Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 20,1-16a

Regina Fritzsche (ev.)

20.01.2008 in St. Peter und Paul in Sömmerda

Examenspredigt für das Examen des Kirchlichen Fernunterrichtes

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus   Amen

Umfragen, liebe Gemeinde, liegen voll im Trend. Ob am Telefon, in Zeitschriften oder ganz modern im Internet werden wir gewollt oder ungewollt ständig nach unserer Meinung zu bestimmten Themen, Ansichten oder auch nur zu diversen Anti-Falten-Cremes, Waschmitteln oder Schokolade befragt.

Wenn ich jetzt unter Ihnen so eine Umfrage starten würde mit der Frage:

Was ist für Sie das allerwichtigste im Leben? könnte ich mir vorstellen, dass Sie, gleich wie die meisten Bundesbürger die Gesundheit an die allererste Stelle setzen.

Und was ist das zweitwichtigste für Sie? würde ich Sie danach fragen. Auch da könnte ich mir vorstellen, dass Sie mit den meisten Bundesbürgern einer Meinung sind: 

Arbeit – Arbeit für mich, für meine Kinder, für meine Enkel, für meine Freunde, ja auch für den Nachbarn

Arbeit zu haben, von der Arbeit leben zu können ist zu einem unschätzbaren Gut in unserer Gesellschaft geworden und eben überhaupt nicht mehr selbstverständlich.

Wer Arbeit hat, weiß meist nicht, wie er sie überhaupt noch bewältigen kann.

Burn-out- völlig ausgebrannt, völlig leer zu sein, heißt eine der Folgen dieser permanenten Überbelastung. Das Gegenteil ist genauso unerträglich - keine Arbeit zu haben ist ein gesellschaftlicher Makel, bedeutet Ausgrenzung und kann genauso krank machen. Am Morgen nach dem Frühstück die Decke anzustarren, als einzige Abwechslung für den Tag bleibt nur das Fernsehprogramm, der tägliche Gang zum Briefkasten, um wieder nur Ablehnungen in der Hand zu halten - nur derjenige, der das bereits erleben musste, kann wahrhaftig nachfolziehen wie demütigend, wie erniedrigend, ja wie hoffnungslos dieser Zustand ist. 

Menschen, die 8,10,12,14 Stunden arbeiten und dennoch davon nicht leben können bilden nicht die Ausnahme. Die Diskussion und der Streit um den Mindestlohn ist seit Wochen das beherrschende Thema in den Medien. Wir hören und lesen von gut ausgebildeten Fachkräften, die statt einer regulären Arbeit ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen absolvieren. In Deutschland werden Überstunden in einem riesigen Ausmaß geleistet - neue Stellen entstehen nicht dabei.

Unwürdige Reality-Shows im Fernsehen, bei denen Menschen beim Kampf um einen Arbeits- oder Ausbildungsblatz vor einem Millionenpublikum wie im Zoo vorgeführt werden haben hohe Einschaltquoten. Jede Träne, jede Verzweiflung des Verlierers bekommt der Fernsehzuschauer in seine warme Stube hautnah übertragen.

Ich denke and die Menschen, die vor Weihnachten, statt ihrem Weinachtsgeld die Kündigung im Briefkasten hatten. Ich denke an die Mitarbeiter des

Handy-Herstellers Nokia, die jetzt im Standort Bochum um ihre Arbeitsplätze bangen, obwohl der Konzern vom Land Millionen an Fördergeldern erhalten hat.

Haben Sie nicht auch das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt mit unserer Arbeitswelt?

Unser Predigttext, den wir als Evangelienlesung bereits gehört haben, handelt genau von diesem brandaktuellen Thema, von Arbeit und von gerechtem Lohn.

Unsere Geschichte beginnt am frühen Morgen, zum Sonnenaufgang, recht unspektakulär. Ein Weinbauer sucht Arbeiter für seinen Weinberg; er findet geeignete Tagelöhner, eine Abmachung, ein Handschlag, ein Arbeitsvertrag galiläischer Art.

 

Es scheint viel Arbeit auf dem Weinberg zu geben. Die Arbeitskräfte des frühen Morgen reichen bei weitem nicht aus. Noch weitere drei mal ist der Weinbergsbesitzer gezwungen auf dem Markt nach Tagelöhnern Ausschau zu halten, wieder das gleiche Procedere – Lohnvereinbarung, Handschlag und die Tagelöhner beginnen mit ihrer Arbeit.

