Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 2,1-12

Professor Dr. Okko Herlyn

24.12.2008 in der Ev. Kirche in Duisburg-Rumeln

Mitternachtsmette

Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten …


Liebe Gemeinde,

meine Geschichte mit dieser Geschichte beginnt in meiner frühen Kindheit. Im Krippenensemble, das mein Vater kurz nach dem Krieg aus Holz und etwas Draht – „es gab ja sonst nichts“ – selber geschnitzt und gebastelt hatte, ragte eine Figur hervor: ein einzelner König, gelb gewandet, mit Krone auf dem Kopf und einem silbernen Schatzkästchen in den Händen. In dieser im Vergleich zu den anderen Figuren etwas zu groß geratenen Gestalt verbarg sich wohl auch ein kleiner erzieherischer Wink: Sieh mal, so ein wertvolles Geschenk für das Kind in der Krippe. Bevor ich meine – der damaligen Zeit entsprechend – eher bescheidenen Kinderschätze im Hinblick auf ein mögliches Wegschenken bedenken konnte, wurde mir bedeutet, dass das Wertvollste, das man dem Jesuskind schenken könne, doch mein „Herz“ sei. Na, das schien jedenfalls einfacher als Ball oder Roller.

Theologisch unterfüttert wurde diese erste Begegnung alsbald von den vielen geistlichen Liedern, die in unserer Familie, einem Pfarrhaus, nahezu täglich gesungen wurden. Das „eigentliche“ Weihnachtsgeschenk, also das des „Herzens“, begegnete mir nun vor allem in den Chorälen Paul Gerhardts: „Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und laß dir’s wohlgefallen.“ „Die besten Güter sind unsre Gemüter; dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder, an welchen er sich am meisten ergötzt.“ Dankbare Lieder singen – darüber ließ sich reden.

Erinnerlich ist mir auch, dass mich die Geschichte in der Zeit der Volksschule gelegentlich zu einem evangelischen Besserwisser gegenüber meinen „Feinden“ aus der benachbarten katholischen Volksschule machte, die immer von den „heiligen drei Königen“ sprachen. „Könige“ seien es nun einmal nachweislich nicht (den gelben aus der häuslichen Weihnachtskrippe überging ich diskret), von „dreien“ sei auch nicht die Rede und „heilig“ seien sie schon mal gar nicht. Da kennen wir Evangelischen uns nun mal besser aus als ihr. Außerdem ist mein Vater Pastor, der kann die Bibel auswendig. Protestantisches Selbstbewusstsein – gestählt im täglichen Kampf dörflicher Kinderkonkurrenz am Rande des Reviers. Was nicht geglaubt wird, muss gegebenenfalls mit einer Klopperei erledigt werden. Die besten Güter sind halt unsre Gemüter.

Jahre später, die Konfirmation lag längst hinter mir, bekam ich von meinem bildungsbürgerlichen Patenonkel ein größeres, auf Holz gezogenes Foto geschenkt, das ein Kapitell der romanischen Kathedrale St. Lazare von Autun in Burgund zeigte. Zu sehen war ein Engel in Stein, der die heiligen drei Könige aus dem Schlaf aufweckte, indem er mit dem Zeigefinger der rechten Hand einen der Könige sanft berührte, während er mit dem Zeigefinger der anderen Hand zugleich auf den Stern über ihnen wies. In der Person des Engels, so erklärte mir der gebildete Onkel, kämen eben das Immanente (Schlaf) und das Transzendente (Stern) zueinander. Ich könnte mir das Bild ja ins Zimmer hängen, wenn ich wollte. Zu Zeiten von „Jail House Rock“ und „Sugar Baby“ wollte ich wohl eher nicht.

Während meines Theologiestudiums begegnete mir die Geschichte vor allem in Form von Papier, das mit viel Wissenswertem bedruckt war. Der Text in Matthäus 2 sei vermutlich eine Legende, die sich mit den Gesetzen historischer Wahrscheinlichkeit kaum vertrage. Dafür sprächen zahlreiche Ungereimtheiten im Text, etwa die schon astrophysikalisch unsinnige Beschreibung des Sterns oder das kaum nachvollziehbare Verhalten des Herodes. In der Geschichte breche sich vielmehr ein unverhohlenes theologisches Interesse des Evangelisten Bahn: die – von antijüdischer Tendenz nicht ganz freie – Hinwendung zur Heidenmission und das christologisch bedeutsame letztendliche Obsiegen des Kindes über den weltlichen Herrscher, mithin das wundersame Walten Gottes. Typisch nachösterliche Gemeindetheologie eben.

