Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 21, 14-22

Pastor Wichard von Heyden (ev.-luth.)

28.04.2013 in der Stadtkirche in Wittenberg

Gemeinde- und Johannitergottesdienst aus Anlass des Rittertags der Pommerschen Genossenschaft des Johanniterordens am Sonntag Kantate 2013

Stadtkirche Wittenberg

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist das A und das O, Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Amen.

Wir haben es eben im Evangelium gehört:

Es gingen zu ihm die Blinden und Lahmen und er heilte sie und die Kinder, die im Tempel waren, sangen: Hosianna dem Sohne Davids.

Hörst Du, was diese rufen, wird Jesus gefragt.

Man fragt ihn das, sagt Kirchenvater Chrysostomos in seinem Kommentar, weil die Kinder ihn besingen wie Gott selbst.

Jesus antwortet: Ja! Habt ihr nie gelesen: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?

Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien.“ (Nach dem für den Sonntag ausgewählten Text aus Mt 21, 14-22).

Liebe Gemeinde,

während die feinen Herren im Tempel, die großen Organisatoren des Tempelbetriebs, die Event-Manager des Passahfestes und die priesterlichen Finanzfachleute entsetzt auf den Aufruhr schauen, der sich um Jesus herum abspielt, kommen die Blinden und Lahmen, die Ausgegrenzten und Kranken zu ihm und werden geheilt. Die Unmündigen erkennen ihn als den, der er ist.

Eine solche Korona hat Jesus um sich, aus Sicht der Tempelleitung eine gefährliche Mischpoke.

Was für ein Volk.

Wir kennen das heute auch.

Die einen halten sich für feiner als die anderen und schauen herab.

Auch in der Kirche, in der Diakonie, selbst im Johanniterorden soll es das geben.

Während die Priester und Leitungsfiguren im Tempel mit großer Vorsicht auf die politischen Vorgaben reagierten, die sich in ihrem besetzen Land an der Schnittstelle zum Osten ergaben, sind unsere Kirchenführer und Leitungsgremien in Diakonie und Johanniterwerken häufig wie ein Kaninchen, das auf die Schlange schaut:

Sind wir richtig aufgestellt? Haben wir uns am Markt gut positioniert? Sind wir zukunftsfähig? Welchen Aufgabenteil müssten wir ergänzen, welcher bringt kein Geld mehr ein und ist möglicherweise aufzugeben? Es wird gekauft, umstrukturiert, rationalisiert, neu eingestellt.

All das ist oftmals nötig. Das war es damals auch. Organisation ist das halbe Leben. Aber die andere Hälfte ist auch wichtig. Und da wollen wir heute hinschauen.

Ohne Organisation, ohne Marktforschung und ohne eingereichte Fördergelderanträge ist Jesus, der Sohn des Lebendigen Gottes in den Tempel gegangen, ins Haus Gottes. Wo er auftritt, verbreitet sich Heil und Leben. Menschen werden gesund. Und Kindermund tut Wahrheit kund. Sie erkennen ihn. Das ist wie in einer unserer Einrichtungen, nennen wir sie z.B. Bethanien in Ducherow/Vorpommern.

Wer dort zu Besuch kommt, mit feiert, mit hilft, mit lebt, der wird mit strahlenden Augen und offenen Armen begrüßt. Da gibt es keine Lüge. Da gibt es nur Wahrheit.

Die Kinder zeigen hier die Wahrheit. Sie zeigen auf Jesus. Wir sind auf diese Fingerzeige angewiesen. Wir sind darauf angewiesen, dass uns jemand das Heil und die Erlösung zeigt. Wir sind darauf angewiesen, dass jemand uns an die Hand nimmt und uns bekannt macht mit unserem Heiland.

