letzter Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar, in: Zeitzeichen (2009), 48-49, 49.