Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 17,20

Detlef Faber

01.05.2005 in Büttgen

Wa(h)lkampf - Du hast die Wahl!

Wa(h)lkampf ist!!
Jedes freie Plätzchen ist zugepflastert mit Plakaten in allen politischen Farben.
Schwarz - rot - grün - gelb - und wir kommen mit Weiß daher. Und auch mit Wa(h)lkampf.
Sie haben das auf dem Plakat - denke ich - gelesen.

Und Sie haben sich wahrscheinlich gefragt: Was soll das denn? Was haben wir denn im Abendgottesdienst mit Wa(h)lkampf zu tun?

Also - ich versichere Ihnen: Wir werden hier heute Abend ganz sicher nicht über Politik und Landtagswahl reden.
Wir sind aus einem ganz anderen Grund auf dieses Motto gekommen, und die Illustration legt es ja auch schon nahe: Es geht nicht um die Wahl, sondern um den Wal.
Und wenn Sie jetzt - nein, nicht an Noah, sondern an die „Toten Hosen“ denken, dann sind Sie ganz nahe dran.
Falls Sie die „Toten Hosen“ nicht kennen - fragen Sie mal Ihre Kinder oder Enkel und schon haben Sie die Chance, bei denen Pluspunkte zu sammeln. Die „Toten Hosen“ sind zumindest bei einem Teil der Jugendlichen heiß geliebt und begehrt. „Die erfolgreichste deutschsprachige Rockband der Musikgeschichte“ - habe ich im Internet gelernt, aus Düsseldorf kommend, und viel laute Musik machend. (Ob die Musik auch gut ist - da halte ich mich jetzt völlig raus.)
Diese Rockband hat Ende letzten Jahres ein Lied herausgebracht mit dem Titel „Walkampf“ - ohne „h“.

Und dieses Lied möchte ich Ihnen jetzt kurz vorstellen. Versuchen Sie mal, ein wenig auf den Text zu achten.

[Musik ab! 3:33 Min.]

Schieb den Wal zurück ins Meer.
Wenn das mal so einfach ginge.
Da liegt so ein Koloss am Strand, wo er doch nun wirklich nichts zu suchen hat.
Der Wal stört!!
Er versperrt die Aussicht, er blockiert den Strand, er hindert uns an unserem gewohnten Strandspaziergang.
Also ist es nur logisch, dass wir dieses Hindernis beseitigen wollen.
Wir gehen mal links um das Hindernis herum, wir gehen mal rechts herum, wir suchen nach einem Angriffspunkt, einem Hebel, einem Henkel. Irgendwie müssen wir das Ding doch bewältigt kriegen.
Und dann schieben wir und drücken, wir schubsen und zerren. Wir arbeiten uns warm, stemmen uns in den Sand - und nichts bewegt sich.
Vielleicht war der Einsatz ja nicht groß genug. Also noch mal ran. Dieses Hindernis muss doch zu bewältigen sein. Und dann nehmen wir Anlauf, werfen uns mit aller Macht dagegen - und nichts bewegt sich.
Da stehen Leute herum, die uns zuschauen, wie wir uns abmühen und langsam müde werden. Und dann denken wir: „Ihr steht hier nicht umsonst herum.“ Und flugs werden die Zuschauer eingespannt, sie müssen mit schieben helfen. Das sind sie uns doch schuldig. Man muss sich doch schließlich gegenseitig helfen. Und nun packen wir’s mit vereinten Kräften. Und wieder stemmen wir uns in den Sand, versuchen, die Sache in Bewegung zu bringen, und schieben und schieben und schieben - und nichts bewegt sich.
Und langsam wird uns unsere Hilflosigkeit bewusst.
Wie klang das bei den Toten Hosen?

„Mir kamen schon die Tränen, weil ich so hilflos war.
Der Wal lag unverändert da, es ging mir tierisch nah.
Ich hab ihn sogar angefleht: „Mach dich bitte nicht so schwer!“
Und die Sonne schrie: „Nun mach schon, schieb den Wal zurück ins Meer!“

Ein Albtraum, von dem hier gesungen wird. Schweißgebadet wachen wir auf. Die Panik steckt uns noch in den Knochen - und es dauert eine ganze Weile, bis wir merken, dass wir das alles nur geträumt haben.
Der ganze Kampf mit dem Wal, der Walkampf, war (zumindest bei den „Toten Hosen“) nur ein böser Albtraum.

Wirklich nur ein Albtraum? Nicht vielleicht doch Realität?