In unserem Gottesdienstblatt sehen wir das Bild Johannis des Täufers, Ordenspatron der Johanniter vom Isenheimer Altar. Er steht am Jordan und tauft. Übergroß zeigt seine Hand hin auf den, den er soeben getauft hat. Auf den, über dem der Himmel aufgegangen ist. Auf den, der den Geist Gottes auf sich und in sich ruhen hat. „Seht das Lamm Gottes.“

Später wird im Johannesevangelium Pilatus da stehen und sagen: „Seht, welch ein Mensch.“

„Kommt und seht“, sagt Jesus im Evangelium zu seinen ersten Jüngern. Schaut es euch an und erlebt es. Nehmt Kontakt auf und geht mit.

Ein zweites Bild sehen wir. Es ist hier in der Wittenberger Stadtkirche beheimatet. Lukas Cranach. Der Vergleich lohnt. Martin Luther steht auf der Kanzel und schaut auf den Gekreuzigten. Mit gleicher Pose wie Johannes zeigt Luther auf Christus. Seht hin. Schaut auf Christus, euern Heiland. Seht das Lamm Gottes. In ganz ähnlicher Weise sind Christus und die Gemeinde gezeichnet.

Als Luther 1505 nach Wittenberg gekommen war, war er in einem inneren Kampf um den richtigen Glauben und um die Seligkeit seiner Seele. In dieser Zeit sagte ihm sein Ordensoberer Staupitz: „Man muss den Mann ansehen, der da Christus heißt.“ Luther sagt: „So hat Staupitz die Lehre des Evangeliums angefangen.“

Die Lehre des Evangeliums fängt also an, indem man auf Christus schaut als Trost und Hilfe im Leben und im Sterben. Wer so auf Christus schaut und ihm dabei im Laufe der Zeit gleichförmiger wird, wenigstens ein bisschen, der wird auch immer mehr verstehen von der Heiligen Schrift und von den Wegen, die Gott mit uns geht. Bugenhagen, der Stadtpfarrer dieser Kirche in Wittenberg und Reformator Pommerns zeigt dies, als er nach Luthers Tod die Leichenpredigt hält.

Luther war seit seiner Erkenntnis, das Christus Heiland und nicht Richter ist, spätestens ab 1517, ein freier Mann, der den Himmel über sich hatte als das Zelt, das der himmlische Vater aufgespannt hatte. Deswegen hatte er immer noch Angst und Sorgen um viele irdische Dinge. Aber wenn es darauf ankam, dann konnte wie im Verhör durch Cajetan auf diesen Gott und seinen Himmel verweisen. Wenn das die eigentliche Heimat ist und wenn wir verbunden sind mit Christus, dann kann uns nichts schrecken.

Nicht schrecken, dass wir in Deutschland zur Minderheit werden, wir evangelischen Christen.

Es kann uns nicht schrecken, dass wir unsere Gemeinden umbauen müssen, neu einstellen auf die Herausforderungen der Zeit.

Es kann uns nicht schrecken, dass wir in der Diakonie und im Johanniterorden immer wieder Anpassungen vornehmen müssen und als Christen Wettbewerber in einem künstlichen Markt sind.

Weil wir Christus haben. Weil wir den haben, zu dem die Blinden und Lahmen, die Kranken und Ausgegrenzten kommen. Weil wir den haben, dem die Unmündigen zujubeln.

Ein Gegenbild zur organisierten Tempelmacht und zur Großorganisation Kirche und Diakonie.

Dabei ist er zugleich der, um den herum der Tempel gebaut war, um den herum Kirche, Diakonie und Orden sich formiert haben.

Was ist zu tun. Wie sollen wir uns verhalten. Wir sind nicht Jesus. Und auf die Herausforderungen der Zeit müssen wir reagieren.

Ja. Reagieren müssen wir. Die Verhältnisse unserer Gegenwart haben genau das an sich, was alle Verhältnisse aller Zeiten an sich hatten. Sie begrenzen die Möglichkeiten des Handelns oder öffnen bestimmte neue Möglichkeiten. Aber die Verhältnisse dürfen das Handeln nicht bestimmen. Weder in der Kirche, noch in Diakonie und Orden oder im Privaten.