Und immer noch reichen die Arbeitskräfte nicht aus, sogar kurz vor Sonnenuntergang geht der Besitzer des Weinbergs ein letztes Mal auf den Markt. Es sind „die Letzten“ für diesen Tag, die er jetzt einstellt. Aber warum stehen sie erst jetzt da? Sind sie am Morgen einfach nur übersehen worden? Hatten sie am Morgen verschlafen, sind es Faulenzer, die keine Lust zum arbeiten haben? So formuliert auch der Weinbergbesitzer seine Frage sehr deutlich: „Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?“ Kurz gesagt: „Seid ihr etwa zu faul zum Arbeiten?“ 

„Es hat uns niemand gedingt“ – das ist alles, was wir aus dem Text als Begründung, als Rechtfertigung, als Entschuldigung von den Angesprochenen, von diesen „Letzten“ zur Antwort erhalten - ich finde , das klingt recht traurig, es klingt wie: es hat uns niemand eingestellt, es hat uns niemand gewollt, es hat uns niemand eine Chance gegeben.

Vielleicht sind es die, die schon hundertmal vergebens da standen, inzwischen resigniert haben, die meinen, es hat ja alles sowieso keinen Sinn mehr, uns will ja keiner mehr.

Vielleicht sind es die über 50-ig jährigen oder die Hauptschulabgänger, die ihre Bewerbungen inzwischen schon gar nicht mehr zählen können?

 

Vielleicht wollten sie sich nicht erneut diese Demütigung der Abweisung zumuten. Aber dann, im Laufe des Tages, fiel ihnen einfach die Decke auf den Kopf, dieses untätige Nichtstun.. Sie haben es zu Hause nicht mehr ausgehalten und sind doch nocheinmal losgegangen, vielleicht eine letzte Hoffnung, ein Fünkchen Hoffnung auf eine Anstellung.

Sie erhalten diese Anstellung vom Weinbergbesitzer, diese Chance als „Letzte“ am Ende des Tages.

Bis hierhin ist alles in Ordnung, bis hierher können wir folgen, bis hierhin nimmt unsere Geschichte für unsere Vorstellung einen geordenten Verlauf, sie ist rundum stimmig.

Aber jetzt am Abend bei der Lohnauszahlung geschieht das völlig Unerwartete, die Wende, der „Super-Gau“!

Die ersten, die den ganzen Tag in der Hitze geschuftet haben trauen ihren Augen und Ohren nicht: Das kann doch nicht wahr sein. Sie haben sich wohl verhört?

Diese „Letzten“ sollen für diese eine Stunde, die sie gearbeitet haben den gleichen Lohn erhalten?

Die Ersten, sie „murren wider den Hausvater“heißt es in unserem Text – das klingt eher nach mittlerer Revolte, nach Unmut, nach Wut.

Es ist schon bemerkenswert, dass wir diese Ersten so gut verstehen und uns so gut in ihre Lage versetzen können, diese „himmelschreiende“ Ungerechtigkeit, wo gibt’s denn sowas?? Uns geht die Hutschnur hoch, wenn wir soetwas hören.

Ich muss dabei an meinen Sohn denken, der mir ganz spontan antworte, als ich ihm von diesem Predigttext erzählte, dass er diesen bereits in der Christenlehre furchtbar ungerecht fand. Als ich in diesem Moment in seine Augen schaute, sah ich jetzt noch nach Jahren seine Empörung.

Aber stopp: Moment: Erinnern wir uns : Der vereinbarte Lohn wurde gezahlt, alle vorher besprochenen Vereinbarungen wurden von Seiten des Arbeitgebers eingehalten, niemand wurde um seinen Lohn geprellt, es wurde pünktlichst und vollständig gezahlt: Eine Situation, die für viele Arbeitnehmer heute überhaupt keine Selbstverständlichkeit darstellt – was würden sie alles für pünktlichen und vollständigen Lohn geben? Was also bringt die Ersten und auch uns so maßlos auf die Palme?

Es ist diese völlig unerwartete, nicht nachvollziehbare Güte des Weinbergbesitzers. Unsere menschliche Vorstellung von Gerechtigkeit auf der einen Seite und die Güte dieses Weinbauers auf der anderen Seite. Es ist dieser Widerspruch zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, das bringen wir nicht zusammen, das kollodiert mit unserem Gerechtigkeitssinn, das macht uns fassungs -und sprachlos, das übersteigt unseren Horizont.

Aber, was wäre, wenn wir auf einmal zu jenen Letzen gehörten? Wenn wir die „Looser“ wären, die Langzeitarbeitslosen, diejenigen, die am Rande der Gesellschaft oder in der Schlange vor der „Sömmerdaer Tafel“ stehen müssten – wie würden wir diese Geschichte dann sehen??

Genauso oder ganz anders??

Dann verändert sich aufeinmal der Blick. Die Dinge bekommen eine ganz andere Bedeutung und Dimension.

Gnade und Barmherzigkeit auf die wir angewiesen sind, die lebens- und überlebenswichtig werden rücken in den Mittelpunkt. Gnade und Barmherzigkeit in Form von Sach- und Lebensmittelspenden, in Person von Menschen, die zuhören, die eben nicht „scheel drein“ blicken, die praktische Hilfe oder sogar wieder eine Chance anbieten.

