Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 18,1-5.10

Pastor Hans-Joachim Teevs

01.12.2003 in der St.Andreaskirche Verden

Weltaidstag

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Ein Foto ging letzte Woche durch unsere Zeitungen. Ein Fotograf der Presseagentur Ap (associated press) hat es in Südafrika aufgenommen. Ein kleines schwarzes Mädchen, vielleicht 4 Jahre alt, sitzt auf einer Holzbank an einem Holztisch, allein. Es hat den schweren Kopf auf die Hände am Tisch aufgestützt. Und schaut ruhig, aber mit irgendwie leerem Blick in die Umgebung. Es sitzt allein an diesem Tisch. Keine anderen Kinder oder Erwachsene sind da , mit denen sie spielen oder reden könnte.
Das Mädchen scheint alleingelassen, irgendwie verloren an diesem Tisch, der wie jeder andere doch Gemeinschaft ausdrücken will. Wo sind die anderen, wer setzt sich zu diesem Kind? Wer nimmt es wahr in seiner Einsamkeit? Nur ein Pressefotograf aus einem anderen, fernen Land, der bald wieder abreist?
Jesus rief ein Kind und stellt es mitten unter seine Jünger……..

AIDS, liebe Gemeinde, hat einen Namen auf diesem Foto. Das Mädchen heißt Nomsa und lebt in einem Heim im südafrikanischen Roodepoort. Ihre Eltern sind an der Immunschwäche-Krankheit gestorben, und auch sie selbst ist infiziert von dem HIV-Virus. Sie ist ein AIDS-Waise. Wo ist ihre Zukunft? Wird sie leben und überleben oder sterben, weil ihr keine Chance gegeben wird?

„Kinder sind unsere Zukunft!“ sagen wir immer wieder. Um sie müssen wir uns besonders kümmern. In der Erziehung und Bildung, in der Gesundheitsvorsorge und in der Abwendung von Gefahren für ihren Körper und ihre Seele. Kinder sind auch die Zukunft Afrikas, eines Kontinents, der am stärksten von der tödlichen Krankheit betroffen ist. Wie sorgen wir für die Zukunft der Kinder in Afrika und der Kinder bei uns, die krank sind oder in der Gefahr sind, AIDS zu bekommen?

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder….“
Umkehren können nur die Erwachsenen. Nur sie können ihr Verhalten, ihr Denken, ihr Wollen und Handeln ändern. Nomsa, das kleine Mädchen, weiß nichts von ihrer Krankheit, kennt nicht deren Entstehen und die Folgen. Aber die Erwachsenen kennen AIDS, wissen, wie die Krankheit sich verbreitet. Sie können sich vor der Übertragung schützen und ihre Vorurteile aufgeben. Sie können andere informieren , den Kranken beistehen und sie pflegen. Medikamente entwickeln und billiger an alle Betroffenen abgeben und vieles mehr.
Sie können umkehren von ihrem falschen Weg, zu ignorieren, zu verleugnen und die verwaiste Generation von Nomsa und den anderen allein zu lassen.

„Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“, sagt Jesus. Ein Kind wie Nomsa aufzunehmen, in einem Heim, bei Pflegeeltern oder Großmüttern, die in Afrika immer wichtiger werden, ist kein Akt der Gnade oder des Mitleids, sondern trägt in sich die Verheißung, dass Christus in diesem Kind bei denen aufgenommen wird, die das tun. Er wird in den Kranken sichtbar und fragt uns danach, wie wir mit ihnen umgehen. Nomsa und jeder Aidskranke trägt in seinem Gesicht, an seinem Körper und in seiner Seele die Züge des leidenden Christus. Sie bei sich aufzunehmen, kann viele Formen haben. Für Südafrika spenden wir und stärken den Aufnehmenden den Rücken. Für AIDS-Hilfe bei uns, heißt das Wahrnehmen, Besuchen und bei den Kranken bleiben. Und in jedem Fall unsere Gebete mit der Bitte um unser richtiges Tun und der Stärkung der Kranken und Leidenden.

Es ist ein langer Weg mit vielen Fragezeichen für Nomsa in ihrer Krankheit. Was wird aus ihr? Kurzfristig kann ich nur hoffen, dass sie nicht an diesem Tisch allein länger sitzen bleibt, sondern dass da andere kommen, die sich zu ihr setzen, mit ihr spielen, sie trösten und aufmuntern, ja auch mit ihr lachen und weinen. Denn der leere Tisch ist hart, nicht nur vom Material..
„Seht zu“, sagt Jesus, „dass ihr auch nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“
Mit dem Glauben hat Gott uns das Vertrauen geschenkt, in seine Macht, in seine Hilfe, in seinen Trost. Wer vertrauensvoll wie ein Kind wird und bleibt, der weiß, dass es Zeit ist, den Kampf gegen eine tödliche Bedrohung nicht aufzugeben und in Nomsa und den anderen das Angesicht Jesu Christi zu sehen etwas zu tun.

Amen.