Nicht das, was ich kann, ist gut, sondern das, was ich mir von Christus schenken lasse.

Nicht meine Fähigkeit, zu organisieren und zu handeln ist entscheidend, sondern ob ich mich vor allem Planen und Handeln von Christus, dem Heiland, berühren lasse.

Diakonie und Johanniterorden haben einen Auftrag: Wir helfen dort, wo andere nicht helfen. Wir kümmern uns um die, um die sich keiner sonst kümmert. Wir bezeugen mit unserem Tun den lebendigen Heiland. Den, den uns die Kinder zeigen und die Blinden und Lahmen und Johannes und Staupitz und Luther und viele andere mehr. Johanniter haben die Aufgabe durch ihr Handeln auf Christus hinzuweisen. Diese Aufgabe haben letztlich alle Christen.

Der Anspruch ist hoch. Ich verfehle ihn jeden Tag. Jeden Tag, den Gott mir schenkt, vergesse ich Gott, der mir das Leben gegeben hat. Jeden Tag mache ich meine eigenen Pläne, fälle meine eigenen Entscheidungen. Von einer Gleichförmigkeit mit Christus und der Heiligen Schrift bin ich weit entfernt.

Wenn ich aber dem Evangelium heute eine Chance geben möchte, auch andere Menschen zu erreichen,

wenn ich aber Johannes und Staupitz und Luther und Bugenhagen auf Christus hinweisen möchte,

dann muss ich ihn wieder in die Mitte stellen.

Nicht die Verhältnisse mit ihren Möglichkeiten und Begrenzungen dürfen mein Handeln steuern.

Mein Verhalten, unser Verhalten, unsere Entscheidungen als Kirche, Diakonie und Orden sind neu auszurichten. Die eigentliche Steuerungsinstanz ist Christus, der für uns gelebt und für uns gestorben ist.

Für uns gestorben.

Da ist alles anders.

Da verlieren die Verhältnisse der Gegenwart an Gewicht. Da wird der Blick weiter.

Wie bei Luther. Der die eigentlichen Verhältnisse, nämlich die himmlischen, neu in den Blick bekam. Und der daraufhin das Neue wagte, Gemeinde und Kirche baute, die Heilige Schrift als Trost und Hilfe neu erschloss.

Einer der Gründungsväter der Diakonie, Friedrich v. Bodelschwingh soll einmal gesagt haben: „Eine Gemeinde, die von Gottes Wundern lebt und Gottes Güte preist, ist immer reich und froh, und ihre Freude wird zum Dienst.“ Und David Ben Gurion ergänzt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Moderne Fundraiser sagen: Wo eine Idee ist, da findet sich auch Geld, da finden sich auch Mitarbeiter.

Wo wir ideenlos, ohne Orientierung an Christus und ohne Vertrauen auf den Himmel vor uns hinleben, gerät unser Auftrag aus den Augen lassen oder wird sogar verraten.

Als Jesus aus dem Tempel in Richtung Bethanien geht, sieht er einen Feigenbaum, der keine Frucht gibt. Jesus ärgert er sich vielleicht über die Ablehnung im Tempel. Was macht er? Er rächt sich nicht an den Menschen. Aber an dieser einen Stelle, lässt er seiner Wut freie Bahn. Er verflucht den Feigenbaum. Sofort ist der Baum verdorrt. Die Jünger sind erstaunt. Wieder ein Wunder.

Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird’s geschehen.“

Glaube versetzt Berge. Glaube ist eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommt, sondern die wir uns schenken lassen können und müssen. Jesus schenkt diese Kraft des Glaubens. Nutzen wir den Glauben, den er schenkt. Dann werden wir erleben, wie Berge versetzt werden und Neuanfänge geschehen.

Sonntag Kantate. Singt. Stimmt ein in den Ruf derer, die uns Christus zeigen.

Werdet selber zu Menschen, die auf Christus zeigen und rufen: Hosianna, dem Sohne Davids. Halleluja.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

AMEN.