Wie der Weinbergbesitzer sich ökonomisch völlig unlogisch, betriebswirtschaftlich völlig unsinnig aber gnädig und gütig den Letzen zuwendet, so wendet sich Gott in Christus denen zu, die seiner Güte besonders bedürfen, die sonst auf dem Mark des Lebens chancenlos und auch sonst immer die Letzten sind.

Christus erweist seine Güte gegenüber denjenigen, genau wie unser Weinbauer, die es am dringensten benötigen, eben gegenüber den „Letzten“, gegenüber den Hartz IV-empfängern, gegenüber den Obdachlosen, gegenüber den Chancenlosen, gegenüber den Kindern, die jeden Donnerstag an der Tafel stehen.

Ich denke, wir würden diese Geschichte falsch verstehen, wenn wir unser gewohntes Wertesystem, unsere Vorstellungen von gerechtem Lohn jetzt völlig über den Haufen werfen würden. Arbeit für alle, gerechte Bezahlung für geleistete Arbeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind im wahrsten Sinne des Wortes in Gottes Sinn. Und so sind wir in Gottes Namen dazu aufgerufen uns hier auf Erden nach unseren Möglichkeiten dafür einzusetzen.

Die Pointe dieser Erzählung soll uns die oben erwähnte veränderte Sichtweise ermöglichen, die Sichtweise aus dem Blickwinkel derer, die am Ende der sozialen Schlange stehen.

Gott ruft uns zu einer veränderten Sichtweise auf, zur Sichtweise mit den Augen der Barmherzigkeit und Güte.

Menschliche Arbeit, menschliche Leistungen sind wichtig. Nur so kann unser Gemeinwesen funktionieren. Aber sie sind nicht das Maß aller Dinge. Ohne Güte, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit verkommt die Leistung zu einem gandenlosen Aussonderungskriterium, bleiben Menschen auf der Strecke, werden sie zu den „Letzten“.

Und dann auf einmal mit dieser veränderten Sichtweise gelingt uns soviel, verschwindet auf einmal der Neid, verschwindet das ewige Vergleichen mit den Anderen, denen es angeblich ja soviel besser geht, die das schnellere Auto, das größere Haus haben und den teureren Urlaub sich leisten können.

Diese veränderte Sichtweise macht uns fähig zu Freundlichkeit und Gelassenheit, sie befähigt uns zu Dankbarkeit für alles, was wir haben, für unsere Familie, für unsere Kinder, für unsere Freunde, für unsere Gesundheit, für unser warmes Zuhause, für unsere Arbeit, für unser täglich Brot.

Diese veränderte Sichtweise macht uns fähig zur Freude und Freude zu teilen, Güte und Barmherzigkeit weiter zu geben. Sie macht uns fähig zu Mitmenschlichkeit, zu Achtung und Sensibilität, besonders gegenüber denen, denen es schlecht geht. 

Ermuntert und aufgerufen dazu werden wir von Gott. Gott spricht uns Menschen unseren Lohn zu und gibt uns weit mehr darüber hinaus. Gott schenkt uns das, was wir zum Leben brauchen und stellt den Letzten gleich den Ersten. Was sagte der gütige Weinbergsbesitzer nochmals gegenüber den erbosten Tagelöhnern des frühen Morgen: „Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten geben gleich wie dir.“ Bei Gott verwischen unsere so gewohnten menschlichen Einteilungskategorien. Hier endlich erhalten auch die Letzten eine Chance, hier werden die Letzten nicht an den Rand gedrängt, hier sind sie gleich, weil Gott gütig ist.

Diese Güte ist unbegründet, unlogisch, nicht nachvollziehbar. Wir haben keinen Anspruch auf Gottes Güte und wir können sie uns nicht verdienen. Wir können aber um sie bitten und wir können diese Güte Stück für Stück weiter geben.

Gott meint es gut mit denen, die es nicht gut haben.

Warum wir nicht auch?

Verkneifen wir uns demnächst den neidisch-scheel-vergleichenden Blick, egal wem gegenüber.

Rechnen wir nicht alles und jedes miteinander auf, gönnen wir unserem Nachbarn und Nächsten mehr als nur die Butter aufs Brot – gönnen wir ihm von Herzen die Güte und Gnade Gottes, die Gott in Christus an uns und unserem Nächsten vollzieht.

Wenn uns in diesem Jahr unsere Wege wieder einmal an die Ufer von Unstrut und Saale hier in unserer Nähe führen, dann werfen doch einen Blick auf die Weinberge und danken Gott für unser Leben und alles, was er uns für unser Leben geschenkt hat, in Dankbarkeit, ohne Neid, ohne Mißgunst und ohne scheelen Blick – Wäre das nicht ein kleines Stückchen Himmel?

Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn!     Amen