Eine Mutter erzählte mir vor kurzem, dass ihre Tochter jedes Mal morgens schweißgebadet aufwacht, wenn sie eine Englischarbeit schreiben muss.
Diese Arbeit im Verband mit der Person des Englischlehrer stand wie ein riesiges Hindernis, wie ein Monster, vor ihr. Das war ihr Wal, ihr ganz persönlicher Wal.
Jedes Mal versuchte sie, dieses Hindernis zu beseitigen, es beiseite zu schieben. Sie mühte sich ab und schuftete und schuftete - aber nichts kam in Bewegung. Sie war nur müde und kaputt - und ihr Wal rührte sich nicht von der Stelle, sondern versperrte ihr den weiteren Weg.

Gibt es in Ihrem Leben auch so einen Wal? So einen Wal, der im Weg liegt? So ein Riesenberg, der Sie auf Ihrem Lebensweg hindert, der Ihnen gar Angst macht?
Und wie gehen Sie damit um?
Wie gehen wir um mit Hindernissen, Problemen, Sorgen und Schwierigkeiten in unserem Leben? - Das ist letztlich die Frage des heutigen Abends.
Und da ist es völlig egal, ob wir 8 oder 18 sind, oder 38 oder 88 - da haben wir alle etwas gemeinsam: Probleme und Sorgen begegnen uns allen, unabhängig vom Alter.
Und auch die Art und Weise unseres Umgangs damit ist bei allen Menschen ziemlich gleich:

- Die einen ignorieren (solange es geht), dass es da überhaupt ein Problem gibt, bis sie mit der Nase dagegen laufen und es weh tut;
- andere versuchen, das Problem so zu erledigen, dass sie ein paar Blümchen drauf malen und das ganze zum Kunstwerk erklären; mit Schwierigkeiten im Leben muss man eben kreativ umgehen. Aber in Wirklichkeit ist das Selbstbetrug. Man kann sich nicht permanent selbst belügen, da holt uns die Realität bald schmerzlich ein;
- und dann fangen ganz viele Menschen an zu schieben. Verdrängung nennen das die Psychologen. Sie schieben und drücken und kämpfen - und glauben, auf diese Weise ihre Sorgen und Probleme beiseite schieben zu können.

Konflikte, Fehlverhalten, Befürchtungen, Ängste, negative Erfahrungen, Verletzungen, alles das lässt sich nicht einfach beiseite schieben. Da hilft weder Kreativität noch Ignorieren noch Verdrängen. Diese Dinge liegen in unserem Leben herum und behindern uns. Sie wachsen und bedrohen uns.

Ich bin weit davon entfernt, Ihnen und Euch hier heute Abend die billige Schnelllösung servieren zu wollen. Ich weiß auch, dass es problematische Lebenssituationen gibt, die man nicht mit einer Handbewegung fortwischen kann.
Aber dennoch gibt es eine Alternative zum Abmühen. Wir müssen uns nicht müde kämpfen, wir müssen uns nicht aufreiben an den Problemen unseres Lebens.

Jesus sagt einmal zu seinen Jüngern: "Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Berg sagen: 'Rücke von hier dorthin!', und es würde geschehen. Nichts würde euch unmöglich sein!“ (Matth. 17, 20)

Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn! Was für ein Glaube soll das denn sein?
Der Glaube an die eigenen Kräfte? - Das ja wohl nicht. Da haben wir genug schlechte Erfahrungen gemacht.

Es ist das schüchterne, zaghafte Vertrauen auf einen großen Gott. Es ist das Vertrauen auf eine Instanz, der alle Macht im Himmel wie auf Erden gehört. Es ist das Vertrauen in den liebenden Schöpfer, der auch uns gemacht hat.
Jesus vergleicht den notwendigen Glauben, also das notwendige Vertrauen, mit einem Senfkorn. Denken Sie mal an Ihr letztes Gurkenglas. Da waren vermutlich Senfkörner drin. Diese ganz kleinen, gelben Körnchen.
Jesus will damit sagen: Setzt Euer Vertrauen nicht in Euch selbst. Ihr braucht keinen großen Glauben an eine kleine Instanz, sondern ihr braucht einen kleinen Glauben an einen mächtigen Gott.

Ich kenne eine Menge Menschen, denen das zu simpel ist.
Was hat Gott schon mit meinen Problemen zu tun?
Kann der mich vor der drohenden Kündigung bewahren?
Kann der meine kaputte Beziehung retten?
Kann der meine aus der Spur gelaufenen Kinder wieder einfangen?
Kann Gott mir einen Ausbildungsplatz besorgen?
Kümmert sich Gott um meine Freundin oder meinen Freund, dem es so dreckig geht? - Oder um mich??