Nicht zu überblicken vermag ich die vielen Predigten, Kinder- und Schulgottesdienste, Advents- und Weihnachtsandachten, die ich während der Jahre im Duisburger Gemeindepfarramt über diese Geschichte gehalten habe. Meine Liebe zum redundanten Erzählen fand hier ebenso eine Projektionsfläche wie die – vermeintlich – mannigfachen „gegenwartsnahen“ Bezugspunkte im Text. Morgenland, Israel, Ägypten: auf wenigen Zeilen zusammengedrängt – geht es aktueller in einer Stadt zwischen Wanheim und Marxloh, Rheinhausen und Ruhrort? Die Weisen: Menschen aus einem fernen, fremden Kulturkreis – wenn das kein Aufhänger in einer Gemeinde mit über zwanzig Prozent „Ausländeranteil“ ist! Und weiter: dem bösen Herodes ein Schnippchen geschlagen – keine schlechte Legitimation für anstehende Solidaritätsadressen in Zeiten des Arbeitskampfes vor der Kirchentür. Auseinandersetzungen mit den Mächtigen bei Mannesmann, Thyssen und Krupp? Alles schon in der Bibel dagewesen. Und schließlich: Flucht und Kindermord – durchaus günstige Steilvorlagen für diverse vorweihnachtliche Sammelaktionen. Diakonie, Frauenhaus, Kindernothilfe, amnesty – mit dieser Geschichte ließ sich manche müde Mark locker machen.

Irgendwann fuhr mir dann allerdings Cordelia in die Parade. Sie gehörte zu denen, die einen vor allem Weiteren erst einmal nach dem Sternzeichen fragen. „Typisch Jungfrau“, hieß es dann gerne. Oder: „Von einem Stier war ja auch nicht viel anderes zu erwarten.“ Ich hatte es inzwischen aufgegeben, Cordelia von der antiaufklärerischen Gefahr solcher Orientierungen zu überzeugen. In weiblicher Überlegenheit bedeutete sie mir stets, wohin wir Männer mit unserer Rationalität gekommen seien, sähe man ja am Irakkrieg und den abgeholzten Regenwäldern. Von unserer notorischen Beziehungsunfähigkeit ganz zu schweigen. Das wäre alles noch tapfer zu ertragen gewesen, wenn Cordelia nur nicht in diesen alternativen Heiligabendgottesdienst geraten wäre. Die Pfarrerin habe darauf hingewiesen, dass bereits die Bibel von der Bedeutung der Sterne wisse. Die Geschichte von den Weisen, wörtlich „Magiern“, aber wahrscheinlich habe es sich um Sterndeuter, wenn man so wolle: Astrologen gehandelt, also diese bekannte Geschichte sei da doch sehr aufschlussreich. Man täte kirchlicherseits gut daran, die Botschaft der Sterne „neu ernst zu nehmen“. Cordelias leicht triumphaler Unterton war kaum zu überhören. Wir sehen uns seither nicht mehr so häufig.

Seit einigen Jahren nun ist es wieder ein wenig stiller um meine Geschichte mit dieser Geschichte geworden. Einmal im Jahr klingeln die Sternsinger bei mir an und tragen ein Lied vor, das vom Teilen handelt. „Und wofür sammelt ihr?“ „Für die armen Kinder in Brasilien.“ Ein etwas älteres Mädchen erklärt, dass der Ruhrbischof dort Kindergärten und Schulen bauen will. „Schule? Muss man denn ausgerechnet eine Schule bauen? So schrecklich gerne bin ich damals da auch nicht hingegangen.“ Großer Protest. Das sei doch wichtig, dass man etwas lerne. „Ja, da habt ihr nun auch wieder recht.“ Ob man denn nun auch etwas in die Schatztruhe tun dürfe. „Na klar. Wir können auch noch ein anderes Lied.“ Dann man los. Gut, dass ich mittags bei Edeka noch an den Beutel „Klümpkes“ gedacht habe. „Dürfen wir Ihnen noch den Segen an die Haustür schreiben?“ „Das müsst ihr sogar.“ C+M+B. „Christus mansionem benedicat“. Kreide auf Eiche. Es hält trotz Wind und Wetter auf wundersame Weise bis weit in das Jahr hinein.

Ich hoffe, sie geht noch ein bisschen weiter, meine Geschichte mit dieser Geschichte.