Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 21, 33-44

Prof. Dr. Dietrich Blaese (rk)

02.10.2011 in der Kirchengemeinde St. Anna in Mönchengladbach-Windberg

Wort-Gottes-Feier

Liebe Gemeinde!

 

I.

Das erste, was mir an dem Evangelium auffällt, ist ein Bild. In diesem  Bild geht es darum, dass die Winzer dem Weinbergsbesitzer nicht die geschuldeten Früchte abliefern wollen, obschon sie das sicherlich müssen. Keine Frage: Der Besitzer des Weinberges ist Gott selbst, die Winzer sind wir, die wir nicht die Herren des Weinbergs, sondern die Knechte im Weinberg sind. Der Weinberg, das ist die Welt, in die uns Gott hineingestellt hat, und aus der wir unsere Früchte ziehen dürfen. Nicht der Weinberg verweigert die Früchte wie im Lesungstext, sondern wir verweigern Gott die Früchte, ja wir vertreiben seine Knechte und töten seinen Sohn.

 

Dieses Bild gibt uns auf, an dieser Stelle weiterzudenken. Welche Früchte sind es, die Gott uns schenkt? Es geht ja nicht wirklich um Weintrauben, sondern um alles das, was wir zum Leben brauchen. Neben den materiellen Dingen sind es vor allem die Liebe und Anerkennung anderer Menschen, die unser Leben lebenswürdig machen. Wenn wir Liebe und Anerkennung erfahren, dann können wir dankbar sein. Und diese Dankbarkeit schließt den Wunsch ein, selbst fruchtbar zu sein, ein Segen zu sein für die Menschen, die uns umgeben. Und schließlich können wir der Frage nachspüren, welche Früchte wir Gott abliefern müssen, was wir ihm schulden an Dank, an Liebe und an innerer Verehrung.

 

II.

Auch das zweite, was mir an dem Evangelium auffällt, ist ein Bild. Aber dieses Bild ist düster und dramatisch. Da sind die Knechte im Weinberg, die sich zu seinen Herren machen wollen. Sie wollen sich den Weinberg aneignen. Sie vertreiben und töten die Abgesandten des Herrn. Als der Sohn kommt, gehen sie davon aus, dass der Herr selber schon gestorben ist. Deshalb sagen sie: Da kommt der Erbe. Wenn sie nun auch den Erben töten, dann wird der Besitz herrenlos, und die Knechte können sich den Weinberg aneignen. So ist ihr Gedankengang.

 

Das ist das Bild des aggressiven Atheismus: Gott ist tot – und jetzt töten wir auch seinen Sohn, dann ist alles Göttliche in dieser Welt ausgerottet, niemand ist mehr da, der unsere Herrschaft gefährlich werden kann, der etwas von uns fordern kann.

 

Was bedeutet das, wenn wir Gott aus unserer Welt verbannen? Sind wir frei in der Welt, aus der wir Gott endgültig verdrängt haben, oder sind wir frei in einer Welt, in der Gott uns durch unser Leben begleitet?

 

Friedrich Nietzsche hat geschrieben:

Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!           ( nach Aphorismus 125 der Fröhlichen Wissenschaft )

 

 

Man spürt, in welchen Abgrund man schaut, wenn das Göttliche aus der Welt verbannt wird.

 

In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag hat Papst Benedikt der XVI. zu der Frage menschlicher Freiheit gesagt:

Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

 

Wie wäre eine Erde ohne Gott, in der die Menschen unbeschränkt herrschen?

Je älter ich werde, desto weniger glaube ich, dass das eine Welt des aufgeklärten Humanismus wäre, eine Welt der Vernunft und Menschenfreundlichkeit, die jedem Menschen die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit gestattet. Ich befürchte vielmehr eine Welt, die bevölkert ist von Gestalten wie Hitler und Stalin, von Pol Pot, Gaddafi und Assad, in der es Ausbeutung gibt und Verschwendung, Betrug und Bestechung, Vetternwirtschaft und Lüge. Und technisch gibt es bestenfalls eine Welt, in der die Menschen gentechnisch optimiert sind, mit einem durch Medien vorgeprägten Bewusstsein, ohne die Fähigkeit zur eigenen Entscheidung, zum eigenen Empfinden. Deshalb ist es gut, dass Gott den Weinberg besitzt und ihn in seinen Händen hält.

 

III.

Mit diesen beiden Bildern ist das Evangelium noch nicht ausgeschöpft: Wir haben uns noch nicht der Rahmenerzählung zugewandt: Jesus diskutiert mit den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes. Er stellt sie auf die Probe und fragt sie: Was wird der Besitzer des Weinbergs mit den Winzern tun? Und die Schriftgelehrten sagen: Er wird den bösen Menschen ein böses Ende bereiten.

 

Ja wie soll es denn auch anders sein. Das haben die bösen Winzer doch auch verdient. Recht so, wenn sie jetzt das böse Ende trifft! Ich finde, die Schriftgelehrten

haben ein zutreffendes Urteil gesprochen und die Probe bestanden. Eigentlich müsste Jesus jetzt sagen: Ihr habt recht gesprochen.

 

Aber was sagt er? Hören wir mal genau zu: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden. Jesus lobt seine Zuhörer nicht, sondern er tadelt sie. Er sagt nicht ja zu ihrem Urteil, sondern nein, es ist ganz anders. Was ist anders?

 

Jesus ist der Eckstein – und auf diesem Eckstein will er eine Weltordnung errichten, die anders ist als vorher, ein Weltengebäude mit einer anderen Statik und mit anderen Perspektiven. Vorher gab es nur die Perspektive der Gewalt, da wird Böses mit Bösem vergolten und den bösen Menschen wird ein böses Ende bereitet. Da gilt

Auge um Auge, Zahn um Zahn. So ist doch der Dauerkonflikt zwischen dem heutigen Israel und seinem palästinensischen Nachbarn zu verstehen, zwischen Nord- und Südkorea und an vielen anderen Stellen. Da vollzieht sich die archaische Gesetzmäßigkeit Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und lassen wir uns nicht täuschen: Wir führen zwar keine Kriege gegeneinander, aber auch unser Leben wird beherrscht von dem Sprichwort Wie du mir, so ich dir. 

 

Aber Jesus verlangt, dass wir uns aus dieser Wechselwirkung befreien. Für mein Handeln ist nicht mehr maßgeblich, wie der andere mich behandelt hat, sondern ich habe unabhängig davon dem anderen mit Liebe und Friedfertigkeit, mit Güte und Respekt zu begegnen. Nur das durchbricht den Kreislauf der offenen und der verborgenen Gewalt. Jesus sagt: Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die rechte hin.

 

An solchen Sätzen scheiden sich die Geister – und an solchen Ecksteinen kommt keiner vorbei. Er trennt die, die danach leben können, und die, die nicht danach leben können.

 

Amen.