Nun kann ich bei diesen Fragen hängen bleiben und sagen: „Da hat Gott nichts mit zu tun. Die Probleme muss ich selbst lösen.“ - Aber wie oft müssen wir feststellen, dass wir auf diese Weise bei all unseren Bemühungen keinen einzigen Schritt weiterkommen. Wir können allzu oft nichts bewegen.
Die Alternative ist: Ich kann Gott mit seinem Angebot Ernst nehmen und sagen: „O.k., du hast gesagt, dass es nur ein kleines bisschen Vertrauen in deine Macht braucht, um einen Berg von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Die Berge in der Landschaft sind mir egal, aber da ist ein Berg in meinem Leben, da kann ich nicht drüber und da kann ich nicht dran vorbei. Der macht mir große Mühe.
Herr, ich will dir vertrauen, dass du diesen Berg in Bewegung setzen kannst.
Ich will aufhören, wie ein Verrückter aus eigener Kraft zu schieben und mich müde zu schuften.
Ich will raus aus diesem Albtraum, der mich fertig macht.
Herr, ich habe nicht viel Glauben, aber das vorhandene Bisschen will ich dir geben. Und nun hilf du, dass Bewegung in die Angelegenheit kommt.“
So etwa kann ich mit Gott reden.
Solange ich glaube, Gott habe nur etwas mit der Kirche zu tun, aber nichts mit meinem Leben, so lange wird es keine Veränderung geben in meinem Leben. Dann werde ich mich weiter selbst abschuften müssen - und eben vielfach ohne Erfolg.
Wenn ich aber glaube und darauf vertraue und daran festhalte, dass Gott sich für mich und mein kleines bescheidenes Leben interessiert, dann werde ich Dinge erleben, die über meinen Verstand hinaus gehen. Dann sehe ich plötzlich Berge wandern.
Es ist keine billige Lösung, sein Vertrauen auf Gott zu setzen. Es ist vielmehr eine höchst wirksame Methode, Bewegung in festgefahrene Lebenssituationen zu bekommen.
Da beginnen unrettbar zerbrochene Beziehungen zu heilen.
In scheinbar ausweglose Situationen kommt Perspektive hinein.
In Finsternis fällt ein Lichtstrahl.
In Ausweglosigkeit zeigt sich ein Pfad, den man gehen kann.
Und von Gott geschenkte Hoffnung verdrängt die Hoffnungslosigkeit.

Lassen Sie es mich ein eigenes Beispiel erzählen: Ich stand schon mehrfach in meinem Leben vor der Situation, dass eine Zeit der Berufstätigkeit abgeschlossen war und sich keine Perspektive zeigte, wie es denn wohl weitergehen würde. Und wenn man Familie hat, dann ist das keine besonders angenehme Situation. Alle Bemühungen, alles Suchen und Bewerben, führte zu nichts. Und die Arbeitslosigkeit rückte immer näher. - Und dann erlebte ich es zwei Mal, dass Gott plötzlich und eine (!) Minute vor Zwölf eine (!) Tür öffnete (es war jedes Mal wirklich nur eine einzige!), und hinter dieser Tür lag ein neuer beruflicher Weg.
Gott hatte gehandelt.

Es ist die Glaubenserfahrung des Petrus, die aus seinem Brief spricht, wenn er schreibt:
Überlasst alle eure Sorgen Gott, denn er sorgt für euch. (1. Petr. 5, 7)
Zugegeben: Das ist nicht einfach. Und selbst als Christ kann man da schon mal nervös werden. Ich kann auch nicht für alle Menschen und alle Situationen sagen, wie Gott handeln wird. Aber eins weiß ich: Gott lässt seine Leute nicht hängen. Er schafft Wege, er bringt Dinge in Bewegung.

Sollen die „Toten Hosen“ doch weiter versuchen, den Wal ins Meer zu schieben und sich daran müde arbeiten.
Gott bietet uns die Möglichkeit an, uns aus diesem Albtraum zu verabschieden.
Und in diesem Sinne haben wir heute Abend doch eine Wahl. Die Alternative heißt - bildlich gesprochen: Walkampf oder Senfkorn.
Oder noch einmal mit den Worten Jesu:
"Wenn euer Glaube nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr zu diesem Berg sagen: 'Rücke von hier dorthin!', und es würde geschehen. Nichts würde euch unmöglich sein!“
Wollen Sie es nicht mal mit dem Senfkorn probieren?

Amen.