Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 20,1-16

Dr. theol. Gerhard Scheidhauer

in Kelkheim i.Ts.

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Liebe Gemeinde!

Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Der Schlussvers unseres Gleichnisses hat sich als Sprichwort in unsere Sprache eingenistet: als fauler Trostspruch von Verlierern, die sich über ihren Misserfolg hinwegtrösten wollen; oder als ein hämisches Drohwort von Unterlegenen, die den Siegern ihren Erfolg missgönnen. Das Gleichnis wird damit auf eine moralische Quintessenz verkürzt, die seine Aussage ins Gegenteil verkehrt. Denn die Letzten sind ja von vornherein die Begünstigten und Begütigten. Ihre Auszeichnung ist ihnen auf die Stirn geschrieben. Und die Ersten sind von vornherein die Benachteiligten. Sie werden auch schon vor ihrer Entlohnung scheel dreingeschaut haben. Von Anfang steht fest, wie alles ausgeht. Die Ersten wollten sich nur nicht damit abfinden.

Gehen wir das Gleichnis im Einzelnen durch: Um sechs Uhr früh heuert der Weinbergsbesitzer die ersten Arbeiter für seinen Weinberg an. Vereinbarter Lohn: ein Silbergroschen, der Tageslohn für einen Arbeiter damals. Drei Stunden später, gegen neun Uhr, heuert er die nächsten an. Mittags um zwölf und am Nachmittag um drei macht er es ebenso. Die Vereinbarung lautet nicht mehr auf einen Silbergroschen, sondern: „Ich will euch geben, was recht ist.“ Ja, sogar um sechs Uhr am Abend geht er noch einmal auf den Marktplatz, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuheuern.

Der Weinbergsbesitzer zeichnet sich durch unternehmerische Qualitäten aus und tut etwas für den Arbeitsmarkt. Er stellt Arbeitslose ein und schert sich nicht um Tarifabschlüsse und gewerkschaftliche Vereinbarungen. Er schließt individuelle Arbeitsverträge und zahlt den Lohn nach Auftragslage und nach dem verfügbaren Angebot von Arbeitskräften. Kein Wunder also, dass er den spät Angeheuerten einen höheren Lohn zahlt. Vielleicht musste die Ernte noch am selben Tag eingebracht werden, und sie waren anders nicht zur Arbeit zu bewegen. Der Arbeitsmarkt war um diese Zeit vielleicht schon weitgehend leergefegt. Der Weinbergsbesitzer handelt ökonomisch vernünftig. Angebot und Nachfrage regulieren nun einmal den Preis: die Knappheit der Ware Arbeitskraft am Abend treibt deren Preis in die Höhe. Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben manchmal doch.

Was ökonomisch vernünftig ist, widerspricht bisweilen dem Gerechtigkeitsempfinden und kann ethisch verwerflich sein. Deshalb murren die Arbeiter, die seit frühmorgens schuften, als sie mitbekommen, dass die Spätanfänger den gleichen Lohn erhalten. Sie empfinden das als ungerecht. Doch der Weinbergsbesitzer kann auf die Verträge verweisen. Sie sind rechtens und nicht zu beanstanden: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?“ Als der noch immer keine Ruhe gibt, verweist der Weinbergsbesitzer auf seine Güte gegenüber den anderen: „Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Diese Einlassung des Weinbergsbesitzers hinterlässt mit Recht einen unguten Beigeschmack. Sie ist eine Provokation. Anstatt bei seinem Leisten zu bleiben und es bei dem ökonomischen Argument bewenden zu lassen, greift er zur Moral, mehr noch: er gibt sich selbst für moralisch aus. Den unvergleichlich hohen Lohn der Letzten begründet er mit seiner Güte. Es ist die gleiche Art, die wir vor der Finanz- und Wirtschaftskrise bisweilen bei manchen Unternehmensführern und Wirtschaftslenkern angetroffen haben: sie versuchten ihre Entscheidungen ethisch und moralphilosophisch zu unterfüttern oder gerierten sich gar als Gerechtigkeitsapostel und Volkserzieher.

Es sind rein ökonomische Prinzipien, von denen sich der Weinbergsbesitzer leiten lässt. Der Lohn bestimmt sich nach dem rein marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage. Er wird nicht nach individueller Leistung und persönlichem Verdienst zugeteilt. Die Zuteilungsgerechtigkeit ist im Reiche Gottes anscheinend verpönt. Aber auch einen urchristlichen Sozialismus kann dieses Gleichnis nicht belegen, auch wenn im Ergebnis allen das Gleiche zugeteilt wird. Das Gleichnis ist eher eine Persiflage auf die Gleichheit des Lohnes und auf das gesellschaftliche Modell des Sozialismus. Es führt uns vor Augen, wie ungerecht ein gleicher Lohn für alle bei ungleicher Leistung empfunden wird.

Der Weinberg ist in der Bibel ein Bild für das Reich Gottes und seine Mitarbeiter. Gott wird darin durch den Weinbergsbesitzer repräsentiert. Geht es im Reich Gottes zu wie in der globalisierten Marktwirtschaft? Das hier gezeichnete Bild vom Himmelreich jedenfalls straft alle gängigen Bilder von einer himmlischen Gerechtigkeit Lügen. Wir müssen uns allerdings klarmachen: „Himmelreich“ steht in diesem Gleichnis für das Reich Gottes in der apokalyptischen Endzeit. Die Christen erwarteten die Wiederkunft Christi als Menschensohn, der auf den Wolken zum Weltgericht erscheint, um die Menschen nach ihren Taten zu richten. Dass die Christen aus diesem Gericht allesamt als Lohnempfänger hervorgehen würden, stand außer Frage. Fraglich war nur, wie hoch ihr Lohn ausfallen und wie er sich auf die einzelnen Christen und Gemeinden verteilen würde. In der Kirche wurde darüber heftig gestritten zwischen den „Ersten“ und den „Letzten“, zwischen denen, die von Anfang an dabei waren, und denen, die später oder erst kürzlich hinzugekommen waren.

Das Evangelium hatte sich im Mittelmeerraum rasant ausgebreitet. Menschen und Völker anderer Kultur und Sprache waren hinzugekommen. Die Hinzugekommenen beanspruchten für sich die gleichen Rechte wie die Jerusalemer Urgemeinde und ihre apostolischen Tochtergründungen. Die Traditionsgemeinden fühlten sich zunehmend benachteiligt: „Werden wir, die Ersten, bald die Letzten und die Letzten bald die Ersten sein?“

Es ist die alte Menschheitsfrage nach persönlichem Verdienst und sozialem Rang, nach der Gerechtigkeit für den Einzelnen und in der Gesellschaft. Es ist das ewige Lied vom Vergleichen, wer mehr hat; das Gefühl, zu kurz zu kommen und ungerecht behandelt zu werden; der Neid auf diejenigen, die mehr haben als wir selbst; der unersättliche Drang, noch mehr zu besitzen; und die enttäuschende Erfahrung gerade derjenigen, die sich nach oben geschafft haben und stolz darauf sind, nun zu den Ersten zu gehören: Es gibt immer noch einen Größeren als ich: There is always a bigger fish.

Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich heute auch im Weltmaßstab und ist mit großen Ängsten besetzt: „Werden sich die Verhältnisse umkehren? Werden wir die Verlierer sein, wenn sich das Wohlstandsniveau auf der Welt angleicht?“

Kehren wir zurück zum Gleichnis. Seine Pointe ist der Lohn der Nachfolge. Ausdrücklich stellt in den Evangelien Petrus diese Frage. Er steht geradezu für diese Frage, die im Laufe der Zeit immer mehr zur Frage nach den Vorrechten und der Rangordnung der verschiedenen Gemeinden untereinander wurde. Die ersten Gemeinden mussten mitansehen, wie die „Letzten und Allerletzten“ ihnen ihren Rang streitig machten. Ihr Stern war am Sinken. Tradition allein konnte ihr Ansehen und ihren Vorrang in der Ökumene nicht mehr ausreichend begründen. Das Gleichnis spiegelt diese Entwicklung. Die „Ersten“ erhalten das, was ihnen versprochen wurde. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Demgegenüber dürfen sich die zuletzt Hinzugekommenen freuen. Sie werden gegenüber den anderen bevorzugt und begünstigt. Überzeugende Gründe dafür anführen können sie nicht. Sie erzählen darum Geschichten mitten aus dem Leben – die in ihrer verblüffenden Einfachheit ihre Vorrangstellung plausibel machen sollen. Doch der Verweis auf die Gesetze der Ökonomie ist irreführend, ja geradezu provokativ. Eine Gerechtigkeitsdebatte ist fällig. Die aber würgen sie mit dem Neidvorwurf ab nach dem unausgesprochenen Motto: „Was seht ihr so scheel drein, dass wir so begütigt sind?“

Auch heutzutage bewegt uns wieder die Gerechtigkeitsfrage. Die Antwort des Gleichnisses kann uns aber nicht recht zufriedenstellen. Das Gleichnis scheint die Frage nach der Gerechtigkeit mit dem Verweis auf die Güte Gottes erledigen zu wollen, die allen genug zum Leben gibt und gegen deren unterschiedlich hohe Ausschüttungen an die einzelnen Anteilsempfänger man nicht murren und aufbegehren sollte.

Jesus gibt auf die Frage des Petrus nach dem Lohn der Nachfolge auch noch eine andere Antwort als die von der väterlichen und unangreifbaren Güte, die allen genug zum Leben gibt. Kurz vor unserem Gleichnis findet sich Jesu Wort an Petrus: „Ihr werdet’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben!“ Hier wird eine Nachfolgerendite von sage und schreibe 100 Prozent versprochen. Von einer solchen Rendite dürften auch die größten Kapitalisten vor der Finanz- und Wirtschaftskrise nur geträumt haben. Auch diese Antwort greift auf ökonomische Vokabeln aus dem Alltag zurück. Aber sie sprengt deren ökonomische Hülse. Der Lohn der Nachfolge entzieht sich ökonomischen Kategorien und Maßstäben. Er lässt sich nicht nach Arbeitsstunden berechnen. Und er lässt sich nicht in Heller und Pfennig auszahlen. Diese Antwort überholt die Frage nach einem gerechten Lohn – zumindest für die Diener im Weinberg des Herrn. Die Nachfolge Jesu hat ihren Wert in sich selbst. Nichts ist darum abwegiger als ein Lohn- und Verdienstvergleich zwischen den Ackermännern dieser Welt und den Dienern im Weinberg des Herrn.